Weihnukka

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Um fünf Uhr in der Früh angelt das Fräulein Read On nach den Pantoffeln. Um 5.10 Uhr stellt das Fräulein Read On fest, dass das Huhn nicht in den Suppentopf passt. Um 5.25 köchelt das Huhn in einem eisernen Zuber, welcher schon um 1512 Landsknechtsheere versorgt haben mag. Nicht weniger später nämlich besteigt am Wiener Westbahnhof die Mali-Tant gemeinsam mit der Siamkatze Mau im Korb den Zug nach Berlin. Das Fräulein schält acht Kilo Kartoffeln für die abendliche Latkesproduktion. Das Fräulein Read On hackt Gemüse und richtet Obstspieße für die Kinderschar, die am liebsten nur Nudeln mit Butter mag. Um acht Uhr seufzt das Fräulein Read On und um Neun kühlen 300 Florentiner Kekse auf dem Balkon. Das Fräulein gähnt und deckt den Tisch. Das Ungeheuer von Chanukkia ( eine Selbstanfertigung von Onkel A. ), mit dem man problemlos eine Horde Einbrecher niederschlagen könnte, ist schwärzlich angelaufen. Das Fräulein googelt: Chanukka Leuchter selber machen. Die Ergebnisse lassen Onkel A. als geschmackvollen Künstler erscheinen. Eine Stunde später hat das Fräulein pechschwarze Hände und der Leuchter sieht aus wie mit Rostschutzfarbe gestrichen. „Im Dunkeln fällt das nicht weiter auf“, sagt der ehemalige, geschätzte Gefährte der F., der aus der Klinik nach Hause kommt, um steinschwer ins Bett zu fallen. Das Fräulein setzt Krapfenteig an und backt, einmal die Hände im Mehl noch einmal Vanillekipferln und dann noch Engelsaugen, die Schwesterchen doch so liebt. Die Mali-Tant steigt in Würzburg um und das Fräulein sucht hektisch die Liederhefte. Denn im letzten Jahr stimmte die Nichte: „Alle meine Entchen an“, als sie bei Yemei Ha Chanukka nicht weiterwusste. Zum Glück sind die gängigen Shabbes-Lieder in „Yehuda und Raizels“ Hochzeitsbuch abgedruckt. Dann klingelt das Telefon. Es ist die D. Die D. beschwert sich bitterlich über den goyishe Unsinn zu Chanukka Kekse zu backen. Ich richte derweil für die abendlichen Gäste bunte Teller an auf denen sich Marzipan, bunte Kringel, Orangen, ein Dreidel und Gelt ( goldene Schokoladenmünzen) mit Tannenzapfen Nikoläusen und vielfachen Sorten Plätzchen türmen. Die D. hält derweil einen Vortrag über den Niedergang frummen Lebens und schimpft auf den Rabbi der alles schleifen liesse. Ich hänge die roten Kugeln neben die Glaskugeln, die ich von meiner Großmutter erbte und verabschiede mich wortreich von der D. Mit rasender Geschwindigkeit nähern sich die Mali-Tant und Kater Mau Berlin. Ich rase zurück in die Küche und wirble dort wie der tanzende Derwisch. Abwasch und mit einer Hand in der Zitronencreme rühren, natürlich klemme ich mir die Finger in der Küchenschublade und als ich nach dem Leukoplast fummle, kocht die Zitronencreme fast über, aber neben Schnittwunden fallen Brandblasen ohnehin kaum auf. Ich mache Pasteten und Weihnukka wäre nicht Weihnukka gäbe es nicht den Kartoffelsalat, den schon mein Urgroßvater machte und den Rote-Bete-Salat mit Walnüssen für den meine Großmutter, die Chanukka nicht schreiben konnte und in der Küche zum Weihnachtsoratorium das Dressing rührte, selbst bei den frummsten der frummen Familien in Jerusalem, über den grünen Klee gepriesen wurde. Denn Onkel A. entlockte ihr in einer schwachen Stunde einmal das Rezept. Schneller und schneller aber rennt die Uhr und noch immer ist die Linzer Nusstorte nicht aus der Form. Fluchend und leicht hektisch hantiere ich mit Schiebern und Messern, finde den Topflappen nicht, stoße hektisch gegen den Abfallkübel mit seinem Everest aus Kartoffelschalen, vergesse, dass die Form doch heiß aus dem Ofen kommt, versuche mit dem Schürzenzipfel nach der Form zu greifen, glitsche auf den Kartoffelschalen aus, reiße dabei die Schüssel mit der Zitronencreme nach unten und mit Nusstorte auf dem Schoß und Zitronencreme im Dekolleté, sehe ich wie mir der Topflappen aus der hinteren Hosentasche rutscht. Ich zähle bis zwanzig bevor ich fluche. Die Nusstorte ist gerettet, die Zitronencreme muss neu gemacht werden, aber der Wecker verkündet die Ankunft der Mali-Tant in vierzig Minuten, die des Schwesterchens, Kindern, der C. und meines Vaters, und den alten Auschwitzer-Kreis für nicht viel später und so stürmen wir zum Auto, mit rauchenden Reifen halten wir kurz vor knapp vor dem Hauptbahnhof. Die Koffer der Mali-Tant tragen zwei schöne Epheben ( schön, aber einfältig wird die Mali-Tant im Auto sagen ), der F. bekommt den fauchenden Kater Mau im Korb überreicht und dann küsst die Mali-Tant mich zweimal rechts und links bevor sie den F. und mich kritisch mustert: „Geh Mädi, heuer ist aber Chanukka und nicht Purim, ja?“

