Ein Lied im Rücken

Früh ist es, denn früh ist es ja immer. Noch aber ist die Wärmflasche an meinen Füßen warm genug. Noch gluckert das Wasser in der Heizung nicht, noch nicht einmal das Milchauto ist durchs Dorf gefahren, noch ist der Tag noch gar nicht da. Der Tierarzt aber ist schon auf, denn im Bad rauscht leise Wasser. Der Tierarzt, der doch selten spricht und ungern überhaupt vor Mittwoch den ersten Satz sagt, singtOh don’t be sorry, boy, it’s easy/Yes, you can release me/ Gotta lay it on the line /Feeling pretty fine now. Ein leises Summen erst, denn ich stecke mit dem Kopf noch tief im Federbett. Aber ganz eindeutig und nicht zu überhören: der Tierarzt singt. Saving all my time now /Love’s no friend of mine. Der Tierarzt singt hell und mit warmen Ton. Das erste Mal habe ich den Tierarzt für ein krankes Lamm singen hören. Ein Schlaflied für das weiße Bündel Fell in seinen Armen und warte ich manchmal vor einem Stall auf ihn, bin ich mir sicher der Tierarzt singt noch ein Trostlied für die Kühe. Selbst schlafschwer muss ich mein Herz festhalten, singt der Tierarzt, der doch in der Stille zu Hause ist. I do it on my own/And I’m ready to go. Endlich aber wickle ich mich aus dem Federbett in den Bademantel, putze die Zähne, ordne mein wildes Haar, setze den Teekessel auf und suche nach den Haferflocken. Indes sitzt die Katze auf den Treppenstufen vor dem Badezimmer und die Katze, wippt ganz eindeutig und sehr rhythmisch mit der Schwanzspitze: I just think of all that I could do /No more need to fight, right? Nicht einmal das Rascheln der Tüte kann die Katze locken. Der Porridge quillt und ich klappe das Notebook auf. Siebzehn Männer schickten mir eine Email in der sie mich zu überzeugen versuchen, dass ihr Penis zwei Meter lang/ hart wie Stahl/ da zu da sei, es mir einmal richtig zu besorgen. Sie bemühen sich vergeblich. Die Bilder, die sie schicken sind von obskurer Traurigkeit. Im Hintergrund ihrer heruntergelassenen Hosen liegt Müll, steht eine zerschlissene Couch, oder hängt eine fleckige Gardine. In einem Bild, so scheint mir steht ein Schatten in der Tür. Ist das dann die Ehefrau, die sich wundert oder auch nicht, warum ihr Mann mit heruntergelassenen Hosen vor dem Computer steht? Eine elegante Pose ist das ja nicht und vor allem nicht zu dem Demonstrationszweck geeignet, den sie mir in groben Worten ankündigen. I survived way worse before /And all these words ain’t got me chokin‘ singt der Tierarzt und ich antworte fünf Männern. „Sehr geehrter Herr XYZ, bitte suchen sie schnellstmöglich einen Facharzt für Geschlechtskrankheiten auf. Ihre Erkrankung ist akut behandlungsbedürftig und meldepflichtig.“ Wenn man immer vorher wüsste, was einem Lebensthema würde. Die restlichen Bilder lösche ich. Cause my heart it ain’t that broken /And I can’t hear you I’m like I won’t be missing, be missing you. Der Porridge ist schließlich auch längst fertig, Bananen, Nüsse, Zimt und Zucker und Honig müssen angerichtet, der Tisch gedeckt, die Zeitung herein und die Katze herausgelassenen werden. Endlich tanzt auch der Tierarzt die Treppe hinunter und zieht mich sich in seine Arme: Love can be like magic/ What we had was tragic/ Do it baby, set me free, singt der Tierarzt in mein Ohr und wir die doch so traurigen Kinder tanzen im Morgengrauen. There’s no need to wonder und du lachst heiser in mein kaltes Ohr. „Was machst du mit mir?“ sagst du. Help, help me Rhonda /Get your hook right off me, sagt das Lied und ich lehne mich an dir an. Der Tierarzt würgt am Porridge, die Katze will immer noch mehr, ich nun endlich auch unter die Dusche, denn das Ticken der Uhr schreckt auch vor Gesang nicht zurück. Als ich endlich in Kleid und Jacke die Treppe hinunterlaufe, wäscht der Tierarzt ab. Schon hupt der Priester, der mich heute mit in die Stadt nimmt dreimal, ich winke dem Tierarzt, schnappe Tasche und Bananenbrot und laufe hinaus. Morgen Fräulein Read On, sagt der Priester und nimmt das Bananenbrot gerne an. Morgen Priester sage ich, der Tierarzt winkt mit dem Geschirrhandtuch: ‚Cause my heart it ain’t that broken/I survived way worse before /And all these words ain’t got me chokin‘/Cause my heart it ain’t that broken. „Ist das der Tierarzt, der da singt“, fragt der Priester, da fahren wir schon die Dorfstraße hinunter, zu unserer Rechten das Meer eisblau und spiegelglatt und schon wird das Dorf im Spiegel kleiner und kleiner, doch das Lied bleibt uns im Rücken.Ich nicke „Ja, sage ich, das ist der Tierarzt der da singt“ und der Priester und ich lächeln uns zu. Cause my heart it ain’t that broken/ Cause my heart it ain’t that broken.

