Im Schnee

img_1015-1Mit dem Winter und mir ist es ja so eine Sache. Aufgewachsen in Breiten in denen es oft seit Jahrzehnten nicht mehr geregnet hat und niemals schneit, ist der Winter mir mit seiner klirrenden Kälte, Schnee und spiegelglattem Eis immer fremd geblieben. Mich schaudert davor mit einem Schlitten, Berge herunterzurasen und mögen andere von Skiabenteuern schwärmen, sehe ich riesige Lawinen die Abhänge herunterrasen, die Bäume umknicken, nur um schliesslich auch Skifahrer wie Streichhölzer zu zerdrücken. Niemand konnte so wie Onkel A. vom Mädchen mit den letzten drei Schwefelhölzchen erzählen, noch heute erinnere ich wie mir frostige Schauer über den Rücken liefen, deklamierte er, dass sie nun gar kein Hölzchen mehr habe und meine Großmutter, die mir vom bucklicht Männlein und dem flackernden, blauen Irrlicht las, trug ihr übriges dazu bei, dass ich mir die Hölle nie als glühenden Kessel vorstellte, sondern immer als einen Palast aus Eis und Schnee, in dem die Einwohner nicht als Eiszapfen lutschen und vor Lawinen flüchten, aber natürlich angeführt vom Irrlicht im ewigen arktischen Eis verloren gehen.

So nimmt es nicht Wunder, dass schneit es selbst im flachen Berliner Randgebiet, mein Bein zuckt, selbst wenn die Uhr erst 5.15 Uhr zeigt. Vor meinem inneren Auge sehe ich Fußgänger auf dem Schnee vor der Straße ausgeleiten und mit verdrehten Gliedern um Hilfe schreien, Schulkinder schlagen sich die Nasen blutig und der von mir meist gehassteste Radfahrer Berlins, der grundsätzlich auf dem Fußweg fährt und anstatt zu klingeln, plärrt: „Hey, Sie Ziege, Platz da“ fällt kopfüber in eine Schneewehe und ich kann, sollte dieser Fall eintreten nicht dafür garantieren, dass ich ihm milde und nachsichtig aufhelfe. So hülle ich mich in Mantel und Schal und steige in ein Paar Stiefel, die so aussehen als sei Rübezahl in ihnen über das Riesengebirge gestiegen und kehre Schnee und streue Sand. Ganz still liegt die Straße im dichten Schnee und die Welt hat etwas Gedämpftes. Ganz hinten dort wo die Straße auf die Rehwiese mündet, flackert ein blaues Licht und bestimmt will mich das bucklicht Männlein in eine Tannenschonung locken. Aber dann gerade als ich mich vergewissern will, kommt der Nachbar zur Linken aus dem Haus. Er flucht. Er flucht sogar sehr. Sein Auto nämlich, auch genannt das Schlachtschiff, ein sehr, sehr alter Mercedes hat ein eingefrorenes Schloss. Nachbar sage ich, warten sie, ich hole T1-Spray. Wer T1 Spray und Tampons in der Tasche hat, ich schwöre ihnen überlebt selbst eine Nacht in der Lawinen dräuen und die Pinguine tanzen. Natürlich lässt das Schloss sich problemlos öffnen und freudig braust der Nachbar davon. Natürlich braust der Nachbar nicht, denn auf dem Schlachtschiff prangt ein roter Aufkleber: „Ich fahre nicht schneller als 100 km/h. Das nicht ist doppelt unterstrichen. Sollten sie also Fragen zum Benzin sparen haben, mit dem dem Nachbarn zur Linken können sie auch das abgelegenste Skigebiet mit minimalem Verbrauch erreichen. Dann aber ist es sechs Uhr und ich muss Frühstück richten für die Vogelgesellschaft die allmorgendlich auf dem Balkon erwartungsvoll die Schnäbel reckt.

Am Nachmittag klingeln die Kinder von nebenan. „Duuuuuu Read On“ können wir in deinem Garten, einen Schneemann bauen?” “Jaaaaa”, sage ich und dann kommt F. Der F. will auch einen Schneemann bauen und will natürlich, dass ich auch einen Schneemann baue. Ich steige wieder in die Rübezahlstiefel. Natürlich baut niemand einen Schneemann, sondern biege ich um die Ecke, fliegen mir lauter Schneebälle unter Gekicher entgegen. Angeführt wird die Bande natürlich von F. Ich werfe also Schneebälle und der F. schaufelt wie ein Besessener Schneebälle, die er der Kinderschar als Munition anreicht. Irgendwann liege ich im Schnee auf mir hüpfen sieben Kinder und F. springt wie ein Berserker um mich herum und kreisch,: „Ergib dich der Übermacht!“ “Niemand denke ich, während ich versuche ein Kinderknie aus meinen Rippen zu entfernen, ist so sehr acht Jahre alt wie Du F.” und für einen kurzen Moment denke, wie es wäre wenn, aber das verbietet sich von selbst, denn wenn ist schon lange vorbei.

Dafür lerne ich, dass wer von einer Schneeballarmee besiegt wird, Kakao und Waffeln anrichten muss und bald sitzen sieben Kinder und als achtes F. mit roten Wangen, vor Kakaotassen und verschlingen Waffelberge. Erzählst du uns eine Geschichte Read Ooooooon?, fragen sieben Kinder und natürlich F. Schon bald also sind wir nicht mehr in Berlin, sondern folgen dem bucklicht Männlein mit seiner flackernden Laterne und irgendwo im Riesengebirge treffen wir Rübezahl, den Herrn der Berge , der Lawinen schleudert, den Wilddieb verfolgt und noch im tiefsten Schneesturm- selbst ohne T1 Spray niemals verloren ist. Schließlich klopfen die Eltern und für einen Moment glauben sieben Kinder und auch der F., dass der Berggeist selbst Einlass begehrt. Dann beginnt es wieder zu schneien und ich nehme noch einmal Besen und Sandeimer mit vor die Tür.

