Der Angst nachgehen

Während meines Vortrages schütteltest du den Kopf und gingst. Die Tür fiel krachend ins Schloss. Aber das passiert bei Vorträgen zum Thema: Sexualaufklärung, Verhütung und Familienplanung in Slum Communitys sehr oft und nicht nur in Neu-Delhi spucken mir Männer ins Gesicht. Es lohnt sich nicht einer krachenden Tür hinterherzusehen und so redete ich weiter. Ich erzählte von den Eisenbahnschienen, die am Slum entlanglaufen und den morgendlichen Leichenzählungen, damals als wir dort begannen, zählten wir vor allem tote Frauen.

Nach dem Vortrag und vielen geschüttelten Händen atmete ich endlich aus. Meine Abneigung gegen feuchte Hände ist schier unüberwindlich und ich wusch mir die Hände. Lange und gründlich. Flackerndes Neonlicht im Bad. Im Flur, grauer Teppichboden, graue Stühle, graue anthrazitfarbene Anzugträger überall, dort standest auch du und sehr laut und sehr akzentuiert, damit ich es auch hörte, sagtest du zu einem der Anzugträger: „Frauen wie die da, mit ihren Weltrettungsambitionen machen mich krank.“ Ich lächelte leise, denn ich kenne das schon. Du trugst kein graues Sakko und auch keine graue Hosen. Du warst ganz in Schwarz, schwarzer Rollkragenpullover, schwarze, sehr teure Hosen, schwarze Schnürstiefel und schwarz waren deine Augen und schwarz wie deine Augen war auch dein Haar. Der Anthrazitgraue nickte über seiner Kaffeetasse und ich ließ euch stehen und stieg hinauf auf die Dachterrasse. Sonne und Luft und nichts davon grau. Dafür New York vor mir und endlich ausatmen. Aber lange hielt das nicht, nicht die Weite der Stadt, die Sonne und auch nicht das Atem holen. Schon standet du vor mir. Ganz schwarzer Schatten. „In Aleppo sterben Menschen, schriest du mich an, sterben Menschen und sie behelligen uns mit Tampons, Kondomen und Frauenproblemen. Ich sah dich an und sagte: „Kennen wir uns?“ Aber du warst schon weiter und verfluchtest mich. „Genau wegen solch Menschen wie mir, ginge die Welt vor die Hunde. Ewiges Geschwätz von Waschweibern, die nichts wüssten vom Krieg. Keine Ahnung hätte ich von zerschossenen Häusern, vom Bombenhagel, von verkohlten Autowracks, von zerfetzten Körpern und dem sengenden Geruch nach Brand und Munition sondern stattdessen vertriebe ich mir die Zeit mit meinen Frauen und ihren Problemchen. Du tobtest immer lauter und weiter und an deiner Schläfe pochte eine Ader. Ich saß da in der Sonne und in deinem Schatten und sah dich an und du tobtest dich aus. Ich hatte kalte Hände und erst als du schriest: Fuck, fuck fuck you, stand ich auf und trat auf dich zu und ich griff mit beiden Händen in deinen Pullover, schwarz und weich unter deiner Härte. Dein Geruch war Traurigkeit. Meine Hände aber sind eisern. „Hören sie“ sagte ich zu dir, du schriest ja noch immer, keine Frau in Aleppo wird lebendig, liegen meine Frauen tot am Straßenrand, keine Bombe fällt nicht, weil es in Neu-Delhi eine Müttersprechstunde gibt, niemand wird gerettet, weil es in einem Slum in Indien Kondome gibt. „Unter meinen Händen zitterten deine Schultern. Aber ich ließ nicht los. „Meine Frauen und ihr Aleppo teilen nur die Unsichtbarkeit und die wird auch nicht deswegen kleiner weil es bei Twitter Betroffenheit und dann auch wieder Katzenbilder gibt. Die Welt und meine Knöchel waren weiß unter deinem Schwarz, aber ich gab nicht nach, die Welt geht weiter mit Aleppo, mag da auch eine Mutter schreien wie ein Tier, man wird sie nicht hören , aber Sie, sie kriegsversehrte Taube brauchen ihre Kräfte für den Krieg.“ Ich sah ich dich an, bevor ich sagte, „ich weiß dein Herz ist müde und deine Traurigkeit so schwer.“

Stumm und zitternd sahst du auf mich herunter. Meine Hände drückte ich gegen deine Rippen, denn ich kenne das schon, kenne doch die Narben,  es sind dieselben, die auch zwischen meinen liegen, nur spiegelverkehrt, drückte mich in deine Narbe hinein, zeichnete den Stiefelabdruck nach der da zwischen deinen Rippen lag und zog deine Finger zwischen meine Rippen. „Nichts daran ist gut“ sagte ich und zog meine Hände fort.

Zwei Stunden habe ich heute für den Vierzeiler an dich gebraucht. Prends ma main. Es ist die gleiche Angst.

4 Gedanken zu “Der Angst nachgehen

  1. Ihre Worte haben für einen guten, langen Moment mir die Perspektive verrückt. Ich kannte Menschen aus Aleppo, vor langer Zeit wieder dahin zurückgekehrt, zerrissene Verbindung. Man versucht, die Gedanken in Schach zu halten, lange. Keine Bilder ansehen, nicht, nur um irgendwann die neutrale Stimme des Nachrichtensprechers nicht mehr zu ertragen. Den Schmerz nicht zulassen, weil es lächerlich ist, hier im Warmen, die Adventsbeleuchtung vor dem Fenster, nicht produktiv und dreht sich nur um sich selbst. Es war gut, dass mich Ihre Geschichte traf. Danke.

    • Ich hoffe sehr, dass Ihre Bekannten dieser Hölle die Aleppo ist entkommen und sich in Sicherheit bringen konnten. Ich glaube es geht tatsächlich darum wie sie sagen, nicht aufzuhören sich angreifen zu lassen von dem was dort passiert und was in der Aufmerksamkeitsmaschinerie so schnelle vorbeirauscht. Aber Schmerz braucht Zeit. Danke für Ihren mich sehr bewegenden Kommentar.

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