Ein neues Jahr

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Das Fräulein Read On wünscht Ihnen ein heiteres, gutes, neues Jahr!

Ach, denke ich mir und sehe auf das noch leere Kalenderblatt und noch einmal ach, denn der Neujahrsmorgen eben noch blau verzieht sich schon wieder und graue Wolken lassen mich gähnen. Ach, denke ich und strecke die Arme, wie schön wäre das jetzt einen Stapel Bücher einzupacken, in einen alten Überseekoffer zu stapeln, diesen gut festzuzurren auf dem Gepäckträger und dann führe ich einfach los. Natürlich fährt das Fräulein Read On ein höchst unpraktisches, im Grunde längst von den Straßen verbanntes Automobil. Groß ist es nicht, dafür aber natürlich furchtbar unpraktisch. Das Verdeck lässt sich nur mit Kurbel bedienen, das Auto kann natürlich nicht mit 200km/h durch Brandenburg rasen und es säuft Benzin wie einstmals die Kutschpferde, Hafer fraßen. Ein richtiges Oldsmobile also und wie dafür gemacht, und oh wie lange bin ich nicht dort gewesen, die südfranzösische Küste entlangzufahren. Endlich einmal wieder von Nice bis nach Port Bou fahren, nein gondeln, denn so ein Fräulein im Oldsmobile hat es nicht eilig. Lieber also die Landstraßen entlang und über die Raser nur müde lächeln. Lieber von einer alten Frau am Straßenrand einen Korb Kirschen kaufen, auf dem Markt am Samstag, völlig falsch parken und sehr lange zwischen den verschiedenen Törtchen schwanken. Die Männer des Ortes indes bewundern das Oldsmobile diesen treuen Gefährten. Endlich einmal wieder zurück nach Banyuls-sur-Mer und mit Buch in der Hand das Meer beschauen. Von Ort zu Ort also wandern, denn fahren mit dem Oldsmobile ist beschaulich und niemals überhastet zu nennen. Hier und da einen the la menthe trinken und im sommerlichen Morgenlicht einen Café au lait. Den Fischern winken und Mittags unter Zypressen schlafen, gut bewacht vom Mitfahrer, denn wichtig ist es auf Wanderschaft gute Begleitung zu haben. Reifen wechseln kann das Fräulein selber, aber unterhaltlicher ist doch, reist man mit Vorleser, der einem eine hübsche Geschichte, warum nicht auch eine alte ägyptische Sage verliest, hier und dann ein paar Bilder knipst und nicht abgeneigt ist, in den späten Abendstunden noch einmal über den Marktplatz zu schlendern. Ziel hätte die Reise keines, jeder Oldsmobilebesitzer kann ja nur den Kopf schütteln über die verwegenen Recken, die 900 Kilometer fensterblind rasen, lieber kauft man sich in Avignon ein hübsches Tuch, denn nichts ist lästiger als wehen einem die Haare fortwährend vor die Augen. Überhaupt muss man natürlich bis nach Monte Carlo fahren, denn einmal im Leben muss man wenn auch mit geschlossenen Augen, so lachen, so lieben und so fahren wie damals Grace Kelly, die zum Tuch sogar noch weiße Handschuhe trug, die ich leider nicht besitze. Dafür aber sind im Kofferraum neben Bücherstapeln und leichten Sommerkleidern, auch ein Set von Tennisschlägern aus Holz, denn bestimmt, gibt es zwischen Aix-en-Provence und Arles kundige Herren, die dann und wann, so ein Oldsmobile braucht ja auch Ruhepausen, vor dem Fünf Uhr Tee nichts einzuwenden hätten gegen eine Partie Rasentennis. Ein Oldsmobile das hat so seine Tücken, Montage zum Beispiel schätzt es wenig, deswegen bieten sich ausführliche Galerienbesuche an solchen Tagen an. Am wichtigsten aber, wie könnte es anders sein, ist es immer dann anzuhalten und niemand wäre verlässlicher als das alte und Fahrten erprobte Auto, sieht man eine Geschichte am Straßenrand stehen. Im Handschuhfach liegen natürlich Stift und Papier bereit und erst wenn die Notizen auch dem Krokodil behagen geht es weiter und weiter, immer nach Süden. Ihnen also, ein solches, neues Jahr, nicht zu schnell mag es an Ihnen vorbei rauschen, ich hoffe Sie finden sich öfter auf Alleen wieder als auf sechsspurigen Straßen, ich wünsche Ihnen eine heitere und leichte Fahrt, mögen Sie aus Umwegen stets herausfinden und bloß nicht Verzweifeln weil der Motor anfängt zu rauchen. Ein Oldsmobile ist unzerbrechlich. Umwege und falsche Abkürzungen wird es wohl geben und manchmal muss noch einmal nachsehen, ob man noch auf der richtigen Straße ist, trotzdem wie meine Großmutter sagte, am Ende wird nicht alles gut, aber vieles endlich besser. Lassen Sie sich den Mut und den Eigensinn nicht nehmen und sehen Sie ein Fräulein, das sehr langsam fährt und über das die Rennfahrer hupend spotten, winken Sie ruhig, das Fräulein Read On nimmt Sie gern ein Stück mit. Natürlich ist auch Nussschokolade im Handschuhfach- zögern Sie bloß nicht zu fragen und wo immer Sie fahren, wandern, gehen und stehen, behalten Sie sich wohl in diesem, neuen Jahr.

