Ein weißes Hemd

Der ehemalige geschätzte Gefährte, der liebenswürdige F. sitzt mit einigermaßen finsterer Miene am Frühstückstisch. „Ich bin sagt der F., als kommissarischer Chefarzt berufen wurden. “Mazal tov! F.”, sage ich und erinnere mich wie wir, so lange ist das noch gar nicht her, für die Facharztprüfung lernten. Aber als ich das warme Brot auf den Tisch stelle, sieht der F. noch immer sehr finster drein. Das ist doch wunderbar sage ich und nicke dem F. aufmunternd zu. Der F. knurrt. „Ich habe keine weißen Hemden“, sagt er schließlich und als Chefarzt kann ich ja nicht mehr so herumlaufen und zeigt auf sein Polo-Shirt. Der F. trägt nämlich seit vielen Jahren unter dem weißen Kittel ein Poloshirt von Lacoste. In seinem Büro hängen weiter identische Poloshirts, selbst im Auto für Notfälle sozusagen liegt ein weiteres Poloshirt der benannten Firma bereit. Komme was wolle, mag Blut den F. bespritzen oder Kinder auf ihn speien, noch niemand hat den F. je anders als in gestärktem und auf Kante gebügelten Polohemden durch die Krankenhausflure eilen sehen. Jetzt aber schüttelt er sich vor heißem Degout. „So kann ich wirklich nicht mehr gehen, greint er und zupft am Poloshirt ( lindgrün) herum und schüttelt sich vor Ärger. Ich sehe ja aus wie ein Strolch, ein Scharlatan, jeder Barbier hat mehr Schick als ich und der F. schlägt jammernd die Arme über dem Kopf zusammen: „Schande werde ich über die Klinik bringen und man wird sagen, das Unglück begann mit dem Tag als der Chefarzt keine weißen Hemden mehr trug.“ “Überhaupt” sagt der F. “habe ich den Professor, noch nie in etwas anderem als einem weißen Hemd gesehen.” Ich esse derweil ein Marmeladenbrot, aber nicht mehr lange, denn der F. ist wild entschlossen, hier, jetzt und heute weiße Hemden zu erstehen. Wenig später also, ich esse das zweite Brot mit Brombeermarmelade eben im Gehen, sitzen wir im Auto und fahren stadteinwärts. Dann betreten wir das Lafayette und sehr zielstrebig eilen wir in die Herrenabteilung. Eine sehr freundliche Verkäuferin, die noch nicht weiß, was sie erwartet, nimmt sich unser an. „Ich suche “sagt der F. ein weißes Hemd.“ Die Verkäuferin strahlt. Wenig später, ich suche mir inzwischen eine Sitzgelegenheit, kehrt die Verkäuferin mit einem weißen Hemd zurück. „Nein”, sagt der F. und schüttelt den Kopf. “Dies sei kein weißes Hemd, dies ist eine Schande.” Die Verkäuferin nickt. Noch immer lächelnd bringt sie zwei, neue Hemden. “Aus Frankreich” sagt sie, “Seidenzwirn.” Der F. besieht die Hemden misstrauisch und probiert immerhin eines der Hemden an. Aus der Kabine tönt ein Klagelaut. “F. frage ich, ist alles in Ordnung?” Der F. tritt aus der Kabine hervor und schüttelt den Kopf: „Ich sehe doch aus wie ein drittklassiger Versicherungsvertreter!“ “Es gibt sehr nette Versicherungsvertreter” sage ich, aber der F. bedeutet der Verkäuferin, neue weiße Hemden hervorzuholen. Die Verkäuferin nun mit einem etwas angestrengterem Lächeln, bringt einen Stapel neuer Hemden. Alle sind weiß, glänzend, schön und neu. Hemd um Hemd probiert der F. an, nur um Hemd um Hemd zu verwerfen. “Der Kragen kneift, das ist kein Weiß sondern Creme, solch ein Hemd trüge ich nicht auf meiner eigenen Beerdigung , kein Hemd, sondern ein Zumutung, die Brusttaschen kratzen, die Ärmel sind mir widerlich, dieses Hemd hat keine Seele, ich sehe aus wie der Preisprüfer eines Kaninchenschauwettbewerbs, ein Lumpen von einem Hemd, dieses Hemd macht mir einen dicken Hals, in diesem Hemd habe ich eine Hühnerbrust, die Knöpfe sind jämmerlich, das Hemd fasst sich widerlich an”, sind nur einige der wenigen Bemerkungen, die der F. in den nächsten Stunden aus der Umkleidekabine greint, raunt, flucht und schnauft. Ich lese die Zeitung und die Verkäuferin schleppt inzwischen mit immer verzweifelterer Miene, unterstützt von einer Kollegin immer neue Hemden heran. Ein Hemd nach dem anderen aber wird vom F. als vollkommen inakzeptabel verworfen. Schließlich stürmt er verdrossen aus der Umkleidekabine heraus. „Hemden schnaubt er, kann überhaupt nur in London kaufen” und dann stürmt er davon.Ich packe die Zeitung ein, lächele die Verkäuferin an und kaufe zehn Hemden des ersten Modells. Schmaler Schnitt, blütenweiß, breiter Kragen, runde Knöpfe, Seidenzwirn aus Frankreich. Die Verkäuferin sieht mich an und räuspert sich: „Kompliziert, ja? „fragt sie, aber ich schüttle den Kopf, „Ach was sage ich, Sie waren noch nie mit ihm Schuhe kaufen.“ Dann suche ich den F. Der ehemalige, geschätzte Gefährte und kommissarische Chefarzt ist in der Lebensmittelabteilung und isst Macarons. „Die sind für dich“, sagt er und schiebt den Teller zu mir herüber. Ich überreiche ihm im Gegenzug die Tüte mit den Hemden.Später im Auto sieht der F. zu mir herüber.”Schreibst Du das alles in Internet?, fragt der F. seufzend. Ich nicke. Der F. seufzt noch einmal wie ein Galeerensklave.Dann sind wir endlich wieder zu Haus.

