Höhere Mächte

Fast so lange wie ich die D. kenne war D. mit dem E. liiert. Die D. müssen sie sich als eine überaus vernunftbegabte Person vorstellen. Auf keinen Fall ist sie je solch ein Zausel gewesen wie das Fräulein Read On. Die D. mit ihren roten Locken und grün gesprenkelten braunen Augen und ihrer immer aristokratisch-gelassenen Haltung ist das genaue Gegenteil des benannten Fräuleins. Die D. weiß gar nicht was eine Laufmasche ist, während das Fräulein Read On schon Vorträge mit abgebrochenem Hacken absolviert hat. Nicht nur weil das Wort patent so überaus treffend für die D. ist, ist sie Patentanwältin geworden und der E. ihr langjähriger Gefährte tat es ihr nach. Den E. allerdings habe ich nie recht leiden mögen, vor allem weil er stets mit weinerlicher Stimme von seinen vielen Wehwehchen klagte und mir einmal sogar sein Taschentuch mit Inhalt unter die Nase hielt-wohl in der Erwartung, dass ich einstimmte in sein Jammern und Klagen. Aber wer das Fräulein Read On kennt, wird wissen, dass der E. mit schallendem Gelächter noch einmal milde davongekommen ist. Aber die Gefährten lieber Freunde ertrage man mit nachsichtiger Milde und als die D. vor einem Jahr, etwa um diese Zeit ankündigte, dass sie und ihr lieber E. das Weihnachtsfest statt bei seinen Eltern im schönen Schwetzingen zu verbringen, nach Mexiko fliegen würde, nickte ich beipflichtend und fragte, es sage ja keiner, dass Fräulein Read On sei ein Unmensch, ob der E. sich denn für solch eine Reise gesundheitlich gerüstet fühle. Der E. so die D. hat eine ausführliche Beratung bei einem Institut für Tropenkrankheiten absolviert und sei guter Dinge. Ich wünschte das Allerbeste und bestärkte die D. in der Annahme der E. würde vor Palmen und weißem Sand einen Ring aus der Hosentasche ziehen und die D. bräuchte nur mehr romantisch: „Ja ich will“ zu hauchen. Der D. patent wie sie nun einmal ist, war diese Fantasie so konventionell sie auch sein mag, durchaus peinlich. Die D. ist in allen Fragen des Lebens praktisch und hat sich nie mit derselben Begabung in amouröse Katastrophen gestürzt wie sagen wir das Fräulein Read On. Auf dem Flughafen jedenfalls stießen die G. und der K. dazu, aber beide kenne ich nicht. Der E. habe sie wohl auf einem Juristenkongress kennengelernt und man habe sich sympathisch genug gefunden, um auch eine Fernreise unbeschadet zu überstehen. Mexiko jedenfalls habe sich gut angelassen. Die Sonne schien. Der Wind hauchte mild. Schwetzingen und die seltsamen Eltern des E. waren fern. Kühl war der Weißwein in den Gläsern und wenn der E. auch über Kopfschmerzen und ein Stechen in der Brust klagte, so war doch alles von mexikanischem Blau- es war ja Weihnachten-überzuckert. In den nächsten Tagen besichtigte man gemeinsam Tempel und bestaunte alte Götter. Abends aß man guten Fisch und trank noch mehr vom kühlen und sehr angenehmen Wein. Die D. schaute dann und wann zum E. herüber, ob er nicht wohl doch einen Ring? Aber dann unterhielt sie sich mit der K. über gemeinsame Berliner Bekannte und mit dem G. über den Kauf einer Ferienwohnung in der Toscana. Der E. sprach munter dem Wein zu, nieste, schniefte und keuchte wenig und so schlief man gut im weihnachtlich beleuchteten Hotel. Anderntags las man am Pool, schwamm und die D. ließ sich massieren. Am Abend klagte der E. über Druck auf der Brust. Die G. aber bot dem E. etwas Homöopathisches aus ihrer Reiseapotheke an. Der E. nahm dankend an und folgte der G. Zurück blieben D. und K. Lange sahen sie der Sonne beim Versinken zu. Dann ging die D. schlafen, der E. indes war noch nicht zurück von den heilenden Händen der G. Am anderen Morgen jedoch lag der E. leise schnarchend an ihrer Seite. Aber auf den geplanten Ausflug hatte er keine Lust und auch die G. fühlte sich nicht ganz an Deck. Den Ausflug machten dann die eben der K. und die E. Überraschend stellte sich der K. als Kenner aztekischer Kultur und die D. hörte dem K. gern zu und schickte Fotos zu mir nach Berlin. Als sie schließlich in das Hotel zurückkehrten wand sich der E. jedoch keineswegs auf dem Boden noch tappte die G. halbstündlich ins Bad. Vielmehr saßen die E. und der G. sehr lebendig auf der Terrasse, mit Blick aufs Meer, der kühle und sehr gute Weißwein in Reichweite und hielten sich bei den Händen. Der E. so die D. trug einen überaus albernen Sombrero und als die D. und der G. ins Bild traten, beugte sich die G. vor und küsste den E. auf die etwas zu schmalen Lippen. Noch am selben Nachmittag aber zog der E. ins Zimmer der G. und der K. nahm sich ein Einzelzimmer. Die verbleibenden Urlaubstage aber sah die D. lange aufs Meer und nahm die Arbeit zur Hand, die sie, patent wie sie ist eingesteckt hatte. Manchmal machte sie einen Spaziergang mit dem K., der für lange Stunden in einem Buch über aztekische Zahlensymbole las. Auf dem Rückflug tauschte die D. den Sitzplatz, aber neben dem K. saß sie nicht. Zurück in Berlin, packte der E. seinen Koffer in der gemeinsamen Wohnung gar nicht mehr aus. „Unsere Immunsysteme harmonieren nicht“ ließ er die D. wissen und sah sich nicht noch einmal um.

