Höhere Mächte

Fast so lange wie ich die D. kenne war D. mit dem E. liiert. Die D. müssen sie sich als eine überaus vernunftbegabte Person vorstellen. Auf keinen Fall ist sie je solch ein Zausel gewesen wie das Fräulein Read On. Die D. mit ihren roten Locken und grün gesprenkelten braunen Augen und ihrer immer aristokratisch-gelassenen Haltung ist das genaue Gegenteil des benannten Fräuleins. Die D. weiß gar nicht was eine Laufmasche ist, während das Fräulein Read On schon Vorträge mit abgebrochenem Hacken absolviert hat. Nicht nur weil das Wort patent so überaus treffend für die D. ist, ist sie Patentanwältin geworden und der E. ihr langjähriger Gefährte tat es ihr nach. Den E. allerdings habe ich nie recht leiden mögen, vor allem weil er stets mit weinerlicher Stimme von seinen vielen Wehwehchen klagte und mir einmal sogar sein Taschentuch mit Inhalt unter die Nase hielt-wohl in der Erwartung, dass ich einstimmte in sein Jammern und Klagen. Aber wer das Fräulein Read On kennt, wird wissen, dass der E. mit schallendem Gelächter noch einmal milde davongekommen ist. Aber die Gefährten lieber Freunde ertrage man mit nachsichtiger Milde und als die D. vor einem Jahr, etwa um diese Zeit ankündigte, dass sie und ihr lieber E. das Weihnachtsfest statt bei seinen Eltern im schönen Schwetzingen zu verbringen, nach Mexiko fliegen würde, nickte ich beipflichtend und fragte, es sage ja keiner, dass Fräulein Read On sei ein Unmensch, ob der E. sich denn für solch eine Reise gesundheitlich gerüstet fühle. Der E. so die D. hat eine ausführliche Beratung bei einem Institut für Tropenkrankheiten absolviert und sei guter Dinge. Ich wünschte das Allerbeste und bestärkte die D. in der Annahme der E. würde vor Palmen und weißem Sand einen Ring aus der Hosentasche ziehen und die D. bräuchte nur mehr romantisch: „Ja ich will“ zu hauchen. Der D. patent wie sie nun einmal ist, war diese Fantasie so konventionell sie auch sein mag, durchaus peinlich. Die D. ist in allen Fragen des Lebens praktisch und hat sich nie mit derselben Begabung in amouröse Katastrophen gestürzt wie sagen wir das Fräulein Read On. Auf dem Flughafen jedenfalls stießen die G. und der K. dazu, aber beide kenne ich nicht. Der E. habe sie wohl auf einem Juristenkongress kennengelernt und man habe sich sympathisch genug gefunden, um auch eine Fernreise unbeschadet zu überstehen. Mexiko jedenfalls habe sich gut angelassen. Die Sonne schien. Der Wind hauchte mild. Schwetzingen und die seltsamen Eltern des E. waren fern. Kühl war der Weißwein in den Gläsern und wenn der E. auch über Kopfschmerzen und ein Stechen in der Brust klagte, so war doch alles von mexikanischem Blau- es war ja Weihnachten-überzuckert. In den nächsten Tagen besichtigte man gemeinsam Tempel und bestaunte alte Götter. Abends aß man guten Fisch und trank noch mehr vom kühlen und sehr angenehmen Wein. Die D. schaute dann und wann zum E. herüber, ob er nicht wohl doch einen Ring? Aber dann unterhielt sie sich mit der K. über gemeinsame Berliner Bekannte und mit dem G. über den Kauf einer Ferienwohnung in der Toscana. Der E. sprach munter dem Wein zu, nieste, schniefte und keuchte wenig und so schlief man gut im weihnachtlich beleuchteten Hotel. Anderntags las man am Pool, schwamm und die D. ließ sich massieren. Am Abend klagte der E. über Druck auf der Brust. Die G. aber bot dem E. etwas Homöopathisches aus ihrer Reiseapotheke an. Der E. nahm dankend an und folgte der G. Zurück blieben D. und K. Lange sahen sie der Sonne beim Versinken zu. Dann ging die D. schlafen, der E. indes war noch nicht zurück von den heilenden Händen der G. Am anderen Morgen jedoch lag der E. leise schnarchend an ihrer Seite. Aber auf den geplanten Ausflug hatte er keine Lust und auch die G. fühlte sich nicht ganz an Deck. Den Ausflug machten dann die eben der K. und die E. Überraschend stellte sich der K. als Kenner aztekischer Kultur und die D. hörte dem K. gern zu und schickte Fotos zu mir nach Berlin. Als sie schließlich in das Hotel zurückkehrten wand sich der E. jedoch keineswegs auf dem Boden noch tappte die G. halbstündlich ins Bad. Vielmehr saßen die E. und der G. sehr lebendig auf der Terrasse, mit Blick aufs Meer, der kühle und sehr gute Weißwein in Reichweite und hielten sich bei den Händen. Der E. so die D. trug einen überaus albernen Sombrero und als die D. und der G. ins Bild traten, beugte sich die G. vor und küsste den E. auf die etwas zu schmalen Lippen. Noch am selben Nachmittag aber zog der E. ins Zimmer der G. und der K. nahm sich ein Einzelzimmer. Die verbleibenden Urlaubstage aber sah die D. lange aufs Meer und nahm die Arbeit zur Hand, die sie, patent wie sie ist eingesteckt hatte. Manchmal machte sie einen Spaziergang mit dem K., der für lange Stunden in einem Buch über aztekische Zahlensymbole las. Auf dem Rückflug tauschte die D. den Sitzplatz, aber neben dem K. saß sie nicht. Zurück in Berlin, packte der E. seinen Koffer in der gemeinsamen Wohnung gar nicht mehr aus. „Unsere Immunsysteme harmonieren nicht“ ließ er die D. wissen und sah sich nicht noch einmal um.