Seitenscheitel

Am Freitag Morgen sitzt F. der freundliche Gefährte früherer Tage mit grimmiger Miene am Frühstückstisch und besieht sich im Teelöffel. Alles in Ordnung F.? frage ich also über den Rand der Zeitung hinweg, denn der ehemalige, geschätzte Gefährte hieße nicht so, läge mir sein Wohlergehen  nicht am Herzen. Der F. rauft sich die Haare. Der F. nämlich hat anders als ich nicht Haar wie ein Shetlandpony, das störrisch fällt wie es will, sondern einen Lockenkopf, der jeden Satyr vor Neid erblassen ließe. Gestern aber fuhr sich F. missmutig durch sein prächtiges Haar und befand, dass diese Locken zu unernst, ja unseriös wirkten und keinesfalls dazu geeignet seien, bei anderen Chefärzten, dem Verwaltungsdirektor, oder gar einem geschniegelten Vertreter der Ärztekammer einen festen, ernsthaften und seriösen Standpunkt zu vertreten. Ich falte die Zeitung zusammen und sehe dem F. beim Haare raufen zu. Ach, F. denke ich, Du, der du für die Kinder im Krankenhaus einen Luftballon hinter dem Ohr hervorzauberst und mit den Reinigungsfrauen schäkerst bis sie erröten wie die jungen Mädchen, du der du mit den alten Patientinnen, auf die Toilette gehst, weil die Schwester doch auch nach dem dritten Klingeln nicht kommt und dabei so hartnäckig mit ihnen flirtest, dass sie dir sagen: „Aber nicht gucken, junger Mann!“, du wirst doch niemals ein grauer Anzugträger werden mit glattem Haar und glitschigem Charakter. Weißt du nicht mehr, wie du nach einer diesen Höllenschichten, nach Hause kamst, um mich für eine Patientin, die das Krankenhaus nie wieder verlassen würde, einen Kuchen backen ließest? Du, der du den weinenden Schwesternschülerinnen erst Kakao und dann Nachhilfe im Kathederziehen oder Zugang legen gibst, glaubst es komme auf die Haarlänge an? Aber wohlweislich, nicke ich Dir nur zu, seufze mit dir und laufe los, denn der Tag wartet auch nicht auf mich. Spät am Abend, liegt ein Zettel auf dem Tisch: Friseurtermin, 17 Uhr, aber 17 Uhr ist lange schon vorbei, du im Krankenhaus und ich mit anderen Dingen befasst. Am Samstag Morgen schläfst du noch. Ich fahre auf den Markt und ratsche mit Herrn Yilmaz, kaufe Käse, Brot und einen Topf mit Traubenzillas. Dann treffe ich die B. auf ein Stück Torte und als ich zurück nach Hause komme, sitzt du am Schreibtisch. Von hinten siehst du aus wie ein frischgeschorenes Lamm. Sehr seriös sage ich, jeder Verwaltungsdirektor wird vor dir auf die Knie sinken und keine einzige Stelle einsparen. Der F. aber ächzt. Wo einmal wilde Locken waren, ist jetzt ein strammer Seitenscheitel. Der F. sieht mich unglücklich an. Vor ihm auf dem Schreibtisch steht das aufgeklappte Notebook. Der F. googelt Hitlerbilder. F. sage ich nun doch verwundert:“Warum googlest ausgerechnet du Hitlerbilder?“ Der F. ist starr vor stummen Entsetzen. Er deutet auf den Seitenscheitel und dann auf ein Hitlerbild. „Siehst du es nicht?“, fragt er mich mit vor Empörung bebender Stimme. „Was?“ frage ich und verräume den Käse in den Eisschrank und das Brot in den Kasten. Der F. befühlt den Scheitel und sieht erneut auf die zahlreichen Hitlerbilder. „Der Scheitel“ wispert er schockstarr, „ist doch exakt der gleiche“ und deutet mit zitternder Hand auf das Notebook bevor er sich den Kopf befühlt. Ich stelle die Traubenzillas auf die Fensterbank und der F. erhebt sich taumelnd und wankt ins Bad. Der Badezimmerspiegel zeigt ein Schaflamm mit hoher Stirn. Der F. aber nun geschlagen von höheren Mächten sinkt auf den Badewannenrand und flüstert: „Ich sehe aus wie Adolf Hitler.“ Ich versuche mehr zu hüsteln als zu kichern und erinnere das traurige Schaflamm auf dem Wannenrand an die Uhrzeit. Der F. taumelt zu Tasche und Kittel und verflucht sein Spiegelbild. „Eindeutig Hitler“ murmelt er, bevor die Tür hinter ihm ins Schloss fällt. Aber sorgen sie sich nicht, so sie sich heute auf einer Aufnahmestation einer großen Berliner Klinik befinden sollten. Der nun streng gescheitelte und kurzgeschorene daher gehende F. hat keine bösen Absichten und fasst er sich hinters Ohr zieht er keine bösen Pamphlete dahinter hervor sondern nur einen Luftballon, ob sie nun, acht, achtundzwanzig oder achtundachtzig Jahre alt sind oder gar als Verwaltungsdirektor befinden viereinhalb Minuten pro Patient seien doch ausreichend genug.