„Dieses Jahr aber“ sagt die D. „bliebe sie über Weihnachten in Berlin“ und zuckt mit den Schultern. „Der G. und die E. wären inzwischen verheiratet, so hätte sie gehört und verbrächten ihre Flitterwochen in Mexiko“. „Der K. würde ihr immer mal schreiben, geantwortet hätte sie ihm nie. Vielleicht würde sie sich Weihnachten endlich einmal an einen Antwortbrief setzen, es sei ja schließlich keine Art sich so gar nicht zu melden“. Die D. aber das sagte ich ja bereits ist eine ausgenommen, praktische Person, ganz ohne Fehl und Tadel und wäre niemals wie das Fräulein Read On auf die Idee gekommen, dem frisch vermählten Paar eine sehr schlechte Kiste Weißwein zu schicken, von der man garantiert solche Kopfschmerzen bekommt, dass selbst die flucherprobten Götter der Maya und Azteken nicht ganz unbeeindruckt gewesen wären oder vielleicht sind, denn wir Sterblichen wissen nichts über ihr Wesen und Sein.

Der Angst nachgehen

Während meines Vortrages schütteltest du den Kopf und gingst. Die Tür fiel krachend ins Schloss. Aber das passiert bei Vorträgen zum Thema: Sexualaufklärung, Verhütung und Familienplanung in Slum Communitys sehr oft und nicht nur in Neu-Delhi spucken mir Männer ins Gesicht. Es lohnt sich nicht einer krachenden Tür hinterherzusehen und so redete ich weiter. Ich erzählte von den Eisenbahnschienen, die am Slum entlanglaufen und den morgendlichen Leichenzählungen, damals als wir dort begannen, zählten wir vor allem tote Frauen.

Nach dem Vortrag und vielen geschüttelten Händen atmete ich endlich aus. Meine Abneigung gegen feuchte Hände ist schier unüberwindlich und ich wusch mir die Hände. Lange und gründlich. Flackerndes Neonlicht im Bad. Im Flur, grauer Teppichboden, graue Stühle, graue anthrazitfarbene Anzugträger überall, dort standest auch du und sehr laut und sehr akzentuiert, damit ich es auch hörte, sagtest du zu einem der Anzugträger: „Frauen wie die da, mit ihren Weltrettungsambitionen machen mich krank.“ Ich lächelte leise, denn ich kenne das schon. Du trugst kein graues Sakko und auch keine graue Hosen. Du warst ganz in Schwarz, schwarzer Rollkragenpullover, schwarze, sehr teure Hosen, schwarze Schnürstiefel und schwarz waren deine Augen und schwarz wie deine Augen war auch dein Haar. Der Anthrazitgraue nickte über seiner Kaffeetasse und ich ließ euch stehen und stieg hinauf auf die Dachterrasse. Sonne und Luft und nichts davon grau. Dafür New York vor mir und endlich ausatmen. Aber lange hielt das nicht, nicht die Weite der Stadt, die Sonne und auch nicht das Atem holen. Schon standet du vor mir. Ganz schwarzer Schatten. „In Aleppo sterben Menschen, schriest du mich an, sterben Menschen und sie behelligen uns mit Tampons, Kondomen und Frauenproblemen. Ich sah dich an und sagte: „Kennen wir uns?“ Aber du warst schon weiter und verfluchtest mich. „Genau wegen solch Menschen wie mir, ginge die Welt vor die Hunde. Ewiges Geschwätz von Waschweibern, die nichts wüssten vom Krieg. Keine Ahnung hätte ich von zerschossenen Häusern, vom Bombenhagel, von verkohlten Autowracks, von zerfetzten Körpern und dem sengenden Geruch nach Brand und Munition sondern stattdessen vertriebe ich mir die Zeit mit meinen Frauen und ihren Problemchen. Du tobtest immer lauter und weiter und an deiner Schläfe pochte eine Ader. Ich saß da in der Sonne und in deinem Schatten und sah dich an und du tobtest dich aus. Ich hatte kalte Hände und erst als du schriest: Fuck, fuck fuck you, stand ich auf und trat auf dich zu und ich griff mit beiden Händen in deinen Pullover, schwarz und weich unter deiner Härte. Dein Geruch war Traurigkeit. Meine Hände aber sind eisern. „Hören sie“ sagte ich zu dir, du schriest ja noch immer, keine Frau in Aleppo wird lebendig, liegen meine Frauen tot am Straßenrand, keine Bombe fällt nicht, weil es in Neu-Delhi eine Müttersprechstunde gibt, niemand wird gerettet, weil es in einem Slum in Indien Kondome gibt. „Unter meinen Händen zitterten deine Schultern. Aber ich ließ nicht los. „Meine Frauen und ihr Aleppo teilen nur die Unsichtbarkeit und die wird auch nicht deswegen kleiner weil es bei Twitter Betroffenheit und dann auch wieder Katzenbilder gibt. Die Welt und meine Knöchel waren weiß unter deinem Schwarz, aber ich gab nicht nach, die Welt geht weiter mit Aleppo, mag da auch eine Mutter schreien wie ein Tier, man wird sie nicht hören , aber Sie, sie kriegsversehrte Taube brauchen ihre Kräfte für den Krieg.“ Ich sah ich dich an, bevor ich sagte, „ich weiß dein Herz ist müde und deine Traurigkeit so schwer.“

