Worüber ich rede, wenn ich über Sex rede

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Meine liebe C. ist Ärztin in der kleinen Stadt in der schon meine Großmutter Ärztin war. Die C. behandelt den Jäger, der mit der Schrotflinte Unfug trieb, nimmt sich Zeit für die Mütter, die nicht mehr weiter wissen mit dem schreienden Kind und hat auch für die alten Leute, für die der Arztbesuch, oft die einzige Art des sozialen Kontakts ist, immer Zeit. Die C. steht nachts halb zwei auf und sieht nach dem Herzinfarkt, der sieben Schnäpse, aber sonst nichts im Magen hat und vor dem Frühstück hat die C. schon Erbsen aus der Nase gezogen und verrenkte Schultern gerichtet.

Vor etwas über einem Jahr rief die C. mich an und sagte: „Süße, ich brauche deine Hilfe.“ Wie in so viele kleine und größere Städte kamen nämlich auch in diese Stadt, Flüchtlinge. Es sind die übrigens nicht die ersten Flüchtlinge, die in die kleine Stadt kamen, in den 1990er Jahren kamen die Spätaussiedler, die die Bewohner aber nur die Russen nannten. Damals nämlich fragte meine liebe C. meinen Vater um Hilfe, der des Russischen kundig, Schilder malte, die den Neuankömmlingen halfen sich in der Praxis zurechtzufinden. Das wichtigste Schild war: „Bitte kommen sie nüchtern zur Behandlung.“ Mein Vater malte einen Bären, der mit brummendem Schädel vor lauter leeren Flaschen saß und später als die Schilder abgenommen werden sollten, entbrannte Streit unter den Spätaussiedlern, wer das Bild bekommen würde- aber schon schweife ich ab- in der Zwischenzeit heiratete mein Vater ( oh, der Glückliche ) die liebe C. und es verging Zeit so wie sie eben vergeht, bis zu jenem Anruf der lieben C.
„Süße“, sagte die C. also, ich brauche deine Hilfe. Könntest du Schilder auf Arabisch machen, nach Art des Praxisleitfadens, den wir damals für die Spätaussiedler hatten? Ich machte Schilder und die C. verlängerte die Müttersprechstunde.
Das ging eine Weile so und manchmal rief die C. an und ich übersetzte ihr, was die Flüchtlinge eben nur auf Arabisch sagen konnten. Nach der Kölner Silvesternacht, rief der Bürgermeister die Leute der Stadt zusammen, die mit Flüchtlingen zu tun haben. „Wir wollen hier kein Köln“ sagte der Bürgermeister, wie Bürgermeister eben so etwas sagen. Es kamen viele Vorschläge zusammen, die alle mehr oder weniger mit Sicherheit zu tun hatten und bei mir klingelte wieder das Telefon: „ Süße, sagte die C. ich brauche noch einmal deine Hilfe.“ Könntest Du dir vorstellen, dass Du deine Aufklärungssprechstunde auch bei mir in der Praxis machst?“
Ich lachte. „Sicher“, sagte ich und seitdem mache ich einmal Monat genau das. Ich sitze in der Praxis und auf lauter bunten Stühlen sitzen Männer um mich herum und wir reden über Sex. Damals als ich vor vielen Jahren in Indien als die kleine Slum-Klinik noch viel kleiner war als heute mit der Frage konfrontiert war, wie sich den rasend hohen Vergewaltigungsfällen begegnen lässt, kam ich auf die Idee, Sexualkunde zum Thema zu machen. Ich mache es bis heute, aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.
In der kleinen , deutschen Stadt jedenfalls montierte der Schlosser einen zusätzlichen Briefkasten neben den Eingang der Praxis und jeder der will und mag kann seine Frage aufschreiben, dort- anonym- hineinwerfen und wenn wir dann alle versammelt auf den Stühlen sitzen, und alle Männer auf den Boden starren, beantworte ich die Fragen. Bevor aber auch nur die erste Frage beantwortet wird, erkläre ich wieder und wieder die männliche wie die weibliche Anatomie.
Ich weiß nicht in vielen Sprachen ich Penis und Vagina sagen kann, aber es sind sehr viele. Es ist für viele Männer übrigens nicht nur Flüchtlinge ein Schock, aber auch ein befreiender Moment ihre Geschlechtsteile richtig benennen zu können. Das mütterliche Schniedelwutz und das kumpelhafte F*ckkanone das es in allen Sprachen gibt, ist nämlich mehr als hinderlich, um Wünsche und Bedürfnisse zu formulieren. Ich singe ein ewiges Mantra davon, dass der Penis kein Knochen ist, was fast alle Männer fest annehmen und wieder und wieder spreche ich darüber, dass ein Penis der hart ist wie Stahl kein anatomisches Merkmal, sondern ein nicht ( hahahaha) weichzukriegender Mythos. Ich male einen Frauenkörper auf ein großes Blatt Papier und lasse einen jeden zeichnen, wo die Vagina ist. Die meisten vermuten sie auf Höhe des Bauchnabels.
Wieder und wieder versuche ich zu erklären, dass sexuelle Bedürfnisse etwas völlig normales sind, nur man muss sie steuern lernen und Menschen haben eben sehr unterschiedliche Bedürfnisse. Es geht um Verhütung und Infektionskrankheiten und immer wieder um den Versuch darüber nachzudenken, wie man Intimität eigentlich herstellt. Es geht um die Frage: Wie spreche ich jemanden an und auch wann ziehe ich mich eigentlich aus.
Nein, leicht ist das nicht immer und vor allem in den ersten Stunden redet man gegen eine Wand aus Gekicher, Zungenschnalzen, Zoten und „warte bis du meinen gesehen hast“ an. Natürlich rufen mir viele auf der Straße Fräulein Fikki-Fikki hinterher. Man zahlt für das was man tut einen Preis und man hat mir schon viel schlimmere Dinge gesagt. Es mir ernst.
Die Fragen und ja ich beantworte alle, sind sobald sie aufhören Zoten zu sein, meistens braucht es ein Vierteljahr, lehrreich. Eine Auswahl:
Woran erkennt man, dass eine Frau Sex will?
„Aus dem Penis meiner Freundin kommt ein weißes Sekret- was heißt das ?
Wenn ich Sex in der Badewanne habe, brauche ich dann ein Kondom?
Ich habe unreine Haut/ bin kurzsichtig/ habe starken Haarwuchs / esse gern Gurken-masturbiere ich zu viel?
Ich träume von Oralsex: bin ich pervers?
Der Penis meines besten Freundes ist zwei Meter lang-warum ist meiner so klein?
Mein Vater sagt Frauen wollen hart rangenommen werden-stimmt das?
Mein bester Freund sagt, er hat jeden Tag zwei Stunden Sex?
Mein bester Freund sagt er hat sieben Stunden lang eine Erektion
Wird mein Penis härter reibe ich ihn mit Sperma/ Kokosöl/Klebstoff ein?
Ich hatte noch nie Sex-Bin ich unnormal?
Wie oft kann ich ein Kondom benutzen?