Gelber Sand

img_1012Nach fünf Jahren ein Wiedersehen. Da stehst du also, ganz in grau. Graue Flanellhose, eine dicke, graue wattierte Jacke, ein grauer Schal fest um dich gewickelt und für einen Moment bin ich mir nicht sicher, ob Du es bist. Denn wer im Krieg auseinandergeht- im Süd-Sudan- der achtet auf vieles, aber nicht auf gebundene Schnürsenkel oder abgestimmte Farbverläufe. Langsam gehst du die Straße hinunter, auf mich zu, zwar nicht in grau, aber in rot blau gestreift, an der Straßenecke steht und wartet. Blaue Stiefel, ein blau-rot- gestreiftes Kleid, ein dicker blauer Mantel, blau-rot kariert. Deine Email las sich als seien wir Schulfreunde: Liebe Read On, ich bin auf drei Tage geschäftlich in Berlin, vielleicht reicht die Zeit für ein Essen? Ich antworte wie eine Schulfreundin: Lieber Freund, bei mir ginge eigentlich nur der 12. Januar ab 19 Uhr? Aber lass uns doch telefonieren. Du antwortest nicht wie ein alter Schulfreund. Du schreibst einfach Ja. Ich schreibe dir die Adresse des Restaurants und dann sehe ich dir zu wie du die Straße hinunterläufst. Im Zeitungskiosk liegt der Lettre International. Warum der Süd-Sudan das übelste Land der Welt ist, verspricht ein Autor zu erklären. Ich drehe mich weg und dann stehst du vor mir. Tief in den Taschen sind deine Hände vergraben. Ich muss mich auf die Zehenspitzen stellen, um dich zweimal rechts und zweimal links zu küssen. Ich muss die Augen schließen, denn auf einmal riecht die Straße nicht mehr nach Berlin im Januar, sondern nach gelbem Sand und verbrannten Gummireifen. „Es ist hier drüben, sage ich“ und du nickst. Das Restaurant ist fast leer. Nur ein russisches Pärchen sitzt am Tisch gegenüber. Er trägt ein enges und glänzendes Hemd und telefoniert. Seine schöne Freundin, die eine Pelzmütze auf dem Kopf trägt, obwohl es recht warm ist und Gianni noch Kerzen bringt, zieht sich die Lippen nach. Wir trinken Eiswasser mit Zitronenscheiben und Gianni bringt Rosamarinbrot  und erzählt von seinem Ärger mit Anna, der Köchin und dem Bandscheibenvorfall seiner Mutter. Du sitzt schweigend dabei und fährst mit der Hand über die rot-weiß karierte Tischdecke. Dann muss Gianni, Prosecco für das russische Paar öffnen und du erzählst mir von deiner Geschäftsreise. Ich nicke, und kann mir dich nicht als Handelsreisenden vorstellen. Du ziehst dein Ipad aus der Tasche und zeigst mir Frau und Kind. Ich nicke und bewundere Frau und Kind. Hübsch und ach und zauberhaft und ach und wunderbar und ach und freut mich sehr. Du wiederholst dich: “Alles ganz normal”, sagst du und Bild um Bild voller Normalität zieht an mir vorbei. Ich sehe gelben Sand und die Zeltstadt, dich zwischen zertretenen Plastikflaschen und Müll, die endlose Schlange aus Menschen, die immer länger wurde und über allem der sich vorwärtsschiebene Geruch des Krieges, der näher und näher rückte, auf Toyota Trucks mit den Kindergesichtern, die Maschinengewehre in den Händen hielten und überall und immer wieder die brennenden Reifen. „Ganz normal, alles ganz normal“ sagst du und nickst bekräftigend. Ich nicke mit und sehe weiter auf die Bilder, die Frau und Kind und dich Ski fahrend, badend, grillend, Haus bauend und lachend zeigen. Wunderbar, sehr schön, wirklich ganz herzig, höre ich mich sagen. Das Pärchen vom Nebentisch isst Muscheln und die Muschelbrühe macht mich schwindelig. Gianni bringt Feldsalat mit Calamretti für dich, mit Leber für mich. “Das ist sehr gut”, sagst du und Gianni strahlt. „Alles ganz frisch“ sagt er und schimpft über Anna, die den Schwertfisch verdorben habe. Ich sehe auf deinen fehlenden Daumen, denn der blieb zurück, blieb mit so vielen anderen Dingen im übelsten Land der Welt würde der Autor sagen und sagt es vielleicht nur, weil er den gelben Sand zwischen den Zähnen nicht ertrug. Alles frisch also heute Abend und alles normal. Zögernd siehst du mich über das Wasserglas an. Ich sehe weg. Da fällt doch gelber Sand aus deinen Haaren. Auf der Straße, die jetzt gegen halb zehn dunkel ist, fällt geduldig der Regen. Unter den Bögen der U-Bahn, die hier oberirdisch verläuft, am Straßenrand stehen die Prostituierten. Eine Frau, enge Glitzerjeans und eine bonbonfarbe Bomberjacke zu blondierten Haaren macht einen Kussmund, nicht nur für die Autos, die anhalten sollen, sondern für ihr Telefon, hier unter der Laterne, prüft sie ihre Lippen, variiert den Blick und dann erst drückt sie den Auslöser. Vielleicht behält sie das Bild für sich, vielleicht gibt es einen Mann in Bukarest oder einen kleinen Sohn in Warschau: „Mama liebt dich.“ Dann schiebt sie ihr Telefon in die Hosentasche und dreht sich zurück zur Straße. Alles ganz normal.

Wir wissen nichts über die Geschichten der Anderen und die Geschichten der Anderen, die mit der eigenen im gelben Sand vergraben liegen, sind gut verborgen. Du fährst dir durch das Haar und ich sehe auf die Uhr.“ Morgen ist ein langer Tag”, sage ich und du nickst. Ich bezahle und küsse erst Gianni, dann Anna und schließlich noch einmal dich. Da sind wir schon vor der Tür. Das russische Pärchen hat gerade Kaffee bestellt: “Dreh dich nicht um”, sagst du, “das war dein letzter Satz.” Dann streichst du mir mit dem was von deinem Daumen noch übrig ist, über die Wange und ich sehe dir einen Moment zu lang in die Augen. „Dreh dich nicht um“, sagst du noch einmal und ich halte deinen Daumen an meine Wange gedrückt. Dann kommt dein Taxi. „Auf bald einmal wieder“ sagen wir, als seien wir Schulfreunde. Die Frau unter der Laterne mit ihrer glitzernden Bonbonjacke, beugt sich zu einem Autofenster hinunter, ich dreh mich nicht um. Zurück im Wald, niemand ist mehr auf der Straße, fällt, ich bin mir ganz sicher, gelber Sand aus meinen Stiefeln.

