Alte Fragen

IMG_0945 (1).jpgDer Himmel ist verwaschen und von einem milchigen Grau. Verabschiedet sind Familie samt Kinderschar, nur die Mali-Tant, Kater Mau, der ehemalige geschätzte Gefährte und ich bleiben zurück in Berlin. Seltsam still ist es auf einmal, so als sei nach einem heftigen Sturm das Fenster klappernd zugeschlagen. Die Mali-Tant, aber die bei sich in Wien-Döbling täglich ausführliche Spaziergänge unternimmt und überhaupt kein schlechtes Wetter kennt, steht schon im Lodenmantel an der Tür, da suchen der F. und ich noch nach den Schuhen. Unten auf der Straße wollen die Nachbarn natürlich mit der Mali-Tant, die schon seit vielen Jahren hierher zu Besuch kommt, ratschen und die 93-jährige Mali-Tant verblüfft die Nachbarn mit ihrer Gesundheit, denn die Mali-Tant obwohl Ärztin wie meine Großmutter hat die meisten Krankheiten mit einem: “ach geh”, zur Seite geschoben und behauptet noch mit 39 Fieber, dass man doch nicht wegen jeden “Wehwehchens gleich ein G’schrei” machen müsste. Endlich also sind die Nachbarn abgeschüttelt und wir laufen entlang der alten Häuser, die hier die Geschichte des aufstrebenden Bürgertums erzählen, die um 1900 hier Grundstücke kauften. Es waren Familien wie die des Vaters der Mali-Tant, die hier zu bauen begannen und so ist ein Spaziergang durch dieses Viertel auch immer eine Reise zurück in die Kindheit der zierlichen Dame, die schnellen Schritts neben dem F. und mir herläuft. Schließlich aber verlassen wir die breite Straße und biegen in einen kleinen Schleichweg, aber der hinunter zum See führt, den einmal Leistikow malte, auch wenn er heute schemenhaft verborgen nichts von dessen Leuchten hat. Über uns rauschen die Kiefern und unter unseren Füßen knirscht märkischer Sand. Der F. hat die Hände tief in den Taschen vergraben. Im Krankenhaus sagt er und sieht auf den Boden, habe es einen Vorfall gegeben. Ein Patient habe, sobald er des F.’s ansichtig geworden sei, angefangen zu zetern: „Deutsche Ärzte für deutsche Krankenhäuser“ sei noch das Harmloseste gewesen und dann habe der Mann lauthals begonnen zu krakeelen, dass er sich beschweren werde, über die Zustände hier, „denn der Araber da“, damit meinte er den F. hätte neben einem gefälschten Pass doch gefälschte Zeugnisse und sollten endlich wieder abhauen. Dann schrie er weitere Obszönitäten, die darin endeten, dass solche wie der F. den einstmaligen Weltruf deutscher Kliniken zu Schanden gerichtet hätten. Immer noch nicht erstickt an Wut und Ekel schrie der Mann nach dem Oberarzt. „Der bin ich“, sagte der F. und klärte den Mann über die vortags verlaufene Operation auf. Schon gestern war der Mann dadurch aufgefallen, dass er die polnische Krankenschwester ebenso übel verfluchte wie dann den F.

„Weißt du noch?“ fragt der F. dort unten am Ufer des Sees und dreht sich zu mir. Natürlich weiß ich es noch. Damals in Göttingen, frisch promoviert, beschwerten sich Patienten, die gern Medizintouristen genannt werden, dass da ein Arzt mit Kippa auf dem Kopf zur Visite erschien. Sie wollten nicht von einem Juden behandelt werden. Der Chefarzt nahm damals den F. ins Gebet: „Junger Mann, verstehen Sie doch, er persönlich hätte nichts gegen das Hütchen da auf seinem Kopf, aber die Patienten gingen eben vor.“ Nehmen Sie doch Vernunft an. Der F. nahm Vernunft an und wechselte nach Berlin.

Da stehen wir also, am Ufer an einem grauen und mürben Dezembertag, wir drei Juden, und sehen uns an. Der F. zuckt mit den Schultern. “Man wird darüber lachen müssen”, sagt er und die Mali-Tant zieht seine Hand aus der Manteltasche und hält sie ganz fest. Hält sie noch immer als wir schließlich zurücklaufen, an den stattlichen Häusern vorbei, die noch immer groß und schön unter nicht minder imposanten Bäumen stehen. Hier, wo die deutschen Juden einmal glaubten, sie dürften Deutsche sein, laufen auch wir und die Frage warum das nicht geht, warum noch immer die Wut, das Gebrüll und die Verachtung derjenigen, gegenüber denjenigen die nicht in den Grenzen Deutschlands von 1937 geboren sind, so groß ist, geht uns noch immer hinterher.