Stumm und zitternd sahst du auf mich herunter. Meine Hände drückte ich gegen deine Rippen, denn ich kenne das schon, kenne doch die Narben,  es sind dieselben, die auch zwischen meinen liegen, nur spiegelverkehrt, drückte mich in deine Narbe hinein, zeichnete den Stiefelabdruck nach der da zwischen deinen Rippen lag und zog deine Finger zwischen meine Rippen. „Nichts daran ist gut“ sagte ich und zog meine Hände fort.

Zwei Stunden habe ich heute für den Vierzeiler an dich gebraucht. Prends ma main. Es ist die gleiche Angst.

Ein Tag in zwölf Bildern, Dublin

Zum letzten Mal in diesem Jahr. Ein Tag in zwölf Bildern:

The world still dark #1v12 #12von12 #12v12 #earlymorning #dublin #monday #work #herewegoagain

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Eigentlich ist es ja nur früh und sehr, sehr still und bekanntlich mache
ich ja auch die schlechtesten Bilder der Welt.Aber hier beginnt der Tag,
so als ob es doch eine Glaskugel gäbe und in ihr verborgen die Wunder
der Welt. Es ist kurz nach sieben Uhr und von Wundern nichts zu sehen

Thou shall not speak. #2v12 #12von12 #12v12 #library #tcd #font #books #sobeit

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Die Bibliothek bittet um Ruhe, denn hier dürfen nur die Bücher wispern und
wer weiß, vielleicht wechseln sie Nachts ja die Plätze und tanzen Foxtrott oder eine eilige Polka, denn die Bücher, die ich suche sind nicht an ihrem Platz. Man
weiß nichts über das Leben der Dinge

Well. Lunch is not a too great affair these days. #3v12 #12von12 #12v12 #lunch #canteen #leekpotatosoup #marblecake

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Eigentlich würde ich gern sagen, dass dies die schlechteste Kartoffel-Lauch-Suppe ist, die ich je aß, aber ich versuche meinen Studenten immer zu sagen, dass sie vorsichtig sein sollen mit Superlativen. Das beste Buch ist noch nicht geschrieben und sehr sicher, die schlechteste auch noch nicht bereitet. Dies aber war eine am wenigsten ansprechenden Kartoffel-Lauch-Suppen, die man sich nur vorstellen kann, klebrig und zäh und von schlieriger Konsistenz. Über den Kuchen will ich gar nicht erst reden.

We make a plan #4v12 #12von12 #12v12 #planning #work #hereyougomonday

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Am späten Nachmittag treffe ich den B. Wir machen einen Plan und der Plan klingt gut, wenigstens auf dem Papier.

I am devoted to Bramley apples. #6v12 #12von12 #12v12 #bramley #thebestapple #bake #winterindulgence #green

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Ich brauche Bramley Äpfel und die Frau des Krämers daheim im Dorf hat keine mehr
und so eile ich hinüber und kaufe so viele wie in die Tasche passen. Ich mag die Äpfel sehr gern,ihren Geruch nach nassen Sommerwiesen und die ihnen eigene Schwere, niemals vermutete man, dass diese Äpfel butterweich und zart zerfallen. Aber der Priester hat am Mittwoch Geburtstag und wünscht sich einen Kuchen, der nur mit Bramley Äpfeln gelingt.