Ein Lied im Rücken

Früh ist es, denn früh ist es ja immer. Noch aber ist die Wärmflasche an meinen Füßen warm genug. Noch gluckert das Wasser in der Heizung nicht, noch nicht einmal das Milchauto ist durchs Dorf gefahren, noch ist der Tag noch gar nicht da. Der Tierarzt aber ist schon auf, denn im Bad rauscht leise Wasser. Der Tierarzt, der doch selten spricht und ungern überhaupt vor Mittwoch den ersten Satz sagt, singtOh don’t be sorry, boy, it’s easy/Yes, you can release me/ Gotta lay it on the line /Feeling pretty fine now. Ein leises Summen erst, denn ich stecke mit dem Kopf noch tief im Federbett. Aber ganz eindeutig und nicht zu überhören: der Tierarzt singt. Saving all my time now /Love’s no friend of mine. Der Tierarzt singt hell und mit warmen Ton. Das erste Mal habe ich den Tierarzt für ein krankes Lamm singen hören. Ein Schlaflied für das weiße Bündel Fell in seinen Armen und warte ich manchmal vor einem Stall auf ihn, bin ich mir sicher der Tierarzt singt noch ein Trostlied für die Kühe. Selbst schlafschwer muss ich mein Herz festhalten, singt der Tierarzt, der doch in der Stille zu Hause ist. I do it on my own/And I’m ready to go. Endlich aber wickle ich mich aus dem Federbett in den Bademantel, putze die Zähne, ordne mein wildes Haar, setze den Teekessel auf und suche nach den Haferflocken. Indes sitzt die Katze auf den Treppenstufen vor dem Badezimmer und die Katze, wippt ganz eindeutig und sehr rhythmisch mit der Schwanzspitze: I just think of all that I could do /No more need to fight, right? Nicht einmal das Rascheln der Tüte kann die Katze locken. Der Porridge quillt und ich klappe das Notebook auf. Siebzehn Männer schickten mir eine Email in der sie mich zu überzeugen versuchen, dass ihr Penis zwei Meter lang/ hart wie Stahl/ da zu da sei, es mir einmal richtig zu besorgen. Sie bemühen sich vergeblich. Die Bilder, die sie schicken sind von obskurer Traurigkeit. Im Hintergrund ihrer heruntergelassenen Hosen liegt Müll, steht eine zerschlissene Couch, oder hängt eine fleckige Gardine. In einem Bild, so scheint mir steht ein Schatten in der Tür. Ist das dann die Ehefrau, die sich wundert oder auch nicht, warum ihr Mann mit heruntergelassenen Hosen vor dem Computer steht? Eine elegante Pose ist das ja nicht und vor allem nicht zu dem Demonstrationszweck geeignet, den sie mir in groben Worten ankündigen. I survived way worse before /And all these words ain’t got me chokin’ singt der Tierarzt und ich antworte fünf Männern. „Sehr geehrter Herr XYZ, bitte suchen sie schnellstmöglich einen Facharzt für Geschlechtskrankheiten auf. Ihre Erkrankung ist akut behandlungsbedürftig und meldepflichtig.“ Wenn man immer vorher wüsste, was einem Lebensthema würde. Die restlichen Bilder lösche ich. Cause my heart it ain’t that broken /And I can’t hear you I’m like I won’t be missing, be missing you. Der Porridge ist schließlich auch längst fertig, Bananen, Nüsse, Zimt und Zucker und Honig müssen angerichtet, der Tisch gedeckt, die Zeitung herein und die Katze herausgelassenen werden. Endlich tanzt auch der Tierarzt die Treppe hinunter und zieht mich sich in seine Arme: Love can be like magic/ What we had was tragic/ Do it baby, set me free, singt der Tierarzt in mein Ohr und wir die doch so traurigen Kinder tanzen im Morgengrauen. There’s no need to wonder und du lachst heiser in mein kaltes Ohr. „Was machst du mit mir?“ sagst du. Help, help me Rhonda /Get your hook right off me, sagt das Lied und ich lehne mich an dir an. Der Tierarzt würgt am Porridge, die Katze will immer noch mehr, ich nun endlich auch unter die Dusche, denn das Ticken der Uhr schreckt auch vor Gesang nicht zurück. Als ich endlich in Kleid und Jacke die Treppe hinunterlaufe, wäscht der Tierarzt ab. Schon hupt der Priester, der mich heute mit in die Stadt nimmt dreimal, ich winke dem Tierarzt, schnappe Tasche und Bananenbrot und laufe hinaus. Morgen Fräulein Read On, sagt der Priester und nimmt das Bananenbrot gerne an. Morgen Priester sage ich, der Tierarzt winkt mit dem Geschirrhandtuch: ‘Cause my heart it ain’t that broken/I survived way worse before /And all these words ain’t got me chokin’/Cause my heart it ain’t that broken. „Ist das der Tierarzt, der da singt“, fragt der Priester, da fahren wir schon die Dorfstraße hinunter, zu unserer Rechten das Meer eisblau und spiegelglatt und schon wird das Dorf im Spiegel kleiner und kleiner, doch das Lied bleibt uns im Rücken.Ich nicke „Ja, sage ich, das ist der Tierarzt der da singt“ und der Priester und ich lächeln uns zu. Cause my heart it ain’t that broken/ Cause my heart it ain’t that broken.

Leslie Clio, “My Heart Ain’t That Broken”

Worüber ich rede, wenn ich über Sex rede

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Meine liebe C. ist Ärztin in der kleinen Stadt in der schon meine Großmutter Ärztin war. Die C. behandelt den Jäger, der mit der Schrotflinte Unfug trieb, nimmt sich Zeit für die Mütter, die nicht mehr weiter wissen mit dem schreienden Kind und hat auch für die alten Leute, für die der Arztbesuch, oft die einzige Art des sozialen Kontakts ist, immer Zeit. Die C. steht nachts halb zwei auf und sieht nach dem Herzinfarkt, der sieben Schnäpse, aber sonst nichts im Magen hat und vor dem Frühstück hat die C. schon Erbsen aus der Nase gezogen und verrenkte Schultern gerichtet.

