Fundstücke

img_4495-1Das Dorf liegt still im letzten Licht. Die Frau des Krämers winkt mir: Fräulein Read On, da sind sie ja wieder! Ich winke zurück: Ja-ha, Frau des Krämers, ich bin wieder da. Fünf Minuten später verlasse ich ihr Geschäft mit einem Stapel voller Bücher. Die Frau des Krämers nimmt nämlich die Pakete für das ganze Dorf entgegen. Über meine Bücherlieferungen schüttelt sie nur den Kopf: „So viel kann man doch gar nicht lesen, Fräulein Read On!“ Dann gehe ich hinauf ins Oberland. Still ist das Haus, die Katze liegt wie gewöhnlich auf dem Sessel und schläft. Mein Eintreten ist für sie kein Grund auch nur mit der Schwanzspitze zu zucken. Der Tierarzt hat einen Zettel auf dem Tisch hinterlassen: „Verspäte mich“, kann ich entziffern und das reicht ja auch schon. Ich mache die Fenster auf, aber schon schlägt mir eine heftige Böe entgegen und dann fängt es an zu gewittern, heftig, ein Gewitter wie man es eigentlich nur aus dem Sommer kennt. Rasend schlägt der Regen gegen die Scheiben und schon verschwindet die Kirchturmspitze inmitten der Wolkenberge. Das Meer oder der Himmel schäumen wild und ans Fenster gelehnt, bin ich nicht mehr sicher, wo oben und unten ist. In Irland erst habe ich gelernt wie viele Grautöne es gibt: das Gewitter aber das draußen vorbei stürmt ist dunkelgrau aber noch nicht schwarz, die Welt vor dem Fenster ist schiefergrau, eine zementgraue Wand ist der Himmel und die Wellen brechen den Strand in viele, tausend kleine aschgraue Splitter. Die Wolken aber sind grauer Rauch, wie er so typisch ist für dieses Land in dem so viele ihre Öfen noch immer mit Torf befeuern. Hier macht der Fliegende Holländer Pause da bin ich mir sicher und ich liege mit dem Rücken auf dem Bett und warte ob er vielleicht bei mir klopft und einen grauen Mantel aus Dachsfell über den Küchenstuhl hängt. Ob er wohl Rum für den Tee verlangte oder sich eine Pfeife mit krümeligen, grauen Tabak stopfte? Noch aber ist er nicht da. Das Haus, oder besser die windschiefe Kate, knirscht und ächzt unter dem Ansturm der grauen Gewalten. Als ich hier einzog, misstrauisch beäugt von allen, besonders aber von der Frau des Krämers, sagten mir alle hier würde es spuken. Ich nickte und sagte, ich sei Jude und Flüche gewohnt. Die Frau des Krämers erstarrte und dies war wohl das einzige Mal, dass ihr die Worte versagten.

Der Mann, der vor langen Jahre in diesem Haus lebte, der letzte Engländer des Dorfes, der aushielt, auch nachdem die anderen das Land verlassen hatten, der einfach blieb, so erzählte mir die Mutter des Krämers einmal hatte stets ein Gewehr neben dem Telefon stehen. Die Mutter des Krämers trug eine Betthaube aus feiner Spitze und war die erste im Dorf, die mich duldete. Kindchen sagte sie und hieß mich eine Truhe aus dem Schrank holen. Der Schrank wie die Truhe war voller Erinnerungen und sie holte noch einmal in langsamen Bewegungen eine der vielen Erinnerungen heraus. Ein vergilbtes Foto, eines jungen Mannes, mit einem hübschen Setter auf den Knien, der Engländer also und wichtiger noch eine Tanzkarte, dort verzeichnet in ordentlicher Handschrift der Name desselben und der Mädchenname der alten Dame im Lehnstuhl. „Kindchen, der Mann konnte tanzen.“ Ich sehe sie noch die Frau, wie sie die Erinnerung vorsichtig in den Händen hielt, sie hin- und her dreht, damit auch ich sah und verstand, der Mann konnte tanzen. Ich verstand. Der Mann aber, der blieb, trotzig und trotzdem, war nicht mehr Teil des Dorfes, heiratete nicht, nicht das Mädchen, das dann die Frau des alten Krämers wurde und auch keine andere Frau. Niemals kaufte er im Laden des Dorfes Milch, Eier und Butter, sondern fuhr mit einem alten Citröen zwei Dörfer weiter um alles Notwendige zu besorgen. Am Anfang warfen die Kinder und Jugendlichen Steine nach dem Auto, aber bald schon hatte ihn das Dorf ganz und gar und so gründlich wie nur ein Dorf es kann ihn vergessen, selbst seinen Namen erinnerte nach einigen Jahren niemand mehr, er wurde der Engländer, auch sie vergass ihn schließlich, die Zeiten waren auch nicht nach Sommer und Tanz und getrockneten Rosen, sondern recht grau und bleiern schwer.