18 thoughts on “Ein neues Jahr

    • Wunderbar! Sie sind schon da, wo ich gern wäre! Das ist ein charmanter Zufall und ich sende die herzlichsten Neujahrsgrüße nach Nice und wünsche Ihnen von Herzen, ein schönes, neues Jahr!

      • Dankeschön – hier wäre auch ein schöner blauer Himmel für Sie, allerdings wär’s doch zu frisch für ein offenes Verdeck. Aber es ist herrlich, noch mal Sonnenschein zu genießen vor den langen grauen Wintermonaten …

  1. Liebe Read on, da haben Sie mich gerade auf eine wunderbare Reise mitgenommen.
    Herzlichen Dank dafür und die große Freude, die Sie mir immerzu bereiten, wenn ich hier lese. Ich wünsche Ihnen gute Fahrt in diesem Jahr und ein geschmeidiges Krokodil 😉

    • Vielen Dank! Ich wünsche Ihnen auch ein wunderbares und nicht allzu schnelles, neues Jahr! Mit Ihnen führe ich bestimmt gern ans Meer und das Krokodil ist ein äußerst zahmer und zivilisierter Begleiter!

  2. Da schau her: das Fräulein Read On hat einen Rechtslenker (logisch) und einen aufblasbaren Dino (nicht so logisch, aber schön). Ihnen auch alles Gute zum Neuen: gute Reisen, gutes Miteinander, gute Bücher und, meinentwegen, ja, warum nicht… auch gutes Rasentennis. Wenn die Herren kundig sind und nichts einzuwenden haben…

    • Aufblasbarer Dino? Ich muss schon sehr bitten! Dies ist ein sehr altes Krokodil, das seit Urzeiten schon auf dem Bücherregal lebt und dann und wann auch einmal etwas von der Welt sehen will. Wenn Sie wüssten, wie schwer es ist als Fräulein im Oldsmobile passende Tennispartner zu finden…ach, da ist eine andere Geschichte. Ihnen aber für das Jahr nur das Allerbeste und das Glück mag sich Ihnen an die Hacken kleben!

  3. Also, zwei Paar weiße Handschuhe hätte ich. Ein Paar hat meine Großmutter gehäkelt, das andere ist aus ganz weichem Leder mit winzigen punktförmigen Löchern.
    Ein Reptil mitzunehmen kann nicht schlecht sein, da man nie weiß, was einem auf einer Reisen widerfährt.
    “Eine schöne Geschichte” sagt die, die es liebt, mit gepunketem Kopftuch und Sonnenbrille an Flüssen entlang zu fahren.

    • Ah, ich dachte mir so etwas doch, denn die Leserinnen dieses kleinen Blogs sind wahrhaft kultiviert und ich hoffe sehr, dass wir uns in diesem Jahr einmal über den Weg laufen. Um die weißen Handschuhe beneide ich Sie sehr und überhaupt ein gepunktetes Tuch gehört zur Grundausstattung einer jeden Oldsmobilefahrerin!

      • Ach ja, das wäre schön.
        Aber ich fürchte, ich bin ein bißchen langweilig.
        Allerdings katastrophenaffin, was auch zur Unterhaltung beitragen könnte.

  4. Ein wunderschönes 2017 wünsche ich Ihnen. Und danke Frau Crocodylus, deren Blog mich letztes Jahr hierher führte. Und glauben Sie ihr kein Wort, langweilig ist Frau Crocodylus nie und nimmer.

    • Ich wünsche Ihnen auch sehr und von Herzen ein wunderbares, ein leichtes und helles Jahr! Frau Crocodylus ist eine wunderbare und nie und nimmer langweilig zu nennen, ich weiche da keinen Zentimeter, auch der verehrten Frau Trippmadam widerspreche ich da hartnäckig!

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