Das Fräulein Read On nämlich trägt die Küchenschürze noch über dem Mantel und der F. nichts weiter als seinen zerknitterten, grünen OP-Kittel. Das Fräulein hält einen Kochlöffel ( die Zitronencreme ) in der Hand und die Mali-Tant lacht aus ganzem Herzen. Wer also glaubt, dass der Antisemitismus, das größte jüdische Problem sei, der hat noch nie Chanukka, Shabbat und Weihnachten auf ein und denselben Tag fallen sehen.

A freiliche Chanukka!

Fröhliche Weihnachten Ihnen allen!

9 Gedanken zu “Weihnukka

  1. Ganz herzlichen Dank! Ihre Worte …. und nun ist mein Weihnachtsabend so tröstlich in Freude verwandelt. Und Ihnen auch ein rundum fröhliches Fest.

    • Oy vey trifft es hier wirklich gut….Danke für die hübsche Geschichte. Ich habe sehr gelacht. Ansonsten ist es genau wie sie sagen, Feste soll man feiern wie sie fallen, nur selber fallen ist nie besonders schön…Ihnen also auch ein schönes Weihnachtsfest und gute Laune.

    • Vielen Dank! Ich wünsche Ihnen auch schöne Tage! Hier ist wirklich immer remmi demmi wie die Berliner sagen und ich mag das sehr, vor allem diese Mischung aus sehr alten Damen und sehr wilden Kindern ist zauberhaft.

  2. Nachdem wir uns in die große Stadt B. aufgemacht hatten, wurde mir dort am Heiligen Abend von einem kürzlich stattgefunden Besuch in einer großen, dunklen Villa („Du kannnst es Dir nicht vorstellen: Mit beheizter Auffahrt !“) erzählt. Ich aber mußte an Klepper denken, als ich hörte, in welcher Straße das erwähnte Haus steht, denn der hatte damals mit Frau und Tochter ganz in der Nähe gewohnt.

    Und unversehens fiel mir dabei das Fräulein Read On ein, die, dachte ich, wohl eine ganze Menge zu tun haben wird, wenn sie da ist.

    So aber, wie oben geschildert, konnte ich es mir nicht vorstellen …
    Danke für dieses – im doppelten Sinne köstliche – Sichtbarmachen !

    (Übrigens ist dies ein kleines Drehbuch, dem ich von Herzen ein Happy End wünsche.)

  3. Beheizte Auffahrt- das ist auch ein Drehbuch nur anders….Hier ist es Jahr für Jahr so wie geschildert und dabei aber doch sehr heiter….Sind Sie noch in der Stadt? Melden Sie sie sich doch wenn Sie mögen! Tee mit Blick auf unseren gemeinsamen Freund Klepper ist gerne möglich! Wie meine Großmutter immer sagte: was für elf Leute reicht, reicht auch für fünfzehn…..Haben Sie schöne Tage in Berlin!

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