Dublin has light up #5v12 #12v12 #12von12 #dublin #lights #streetlife

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Dublin ist hell erleuchtet und alle machen Bilder. Jedes Jahr aufs Neue. Ich mache natürlich mit. Glitter and Gold.

Home bound. #7v12 #12von12 #12v12 #commute #irishrail #countryside #tired #commuterlife

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Schon ist es Abend und ich sitze im Zug. Neben mir sitzt eine Frau, die angeregt telefoniert. Dabei schüttelt sie ihre Handgelenke und ihre goldenen und silbernen Armreifen klirren sehr melodiös, zart und doch sehr durchdringend, noch als die Frau aussteigt, ist mir als hörte ich das leise Klingen noch immer dicht und unmittelbar an meinem Ohr

Finally. #8v12 #12von12 #12v12 #home #nightfall #ireland #strangelight #lantern #glow

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Auf dem Weg nach Haus. Würde ich Kriminalfilme sehen, käme der Weg mir wohl wie ein Krimi vor. Aber ich sehe nie Kriminalfilme und richtig dunkel wird es sowieso erst in 200 Metern.

Donal Ryan ist ein grandioser irischer Schriftsteller. Diesen Tonfall vergisst man nie und immer sind seine Geschichten so leise wie schmerzhaft, die Charaktere sie stolpern und straucheln und fallen und er der Erzähler zwingt uns hinzusehen. Es hat etwas erbarmungsloses diese Literatur, aber auch etwas Zartes und vor allem erzählt von einem Irland jenseits des gängigen Klischees.

Selbst Schwesterchen, die sich aus Keksen nichts macht gibt zu, dass die Dattel-Makronen sehr, sehr gut sind. Sie sind es wirklich.

An fast jedem Abend stelle ich ein Hygiene-Kit zusammen, denn früh am Morgen auf dem Weg zur Arbeit, schlafen so viele Menschen auf der Straße, dass man nicht einfach nur vorbeigehen kann. Vor allem für Frauen ist es schwierig adäquate Monatshygiene zu erhalten und ob auf der Straße ode nicht, es ist ein Recht eines jeden Menschen sich vor sexuell übertragenen Krankheitserregern zu schützen, deswegen sind immer Kondome und Binden und Tampons in den Beuteln neben ganz banalen Dingen, wie Zahnbürsten oder Seife. Trotzdem ist das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein und es macht mich so müde wie traurig, dass in Dublin so viele Menschen auf der Straße leben.

Nite-nite #12von12 #12v12 #nitenite #sweetdreams #brushedteeth #theend

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Am Ende des Tages noch einmal Zähne putzen. Ihnen eine gute Nacht.

Andere Tage in zwölf Bildern gibt es wie immer bei Draußen nur Kännchen.

