Der Mann mit Hut

In der S-Bahn sitzt mir ein Mann gegenüber. Glattrasierte Wangen, ein scharfes Kinn, aschblonde Haare, über der Nase ( rotgeädert ) zwei scharfe Falten. Keine Brille, blonde, fast durchsichtige Wimpern. Ein schmaler Mund, kein Bart. Die Augen so blass wie das Gesicht des Mannes. Ob es nun aber ein blasses Blau, oder ein blasses Grün oder gar ein verschwommenes Braun gewesen sein mag, ich habe nur die Blässe in den Augen des Fremden bemerkt. Einen Hut trug der Mann der mir gegenüber die gleichen Bürohäuser und Industriebrachen sah, nur eben von der anderen Seite. Einen Hut also, aber keinen breitkrempigen wie einmal Harry Graf Kessler auch keinen Stetson oder gar einen Jägerhut mit Gamsbart und der Feder des ersten selbstgeschossenen Fasan, es ist mehr ein Filzhütchen, das dem Mann auf dem Kopf sitzt. Bräunlich, aber im rechten Licht betrachtet vielleicht auch erbsensuppengrün ist das Hütchen mit seiner merkwürdigen Delle in der Mitte, die dem Hut und auch dem Träger etwas seltsam Gedämpftes verleihen. Einen solchen Hut, wie der Mann ihn trägt ist besonders in Berlin, wo Kleidung allenfalls ironisch gemeint ist, schwer zu bekommen. Der Hut, weder rund, noch oval, sondern fast schon trapezförmig, ließe sich indes ohne Probleme  bei einem Herrenausstatter in Gaziantep oder auch Jičín besorgen. In beiden Städten, ich bin mir ganz sicher habe ich in den Auslagen eines solchen Geschäftes, in denen immer eine schwere Standuhr tickt,die Hemden in Zellophan eingepackt sind und der Besitzer mit einem Maßband um den Hals geschlungen der Kundschaft die Tür aufhält, einen solchen Hut gesehen. Einen Hut indes habe ich anders als der Mann gegenüber weder in Gaziantep noch in Jičín erworben. Der Hut, wenn auch etwas zerdrückt sitzt augenscheinlich fest auf dem Kopf des Mannes, denn während der Fahrt bleibt es gänzlich unbeeindruckt vom Bremsen und erneuten Anfahren der Bahn. Auf den Knien hält der Mann mit beiden Händen eine Aktentasche fest. Die Tasche, schwarz, quadratisch und mit Schnappschlössern versehen passt ganz genau auf den Schoss des schweigend aus dem Fenster sehenden Mannes. Ganz und gar unauffällig ist dieser Mann und ist das frage ich mich, über meinen Buchrand blickend, nicht schon eine Auffälligkeit? Ist die Unauffälligkeit nicht gewollt und ganz und gar gekonnt in Szene gesetzt? Kann nicht offensichtliche Unscheinbarkeit, auch Methode sein?

Wer weiß ob der Mann nicht in seiner Akentasche eine Flasche Champagner ( Roederer, sogar?) verbirgt und auf dem Weg zu seiner Geliebten eben die S-Bahn nimmt und nicht den eigenen Wagen. Noch die misstrauischste Ehefrau würde diesem Mann dessen Gesicht blass und schmal und etwas spitzmäusig nach unten verläuft, nichts zutrauen, was auch nur den leisesten Anschein des Verbotenen hätte. Gäbe es zu Max Mustermann ein Gesicht, es wäre dieser Mann mit seinem Hütchen. Vielleicht ist alles aber auch ganz anders, und im Aktenkoffer ( treten die Fingerknöchel des Mannes nicht übermäßig stark hervor?) liegen feinsäuberlich gestapelte Banknoten? Der Mann so auffällig unauffällig ist vielleicht Agent und sammelt sich für eine schwierige Mission.  Ein verschütteter Winkel, ein kurzes Kopfnicken, dann der Koffertausch oder auch nur die Übergabe eines Schlüssels der in das letzte Schließfach des Florentiner Bahnhofes passt. Selbst noch der gerissenste Räuber, der gewiefteste Hütchenspieler, der verschlagenste Fälscher vermutete in diesem Mann je ihr Ziel. Wer weiß, vielleicht ist der Mann ja auf dem Weg zum Flughafen und unter dem Hütchen liegt lange schon ein neuer Pass. Morgen schon geht der Mann in Bogota spazieren und das Hütchen landet nachlässig in einem Abfallbehälter, am Rande der Stadt. Mag es aber auch ganz anders sein und der Mann ist Briefmarkenhändler und der Koffer ist leer, bis auf die blaue Mauritius, die ein unbekannter Sammler anonym erwarb und in einem Schrebergarten ungeduldig nun auf ihre Übergabe wartet. Kein noch so gieriger Philatelist, ich versichere es Ihnen, traute diesem Mann solch einen Coup zu. Man kann nur hoffen, dass sich im Koffer des Mannes kein Strick befindet und er auf dem Weg in ein entlegenes Waldstück ist, um mit des Seilers Tochter Hochzeit zu halten. Damals als ich ein kleines Mädchen war und meine Großmutter mir das Märchen vom Meisterdieb erzählte, habe ich mich nie wieder so recht zu beruhigen vermocht und nie habe ich seitdem meine Furcht vor dem prachtvoll illustrierten Band Grimm’scher Märchen überwinden können.

Aber alles mag ja anders sein, nichts anderes als ein Wurstbrot und die Märkische Allgemeine mag sich in dem Koffer befinden, für den späteren Verzehr gedacht und vielleicht ist ja auch das Hütchen ein Geschenk der Mama, die nun vor dem Jahresschluss noch einmal besucht werden soll und im Koffer ist eine Flasche Parfüm. Vielleicht aber liebte der Mann auch einmal ein Mädchen aus Gaziantep oder Jičín und das Mädchen ging ihm verloren und nur der Hut blieb bei ihm. Erfahren aber werde ich es nicht, denn als ich noch überlegte und mich ärgerte niemals einen Agentenfilm gesehen zu haben, erhob der Mann sich, nahm den Koffer in die rechte Hand, rückte den Hut ganz unnötigerweise zu Recht, stieg aus und als die Bahn wieder anfuhr, hatte ich ihn schon aus den Augen verloren.

2 Gedanken zu “Der Mann mit Hut

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