Werden und Sein

Auf den Steinen sitzen.jpgManchmal frage ich mich, wann weiß man wer man ist? An diesem Tag, dass weiß ich noch war ich ein Spion. Die anderen Kinder in der Straße lachten. Ich konnte kein Deutsch, wie ich da sitze auf den Steinen vor dem Haus. Ein bisschen neidisch war ich auf die Kinder, die da tobten in der sommerhellen Straße. Die Mädchen hatten HulaHoop Reifen und ich hatte keinen. Die Buben hatten einen neuen, glänzenden Ball und knallten den Ball gegen das Garagentor. Ich hatte keinen Ball. Ich musste mich mächtig zusammen nehmen, um nicht bei jedem bumm-bumm-bumm zusammenzuzucken. In Kenya nämlich wo ich lebte, kündigte bumm-bumm immer Gefahren an.

Aber ich hatte mir fest vorgenommen, dass ein richtiger Spion unbehelligt und unbeeindruckt von jedem noch so grässlichem Geräusch bleibt. Mein Freund war ein Russe. Das Haus nämlich stand im Russenviertel der kleinen Stadt in der ich meine Großmutter in den großen Sommerferien besuchte. Bald, aber das wusste ich noch nicht, würden die Russen zurück nach Russland gehen. Am Abend würde mein Großvater mir Russland auf dem Globus zeigen. Der Russe konnte auch kein Deutsch, das gefiel mir gut. Russisch konnte ich auch nicht, aber eben Jiddisch und der Russe verstand sofort, dass ich ein Spion war und ein großes Glas Zitronenlimonade äußerst wichtig für Nachwuchsspione ist. Der Russe lachte und hob mich auf die Schultern. Er galoppierte mit mir durch den Garten und ich glaubte, dies sei die wahre Freiheit und vielleicht war sie das auch. Der Russe nannte mich Superspion 007-Null Null Sjem. Erst viele Jahre später sollte mir klar werden, dass dieser Superspion James Bond war und nicht das kleine Mädchen auf den Steinen. Aber damals wusste ich das nicht und blieb in der festen Überzeugung, dass wenn ich nur geduldig ausharrte, sich ein Geheimnis vor meinen Augen entfalten würde. Damals als ich auf den Steinen saß liebte ich meine Großmutter. Meine Großmutter behandelte die Frau des Russen. Ich durfte ihren Arztkoffer tragen und meine Arme fielen fast ab, so schwer war der Koffer und so klein war ich. Aber ich wollte so sehr, dass meine Großmutter stolz auf mich war und so schleppte ich die schwere Tasche neben ihr her. Meine Großmutter verschwand in dem Haus und hieß mich warten. Ich wartete geduldig, damals war ich viel geduldiger als heute. Ich wartete also und kletterte auf die Steine. Ich konnte gut klettern, sogar hinauf bis in den großen Affenbrotbaum, in dessen Ästen ich in den nächsten Jahren sehr viel Zeit verbringen würde. Blau war meine Lieblingsfarbe, ich mochte nur Kuchen und zum Glück bestritt meine Großmutter zeitlebens die Existenz von Kalorien und war überzeugt es gebe nichts Besseres als eine Crèmeschnitte um die Stimmung zu heben. Ich liess mir vorlesen und in diesem Sommer las meine Großmutter mir die Reisen Odysseus vor. Ich verstand kein Wort. Aber das die Geschichte so groß wie die Welt selbst war, dass verstand ich doch, nie wieder habe ich so zugehört und nie wieder glaube ich habe ich danach eine Geschichte so verstanden, wie damals die lange Suche nach Ithaka von der ich objektiv betrachtet doch kein Wort verstand. Ich war das Kind mit dem niemand soielen sollte. In Kibera wo wir lebten, war ich das weiße Kind mit den kalten Händen. Die Frauen sagten in mir lebe der böse Geist des Kilimandscharo. Ich versuchte ihnen zu erklären, dass ich noch nie einen Geist persönlich getroffen hatte, sondern der einzige Geist, den ich kannte, erschreckte einen Müller im Märchenbuch meiner Großmutter. In der Schule war ich der Judenlümmel und die katholischen Schwestern warnten die anderen Kinder eindringlich genug vor einem Kind wie mir. Aber ich ging ohnehin nie gern zur Schule. Ich war ja auch ein Spion in einer geheimen Mission. Auf dem Bücherregal meiner Großeltern stand ein Krokodil aus schwarzem Stein, wenn man den Schwanz des Krokodils herunterdrückte konnte man Nüsse knacken. Ich knackte Nüsse am laufenden Band und aß immer eine Hand voll Nüsse und dann wieder eine Hand voll Schokolade. Leider gab es immer mehr Nüsse als Schokolade. Als Spion wusste ich aber natürlich, dass meine Großmutter in der Speisekammer stets Vorräte vor meinen Fingern versteckte. Aber ich kletterte mühelos auch auf die hohen Regalbretter und nur einmal blieb ich mit einem Bein im Gurkenfass stecken und meine Großmutter fürchtete ich würde ein eben solcher Gesetzesbrecher werden, wie Onkel A. Aber Onkel A. blieb unerreicht. In der Nacht aber musste ich auf dem Sofa schlafen wie ein gemeiner Dieb sagte meine Großmutter und ich fürchtete mich vor den Schatten und schlich mich mitten in der Nacht zu meiner Großmutter, die mich in ihre Arme zog und für mich sang, bis ich einschlief. Das Mädchen da auf den Steinen, das spielte damals schon Klavier, auf dem Schoß meines Großvaters sitzend und ich dachte mir niemand würde wohl annehmen, dass ein Mädchen am Klavier eigentlich ein Spion ist und ganz genau sieht, dass das Mädchen mit dem gelben Hula-Hoop Reifen, dem Mädchen mit dem blauen Reifen ein Bein stellt. Ich aber hatte es gesehen und dann endlich kam meine Großmutter aus dem Haus, mein Freund der russische Soldat gab mir ein Vanilleis mit und ich sah auch die Frau des Russen, die schüchtern lächlend mir dem Mädchen auf den Steinen zuwinkte. Ich winkte zurück. Superspion Null. Null. Sjem rief ich und sprang von den Steinen, denn da stand meine Großmutter und noch besser als ein Spion zu sein, war es in ihre Arme zu laufen und sie hob mich hoch und ich war das Mädchen in ihren Armen.Mehr wollte ich niemals sein.