Leslie Clio, „My Heart Ain’t That Broken“

22 Gedanken zu “Ein Lied im Rücken

  1. Die meisten Nachrichten und Blogbeiträge in letzter Zeit regen mich bloß noch auf.

    Ihr Blog ist die Fackel in der Nacht. Die Beiträge heben meine Laune im Handumdrehen oder sorgen für angenehme Nachdenklichkeit.

    Danke.

    • Sie machen mich verlegen. Ich freue mich sehr, dass Sie hier lesen mögen. Ich sage das so so oft, aber es mir sehr ernst. Ein Blog ist nichts ohne seine Leser.

  2. Das hätte ich Ihnen ja gleich sagen können, schon als Sie den Tierarzt vor langer Zeit zum ersten Mal erwähnten. Ich hoffe, die Tochter der Krämersfrau kratzt Ihnen nicht die Augen aus.

  3. Hat die Tochter der Krämersfrau nicht längst einen anderen gefunden? Einen Elektriker oder so? Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, war das doch ohnehin eher die Krämersfrau, die sich den Tierarzt für die Tochter ausgeguckt hatte,

    • Es ist kompliziert. Die Tochter der Frau des Krämers war seit dem Abitur ( 2000 ) in den Tierarzt verliebt und die Frau des Krämers hat den Tierarzt als ich auftauchte endlich dazu gebracht mit ihrer Tochter auszugehen, das Ganze endete aber im Desaster, denn der Tierarzt schwieg hartnäckig und die Tochter verließ weinend das Restaurant. Die Frau des Krämer also zog den Elektriker für die Tochter an Land, um den Tierarzt zu Eifersuchtszenen und Abbitte zu bewegen. Der Tierarzt wiederum sprach zum ersten Mal überhaupt mit der Tochter des Krämers und gratulierte ihr zum feschen Elektriker. To be continued….

  4. Ich weiß nicht, wie Sie das anstellen, aber der ganze Text tanzt.
    Den Satz mit dem am Porridge würgenden Tierarzt habe ich jetzt fünf Mal hintereinander gelesen und bin immer noch ganz hingerissen vom Rhythmus und den aufsteigenden Silbenlängen. Ganz klar könnten Sie auch Alexandriner und mehrfüßige Jamben. Ein Meisterstück.
    Es passt nicht ganz zur Jahreszeit, aber ein Bote sollte Ihnen unbedingt gleich eine dicke halb aufgeblühte Pfingstrose durchs Fenster reichen. Verzeihen Sie den Überschwang, aber Ihre schöne Geschichte hat mich mit einem etwas anstrengenden Tag versöhnt.

    • Oh, Sie machen mich ganz verlegen. Ich weiß gar nicht was ich sagen soll und schiebe mir ihre so freundlichen Worte, lieber für kalte Tage in die Jackentasche. Vielen Dank. Ich liebe Pfingstrosen sehr. Im Berliner Garten sind sie im Sommer dunkelrot und blühen viele Wochen.

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