Die Reihe ließe sich ins Unendliche fortsetzen- Was ich gelernt habe aus den Fragen ist, vor allem die tiefe Verunsicherung nicht normal zu sein und nicht gängigen Klischees pornographischer Darstellungen zu entsprechen. Sexualität ist noch immer vor allem Vergleich, der sich in dem Moment erübrigt in dem jeder Einzelne verstanden hat, was sein Penis kann und mehr noch was alles nicht. Beantworte ich die Fragen aus dem Zettelkasten ist es immer ganz still und manchmal zeigt jemand auf und sagt: „Das wollte ich auch schon immer fragen.“
Nein, ich frage nie: nicht nach sexuellen Wünschen, nicht nach Ausrichtungen, nicht nach Erfahrungen. Das Fräulein Read On ist ein pragmatisches Fräulein und lässt Männer, auch üben ein Kondom aufzurollen und wieder abzuziehen. Bananen eignen sich dafür immer noch am besten. Die sind vor allem auch nicht aus Stahl. Nein, ich werde nie rot, auch wenn den Männern noch so sehr die Ohren glühen.

Ich finde es ja eklig, was du da machst“, sagen viele Freunde, Männer wie Frauen zu mir, erfahren sie was ich da mache „Mit lauter fremden Männern“, sagen sie und schütteln sich. „Igitt“, sagen die Frauen und Männer dann oft. „Schämst du dich nicht?“ Nein, sagte ich und schüttle den Kopf. Ich schäme mich nicht. Ich weiß nicht, wie oft ich in den letzten zehn Jahren gefragt worden bin, ob ich mich nicht schäme. Aber damals als ich in Indien mit einer Aufklärungssprechstunde begann, da fragte ich vorher meine Großmutter, was sie davon hielte: „Man muss tun, was getan werden muss“, sagte meine Großmutter, die 1922 geboren ohne rot zu werden, mir erklärte was der Unterschied zwischen Penis und Hoden ist.
Dem Zweifel sei entgegnet, dass sexuelle Gewalt stumm macht und das Vergewaltigung Scham und Schweigen über die Opfer bringen will. Solange man über Sex spricht und nachdenkt, beherrscht sexuelle Gewalt das Terrain nicht allein.

Nach zehn Jahren Reden über Sex weiß ich übrigens, die die am lautesten Fikki-Fikki schreien, schämen sich bald am meisten und bringen irgendwann Blumen. Der Junge, der vor zehn Jahren Steine im Slum nach mir warf, zog seinen kleinen Bruder fest am Ohr, als er nicht in die Aufklärungssprechstunde kommen wollte. Zweifellos bleibt nicht nur in Indien viel zu tun, aber im letzten Jahr ist im Slum in dem die kleine Klinik steht, keine Frau mehr im Straßengraben gefunden worden. Aber wie gesagt, das ist schon wieder eine andere Geschichte.

Der junge Mann, der in der kleinen Stadt am lautesten pöbelte, kicherte und hoffte, er brächte mich doch endlich in Verlegenheit, hat inzwischen eine Freundin und wieder rief die C. mich an: „Süße, sagte sie, er hat mir Grüße an das Fräulein Read On aufgetragen, irgendwann will er auch mal Sexologe werden so wie du.“ Dann müssen wir beide lachen. Von fern aber höre ich meine Großmutter sagen: „Man muss tun, was getan werden muss.“ So einfach ist das und auch so schwer.

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