Der F. probiert die Hemden vor dem Spiegel an und dreht sich vorwärts, rückwärts und seitwärts, zieht am Kragen, öffnet und schließt die Knöpfe, bevor er sich endlich den weißen Kittel über das Hemd zieht.Damals in Göttingen dachte ich mit der Facharztprüfung sei das Schlimmste überstanden, wer konnte da schon ahnen, wie schwer es ist, wird man zum Chefarzt berufen. „Kommissarisch”, ruft der F. aus dem Badezimmer, “nur kommissarisch” und sucht nach Stethoskop, den Schlüsseln und dem Herold für Innere Medizin.

12 thoughts on “Ein weißes Hemd

  1. Aber jetzt isset erledigt, nicht? Bis zum nächsten Karriereschritt, nehme ich an. Ich komme ja immer mehr dahin grundsätzliche Outfit-Entscheidungen zu treffen, die dann im Alltag nicht mehr neu bedacht werden müssen. Wenn man einmal weiß, dass es blau-weiß gestreifte Shirts sein müssen, ist es eigentlich ganz einfach morgens was zum Anziehen zu finden. (Alle alleine gekauft.) Eine feine Einkaufsbetreuerin sind Sie, readonmydear.

    • Den F. kann man nur sehr lieben. Ich hoffe jetzt ist es erst einmal geschafft- Die Idee sich auf etwas festlegen ist sehr gut, aber der liebenswürdige F. fürchte ich würde auch 500 blau-weiß gestreifte Shirts anprobieren…..

  2. Pingback: Genosse Doktor und die Krawatte – Geschichten und Meer

  3. Hahaha! Ein offensichtlich schändlich fehlendes Kapitel in Karriereratgebern!

    Erinnert mich an eine Kollegin bei der Tageszeitung, deren Partner aus der Sportredaktion in die Chefredaktion abberufen wurde, und die ihm beibringen musste, dass er jetzt auch im Sommer nicht mehr in kurzen Hosen und ausgeleierten Fan-T-Shirts in die Arbeit gehen konnte. Nie vergesse ich den ersten Tag, an dem er im Tweedsakko vor mir stand und ich ihn schier nicht erkannte.

  4. Das Thema findet definitiv nicht genug Aufmerksamkeit. Von Skalpell bis Hosennaht-So sind sie kompetent und schick im Schichtdienst wäre sicherlich ein schlagender Erfolg.

    Ihre Anekdote hat mich sehr erfreut! Von Bandhirt zu Tweedsakko ist ein wirklich sehr, sehr großer Schritt…

  5. Pingback: Seitenscheitel | READ ON MY DEAR, READ ON.

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