Vor etwas über einem Jahr rief die C. mich an und sagte: „Süße, ich brauche deine Hilfe.“ Wie in so viele kleine und größere Städte kamen nämlich auch in diese Stadt, Flüchtlinge. Es sind die übrigens nicht die ersten Flüchtlinge, die in die kleine Stadt kamen, in den 1990er Jahren kamen die Spätaussiedler, die die Bewohner aber nur die Russen nannten. Damals nämlich fragte meine liebe C. meinen Vater um Hilfe, der des Russischen kundig, Schilder malte, die den Neuankömmlingen halfen sich in der Praxis zurechtzufinden. Das wichtigste Schild war: „Bitte kommen sie nüchtern zur Behandlung.“ Mein Vater malte einen Bären, der mit brummendem Schädel vor lauter leeren Flaschen saß und später als die Schilder abgenommen werden sollten, entbrannte Streit unter den Spätaussiedlern, wer das Bild bekommen würde- aber schon schweife ich ab- in der Zwischenzeit heiratete mein Vater ( oh, der Glückliche ) die liebe C. und es verging Zeit so wie sie eben vergeht, bis zu jenem Anruf der lieben C.
„Süße“, sagte die C. also, ich brauche deine Hilfe. Könntest du Schilder auf Arabisch machen, nach Art des Praxisleitfadens, den wir damals für die Spätaussiedler hatten? Ich machte Schilder und die C. verlängerte die Müttersprechstunde.
Das ging eine Weile so und manchmal rief die C. an und ich übersetzte ihr, was die Flüchtlinge eben nur auf Arabisch sagen konnten. Nach der Kölner Silvesternacht, rief der Bürgermeister die Leute der Stadt zusammen, die mit Flüchtlingen zu tun haben. „Wir wollen hier kein Köln“ sagte der Bürgermeister, wie Bürgermeister eben so etwas sagen. Es kamen viele Vorschläge zusammen, die alle mehr oder weniger mit Sicherheit zu tun hatten und bei mir klingelte wieder das Telefon: „ Süße, sagte die C. ich brauche noch einmal deine Hilfe.“ Könntest Du dir vorstellen, dass Du deine Aufklärungssprechstunde auch bei mir in der Praxis machst?“
Ich lachte. „Sicher“, sagte ich und seitdem mache ich einmal Monat genau das. Ich sitze in der Praxis und auf lauter bunten Stühlen sitzen Männer um mich herum und wir reden über Sex. Damals als ich vor vielen Jahren in Indien als die kleine Slum-Klinik noch viel kleiner war als heute mit der Frage konfrontiert war, wie sich den rasend hohen Vergewaltigungsfällen begegnen lässt, kam ich auf die Idee, Sexualkunde zum Thema zu machen. Ich mache es bis heute, aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.
In der kleinen , deutschen Stadt jedenfalls montierte der Schlosser einen zusätzlichen Briefkasten neben den Eingang der Praxis und jeder der will und mag kann seine Frage aufschreiben, dort- anonym- hineinwerfen und wenn wir dann alle versammelt auf den Stühlen sitzen, und alle Männer auf den Boden starren, beantworte ich die Fragen. Bevor aber auch nur die erste Frage beantwortet wird, erkläre ich wieder und wieder die männliche wie die weibliche Anatomie.
Ich weiß nicht in vielen Sprachen ich Penis und Vagina sagen kann, aber es sind sehr viele. Es ist für viele Männer übrigens nicht nur Flüchtlinge ein Schock, aber auch ein befreiender Moment ihre Geschlechtsteile richtig benennen zu können. Das mütterliche Schniedelwutz und das kumpelhafte F*ckkanone das es in allen Sprachen gibt, ist nämlich mehr als hinderlich, um Wünsche und Bedürfnisse zu formulieren. Ich singe ein ewiges Mantra davon, dass der Penis kein Knochen ist, was fast alle Männer fest annehmen und wieder und wieder spreche ich darüber, dass ein Penis der hart ist wie Stahl kein anatomisches Merkmal, sondern ein nicht ( hahahaha) weichzukriegender Mythos. Ich male einen Frauenkörper auf ein großes Blatt Papier und lasse einen jeden zeichnen, wo die Vagina ist. Die meisten vermuten sie auf Höhe des Bauchnabels.
Wieder und wieder versuche ich zu erklären, dass sexuelle Bedürfnisse etwas völlig normales sind, nur man muss sie steuern lernen und Menschen haben eben sehr unterschiedliche Bedürfnisse. Es geht um Verhütung und Infektionskrankheiten und immer wieder um den Versuch darüber nachzudenken, wie man Intimität eigentlich herstellt. Es geht um die Frage: Wie spreche ich jemanden an und auch wann ziehe ich mich eigentlich aus.
Nein, leicht ist das nicht immer und vor allem in den ersten Stunden redet man gegen eine Wand aus Gekicher, Zungenschnalzen, Zoten und „warte bis du meinen gesehen hast“ an. Natürlich rufen mir viele auf der Straße Fräulein Fikki-Fikki hinterher. Man zahlt für das was man tut einen Preis und man hat mir schon viel schlimmere Dinge gesagt. Es mir ernst.
Die Fragen und ja ich beantworte alle, sind sobald sie aufhören Zoten zu sein, meistens braucht es ein Vierteljahr, lehrreich. Eine Auswahl:
Woran erkennt man, dass eine Frau Sex will?
„Aus dem Penis meiner Freundin kommt ein weißes Sekret- was heißt das ?
Wenn ich Sex in der Badewanne habe, brauche ich dann ein Kondom?
Ich habe unreine Haut/ bin kurzsichtig/ habe starken Haarwuchs / esse gern Gurken-masturbiere ich zu viel?
Ich träume von Oralsex: bin ich pervers?
Der Penis meines besten Freundes ist zwei Meter lang-warum ist meiner so klein?
Mein Vater sagt Frauen wollen hart rangenommen werden-stimmt das?
Mein bester Freund sagt, er hat jeden Tag zwei Stunden Sex?
Mein bester Freund sagt er hat sieben Stunden lang eine Erektion
Wird mein Penis härter reibe ich ihn mit Sperma/ Kokosöl/Klebstoff ein?
Ich hatte noch nie Sex-Bin ich unnormal?
Wie oft kann ich ein Kondom benutzen?