„Dieses Jahr aber“ sagt die D. „bliebe sie über Weihnachten in Berlin“ und zuckt mit den Schultern. „Der G. und die E. wären inzwischen verheiratet, so hätte sie gehört und verbrächten ihre Flitterwochen in Mexiko“. „Der K. würde ihr immer mal schreiben, geantwortet hätte sie ihm nie. Vielleicht würde sie sich Weihnachten endlich einmal an einen Antwortbrief setzen, es sei ja schließlich keine Art sich so gar nicht zu melden“. Die D. aber das sagte ich ja bereits ist eine ausgenommen, praktische Person, ganz ohne Fehl und Tadel und wäre niemals wie das Fräulein Read On auf die Idee gekommen, dem frisch vermählten Paar eine sehr schlechte Kiste Weißwein zu schicken, von der man garantiert solche Kopfschmerzen bekommt, dass selbst die flucherprobten Götter der Maya und Azteken nicht ganz unbeeindruckt gewesen wären oder vielleicht sind, denn wir Sterblichen wissen nichts über ihr Wesen und Sein.

8 Gedanken zu “Höhere Mächte

  1. Liebe read one, ich lese hier noch nicht lange, aber ihre Texte gefallen mir sehr. Sie sind wie ein Stein der übers Wasser springt, und dessen kleine Wellen sich aneinander stoßen, bildlich gesprochen. Ich mag es jedenfalls sehr gerne. Liebe Grüße Neli

    • Vielen Dank für Ihren so freundlichen Kommentar. Ich habe mich immer sehr geärgert, dass ich keine Steine über die Wellen springen lassen kann und Ihr schönes Bild versöhnt mich sehr mit diesem Mangel. Ein Blog indes ist nichts ohne seine Leser und es ist sehr schön, dass Sie hier mitlesen mögen.

  2. Schlechter Wein ist eine prima Idee, aber den E. würde ich obendrein noch drei edle Taschentücher aus gutem Stoff mit gesticktem Anagramm schenken, damit die G. (wenn ich bei den vielen Initialien nicht durcheinander gekommen bin, das geht mir bei Dostojewski auch immmer so) schön was zu bügeln hat nachdem sie den Rotz ausgewaschen hat. Tempos sind zu einfach. Habe sehr gelacht, wieder ein Mal

    • Ich komme bei den Initialien auch oft durcheinander und muss noch einmal von vorn beginnen. Es ist ein etwas schwieriger Kompromiss. Sie haben aber wirklich wunderbare Ideen! Die bestickten Taschentücher sind fabelhaft und Geburtstage bieten sich ja auch für eine derartige Aufmerksamkeit an…

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