Im Dunkeln

Immer ist es dunkel. Am Morgen, wenn ich aus dem Haus gehe ist es noch dunkel und kehre ich am Abend zurück ist es schon wieder dunkel. Die Dunkelheit hat kalte Hände. Nur zwei der Straßenlaternen im Dorf gehen noch, die anderen sind längst verloschen.Nur die ganz Alten im Dorf erinnern sich noch an die Zeiten als die ganze Dorfstraße beleuchtet war. Ihre Erzählungen variieren. 20 Jahre ungefähr, da kommt es auf ein Jahr weniger oder mehr auch nicht an. Es sind 900 Schritte vom Oberland ins Unterland. Die Dunkelheit verschluckt alle meine Schritte und sehe ich auf meine Zehenspitzen ist mir, als hätte mir jemand ein schwarzes Tintenfass über die Stiefel gekippt. Alle Fenster sind dunkel. Nur im einzigen Lebensmittelladen des Dorfes brennt Licht. Die Frau des Krämers fegt die Backstube aus. In der Fensterscheibe flackert es schwarz und weiß. „Was ist das Frau des Krämers?“ frage ich sie und zeige auf die merkwürdigen Gebilde. „Aber Fräulein Read On, sagt sie, das sind blinkende Schneeflocken.“ Ich sehe es nicht, aber ich nicke. Auf dem Weg zum Bahnhof legt sich die Dunkelheit wie ein schwerer Schal um mich herum. Pechschwarz ist die Welt und ob auf dem Dachfirst des Bahnhofes wirklich Krähen hocken oder doch nur der Nachtmar lacht, kann ich nicht sagen. Eines von beiden wird es schon sein. Im Zug ist die Dunkelheit ein dichter Vorhang, schwerer Brokat vielleicht oder auch nur ein alter Samtvorhang, der vor vielen Jahren einmal vor dem Eingang eines Zirkuszelts hing. In der Stadt bricht der Tag dann an, aber immer ist das Licht nur verhalten, nur eine müde Entschuldigung für die immer schon in den Schuhen stehende Dunkelheit, die dem Tag den Atem nimmt. Zurück am Abend, zurück durch die dunkle Straße, drehe ich das Licht überall an. Den Leuchter im Wohnzimmer, die Schlafzimmerlappe, das Oberlicht in Küche und Bad, die Stehlampe im Arbeitszimmer und auch die schwere Messinglampe im Flur schalte ich ein. Trotzdem, die Dunkelheit spiegelt sich heller als das Licht im Zimmer und auf dem Dielenschrank sitzt schon die Schwärze, sie kriecht zu mir auf den Küchentisch und als es an der Terrassentür klopft, glaube ich für einen Moment, dass die Dunkelheit selbst nun vorstellig wird und Hut und Stiefel in das Zimmer wirft. Es ist aber nur der Priester, der in seiner schwarzen Soutane, einem Chamäleon gleich, ununterscheidbar von der Dunkelheit fragt: „Fräulein Read on, habe ich sie erschreckt?“ „Ein bisschen, Priester“ sage ich und deute in Richtung Tisch: „bleiben sie zum Essen?“ Der Priester nickt, aber erst einmal braucht er eine Taschenlampe. Das Licht im Kirchhof ist ausgegangen. Dann kommt der Tierarzt und für eine Weile verzieht die Dunkelheit sich. Später erst als ich im Bett liege kehrt die Dunkelheit zurück. Legt sich wie ein dunkelschwarzes Gefieder auf mich und drehe ich den Kopf zum Fenster sehe ich nur schwarze Kälte und nicht das Meer. Das leckt vielleicht schon an meinen Füßen, aber so schwarz ist mir vor Augen, dass ich nichts mehr sehe vor lauter Dunkelheit.

6 Gedanken zu “Im Dunkeln

  1. Düstere Zeiten sind es, in denen die Mächte der Finsternis selbst bis in den Kirchhof vordringen.

    Folgen Sie Ihrem Licht, denn das Gute ist da, wo das Dunkle nicht ist!