Die Reihe ließe sich ins Unendliche fortsetzen- Was ich gelernt habe aus den Fragen ist, vor allem die tiefe Verunsicherung nicht normal zu sein und nicht gängigen Klischees pornographischer Darstellungen zu entsprechen. Sexualität ist noch immer vor allem Vergleich, der sich in dem Moment erübrigt in dem jeder Einzelne verstanden hat, was sein Penis kann und mehr noch was alles nicht. Beantworte ich die Fragen aus dem Zettelkasten ist es immer ganz still und manchmal zeigt jemand auf und sagt: „Das wollte ich auch schon immer fragen.“
Nein, ich frage nie: nicht nach sexuellen Wünschen, nicht nach Ausrichtungen, nicht nach Erfahrungen. Das Fräulein Read On ist ein pragmatisches Fräulein und lässt Männer, auch üben ein Kondom aufzurollen und wieder abzuziehen. Bananen eignen sich dafür immer noch am besten. Die sind vor allem auch nicht aus Stahl. Nein, ich werde nie rot, auch wenn den Männern noch so sehr die Ohren glühen.

Ich finde es ja eklig, was du da machst“, sagen viele Freunde, Männer wie Frauen zu mir, erfahren sie was ich da mache „Mit lauter fremden Männern“, sagen sie und schütteln sich. „Igitt“, sagen die Frauen und Männer dann oft. „Schämst du dich nicht?“ Nein, sagte ich und schüttle den Kopf. Ich schäme mich nicht. Ich weiß nicht, wie oft ich in den letzten zehn Jahren gefragt worden bin, ob ich mich nicht schäme. Aber damals als ich in Indien mit einer Aufklärungssprechstunde begann, da fragte ich vorher meine Großmutter, was sie davon hielte: „Man muss tun, was getan werden muss“, sagte meine Großmutter, die 1922 geboren ohne rot zu werden, mir erklärte was der Unterschied zwischen Penis und Hoden ist.
Dem Zweifel sei entgegnet, dass sexuelle Gewalt stumm macht und das Vergewaltigung Scham und Schweigen über die Opfer bringen will. Solange man über Sex spricht und nachdenkt, beherrscht sexuelle Gewalt das Terrain nicht allein.

Nach zehn Jahren Reden über Sex weiß ich übrigens, die die am lautesten Fikki-Fikki schreien, schämen sich bald am meisten und bringen irgendwann Blumen. Der Junge, der vor zehn Jahren Steine im Slum nach mir warf, zog seinen kleinen Bruder fest am Ohr, als er nicht in die Aufklärungssprechstunde kommen wollte. Zweifellos bleibt nicht nur in Indien viel zu tun, aber im letzten Jahr ist im Slum in dem die kleine Klinik steht, keine Frau mehr im Straßengraben gefunden worden. Aber wie gesagt, das ist schon wieder eine andere Geschichte.

Der junge Mann, der in der kleinen Stadt am lautesten pöbelte, kicherte und hoffte, er brächte mich doch endlich in Verlegenheit, hat inzwischen eine Freundin und wieder rief die C. mich an: „Süße, sagte sie, er hat mir Grüße an das Fräulein Read On aufgetragen, irgendwann will er auch mal Sexologe werden so wie du.“ Dann müssen wir beide lachen. Von fern aber höre ich meine Großmutter sagen: „Man muss tun, was getan werden muss.“ So einfach ist das und auch so schwer.

Fundstücke

img_4495-1Das Dorf liegt still im letzten Licht. Die Frau des Krämers winkt mir: Fräulein Read On, da sind sie ja wieder! Ich winke zurück: Ja-ha, Frau des Krämers, ich bin wieder da. Fünf Minuten später verlasse ich ihr Geschäft mit einem Stapel voller Bücher. Die Frau des Krämers nimmt nämlich die Pakete für das ganze Dorf entgegen. Über meine Bücherlieferungen schüttelt sie nur den Kopf: „So viel kann man doch gar nicht lesen, Fräulein Read On!“ Dann gehe ich hinauf ins Oberland. Still ist das Haus, die Katze liegt wie gewöhnlich auf dem Sessel und schläft. Mein Eintreten ist für sie kein Grund auch nur mit der Schwanzspitze zu zucken. Der Tierarzt hat einen Zettel auf dem Tisch hinterlassen: „Verspäte mich“, kann ich entziffern und das reicht ja auch schon. Ich mache die Fenster auf, aber schon schlägt mir eine heftige Böe entgegen und dann fängt es an zu gewittern, heftig, ein Gewitter wie man es eigentlich nur aus dem Sommer kennt. Rasend schlägt der Regen gegen die Scheiben und schon verschwindet die Kirchturmspitze inmitten der Wolkenberge. Das Meer oder der Himmel schäumen wild und ans Fenster gelehnt, bin ich nicht mehr sicher, wo oben und unten ist. In Irland erst habe ich gelernt wie viele Grautöne es gibt: das Gewitter aber das draußen vorbei stürmt ist dunkelgrau aber noch nicht schwarz, die Welt vor dem Fenster ist schiefergrau, eine zementgraue Wand ist der Himmel und die Wellen brechen den Strand in viele, tausend kleine aschgraue Splitter. Die Wolken aber sind grauer Rauch, wie er so typisch ist für dieses Land in dem so viele ihre Öfen noch immer mit Torf befeuern. Hier macht der Fliegende Holländer Pause da bin ich mir sicher und ich liege mit dem Rücken auf dem Bett und warte ob er vielleicht bei mir klopft und einen grauen Mantel aus Dachsfell über den Küchenstuhl hängt. Ob er wohl Rum für den Tee verlangte oder sich eine Pfeife mit krümeligen, grauen Tabak stopfte? Noch aber ist er nicht da. Das Haus, oder besser die windschiefe Kate, knirscht und ächzt unter dem Ansturm der grauen Gewalten. Als ich hier einzog, misstrauisch beäugt von allen, besonders aber von der Frau des Krämers, sagten mir alle hier würde es spuken. Ich nickte und sagte, ich sei Jude und Flüche gewohnt. Die Frau des Krämers erstarrte und dies war wohl das einzige Mal, dass ihr die Worte versagten.

