Ein Sonntag im Dezember

Der Tierarzt sitzt am Küchentisch. Glücklich sieht er nicht aus. Der Tierarzt schreibt an einem Aufsatz zum Thema: Der Einsatz von Antibiotika in der Schweinezucht und dann folgt eine lange Reihe sehr komplizierter Fachtermini. Das Notebook vor dem der Tierarzt sitzt, zeigt eine leere, weiße Seite. Der Tierarzt seufzt. Auf dem Küchentisch stapeln sich die Fachbücher und turmhoch sind die Notizen durch die der Tierarzt sich wühlt. Ich sitze in Decken gehüllt auf dem alten, grünen Sofa, denn mir ist kalt. Passend zu meiner roten Nasenspitze, höre ich Schuberts „Winterreise“  und schlürfe sehr, sehr heißen Earl Grey Tee. Auf meinem Schoß liegt ein belangloses, aber mich über die Maßen erheiterndes Buch aus dem 19. Jahrhundert. Dann und wann esse ich ein Stück Nussschokolade und sehe hinüber in die Küche. Dort tigert der Tierarzt inzwischen zwischen Herd und Spüle hin- und her und murmelt unverständliche Sätze und rauft sich die Haare, bevor er erneut den Küchentisch umkreist. Caged animals pace. Children fidget. A gentlemen sits quietly lese ich dem Tierarzt vor. Der Tierarzt grunzt nicht unähnlich seinen Studienobjekten und faucht: „Sehr hilfreich Read On“. „Das dachte ich mir Tierarzt“, sage ich milde lächelnd, wenn auch sehr, sehr fröstelnd. Der Tierarzt setzt sich erneut an den Tisch und jammert: Die Abgabefrist sei von unmenschlicher Kürze, das Thema von epischer Breite, die anderen Tierärzte viel klüger und überhaupt hätte er im August beginnen müssen, die Notizen der letzten zwei Jahre zu ordnen. The perfect gentleman rufe ich vom Sofa herüber keeps his affairs in order at all times. Der Tierarzt wirft das Plumb’s Veterinary Handbook nach mir. Das Buch landet einen halben Meter vor dem Sofa. The perfect gentleman verlese ich never looses sight of his goals. Der Tierarzt kommt ins Wohnzimmer und vorsorglich bewaffne ich mit einem Quastenkissen, aber der Tierarzt knurrt nur misssmutig und selbst die Katze, die den Tierarzt abgöttisch als sei er Anubis selbst verehrt, wird nur kurz getätschelt und der Tierarzt kehrt zurück an den Küchentisch. Dann ist es still. Der Tierarzt hackt frenetisch in die Tastatur und ich wechsle von der Winterreise zu Schuberts Vertonung von „Auf dem Wasser zu singen“ Eines jener Lieder über die ich mich nie habe beruhigen können, immer ist mir als zöge das Lied mich mit hinaus aufs Wasser und von dort aus immer nur weiter und weiter in die Unendlichkeit: Morgen entschwinde mit schimmerndem Flügel/ Wieder wie gestern und heute die Zeit. Darüber schlafe ich ein und als ich erwache, sitzt der Tierarzt neben mir auf dem Sofa. Eine Zumutung von Text sei es klagt er, noch nie sei Dümmeres und schlimmer noch Banaleres geschrieben wurden als von ihm in diesem Aufsatz, der eine Schande für die ganze Zunft sei und wahrscheinlich drohe ihm der baldige Entzug der Approbation. Seinen Namen müsse er ändern, das Land verlassen, die Praxis aufgeben und am besten als Schafscherer in Neuseeland anheuern. Ich schlage das Buch auf und richte mich auf: Life is not theatre, ballet or opera. Scenes belong on the stage. Der Tierarzt sieht mich entsetzt an. Du bist, beginnt er und schnappt nach Luft wirklich, aber bevor er noch unmöglich rufen kann, falle ich ihm ins Wort: Curiosity about womenfolk is a luxury a perfect gentleman can not afford. Der Tierarzt schüttelt den Kopf. “Ich weiß wirklich nicht, warum ich dich so mag.” A perfect gentleman has a clear conscience at all times, erwidere ich und schäle mich seufzend aus dem Deckenberg, schütte den kalten Tee in den Ausguss, bedauere nicht mehr Nussschokolade gekauft zu haben, stoppe den Plattenspieler und suche nach einem Lesezeichen für das so erquickliche Buch. „Dann lass uns deine Notizen mal besehen“, sage ich zum Tierarzt und schon sitzen der Tierarzt und ich am Küchentisch und sortieren Notizen und Aufzeichnungen, der Tierarzt seufzt und isst aus Verzweiflung mehr Kekse und Kuchen als er sonst je täte und immerhin das ist ein Lichtblick an diesem ansonsten recht trüben, und nasskalten Sonntag, der ganz unter dem Zeichen des Schweins und der Wissenschaft steht.

6 Gedanken zu “Ein Sonntag im Dezember

  1. Ich habe in sehr jungen Jahren mal ein Praktikum bei einem Fachtierarzt für Schweine gemacht, als ich selbst noch davon träumte, Veterinärmedizin zu studieren. Schweine sind interessante Lebewesen; ärgern Sie also den armen Tierarzt nicht zu sehr, auch wenn Sie selbst von seinen Forschungen nicht profitieren werden.

    • Ich weiß ich kann mit dem Tierarzt nicht um Sympathien konkurrieren. Von Ihren Kenntnissen hätte er wahrlich mehr profitieren können als von meinen mediokren Scherzen.

      • Oh, meine Sympathien gehören stets und zuerst Ihnen. Ich fürchtete nur, der Tierarzt sei Ihnen auf Dauer nicht gewachsen. (Was meine Kenntnisse betrifft, so bestand meine Tätigkeit hauptsächlich darin, geimpften Ferkeln einen dicken blauen Strich auf den Hintern zu malen, damit sie nicht versehentlich zweimal geimpft wurden.)

      • Der Tierarzt ist in jedem Falle sympathischer als ich es je sein könnte und verdient freundliche Zuwendung- ich schwöre Ihnen Ihr Schweinekenntnisstand übersteigt den meinen um ein Weites…

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