12 Gedanken zu “Werden und Sein

  1. Gegen den süßen Superspion Null Null Sjem hätte dieser Agent im Dienste der britischen Königin keine Chance gehabt. Ihre Großmutter war bestimmt ganz stolz auf Sie.

    • Ich hoffe das. Ich war ein sehr schwieriges Kind und bin ein schwieriger Mensch geworden. Meine Großmutter aber lebte mehr mit den Toten als mit den Lebenden und ich bin nicht sicher, ob Sie je wirklich noch einmal geliebt hat- danach-

      • Sie waren vor allem ein Kind, das mit schwierigen Dingen konfrontiert war und auch selbst viele schwierige Situationen erlebte. Vermutlich konnte Ihre Großmutter nicht mehr heimisch werden in dieser Welt. Aber gewiss hat Ihre kluge Großmutter gewusst, welch kluges, begabtes Kind Sie waren – das entzückendste Enkelkind weit und breit.

    • Ich denke oft, ich müsste doch über diese Schwestern längst hinweggekommen sein, aber immer noch sehe ich dieses Mädchen, dass für die Schwestern der Teufel war und verstehe es nicht.

      • Da gibt es auch nichts zu verstehen. Mir ist es auch ein Rätsel, womit die das hätten rechtfertigen wollen. Diese Schwester haben sich an Ihnen versündigt, soviel steht fest.

  2. das ist leider ein Kontinuum bei katholischen Schwestern: die Ideologie/Dogmen ist wichtiger als Menschlichkeit.
    Ansonsten wieder so ein schöööner Text. Danke dafür.

  3. Wieder einmal wunderschön, vielen Dank.
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    „Er galoppierte mit mir durch den Garten und ich glaubte, dies sei die wahre Freiheit und vielleicht war sie das auch.“

    Natürlich war sie das. Und manchmal, ganz selten, finden wir dahin zurück.
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    Auch auf die Gefahr hin, der Letzte zu sein: Dem Fräulein Read on ein rundum gutes Jahr !
    (Sie weiß ja längst, was so alles dazu gehört …)
    Mazel tov !

    • Gute Wünsche kommen nie zu spät! Vielen Dank! Ein überaus heiteres und freundliches Jahr wünsche ich Ihnen und vom Guten nur das Beste, so wie sich das gehört!

  4. Man kann gar nicht früh genug damit beginnen, Kindern die Grundzüge der klassisch-humanistischen Bildung zu vermitteln, auf dass sie später alle Dinge in den richtigen Kontext zu setzen vermögen. So wie mein guter Bekannter H., der – wie offenbar auch Ihre Großmutter – seiner Tochter H2 im zarten Alter von sechs Jahren ausgiebig aus der Odyssee vorlas, woraufhin diese, sehr zum Missfallen ihrer polnischen und sehr katholischen Mutter A., sich im Religionsunterricht zu Wort meldete und der Lehrerin mitteilte, das mit Jesus, Maria und dem heiligen Geist sei ja alles schön und gut, aber, nur damit das schon mal geklärt sei, sie glaube nicht an Gott, sondern an Zeus!

    Ihnen eine gutes neues Jahr und sehen Sie zu, dass Ihr Krokodil keine heiligen Kühe frisst!

    • Was für eine wunderbare Geschichte sie da erzählen. Ein fantastisches Mädchen. Ich hoffe die G*tter sind hier hold geblieben und Kinder die Widersprüche der Welt in Geschichten zu erklären, halte ich für sehr, sehr wichtig.

      Ich wünsche Ihnen auch ein hoffentlich helles und gutes Jahr und allen Tagen das Glück im rechten Maß dabei. Das Krokodil ist wohlerzogen und schnappt nur nach Bücherdieben….

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