Kaffee im Wartesaal

Ein Treffen mit einem mir zutiefst unsympathischen Kollegen in einem Coffeeshop. Natürlich ist er noch nicht da. Ein scheußlicher Ort. Eine Mischung aus Raststätte und Altenheimcafeteria. Das Mobiliar aus schwarzem, quietschenden Kunstleder, eine traurige Palme an der Wand repräsentiert wohl das Konzept Wohlfühloase. An den Wänden großflächige Fotografien an denen Menschen jauchzend vor Kaffeetassen sitzen. An der Kasse eine lange Schlange von Menschen, die versuchen die absurden Namen der Getränke herbeizubuchstabieren. Die Mitarbeiter ausnahmelos aus Osteuropa versuchen verzweifelt, die absurden Namen an den Barista, so steht es auf einem grauen T-Shirt gedruckt, weiterzugeben. Ein aussichtloses Unterfangen, denn keiner derjenigen in der Schlange entsinnt sich mehr ob sein Kaffee nun „Super-Festive-Almond-Mocha-Frappucino-Mint-Cherry“ heißt oder Mint-Cherry-Super-Almond-Festive-Mocha. Mit versteinerten Mienen balancieren die Wartenden ihre Tassen zu den Tischen. Alles wird in abstrus großen Tassen oder Gläsern serviert. Es hat etwas von einer Gesellschaft von Riesen, die hier verköstigt werden soll. In der Wirklichkeit aber sitzen nur erschlaffte Menschen vor den Tassen und starren in die sahnebehäufte See vor ihnen auf dem Tisch. Eine Gruppe von Chinesen, wohl auf dem Weg zum Flughafen legt ihre Köpfe auf die Tischplatte und ist auch nicht durch die lauthals plärrende Musik („Driving home for Christmas“ – immerhin passend zur Raststättenatmosphäre), die aus den Lautsprechern kreischt, zu stören.

Vielleicht sind diese Orte ja die neuen Bahnhofcafés, gedacht nur für Durchreisende und keinesfalls zum Bleiben einladend. Mit den Cafés des alten Europas hat dieser Ort nichts mehr zu tun. Es hängen keine Zeitungen mehr aus und die alten Ober, die Gäste so gekonnt zu ignorieren wussten und in einem Winkel Tarock spielten, mag es noch in einer vergessenen Straße Budapests geben, aber nicht mehr hier. Hier gibt es nur noch Servicekräfte, die in einer unendlichen Reihe verschlissen werden und immer warten schon die Nächsten, die noch länger für noch weniger Lohn bereit sind zu arbeiten. Niemand sagt hier „Guten Morgen, gnä Frau“ und auch die Kellner, die in diesen Cafés dann und wann an der Bar ein Schlückchen Wermut tranken sind lange schon wegrationalisiert.

Am Tisch neben mir setzen sich derweil Mutter-Vater-Kind. Der Buggy ist schwer beladen mit Tüten voller Geschenke. Der Vater reiht sich in die lange Schlange ein und die Mutter schiebt ihr Telefon zum Kind herüber, dass obwohl noch klein dort sofort Geräusch erzeugen kann. „Peppa Pig“ kreischt es begeistert und die Mutter nickt erschöpft. Der Vater schließlich kommt zurück, schwer beladen mit einem Tablett und man sieht all das kommen, was dann auch so kommt. Die schweren Tassen geraten ins Rutschen, kleine Kinderhände greifen nach der monströsen Kakaotasse, die Tasse ist zu schwer für eine kleine Kinderhand und zerschellt auf dem Boden. Kakao überall, Geheul. Die Eltern sind versteinert, eine der jungen Frauen kommt mit blauen Zellstofftüchern und wischt beharrlich Kind und Tisch ab. Dann kehrt sie die Scherben zusammen und rennt zurück hinter den Tresen. Die Familie schließlich verlässt geschlagen von zu großen Mächten das Café. Don Quixote und Sancho Pansa hätten nicht trauriger durch Kastilien ziehen können, als dieses traurige Gespann mit der schwer beladenen Rosinante. Indes fällt die Tür die den Abfallbehälter verdecken soll mit lautem Scheppern auf den Boden. Die Angestellten aber haben kein Werkzeug und die junge blonde Frau lehnt die Tür resigniert gegen den Mülleimerschrank. Dann endlich kommt der Kollege, auch er reiht sich in die lange Schlange ein und als er mit Kaffee zum Tisch zurückkehrt, reibt er sich die Hände: „ Ganz schön hier nicht wahr? Schon richtig weihnachtlich.“

5 Gedanken zu “Kaffee im Wartesaal

  1. Man kann eine Kaffeehauskultur – wie eigentlich jede Kultur – eben nicht einfach so erfinden. Genauso wenig kann man sie an einen fremden Ort verpflanzen ohne, dass etwas dabei auf der Strecke bleibt. Kaffeehäuser gibt es in Wien (und gab es im Rest der KuK Monarchie). Alles andere ist Schmarrn.

    Und irgendwie hat dieser Gedanke ja auch etwas Versöhnliches in einer Welt, in alles Materielle zum Überfluss reproduzierbar scheint.

  2. Erinnert mich an Meetings in einer Stadt die ich mag, mit Leuten die ich nicht mag, für einen Job den ich nicht mag. Jedesmal nach dem Mittag gehen wir in dieses Kaffeehaus – Zeitungen gibt es dort zwar noch, aber alles andere ähnelt deiner Beschreibung. Nur die Innenausstattung – zusammengwürfelte Möbelstücke im Sperrmüllook, so dicht und chaotisch aneinedergestellt, dass man jeden auf dem Weg zu einem Tisch/Stuhl anrempelt oder bitten muss kurz Platz zu machen – fehlt.

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