Ein Sonntag im Dezember

Der Tierarzt sitzt am Küchentisch. Glücklich sieht er nicht aus. Der Tierarzt schreibt an einem Aufsatz zum Thema: Der Einsatz von Antibiotika in der Schweinezucht und dann folgt eine lange Reihe sehr komplizierter Fachtermini. Das Notebook vor dem der Tierarzt sitzt, zeigt eine leere, weiße Seite. Der Tierarzt seufzt. Auf dem Küchentisch stapeln sich die Fachbücher und turmhoch sind die Notizen durch die der Tierarzt sich wühlt. Ich sitze in Decken gehüllt auf dem alten, grünen Sofa, denn mir ist kalt. Passend zu meiner roten Nasenspitze, höre ich Schuberts „Winterreise“  und schlürfe sehr, sehr heißen Earl Grey Tee. Auf meinem Schoß liegt ein belangloses, aber mich über die Maßen erheiterndes Buch aus dem 19. Jahrhundert. Dann und wann esse ich ein Stück Nussschokolade und sehe hinüber in die Küche. Dort tigert der Tierarzt inzwischen zwischen Herd und Spüle hin- und her und murmelt unverständliche Sätze und rauft sich die Haare, bevor er erneut den Küchentisch umkreist. Caged animals pace. Children fidget. A gentlemen sits quietly lese ich dem Tierarzt vor. Der Tierarzt grunzt nicht unähnlich seinen Studienobjekten und faucht: „Sehr hilfreich Read On“. „Das dachte ich mir Tierarzt“, sage ich milde lächelnd, wenn auch sehr, sehr fröstelnd. Der Tierarzt setzt sich erneut an den Tisch und jammert: Die Abgabefrist sei von unmenschlicher Kürze, das Thema von epischer Breite, die anderen Tierärzte viel klüger und überhaupt hätte er im August beginnen müssen, die Notizen der letzten zwei Jahre zu ordnen. The perfect gentleman rufe ich vom Sofa herüber keeps his affairs in order at all times. Der Tierarzt wirft das Plumb’s Veterinary Handbook nach mir. Das Buch landet einen halben Meter vor dem Sofa. The perfect gentleman verlese ich never looses sight of his goals. Der Tierarzt kommt ins Wohnzimmer und vorsorglich bewaffne ich mit einem Quastenkissen, aber der Tierarzt knurrt nur misssmutig und selbst die Katze, die den Tierarzt abgöttisch als sei er Anubis selbst verehrt, wird nur kurz getätschelt und der Tierarzt kehrt zurück an den Küchentisch. Dann ist es still. Der Tierarzt hackt frenetisch in die Tastatur und ich wechsle von der Winterreise zu Schuberts Vertonung von „Auf dem Wasser zu singen“ Eines jener Lieder über die ich mich nie habe beruhigen können, immer ist mir als zöge das Lied mich mit hinaus aufs Wasser und von dort aus immer nur weiter und weiter in die Unendlichkeit: Morgen entschwinde mit schimmerndem Flügel/ Wieder wie gestern und heute die Zeit. Darüber schlafe ich ein und als ich erwache, sitzt der Tierarzt neben mir auf dem Sofa. Eine Zumutung von Text sei es klagt er, noch nie sei Dümmeres und schlimmer noch Banaleres geschrieben wurden als von ihm in diesem Aufsatz, der eine Schande für die ganze Zunft sei und wahrscheinlich drohe ihm der baldige Entzug der Approbation. Seinen Namen müsse er ändern, das Land verlassen, die Praxis aufgeben und am besten als Schafscherer in Neuseeland anheuern. Ich schlage das Buch auf und richte mich auf: Life is not theatre, ballet or opera. Scenes belong on the stage. Der Tierarzt sieht mich entsetzt an. Du bist, beginnt er und schnappt nach Luft wirklich, aber bevor er noch unmöglich rufen kann, falle ich ihm ins Wort: Curiosity about womenfolk is a luxury a perfect gentleman can not afford. Der Tierarzt schüttelt den Kopf. “Ich weiß wirklich nicht, warum ich dich so mag.” A perfect gentleman has a clear conscience at all times, erwidere ich und schäle mich seufzend aus dem Deckenberg, schütte den kalten Tee in den Ausguss, bedauere nicht mehr Nussschokolade gekauft zu haben, stoppe den Plattenspieler und suche nach einem Lesezeichen für das so erquickliche Buch. „Dann lass uns deine Notizen mal besehen“, sage ich zum Tierarzt und schon sitzen der Tierarzt und ich am Küchentisch und sortieren Notizen und Aufzeichnungen, der Tierarzt seufzt und isst aus Verzweiflung mehr Kekse und Kuchen als er sonst je täte und immerhin das ist ein Lichtblick an diesem ansonsten recht trüben, und nasskalten Sonntag, der ganz unter dem Zeichen des Schweins und der Wissenschaft steht.

Feierliches Beisammensein zum Jahresausklang

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ich der Jude bei uns im Kolleg seit Jahr und Tag für die Weihnachtsfeier zuständig bin. Die Weihnachtsfeier aber kann nicht länger Weihnachtsfeier heißen. Das Wort Weihnachtsfeier sei ein Begriff, der Anstoß errege und Gefühle missachte, sagte man mir. Anonyme Briefe seien eingegangen und es habe Beschwerden gegeben. Mir ist nicht klar, warum nun eine Weihnachtsfeier verletzender sein solle, als ein falsch adressierter Liebesbrief, aber andere mögen mehr Gefühle haben als ich. Ich spreche also mit dem Hausmeister, der die Dekorationselemente ( eine mäßig funktionierende Lichterkette und einen Karton mit unbrauchbarem Klimbim vor das Büro hievt. Ich seufze. „Hausmeister, sage ich kommen Sie denn auch?“ Der Hausmeister bellt schwer Verständliches. Ich mache mein freundlichstes Schafsgesicht und der Hausmeister bellt noch einmal: „Ob es mulled wine ( eine eigentümliche Spezialität dieses Landstriches, nicht unähnlich eines Punsches gebe.) Ich nicke und sage aber gewiss, mulled wine gehört doch zu den traditionellen Spezialitäten eines feierlich, festlichen Jahresendumtrunks. Der Hausmeister starrt mich entsetzt an, dann schlurft er nach draußen und steckt sich eine Zigarette an.

