Berlin.

IMG_0460.jpgAch, Berlin. Du, die Stadt mit Himmelsleiter. Immer warst du schon ein Ort für Träume. Ob Wolkengucker oder Luftikusse, du bindest ihnen allen die Schnürsenkel zu. Deine Arme sind offen für Wunderkinder und Wundersame gleichermaßen. Du hast ein Auge auf die leichten Mädchen und pfeifst die Lieder der alten Damen auf dem Kudamm lauthals mit. Zu viele Fragen stellst du nicht. Lieber ziehst du deine Kinder mit zur Spree und leuchtest golden. Deine Sommer sind ein Wetterleuchten und deine Nächte, ja deine Nächte erst. Größenwahnsinn ist Dir eine zweite Haut.

Ach Berlin, Du warst immer schon Heimat für die Heimatlosen. Einmal und leider nicht mehr warst du auch das östliche Jerusalem. Für viele warst du die Stadt zum Atem holen: Franz Kafka konnte endlich Prag vergessen und W.H. Auden endlich einmal richtig küssen. 1926 fuhr Josephine Baker mit einer Straußenkutsche durch das Brandenburger Tor und du kannst natürlich nur lachen über Leute die durch dich auf Segways rasen. Ach, Berlin Du stolze Prüde, du mit der geflickten Lederjacke und dem Absinth in deiner Hosentasche. Du hast dich mit Joseph Roth betrunken und es wirklich wahr: bei dir ist für jeden Platz. Auch den Bettler vor dem Netto lässt du leben und ja Berlin, das ist sehr viel. Ach, Berlin Du Stadt der vielen Seelen: du riechst nach Istanbul, Krakau und Beirut. Wärst du Musik, es wäre Oper mit Orchesterbegleitung, natürlich draußen und auf einmal fingen alle an zu singen. Groß und klein und sehr, sehr laut. An Deinen Tischen ist die Welt zuhause und selbst in Mitte kann man Brezen wie im Breisgau kaufen. Berlin Du bist uns große Schwester. So cool und hart wären wir selber gern. Wir kleben dann an deinen Hacken. Du drehst dich um und sagt: das hättste jern!

Berlin, immer warst du schnell und oft verwegen. Mies van der Rohe machte doch für dich die ersten Pläne und Julius Fromm der Mann mit den Kondomen ist einer meiner größten Helden und Magnus Hirschfeld gehört ganz unbedingt dazu. Berlin Du füllst ganze Tagebücher und Berlin, deiner Stimme verfiel man auch in Hollywood. Berlin, Du bist die Stadt mit großen Tönen und einem rauen Charme. Oh ja Berlin, keine Stadt kann fluchen so wie du. Berlin manchmal hast du scharfe Zähne und ja wir alle schnitten uns an deinen scharfen Kanten. Berlin, du bist die Stadt mit Narben. Für lange Jahre warst du eine Insel. Alle die auf Mauern schwören, können von dir lernen, dass manche Schmerzen nie vergehen. Immer wenn ich die Bilder von jenem 9. November sehe, muss ich weinen, denn Berlin deine ausgetreckten Arme, das bist Du. Diese Hände, die nicht gehen liessen, Berlin, das werde ich dir nie vergessen. Berlin Du hast so viele aufgefangen: nein, Berlin du bist nicht nur Erfolgsgeschichten, sondern schon immer auch die Stadt der kleinen Leute, Trinkerdielen, Zille-Bilder, Trockenboden, Trickbetrüger, Hütchenspieler, Leierkastendreher und auch auch Schrebergärtner. Du zucktest immer mit den Achseln und sagtest Dir und uns und anderen: Berlin ist groß! Berlin radaut, das wusste schon Tucholsky und rauer Charme ist manchmal mehr als süße Liebeslieder. Berlin Du liebst die Müden wie die Immer-Wachen, Du hast ein offenes Ohr auch für die, die nur noch mit sich selber reden. Berlin Du und JFK, damals und so lange ist das noch gar nicht her. Nein, noch nie bist du einem Kampf aus dem Weg gegangen. Das wärst nicht du. Berlin Du hast uns alle aufgefangen und mitgenommen, aufgehoben und auch wiederlosgelassen. Ach, Berlin stumm sind wir angesichts der Bilder. Berlin, du bist mit so vielen ein Stück des Wegs gegangen. Ach, Berlin du Tausend-Augen-Stadt. Ob angelehnt, ob abgelehnt, ohne dich wäre vieles anders. Ob von mittendrin oder auch von anderswo, heute Nacht Berlin, bilden wir um dich eine Menschenkette. Nein, niemand könnte dich in Ketten legen. Aber wir deine Kinder, stellen uns vor dich. Nein, heute schließen wir nicht unsere Augen. Unsere Kette ist viel feiner, denn deine Bande aus Offenheit und Herzlichkeit, aus Würde und Mut und aus furchtlosem Gelächter, aus langen Tagen und hellen Nächten, aus Augenzwinkern und Jargon, aus Liebesgeschichten und verzweifelten Fluchten, aus Ankommen und Zurückkehren, aus auch mal laut sein und lieber mal leise sein, dass haben wir von dir in die Welt mitgenommen. Nein, Berlin unsere Herzen schlagen heute ganz allein in deinem Takt.

Nein, Berlin Du bist nicht allein.

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