Lange Schatten

Früh am Morgen noch einmal am Fenster. Zum letzten Mal in diesem Jahr. Unsichtbar liegt links vom Fenster die See. Nur der Wind zerrt an den alten Fensterrahmen. Ein Schatten nur St. Silvester. Kirche und Pfarrhaus liegen im Dunkeln. Auf dem Sessel und halb verbogen unter dem bunten Plaid liegt schlafend die Katze. Der Tierarzt auch er und noch mehr als am Tage ein schmaler Schatten im Bett. Leise fahre ich ihm mit dem Finger über die Wange. Dann schlägt der Schatten die Augen auf. Noch einmal pfeift der Teekessel und ich nehme die schöne, silberne Teedose aus Odessa aus dem Regal. Zwei großzügige Teelöffel voll Zucker schütte ich dem Tierarzt in die Tasse. Für einmal sagt der Tierarzt nichts. Ich schweige mich lieber über die Flaschen voll hochkalorischer Flüssignahrung in seinen Taschen aus, die ich dort hineinschmuggelte. Denn morgen fahren Tierarzt und Katze zur Schwester nach Kerry, die im vorherigen Jahr befand, vom Bruder ließe sich vor allem das Abnehmen lernen. Auf dem Flughafen angekommen, ist es noch immer nicht hell. Auf bald sage ich und der Tierarzt oder sein Schatten zieht mich noch einmal zu sich heran. „Komm zurück“, sagt der Tierarzt. Ich nicke.

Im Flugzeug nach Berlin sitze ich inmitten polnischer Familien. Neben mir eine Mutter mit ihrem Buben. Die polnischen Mütter haben alles dabei. Schokoladenwaffeln, Trinkpäckchen, kreischendes Spielzeug, Taschentücher und während ihre Männer schweigend neben ihnen sitzen, verhindern die Mütter, dass Bruderfehden entbrennen, einer Prinzessin der Haarreif entwunden und alle Mützen verloren gehen. Ein deutscher Bube, von schräg gegenüber, ganz offensichtlich Sohn von Eltern, die alles richtig machen wollen, kaut missmutig auf einer Reiswaffel und betrachtet das pädagogisch, wertvolle Spielzeug in seiner Hand mit großem Widerwillen. Aber auf die polnischen Mütter ist natürlich Verlass. Schon werden Schokoladenwaffeln und Kekse durch die Reihen gereicht und wenig später sind Plätze getauscht und die Prinzessin weiht den Buben in die Geheimnisse des kreischenden Spielzeuges ein. Ich tausche mit der polnischen Mutter neben mir einen Bounty Riegel gegen ein formidables Käsebrot. „Berlin?“ sagt die Frau? Ich nicke und Sie? Die Frau, die sehr, sehr gut aussieht, ungefähr so wie die junge Kate Moss, seufzt. Ein kleines Dorf bei Poznan sagt sie und schüttelt den Kopf. Von Berlin aus geht es mit dem Bus weiter und dann steht mein Vater an der Bushaltestelle und wir fahren noch eine Stunde bis nach Hause. „Oh, sage ich, das ist noch weit.“ Die Frau lächelt und nickt. Wir sprechen über den Anschlag in Berlin und entsetzt schüttelt sie den Kopf. „Sonst, sagt sie und es klingt bitter genug, sind die Polen immer die Verbrecher.“ Entsetzt genug muss ich sie angesehen haben. Aber sie gibt nicht nach. Sieben Jahre in Deutschland sagt sie und dann sagt sie all das was man in Deutschland eben so sagt über Polen. Meine Erwiderungsversuche sind hilflos genug. Abrupt fragt sie mich, ob ich schon einmal in Polen gewesen wäre. Noch immer habe ich auf diese Frage keine passende Antwort. Zögernd sehe ich sie an. „Ich bin in Auschwitz gewesen“ sage ich und sie sieht mich immer noch an, „mit meiner Großmutter“ sage ich und dann kann ich nichts mehr sagen. Endlich müssen Kinder, Tüten und Mützen sortiert werden, als wir uns verabschieden, zieht mich meine schöne Nachbarin in die Arme. „Kommen Sie gut an“, sagt sie, „kommen Sie gut nach Hause“, sage ich.

Zurück in Berlin. Vor dem Fenster kein Meer, dafür rauschen die Kiefern und der Kirchturm am anderen Ende der Rehwiese hat fast die gleiche Spitze wie St. Silvester im irischen Dorf. Die Hortensien auf dem Fensterbrett sind lange vertrocknet und die Blüten, die Blüten fallen auf die Dielen. Auf der Holzbank im Garten sitzen die Amseln. Alle Bäume sind kahl und nur am Birnbaum funkeln Eiskristalle. Der gefrorene, ausgeblichene Rasen knirscht unter meinen Schritten und schon gibt das Licht wieder nach. Die Nachbarn winken und ich bewundere, den schönen, gelben Herrnhuter Stern an ihrem Fenster. Aus dem Briefkasten, drei Stapel: wichtig, vielleicht und ungeöffnet wegzuwerfen. Der Brief auf den ich warte, kommt ohnehin nicht. Ein anderer Brief, der an A. in der Ukraine, geschrieben vor zwei Jahren zum ersten Mal, dann in kürzeren und drängenderen Abständen, wiederholt, entlang von Jahreszeiten, Tages- und manchmal auch Uhrzeiten bleibt weiter unbeantwortet. Die Telefonnummer in der Kiewer Wohnung ist seit zwei Jahren schon still. Anderen in den Mund gelegte Botschaften, ergaben manchmal Schatten, kleinere oder größere und einmal sogar fast etwas wie Hoffnung, aber eben nie eine Antwort von A. Es gibt in der Ukraine, so habe ich gelernt, in den letzten zwei Jahren kein Anrecht auf Auskunft, schon gar nicht über einen Dichter, namens A., der hoffte sich des Krieges mit Worten zu erwehren. Seit zwei Jahren schon, wirft der Briefkasten, lange und längere Schatten. Am Fenster, noch einmal Tee, hier am Rand der großen Stadt ist es fast so still und so dunkel wie im kleinen, irischen Dorf. Im Fenster spiegelt sich der Sessel, auch hier ein buntes Plaid obenauf, aber keine schlafende Katze und der Schatten, ist auch nur der ganz, gewöhnliche Schatten und nicht der verschwindend, magere Tierarzt, der im Türrahmen lehnt.

7 Gedanken zu “Lange Schatten

  1. Ich hätte einen Spoiler Alarm gebraucht. Ich lese Ihren Blog von Anfang an und bin gerade im November 2014. Damals sollte der Tierarzt noch mit der Tochter des Grocers verkuppelt werden. Hat wohl nicht geklappt.

    Zünden Sie nicht in 2 Tagen die erste Kerze an? Die werfen zwar auch Schatten aber erleuchten auch. Ich wünsche Ihnen Frohe Feiertage.

    • Oy vey! Sie haben Recht, Spoiler sind gemein. Vor allem weil die Frau des Krämers sich so bemühte als wahrhaft gewiefte Kupplerin! Aber die werte Tochter geht im Moment mit dem Elektriker aus.Ich bewundere sehr, dass Sie sich durch alle Texte graben….

      Genau, Chanukka beginnt dieses Jahr am 24.12. und hier wird es Weihnukkah genannt….Ich wünsche Ihnen auch ein schönes Weihnachtsfest!

  2. Welcome back 🙂 durch Zufall vor einer Weile hier gelandet, liest meine Berliner Seele immer wieder zum Lächeln gebracht des Fräuleins Worte.

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