Ich schicke eine Einladung umher, die höflich-freundlich und alles Weihnachtliche vermeidend, die lieben Kollegen zum zahlreichen Erscheinen bittet. Elf Minuten später, stürmt die B. aus dem Iran gebürtig in mein Büro. „Äh, Du Read On, die Einladung da, das ist die Weihnachtsfeier, ja?“ Ich seufze und nicke und murmele etwas von verletzten Gefühlen. Die B. sieht mich sehr irritiert an. „Heißt das es gibt dieses Jahr keinen Weihnachtsbaumschmuckwettbewerb?“ Ich schüttle den Kopf. Die B. flucht. „Sag doch nicht immer Weihnachtsbaum B.“ sage ich, besser ist: „Immergrünes Jahresendgewächs.“ Die B. zeigt mir einen Vogel. „Aber „mince pies“ gibt es schon noch, fragt sie und ich nicke. Am Abend gehe ich in den einzigen Lebensmittelladen des kleinen Dorfes. „Frau des Krämers“ sage ich, „wir brauchen Mince Pies für das festliche Beisammensein zum Jahresschluss.“ „Fräulein Read On sagt die Frau des Krämers haben Sie Fieber?“ Ich mache doch jedes Jahr Mince pies für die Weihnachtsfeier.“ Ich zucke zusammen. Die Frau des Krämers will meinen Erklärungen nichts wissen. „Stadtmenschen“ knurrt sie wie der alte Hofhund und schüttelt den Kopf. Ich nicke besänftigend. Dann gehe ich herüber zum Metzger. Das Dorf hat zwei einen für Geflügel und einen für Schwein und Rind. Letzteren betrete ich fast nie. Deswegen ruft die Verkäuferin auch gleich nach hinten: „Cheeeeef, das Fräulein Read On!“ Der Chef kommt und strahlt: „Ach Fräulein Read On, Sie kommen wegen der Bestellungen für die Weihnachtsfeier! „Ach Metzger sage ich, es ist heuer Besinnliches Beisammensein im Schein warmer Lichter.“ Der Metzger schaut verdutzt. „Wenn Sie das meinen Fräulein Read On!“ Ich seufze wieder und bestelle: Würstel im Schlafrock, Pasteten und vielerlei andere Dinge. Zuhaus jage ich den Tierarzt los einen Mistelzweig zu besorgen und der Tierarzt schnauft. „Das ist sooo überholt“. Niemand hat doch mehr einen Mistelzweig über dem Türrahmen hängen. Noch dazu auf einer Weihnachtsfeier.““Papperlapapp“ erwidere ich: „Der Mistelzweig kommt in eine Vase, und zweitens ist der Mistelzweig ein frohes Symbol frischen Lebens, symbolisiert Neunanfänge und lässt die Liebe hochleben. Keineswegs repräsentiert der Mistelzweig vorrangig Weihnachtliches.“ Der Tierarzt starrt mich entsetzt an. „Manchmal glaube ich der Priester hat Recht sagt er und du warst bestimmt einmal im Jesuitenseminar.“ Tierarzt sage ich: Mistelzweig. Ich übersetze einen Stapel Fragen aus Max Frischs Questionnaire. Wenn sich schon nicht geküsst werden soll, dann muss man wenigstens Gesprächsbedarf schaffen. „Gibt es kein Weihnachtsrätsel dieses Jahr?“ fragt mich der  W. und ich seufze. Doch sage ich es gibt ein Rätsel, welches sich dem Thema: Das Jahr neigt sich dem Ende zu zum Thema hat. W. zieht die Stirn in Falten. „Du meinst das Weihnachtsrätsel ja?“ Ich knurre. „Wirst du wohl aufhören das W- Wort ständig im Mund zu führen?“ Der W. weicht rückwärts aus dem Raum. Ich öffne die Kiste mit dem Dekorationsklimbim und setzte schnarrend und schnaufend das immergrüne Ungetüm zusammen. Dann behänge ich es mit genug Klimbim, dass man es keineswegs für einen Weihnachtsbaum, sondern nur für einen Pfingstochsen halten kann.

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Pfingstochse in Aktion

Ich überlege noch, ob ein Zettel mit der Aufschrift: DIES IST KEIN WEIHNACHTSBAUM!!! hilfreich wäre. Am Abend der Feier dann bin ich die einzige die keinen mulled wine schlürft, unter keinen Umständen auch nur ein Würstchen im Schlafrock anrührt, von Jingle Bells nicht einmal die erste Strophe kennt und in der Küche natürlich Handschuhe trägt zum Einwicklen des Schinkens in die Melonenscheiben. Die Gäste sind heiter und lustig und haben augenscheinlich Freude mit Max Frisch. In der Dunkelheit spiegelt sich die kunterbunte Plastiktanne. Ich denke wie so oft an meine Großmutter, die kopfschüttelnd zu mir sagte, dass die DDR glaubte man könne aus Engeln, Jahresendflügelfiguren machen und noch mehr als das es mich wundert, dass ich der einzige Jude des Kollegs die Weihnachtsfeier organisiert, erstaunt mich, dass sich ausgerechnet Universitäten in jene Reihe der Verbiegungen und Wortbrechereien einreihen, für die die DDR zu Recht so traurige Berühmtheit erlangte.

