Fast schon eine Weihnachtsgeschichte

Jedes Jahr, so um das erste Adventswochenende herum, eröffnet am Bahnhof des nächstgrößeren, kleinen Dorfes ein Weihnachtsbaumhandel. Der Weihnachtsbaumhändler dessen klappriger Jeep mit lauter leuchtenden Lichterketten behängt ist, schiebt einfach einige Bauzäune zusammen, stellt eine kleine, metallene Kasse auf einen Hocker und dann sitzt er mit seinem Schäferhund Jeff auf einem Klappstuhl und wartet auf Weihnachtsbaumkunden. Wenn ich am frühen Morgen zum Bahnhof eile, aber sind die Weihnachtsbaumgehege noch mit einem Vorhängeschloss gesichert und kehre ich abends spät zurück, sieht der Weihnachtsbaumhändler müde und sehr, sehr durchgefroren aus. Den ersten Weihnachtsbaum aber darf der Priester auswählen, er überlässt dieses Recht des ersten Baumes aber der Frau des Krämers, die dies stolz und mit Würde tut. Der zweite Baum aber steht prächtig glitzernd bei der Frau des Krämers im Geschäft. Ich nicke zwar beifällig aber mehr pflichtschuldig, denn über echte Begeisterung über den funkelnden Tannenbaum. Wie in jedem Jahr, so auch in diesem laufe ich an jedem Morgen am Tannenbaumkäfig vorbei. Dort stehen kerzengerade Nordmanntannen in Reih- und Glied. „Angeber“ denke ich und strecke ihnen ein wenig die Zunge heraus. Ewige Streber und Klassenerste. Die Tannen sehen natürlich erhobenen Hauptes über mich hinweg. Neidisch sind sie allenfalls auf die Blautannen, die fast tänzelnd die Äste in den Wind hält und selbst eingepfercht im Gitterkäfig doch bella figura zu machen verstehen. Neben den Blautannen stehen die Fichten. Sie gehen nicht gut, sagte der Weihnachtsbaumhändler einmal zu mir und so zittern die Fichten wohl bei jedem Auto, das anhält und hoffen ein älteres Ehepaar werde sich ihrer erbarmen. Am Ende der ersten Dezemberwoche aber sehe ich, dass ganz hinten am Zaun, abseits von allen ein kleines, zerdrücktes Tannenbäumchen lehnt. Schief ist gewachsen, kein Vergleich zu den aufrecht gestreckten Nordmanntannen, unregelmäßig und verwachsen sind die Äste und hat das Tannenbäumchen auch dichte grüne Nadeln an seiner Vorderseite, so sind die Lücken im dichten Tannenkleid nicht zu übersehen. Einen Moment lang, bleibe ich vor dem Bäumchen stehen, aber dann erinnert mich ein Blick auf die Uhr daran, dass ich mich sputen muss, will ich den Zug noch erreichen. Am Ende der zweiten Dezemberwoche lichten sich die Reihen. Eine makellose Tanne nach der anderen wird auf Autodächer geschnallt und glitzert und funkelt bald schon in heiterer Pracht in Wohnzimmern der umliegenden Dörfer.Umso deutlicher sieht man aber auch die schäbige, kleine verwachsene Tanne, die  abseits der Andere steht. „Sagen Sie Weihnachtsbaumhändler“ frage ich ihn eines Abends, „was ist das hinten für ein Bäumchen?“ „Ach“, knurrt der Mann, „das Ding da, das fliegt bevor hier Schluss ist in den Kamin.“ Ich beiße mir auf die Unterlippe. „Read On“ sage ich mir, als ich daheim aus den Schuhen steige, was willst du mit einem Tannenbaum?“ Weihnachten bist du in Berlin.“ Dann backe ich Brot. Nachts im Bett liege ich wach. Ich denke an das kleine, jammervoll, verwachsene Bäumchen im Drahtgitter, über dem das Damoklesschwert Kaminfeuer schwebt. Ich ermahne mich zur Vernunft. „Sei nicht albern, Read On“, sage ich mir und schlafe endlich ein. Am anderen Morgen gehe ich ganz schnell am Weihnachtsbaumdrahtkäfig vorbei und sehe nicht einmal aus dem Augenwinkel zum Bäumchen hinüber. Am Abend steht das Bäumchen im Regen. Die anderen Tannen scheint mir tuscheln über das Bäumchen und überhaupt sind nur sehr wenig Bäume ( darunter vier Kiefern ) im Drahtgitter zu sehen.

