Eine große Liebe

Das Nichtenkind zieht meine Augenlider nach oben: „Du bist wach“ sagt sie. Es ist halb sechs sagt der Wecker und auf meinem Brustkorb kniet ein kleines Mädchen im Schlafanzug, darüber trägt es ein lila Tutu und natürlich dürfen die obligatorischen Feenflügel nicht fehlen. In der Hand hält sie den alten Bären, den ich ihr, als sie geboren wurde ans Kopfkissen setzte. Auf ihrem Kopf etwas schief eine golden-glänzende Krone. „Was wollen wir machen?“, frage ich die kleine Königin. „Zeig mir das Buch“ sagt sie und ich gähne, greife nach dem Morgenmantel und ziehe das große, schwere Buch, das eigentlich ein Ausstellungskatalog über die Tudors ist aus dem Regal. Wir besehen Elisabeth I und ich darf nur sehr, sehr langsam blättern und soll zu jedem Bild eine Geschichte erzählen. Zum Glück bekommen auch kleine Königinnen irgendwann einmal Appetit. Das Nichtenkind frühstückt Honigsemmeln und Kakao. Auch Bär, ihr Kanzler bekommt ein Gedeck. Schließlich taucht auch Kater Mau in der Küchentür auf und macht große Augen. Als Palastköchin sollen auch die Katzen nicht darben und so schleckt Mau Milch von einer Untertasse mit Goldrand. Im Badezimmerspiegel übt die kleine Königin den Herrschaftsgestus Elisabeths. Ernsthaft und hochkonzentriert. Es staunen Bär, Kater Mau und ich.

Im Wohnzimmer knien der Neffe und die beiden großen Nichten, neben F. auf dem Boden. Um sie herum ein Meer von Legosteinen. Die Mali-Tant thront im Sessel und macht der kleinen Königin eine elegante Frisur: „Geh fesch bist Du, viel schöner wie die Sissi.“ Schwesterchen will Chia-Brei, der Schwager lieber Porridge, F. und alle anderen ein Ei und gebratene Tomaten. Die Mali-Tant dann auch. Die Palastköchin serviert Frühstück ohne auf einem Legostein auszugleiten. Die Lego-Bauer essen hastig und kehren sogleich an ihre Baustelle zurück, die in etwa den Umfang des Assuan-Staudamms erreicht hat. Was genau das Bauwerk auf dem Boden einmal sein mag, kann ich nicht sagen. Es ist weder Polizeistation noch Ritterburg, sondern ein seltsames Gerät aus dem mir gänzlich fremden Star Wars Kosmos. Auf dem Bild sieht es aus wie eine sehr große, fahrende Suppenschüssel. Für diese Bemerkung ernte ich entsetzte Blicke. Der Neffe teilt die Lego Sklaven Bauer in kleinere Arbeitsgruppen ein. Die Mali-Tant feuert an. Die Königin malt lieber an einer Schlossparkskizze, ich reiche dann und wann Erfrischungen und halte Kater Mau ab, die Baustelle zu stürmen. Mau ist beleidigt. Vorwurfsvoll mauzend liegt er auf der Fensterbank und lässt eine Pfote zornig gegen die Fensterscheibe knallen. Von der Mali-Tant lasse ich mir Großmuttergeschichten erzählen. Für einen schönen langen Moment bin ich noch einmal acht Jahre alt. Dann bricht Mau aus der Küche aus und stürmt entschlossen den Steineberg. Aufregung. Geheul. Geschrei. Nur die kleine Königin vertieft ins Zwiegespräch mit Kanzler Bär ist unbeeindruckt vom Tumult und der erneuten Exilierung Kater Maus’.

Am Nachmittag gehen Schwesterchen und Kinderschar zum Besuch von Freunden. Ich lege mich vor der Nachtschicht noch einmal hin. Die Mali-Tant tut es mir gleich und selig schlafen wir beide. Kater Mau allein liegt grimmig im Arbeitszimmer und hadert mit dem Schicksal. Später längst wieder wach und Latkes bratend erzählt mir Schwesterchen vom Ausflug. Der Bub der Familie nämlich ob nun überfordert von Festlichkeit oder nur im Schokoladenkoma lag heulkreischend vor dem imposanten Tannenbaum und tobte. Die umstehenden Geschwister, Familie und eben auch Schwesterchen nebst Kindern war nun hineingeworfen in einer jener Szenen, die Weihnachten zu Katastrophen werden lassen, weil sie wohl nur schlecht ins Selbstbild feiner Festlichkeit zu passen scheinen. Der Bub also rollte sich auf dem Boden kreischte und schrie und heulte. Die Mutter peinlich berührt, der Vater hilflos, die Geschwister hämisch und die Gäste zu Eis erstarrt. Plötzlich aber tritt eine kleine Königin vor. Nicht mehr im Schlafanzug, sondern in voller Montur: ein grellpinkes Rüschenkleid, blinkende lila Schuhe, natürlich die goldene Krone und die geliebten Feenflügel. Fest in einer Hand natürlich Kanzler Bär. Die kleine Königin also setzt sich neben den Buben und tippt ihm auf die Schulter. „Du“ sagt sie, willst du nicht lieber mit mir spielen?“ Der Bub, so meine Schwester drehte sich auf den Rücken und sah die kleine, glitzernde Königin. Dann rappelte er sich auf und das Nichtenkind stellte ihm Bär vor. Einträchtig verzogen sich die Kinder und die Erwachsenen, so die Königin später zu mir, redeten sehr langweilige Erwachsendinge. Von der Nachtschicht heute früh zurückgekehrt, liegt die kleine Königin in meinem Bett. Sehr vorsichtig nehme ich die Krone von ihrem Kopf und sehe erst dann den Teller mit Marzipankartoffeln und Latkes auf dem Bücherstapel stehen: Du sollst nicht hungrik ins Bett, steht da drauf. Die königliche Notiz ist natürlich auf einem pinken Papier geschrieben. Sehr vorsichtig ziehe ich die kleine Königin in meine Arme, Bär der Kanzler sitzt auf dem Kopfkissen und am Fußende zusammengerollt, schläft Mau, inzwischen trägt er eine rosa Schleife und neben ihm liegen mehrere erjagte Legosteine. Die kleine Königin schläft tief und fest.

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Der treue Kanzler Bär in Diensten der kleinen Königin.

 

4 Gedanken zu “Eine große Liebe

  1. Die kleine Königin ist eine Herzendiebin, man sieht sie an und ist verzaubert. Unser kleiner Sonnenschein ist auch von ihrer Art. Allerdings verwandelt sie sich zu Hause gerade in die Vorstufe zum Pubertier .

    • Dieses Kind ist wirklich unendlich zauberhaft. Ich finde die Pubertät ja ganz spannend, weil man sieht wie sich wirklich ganz eigenständige Menschen aus diesen Kindern entwickeln.

  2. Großartig und tröstlich zugleich! Habe gestern gefühlt einen Kubikmeter Legosteine und Playmobilteile auseinandersortiert, und meinen zwei kleinen Buben haben sich über so viel schwäbischen Ordnungssinn köstlich amüsiert…

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