Kaffee im Wartesaal

Ein Treffen mit einem mir zutiefst unsympathischen Kollegen in einem Coffeeshop. Natürlich ist er noch nicht da. Ein scheußlicher Ort. Eine Mischung aus Raststätte und Altenheimcafeteria. Das Mobiliar aus schwarzem, quietschenden Kunstleder, eine traurige Palme an der Wand repräsentiert wohl das Konzept Wohlfühloase. An den Wänden großflächige Fotografien an denen Menschen jauchzend vor Kaffeetassen sitzen. An der Kasse eine lange Schlange von Menschen, die versuchen die absurden Namen der Getränke herbeizubuchstabieren. Die Mitarbeiter ausnahmelos aus Osteuropa versuchen verzweifelt, die absurden Namen an den Barista, so steht es auf einem grauen T-Shirt gedruckt, weiterzugeben. Ein aussichtloses Unterfangen, denn keiner derjenigen in der Schlange entsinnt sich mehr ob sein Kaffee nun „Super-Festive-Almond-Mocha-Frappucino-Mint-Cherry“ heißt oder Mint-Cherry-Super-Almond-Festive-Mocha. Mit versteinerten Mienen balancieren die Wartenden ihre Tassen zu den Tischen. Alles wird in abstrus großen Tassen oder Gläsern serviert. Es hat etwas von einer Gesellschaft von Riesen, die hier verköstigt werden soll. In der Wirklichkeit aber sitzen nur erschlaffte Menschen vor den Tassen und starren in die sahnebehäufte See vor ihnen auf dem Tisch. Eine Gruppe von Chinesen, wohl auf dem Weg zum Flughafen legt ihre Köpfe auf die Tischplatte und ist auch nicht durch die lauthals plärrende Musik („Driving home for Christmas“ – immerhin passend zur Raststättenatmosphäre), die aus den Lautsprechern kreischt, zu stören.

Vielleicht sind diese Orte ja die neuen Bahnhofcafés, gedacht nur für Durchreisende und keinesfalls zum Bleiben einladend. Mit den Cafés des alten Europas hat dieser Ort nichts mehr zu tun. Es hängen keine Zeitungen mehr aus und die alten Ober, die Gäste so gekonnt zu ignorieren wussten und in einem Winkel Tarock spielten, mag es noch in einer vergessenen Straße Budapests geben, aber nicht mehr hier. Hier gibt es nur noch Servicekräfte, die in einer unendlichen Reihe verschlissen werden und immer warten schon die Nächsten, die noch länger für noch weniger Lohn bereit sind zu arbeiten. Niemand sagt hier „Guten Morgen, gnä Frau“ und auch die Kellner, die in diesen Cafés dann und wann an der Bar ein Schlückchen Wermut tranken sind lange schon wegrationalisiert.

Am Tisch neben mir setzen sich derweil Mutter-Vater-Kind. Der Buggy ist schwer beladen mit Tüten voller Geschenke. Der Vater reiht sich in die lange Schlange ein und die Mutter schiebt ihr Telefon zum Kind herüber, dass obwohl noch klein dort sofort Geräusch erzeugen kann. „Peppa Pig“ kreischt es begeistert und die Mutter nickt erschöpft. Der Vater schließlich kommt zurück, schwer beladen mit einem Tablett und man sieht all das kommen, was dann auch so kommt. Die schweren Tassen geraten ins Rutschen, kleine Kinderhände greifen nach der monströsen Kakaotasse, die Tasse ist zu schwer für eine kleine Kinderhand und zerschellt auf dem Boden. Kakao überall, Geheul. Die Eltern sind versteinert, eine der jungen Frauen kommt mit blauen Zellstofftüchern und wischt beharrlich Kind und Tisch ab. Dann kehrt sie die Scherben zusammen und rennt zurück hinter den Tresen. Die Familie schließlich verlässt geschlagen von zu großen Mächten das Café. Don Quixote und Sancho Pansa hätten nicht trauriger durch Kastilien ziehen können, als dieses traurige Gespann mit der schwer beladenen Rosinante. Indes fällt die Tür die den Abfallbehälter verdecken soll mit lautem Scheppern auf den Boden. Die Angestellten aber haben kein Werkzeug und die junge blonde Frau lehnt die Tür resigniert gegen den Mülleimerschrank. Dann endlich kommt der Kollege, auch er reiht sich in die lange Schlange ein und als er mit Kaffee zum Tisch zurückkehrt, reibt er sich die Hände: „ Ganz schön hier nicht wahr? Schon richtig weihnachtlich.“

Telefonat mit Wien

Die Mali-Tant, war eine der liebsten Freundinnen meiner Großmutter. Wie meine Großmutter scheiterte die Mali-Tant an Israel. Die beiden Damen waren sich einig: die Hitze, der Staub, das schlechte Theater, die barbarische Sprache, die seichten Opern, da könne man trotz allem also auch nicht bleiben. Meine Großmutter ging zurück nach Deutschland und die Mali-Tant zog zurück in ihre Geburtsstadt Wien. Damals also im 1950er Jahr sagten die Nachbarn zur Mali-Tant: “Wir dachten die Juden sind alle durch den Rauchfang gegangen.” „Ja, sagte die Mali-Tant damals, das habt ihr euch wohl so gedacht.“ Die Nachbarn haben nicht widersprochen. Die Mali-Tant aber ist geblieben und noch immer, noch heute lebt die Mali-Tant in Wien. Jeden Samstag seit vielen Jahren also, rufe ich die Mali-Tant an.