Am Mittwoch knicke ich ein. Ich renne so schnell ich kann vom Bahnhof zum Weihnachtsbaumhändler und hoffe er und sein Schäferhund sind noch an Ort und Stelle. „Das verwachsene Bäumchen, sage ich, das kleine möchte ich haben.“ Der Weihnachtsbaumhändler sieht mich entsetzt an. Er zeigt auf die verbliebenen Tannen, preist die Vorzüge der Kiefer und bietet mir an auch eine Douglastanne auftun zu können. Ich schüttle den Kopf. „Das kleine Bäumchen, sage ich kommt mit mir.“ „Zehn Euro“ sagt der Weihnachtsbaumhändler und dann ist das Bäumchen mein. Mit klopfendem Herzen ziehe ich das Bäumchen hinter mir her, durchs Unterland. Natürlich tritt die Frau des Krämers vor die Tür, als sie mich kommen sieht. „Aber Fräulein Read On“ was wollen sie denn mit dem Krüppel von einem Baum?“ Soll ich meinen Mann rufen, der zerhackt ihnen den gleich? Ich halte mein Bäumchen fester. „Nein“, sage ich ganz empört, dass ist doch mein Weihnachtsbaum. Die Frau des Krämer sieht mich sprachlos an. Schwer ist das Bäumchen und ich schnaufe, ist die Tanne endlich im Oberland. Der Priester sieht erst das Bäumchen und dann mich an und versucht nicht lautloszulachen, obwohl es in seinen Mundwinkeln verdächtig zuckt. Der Tierarzt ist nicht so vornehm, sondern kichert spöttisch. „Ich wusste es“ sagt er und schüttelt den Kopf, wenn jemand diesen Baum anschleppt, dann Du.“ Ich ignoriere den Tierarzt geflissentlich und suche nach der Lichterkette. Der Priester bringt eine Schachtel mit roten Kugeln. Eine halbe Stunde später leuchtet das Bäumchen und als ich neben der Katze auf dem Fensterbrett sitze, und das Bäumchen bestaune, ist mir als nickte mir der kleine verwachsene Baum verschwörerisch zu. „Man muss im Leben retten, was immer man retten kann, sage ich zum Tierarzt und mache das Oberlicht aus, damit das Bäumchen noch heller leuchtet und funkelt und strahlt.

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15 Gedanken zu “Fast schon eine Weihnachtsgeschichte

  1. es ist eine wunderschöne Weihnachtsgeschichte!
    Und es sieht ganz wunderbar aus, das vermeintliche Krüppelchen!
    Und ich finde Tannenbäumchenretterinnen ganz bezaubernd!

  2. Oh, ist das eine wunder-wunder-wunderschöne Geschichte!
    Vielen lieben Dank dafür!
    *Tränchen aus dem Augenwinkel wisch*

  3. Bravo, so muss das. Wenn ich überhaupt einen Christbaum kaufe, dann genau so einen übrig gebliebenen, der nie im Leben gedacht hätte, dass ihn jemand mitnimmt.
    (Vor vielen Jahren erzählte ich dieses Prinzip meinen kleinen Nifften – die sich sofort auf die Seite aller armseligen Christbäume schlugen und seither den Christbaumkauf ihrer ästhetisch sehr anspruchsvollen Mutter verhageln.)

    • Wunderbar! Es ist sehr schön zu wissen, dass es so viele Christbaumkonspiratorinnen gibt, die sogar schon die nächste Generation zu Baum-Guerillas werden lassen. Ein dreifaches Hoch auf die die Nifften und Sie!

  4. Ja, genau!
    Unser Christbaum dieses Jahr: Fichte, stolze 280cm hoch, elegant S-förmig gebogen, einseitig spärlich beastet.
    Ein wahrer Charakterbaum.

  5. Man muss retten, was man retten kann. Von der verhungernden Hummel, zum ertrinkenden Schmetterling, zum ansonsten völlig sinnlos abgeholzten Weihnachtsbaum, und selbstverständlich Menschen, wo und wie immer wir können. Eine schöne Gesinnung, eine wunderbare Geschichte.

  6. Liebe Read On, vor kurzem bin ich auf Ihre Seite gestoßen und lese mich nun von hinten bis nach vor durch. Erst Mal Danke für Ihre wundervollen Texte, die mir auf der Seele brennen und eines längeren Kommentars bedürfen, der sich allerdings noch nicht so recht in meinem Kopf geformt hat. Zu viele Gedanken gehen mir durch den Kopf, seit ich Ihre Einträge lese.

    Bei diesem Text über den Weihnachtsbaum musste ich allerdings gerade Tränen lachen und will Ihnen gern sagen, warum. Auch bei uns stand zur letzten Weihnacht ein ganz und gar mickriger Geselle im Wohnzimmer. Im Vergleich dazu protzt der Ihre ja noch mit Ästen und Grün. Tatsächlich habe ich zuvor noch nie einen hässlicheren Baum gesehen, als jenen, den der Schwiegervater im eigenen Garten für uns geerntet hatte. Aber da stand er nun mit seinen 7 Ästen in unserem Wohnzimmer, voller Charakter und Ausdrucksstärke und was soll ich sagen …. auf keinem Baum den ich bisher hatte, kam der Christbaumschmuck so hervorragend zur Geltung! Kein Wunder, denn kein dichtes Geäst lenkte vom Schmuck ab (SO muss man das nämlich sehen und nicht anders!) und so habe ich tatsächlich jedes einzelne Stück (und das ist nicht wenig, was sich da im Lauf der Zeit so ansammelte), dicht an dicht an die spärlichen Ästchen gehängt. Und so stand er dann da bis Lichtmess, voller Glanz, jedes Schmuckstück sichtbar und hat bei all unseren Gästen für Kopfschütteln gesorgt. Ich habe aber schon beim Schmücken Tränen gelacht und ihn bis zum Schluss verteidigt. Charakter hat man, oder eben nicht 😉

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