Der Mann, der vor langen Jahre in diesem Haus lebte, der letzte Engländer des Dorfes, der aushielt, auch nachdem die anderen das Land verlassen hatten, der einfach blieb, so erzählte mir die Mutter des Krämers einmal hatte stets ein Gewehr neben dem Telefon stehen. Die Mutter des Krämers trug eine Betthaube aus feiner Spitze und war die erste im Dorf, die mich duldete. Kindchen sagte sie und hieß mich eine Truhe aus dem Schrank holen. Der Schrank wie die Truhe war voller Erinnerungen und sie holte noch einmal in langsamen Bewegungen eine der vielen Erinnerungen heraus. Ein vergilbtes Foto, eines jungen Mannes, mit einem hübschen Setter auf den Knien, der Engländer also und wichtiger noch eine Tanzkarte, dort verzeichnet in ordentlicher Handschrift der Name desselben und der Mädchenname der alten Dame im Lehnstuhl. „Kindchen, der Mann konnte tanzen.“ Ich sehe sie noch die Frau, wie sie die Erinnerung vorsichtig in den Händen hielt, sie hin- und her dreht, damit auch ich sah und verstand, der Mann konnte tanzen. Ich verstand. Der Mann aber, der blieb, trotzig und trotzdem, war nicht mehr Teil des Dorfes, heiratete nicht, nicht das Mädchen, das dann die Frau des alten Krämers wurde und auch keine andere Frau. Niemals kaufte er im Laden des Dorfes Milch, Eier und Butter, sondern fuhr mit einem alten Citröen zwei Dörfer weiter um alles Notwendige zu besorgen. Am Anfang warfen die Kinder und Jugendlichen Steine nach dem Auto, aber bald schon hatte ihn das Dorf ganz und gar und so gründlich wie nur ein Dorf es kann ihn vergessen, selbst seinen Namen erinnerte nach einigen Jahren niemand mehr, er wurde der Engländer, auch sie vergass ihn schließlich, die Zeiten waren auch nicht nach Sommer und Tanz und getrockneten Rosen, sondern recht grau und bleiern schwer.

Einmal nur habe sie ihn besucht, da war ihr Sohn schon groß und ihr Mann schon verstorben, einmal noch habe sie Tee mit ihm getrunken und sah es selbst das Gewehr neben dem Telefon, von dem alle im Dorf immer sprachen. Warum er es habe, fragte sie ihn und er murmelte etwas von Vagabunden und rachsüchtigen Iren, aber dann für einen kleinen Moment wohl, verwandelte er sich noch einmal in den jungen Mann, der er doch einmal war, lächelte vielleicht so wie Männer immer dann lächeln wenn Sie wollen, dass ein Mädchen sich ihrer erinnert und sagte: natürlich habe ich das Gewehr nur für den Fall ein so unwiderstehliches Mädchen wie sie, würde von Banditen überfallen und er endlich in die glückliche Lage versetzt ihr zu Hilfe zu eilen. Die alte Dame aber errötete zart, damals im Bett und rückte ihre weiße Haube zurecht. Dann verpackten wir die Erinnerung vorsichtig und schoben sie zurück erst in die Truhe, dann in den Schrank und die Mutter des Krämers strich mir sacht über die Wange.

Weder das Telefon noch das Gewehr habe ich selbst gesehen, als ich hier einzog, waren nur noch graue Spinnweben an den Wänden, aber eines Abends, da war die alte Dame schon verstorben, brachte der Krämer mir eine Schachtel. Darin liegen noch immer die Erinnerungen sorgfältig eingeschlagen in Seidenpapier. Das Foto des Engländers aber hängt neben dem Bücherregal schräg gegenüber des Sessels auf dem die Katze so tief und fest schläft, nicht einmal das Klingeln an der Tür mag sie wecken. „Du hast doch Schlüssel“, sage ich zum Tierarzt, der im Türrahmen lehnt, aber der Tierarzt lächelt, schräg von unten, langsam von einem zum anderen Mundwinkel, ein Romeo- sieht-Julia Lächeln, ein lockendes, ein glitzerndes, ein silbergrau-funkelndes Lächeln, ein bisschen übermütig sogar wie es da aufblitzt zwischen Türrahmen und grauer Welt, ein Lächeln das nicht einmal vor den kalten Händen des Tierarztes verschreckt davonläuft, der sagt: ich will dich aber schon auf der Schwelle küssen, das schließlich immer noch auf seinen Lippen liegt, da küsst er mich schon und als ich mich umdrehe und das Bild des Engländers sehe, da spiegelt das Lächeln sich im Gesicht des Engländers wieder, fällt in den Spiegel, vervielfacht sich und will nicht vergessen werden.