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Symbolbild: Das Spinnenorakel ist noch unschlüssig.

Ich lehne in einem alten Polstersessel, auf meinen Knien ein wollenes Plaid, in der Hand die liebe blaue Teetasse und wie mein Großvater vor vielen Jahren zu sagen pflegte als meine Großmutter die Mali-Tant anrief, telefoniere ich mit Wien.

Ich: Guten Abend, Mali-Tant, hier ist Read On.

Mali-Tant: Servus Mädi. Geht’s dir wohl?

Ich: Ah geh Mali-Tant, es geht sich schon aus. Und bei dir? Ist das Ziehen im Kreuz besser geworden?

Mali-Tant: Ah geh Mädi, irgendein Ungemach hat man immer. Es geht sich schon aus.

Wir wechseln weitere Bemerkungen über das Wetter, das Leben, die Gerti ( die Tochter der Mali-Tant, Schwesterchen und dies und das.) Dann sage ich:

Ich: Sag Mali-Tant, wie wird die Wahl morgen gehen?

Mali-Tant ( schnauft empört): Ah geh, eine Schand ist es diese Wahl. Am Donnerstag auf dem Weg zum Greißler hat mir so ein Hofer-Burschi einen Apfel hingehalten und irgendwas von der ganzen Süße Österreichs schwadroniert. No, hab i zu dem Burschi gesagt, im Dezember hat es wohl kaum süße Äpfel in Österreich. Richtig schiach is da der Burschi worden und hat eine Keiferei angefangen. Dass er satt habe mit den ganzen Vernaderern, die ihm sein schönes Österreich madig machten. So a Zwiderwurzn! Nur weil ich ihm hab sagen müssen, dass sein Hofer-Apfel aus Argentinien ist und net aus dem Tirol.

Gestern dann, auf dem Weg zum Friseur stand scho wieder so ein Gelackter auf der Straße und hielt mir ein Zuckerl hin. Für van der Bellen! Ah geh, hab i dem Lackafferl gesagt, ich bin doch kein Zirkuspferd, dem man ein Zuckerl gibt. Ganz geschnappig war der Gelackte da gleich und hat angefangen auf die alten Leut zu schimpfen, die die Faschisten groß machen. Geh, habe ich dem gesagt, was wissen Sie denn scho von den Faschisten? Dann bin ich gegangen.

Ich: Ach Mali-Tant, dass ist nicht Recht.

Mali-Tant: Kannst nix machen gegen die Großkopferten. Heut in der Früh bin ich nochmal beim Greißler gewesen. Wegen der Eier. Sollst doch halt auch Vanillekipferl und Makronen kriegen, wenn i dir schon zur Last fall zu Weihnachten.

Ich: Mali-Tant, jetzt lass aber gut sein, noch nie bist du mir lästig geworden.

Mali-Tant: Wir oiden Leut sind immer lästig. Scho recht. Jedenfalls bin i nunter zum Greißler der Eier wegen und da hat der Greißler, i kenn den schon, da ist der noch a Lehrbub gewesen, getönt, dass jetzt wieder Ordnung einzieht in Österreich und dabei ist der selbst Jahr und Tag schwarz hackeln gegangen. War eh klar, dass dann auch die Prokol in die Greißlerei geschlichen kam mit ihrem Gered vom mit dem Besen das Land einmal richtig auszukehren. So a Blunzen! Den andern Tag hat sie noch bei der Marktfrau getönt, dass ihre Eltern scho immer Antifaschisten waren und jeden Tag in der Woch’ hatten sie einen anderen Juden unter dem Bett versteckt. Die Mali-Tant seufzt.

Ich: Ach, Mali-Tant.

Mali-Tant: Weißt Mädi, ich würd so gern in der Zeitung mal wieder was über die Oper lesen.

Dann sprechen die Mali-Tant und ich über den Quarkstollen den meine Großmutter in der kühlen Speisekammer lagerte und immer erst am Weihnachtsabend anschnitt, ihren Vater der wie sie die Oper liebte, über die Zugreservierungen Wien-Berlin, denn das alte Österreich in dem die Mali-Tant und mein Urgroßvater geboren wurden gibt es schon lange nicht mehr, auch nicht wenn die einen es beschwören und die anderen nicht mehr wissen, was sie eigentlich verdammen.