Kaum zurück Zuhaus, geht das Telefon und der F. fährt in die Klinik. Still, denn es ist ein stummer Tag sehen die Mali-Tant und ich hinaus in das matte Blau des Himmels.

4 thoughts on “Alte Fragen

  1. Ich frage mich bei solchen Leuten immer, was deren Eltern und Großeltern wohl zwischen 1933 und 1945 gemacht haben. Die Grenzen haben sich verändert, der Ungeist nicht.

    Und ich wundere mich etwas, dass in dem Krankenhaus niemand diesen krakeelenden Mann in den Senkel gestellt hat, schon als er die polnische Krankenschwester beschimpft hat. Das haben doch bestimmt noch mehr Leute gehört. Er verdient es, stundenlang auf der Bettpfanne sitzen zu müssen. Mindestens.

  2. Ich bin mir gar nicht sicher, ob es wirklich die Erfahrung der Großeltern zwischen 1933 und 1945 ist, sondern mehr so eine Lust am Pöbeln, ein sich Großtun, ein Ausprobieren wie weit man mit Unverschämtheiten kommt und ich denke man kommt erstaunlich weit. Das ist doch durchaus eine Erfahrung des letzten Jahres dass sich unter dem warmen Mantel des Unverstanden- Seins, Leute lauthals Pöbel, geifern und schreien. Die Szenen vor der Dresdner Frauenkirche sprachen doch Bände. Krankenhäuser sind längst schon Dienstleister, die polnischen Krankenschwestern lange schon Schlimmeres gewohnt und würde nicht nur ich alle antisemitischen Pöbeleien zählen, das Jahr hätte zu wenige Tage. Und wenn Sie wie ich mit dem Rettungsdienst unterwegs sind da freuen Sie sich, beschimpft man sie nur als alte Fotze und bewirft sie nicht mit Eiern. Vielleicht ist das der Preis der Freiheit-Ich weiß es nicht.

  3. Szenen wie die vor der Dresdner Frauenkirche wurden auch dadurch möglich, dass diesen Leuten nicht beizeiten jemand aus ihrem näheren Umfeld entgegen getreten ist. Abgesehen davon scheint es den Betreffenden an gutem Benehmen und Herzensbildung zu fehlen, womit wir auch wieder bei der Familie wären. Womöglich hat dieses aggressive Selbstmitleid ja dort schon eine längere Tradition …

    Ich dachte eher an Mitpatienten, dass sich da niemand fand, der mal ein paar deutliche Worte sagte. Solche Drachen von Oberschwestern wie einst scheint es ja nicht mehr zu geben, die hätten so etwas nicht geduldet und dem betreffenden Patienten klare Ansagen gemacht. Und wie bescheuert muss man eigentlich sein, um im Krankenhaus, wo man auf das Wohlwollen der Pflegenden und Ärztinnen und Ärzte angewiesen ist, selbige zu beleidigen?

    Dass außer der Polizei auch Rettungsdienste und Feuerwehr in Berlin häufig angepöbelt und sogar in ihrer Arbeit behindert werden, las ich schon des öfteren. In einigen Straßen und Kiezen soll es besonders schlimm sein.

    • Sie haben natürlich Recht. Ich weiß auch nicht wo da die Familien,Frauen und Freunde bleiben und das lässt sich ja nicht nur auf die Dresdner Pöbelbrüder- und Schwestern übertragen, sondern auch auf Männer die Frauen angehen oder auf wen auch immer. Der alte Satz: Schämst Du Dich nicht, hat wohl an Wirksamkeit verloren.

      Solidarität glaube ich, ist seltener als man denkt, aber um die Oberschwestern, die eine Station wirklich leiteten ist es sehr, sehr schade. Heute gibt es dafür Verwaltungsdirektoren. Ich weiss nicht, es gibt glaube ich eine sehr eigenartige Entwicklung, die Pöbeln als Kommunikationsform ganz selbstverständlich in Anspruch nimmt, und sich dann beklagt, dass dies nicht alle Menschen zu schätzen wissen. Ärzte sind vor allem Halsabschneider und Krankenschwestern bessere Dienstmädchen. Ich sehe da keine respektvolle Annäherung.

      Es gibt in Berlin eine sehr hohe Grundaggressivität gegenüber allen Personen, die irgendwie Staatliches repräsentieren und es gibt keine politische Unterstützung. Ein Kollege von mir ist während einer Hilfeleistung in den Rücken getreten wurden, hat Anzeige erstattet, das Verfahren wurde wegen Geringfügigkeit eingestellt und seither bekommt er regelmäßig Morddrohungen von der Täterfamilie. Ich weiß nicht, wie repräsentativ diese Erfahrungen sind. Und ich weiß auch nicht, ob sie Teil einer breiteren Radikalisierung sind.

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