Ein weißes Hemd

Der ehemalige geschätzte Gefährte, der liebenswürdige F. sitzt mit einigermaßen finsterer Miene am Frühstückstisch. „Ich bin sagt der F., als kommissarischer Chefarzt berufen wurden. “Mazal tov! F.”, sage ich und erinnere mich wie wir, so lange ist das noch gar nicht her, für die Facharztprüfung lernten. Aber als ich das warme Brot auf den Tisch stelle, sieht der F. noch immer sehr finster drein. Das ist doch wunderbar sage ich und nicke dem F. aufmunternd zu. Der F. knurrt. „Ich habe keine weißen Hemden“, sagt er schließlich und als Chefarzt kann ich ja nicht mehr so herumlaufen und zeigt auf sein Polo-Shirt. Der F. trägt nämlich seit vielen Jahren unter dem weißen Kittel ein Poloshirt von Lacoste. In seinem Büro hängen weiter identische Poloshirts, selbst im Auto für Notfälle sozusagen liegt ein weiteres Poloshirt der benannten Firma bereit. Komme was wolle, mag Blut den F. bespritzen oder Kinder auf ihn speien, noch niemand hat den F. je anders als in gestärktem und auf Kante gebügelten Polohemden durch die Krankenhausflure eilen sehen. Jetzt aber schüttelt er sich vor heißem Degout. „So kann ich wirklich nicht mehr gehen, greint er und zupft am Poloshirt ( lindgrün) herum und schüttelt sich vor Ärger. Ich sehe ja aus wie ein Strolch, ein Scharlatan, jeder Barbier hat mehr Schick als ich und der F. schlägt jammernd die Arme über dem Kopf zusammen: „Schande werde ich über die Klinik bringen und man wird sagen, das Unglück begann mit dem Tag als der Chefarzt keine weißen Hemden mehr trug.“ “Überhaupt” sagt der F. “habe ich den Professor, noch nie in etwas anderem als einem weißen Hemd gesehen.” Ich esse derweil ein Marmeladenbrot, aber nicht mehr lange, denn der F. ist wild entschlossen, hier, jetzt und heute weiße Hemden zu erstehen. Wenig später also, ich esse das zweite Brot mit Brombeermarmelade eben im Gehen, sitzen wir im Auto und fahren stadteinwärts. Dann betreten wir das Lafayette und sehr zielstrebig eilen wir in die Herrenabteilung. Eine sehr freundliche Verkäuferin, die noch nicht weiß, was sie erwartet, nimmt sich unser an. „Ich suche “sagt der F. ein weißes Hemd.“ Die Verkäuferin strahlt. Wenig später, ich suche mir inzwischen eine Sitzgelegenheit, kehrt die Verkäuferin mit einem weißen Hemd zurück. „Nein”, sagt der F. und schüttelt den Kopf. “Dies sei kein weißes Hemd, dies ist eine Schande.” Die Verkäuferin nickt. Noch immer lächelnd bringt sie zwei, neue Hemden. “Aus Frankreich” sagt sie, “Seidenzwirn.” Der F. besieht die Hemden misstrauisch und probiert immerhin eines der Hemden an. Aus der Kabine tönt ein Klagelaut. “F. frage ich, ist alles in Ordnung?” Der F. tritt aus der Kabine hervor und schüttelt den Kopf: „Ich sehe doch aus wie ein drittklassiger Versicherungsvertreter!“ “Es gibt sehr nette Versicherungsvertreter” sage ich, aber der F. bedeutet der Verkäuferin, neue weiße Hemden hervorzuholen. Die Verkäuferin nun mit einem etwas angestrengterem Lächeln, bringt einen Stapel neuer Hemden. Alle sind weiß, glänzend, schön und neu. Hemd um Hemd probiert der F. an, nur um Hemd um Hemd zu verwerfen. “Der Kragen kneift, das ist kein Weiß sondern Creme, solch ein Hemd trüge ich nicht auf meiner eigenen Beerdigung , kein Hemd, sondern ein Zumutung, die Brusttaschen kratzen, die Ärmel sind mir widerlich, dieses Hemd hat keine Seele, ich sehe aus wie der Preisprüfer eines Kaninchenschauwettbewerbs, ein Lumpen von einem Hemd, dieses Hemd macht mir einen dicken Hals, in diesem Hemd habe ich eine Hühnerbrust, die Knöpfe sind jämmerlich, das Hemd fasst sich widerlich an”, sind nur einige der wenigen Bemerkungen, die der F. in den nächsten Stunden aus der Umkleidekabine greint, raunt, flucht und schnauft. Ich lese die Zeitung und die Verkäuferin schleppt inzwischen mit immer verzweifelterer Miene, unterstützt von einer Kollegin immer neue Hemden heran. Ein Hemd nach dem anderen aber wird vom F. als vollkommen inakzeptabel verworfen. Schließlich stürmt er verdrossen aus der Umkleidekabine heraus. „Hemden schnaubt er, kann überhaupt nur in London kaufen” und dann stürmt er davon.Ich packe die Zeitung ein, lächele die Verkäuferin an und kaufe zehn Hemden des ersten Modells. Schmaler Schnitt, blütenweiß, breiter Kragen, runde Knöpfe, Seidenzwirn aus Frankreich. Die Verkäuferin sieht mich an und räuspert sich: „Kompliziert, ja? „fragt sie, aber ich schüttle den Kopf, „Ach was sage ich, Sie waren noch nie mit ihm Schuhe kaufen.“ Dann suche ich den F. Der ehemalige, geschätzte Gefährte und kommissarische Chefarzt ist in der Lebensmittelabteilung und isst Macarons. „Die sind für dich“, sagt er und schiebt den Teller zu mir herüber. Ich überreiche ihm im Gegenzug die Tüte mit den Hemden.Später im Auto sieht der F. zu mir herüber.”Schreibst Du das alles in Internet?, fragt der F. seufzend. Ich nicke. Der F. seufzt noch einmal wie ein Galeerensklave.Dann sind wir endlich wieder zu Haus.

Der F. probiert die Hemden vor dem Spiegel an und dreht sich vorwärts, rückwärts und seitwärts, zieht am Kragen, öffnet und schließt die Knöpfe, bevor er sich endlich den weißen Kittel über das Hemd zieht.Damals in Göttingen dachte ich mit der Facharztprüfung sei das Schlimmste überstanden, wer konnte da schon ahnen, wie schwer es ist, wird man zum Chefarzt berufen. „Kommissarisch”, ruft der F. aus dem Badezimmer, “nur kommissarisch” und sucht nach Stethoskop, den Schlüsseln und dem Herold für Innere Medizin.