Einmal nur habe sie ihn besucht, da war ihr Sohn schon groß und ihr Mann schon verstorben, einmal noch habe sie Tee mit ihm getrunken und sah es selbst das Gewehr neben dem Telefon, von dem alle im Dorf immer sprachen. Warum er es habe, fragte sie ihn und er murmelte etwas von Vagabunden und rachsüchtigen Iren, aber dann für einen kleinen Moment wohl, verwandelte er sich noch einmal in den jungen Mann, der er doch einmal war, lächelte vielleicht so wie Männer immer dann lächeln wenn Sie wollen, dass ein Mädchen sich ihrer erinnert und sagte: natürlich habe ich das Gewehr nur für den Fall ein so unwiderstehliches Mädchen wie sie, würde von Banditen überfallen und er endlich in die glückliche Lage versetzt ihr zu Hilfe zu eilen. Die alte Dame aber errötete zart, damals im Bett und rückte ihre weiße Haube zurecht. Dann verpackten wir die Erinnerung vorsichtig und schoben sie zurück erst in die Truhe, dann in den Schrank und die Mutter des Krämers strich mir sacht über die Wange.

Weder das Telefon noch das Gewehr habe ich selbst gesehen, als ich hier einzog, waren nur noch graue Spinnweben an den Wänden, aber eines Abends, da war die alte Dame schon verstorben, brachte der Krämer mir eine Schachtel. Darin liegen noch immer die Erinnerungen sorgfältig eingeschlagen in Seidenpapier. Das Foto des Engländers aber hängt neben dem Bücherregal schräg gegenüber des Sessels auf dem die Katze so tief und fest schläft, nicht einmal das Klingeln an der Tür mag sie wecken. „Du hast doch Schlüssel“, sage ich zum Tierarzt, der im Türrahmen lehnt, aber der Tierarzt lächelt, schräg von unten, langsam von einem zum anderen Mundwinkel, ein Romeo- sieht-Julia Lächeln, ein lockendes, ein glitzerndes, ein silbergrau-funkelndes Lächeln, ein bisschen übermütig sogar wie es da aufblitzt zwischen Türrahmen und grauer Welt, ein Lächeln das nicht einmal vor den kalten Händen des Tierarztes verschreckt davonläuft, der sagt: ich will dich aber schon auf der Schwelle küssen, das schließlich immer noch auf seinen Lippen liegt, da küsst er mich schon und als ich mich umdrehe und das Bild des Engländers sehe, da spiegelt das Lächeln sich im Gesicht des Engländers wieder, fällt in den Spiegel, vervielfacht sich und will nicht vergessen werden.

2 Gedanken zu “Fundstücke

  1. Ha, wunderschön. Hier ist draußen alles weiß und kalt, der Schnee knirscht unter den Füßen und es wäre Zeit für einen heißen Tee am Kamin. Die Erinnerungen alter Damen können so fein ziseliert sein wie die beschriebene Spitzenhaube, mich hat das als Kind zu Besuch in Mecklenburg sehr fasziniert. Meine Großmutter war Schneiderin und ich trug die fertigen Kleider aus. Manchmal bekam ich einen Groschen, manchmal einen Kakao, aber am liebsten waren mir die Geschichten der Frauen, und ich verliebt mich in den ostpreußischen Dialekt, den viele sprachen.
    Ihre Schilderung erinnerte mich daran. Aber der Dachspelz, der lässt mich ein bisschen ratlos zurück.

  2. Schön. Draußen weht es, der Regen pladdert gegen die Scheibe und dann diese wunderschön erzählte Geschichte … das ersetzt wenigstens zwei Kerzen und einen Kamin! 😉

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