    Stephan

  2. Vielen Dank.
    _________

    Da fielen mir dann doch noch die Worte Jochen Kleppers ein …

    „Die Nacht ist vorgedrungen,
    der Tag ist nicht mehr fern.
    So sei nun Lob gesungen,
    dem hellen Morgenstern!
    Auch wer zur Nacht geweinet,
    der stimme froh mit ein.
    Der Morgenstern bescheinet
    auch deine Angst und Pein.“

    „In jeder Nacht, die mich bedroht,
    Ist immer noch dein Stern erschienen.“

    „In jeder Nacht, die mich umfängt,
    Darf ich in deine Arme fallen,
    Und du, der nichts als Liebe denkt,
    Wacht über mir, wacht über allen.
    Du birgst mich in der Finsternis.
    Dein Wort bleibt noch im Tod gewiss.“

    … und auch die „In mir ist es finster, aber bei dir ist Licht“-Zeile Dietrich Bonhoeffers.

    Und als mir diese Worte einfielen, mußte ich an die Autos denken, von denen vor nicht langer Zeit Read on erzählte und die vor dem Haus – in dem Jochen Klepper gemeinsam mit seiner Frau Johanna und Tochter Renate in der Adventszeit 1942 aus dem Leben schied – nächtens angezündet wurden. Es gibt eben auch, wir sollten es nie vergessen, eine mörderische Helligkeit, die aus dem Dunkeln kommt.

    ____________________________________________________________________

    „und drehe ich den Kopf zum Fenster“ (s. o., „Im Dunkeln“)

    Könnten dabei, zumindest theoretisch, Sterne in den Blick kommen ?

    • Was für ein wunderbares Lied, welches doch vor allem Gedicht ist von dem großen, großen Jochen Klepper. Was für eine Zeile: „In jeder Nacht,die mich bedroht“. Aus der Berliner Diele, sehe ich direkt hinüber auf Klepper’s ehemaliges Wohnhaus. Vor Jahren traf ich , damals lagen dort noch keine Stolpersteine, einen alten Mann, der mir erzählte, das seine Schwester zur Konfirmation Kleider, der da schon toten Renate getragen habe. Es ist einer dieser Geschichten, von denen man sich nie erholt. Noch immer ist mir diese Brandnacht als Schrecken vor Augen. Danke für Ihren Kommentar, der mich sehr beschäftigt.
      Theoretisch ist Sternenschau möglich, praktisch allerdings sind die Fenster nur einfach verglast und wer nicht wie die Kameliendame enden will, schläft mit dicken Gardinen.

  3. Als ich vor vielen Jahren bei Dunkelheit und Nebel auf kleinen Straßen quer durch das Erzgebirge fuhr und keine Ahnung mehr hatte, wo ich mich befand, war ich glücklich über jedes kleine Dorf, das ich erreichte. Straßenbeleuchtung war zwar kaum vorhanden, aber jedes alte schiefe kleine Haus an den Dorfstraßen hatte in wirklich jedem Fenster einen erleuchteten Schwibbogen stehen. Und mir wurde endlich klar, wo Schwibbögen hingehören und heute noch ihren Zweck erfüllen. Dort mag ich Schwibbögen sehr, aber nur dort. (02.12.2012 im Blog)

    • Danke! Ich habe die sehr eindrucksvolle Fahrt durch die Dunkelheit bei Ihnen sehr gerne nachgelesen. Im Sommer las ich Guntram Vespers Roman Frohburg, der mich sehr verstörte, aber die Landschaft mit ihrer Geschichte als Sperrgebiet ist mir ganz ähnlich, wie auch sie es beschreiben vor Augen getreten. Ich kenne nur Oberwiesenthal, denn ich bin viel mit dem Auto durch Tschechien gefahren und habe dort oft die Grenze passiert. Schwibbögen ein außergewöhnlich selten-schönes Wort.

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