Der Lauf der Zeit

Der Zeit wohnt heute kein Geheimnis mehr inne. Vielmehr ist die Zeit nur noch eine Kategorie präziser Organisation. Das Leben verläuft anhand von Fahrplänen, schon haben digitale Zeiterfassungsprogramme die fast noch gemütlich wirkende Stechuhr abgelöst, Autovermietungen berechnen naimg_0771ch Minuten, es gibt Zeitschaltuhren, Uhren messen längst nicht mehr nur Sekunden, Minuten und Stunden sondern auch Schritte, Pulsfrequenzen und wäre es mir nicht so vollständig egal, dann könnte ich auch sagen was genau die Apple Watch alles misst und zählt. Selbst die gute alte Tante Rolex klingt etwas hilflos, bewirbt sie sich als zeitlos. Der Echtzeitmodus hat den Stundenzeiger längst abgelöst und wer wie ich die alte und vielgeliebte großväterliche Taschenuhr zum Aufziehen aus einer kleinen Schweizer Manufaktur zum Uhrmacher trägt, erntet nichts als Kopfschütteln. „Lange schon“ sagt der Uhrmacher „reparierten sie nichts mehr, längst schon sei alles digital.“ Fossil das ich bin, seufzte ich schwer und schrieb an die kleine Schweizer Manufaktur ob ich die Uhr wohl einschicken könne. Fast zeitgleich als James Cox in England für seine mechanischen Wunderwerke, Weltruhm erlangte, nahm auch die Schweizer Manufaktur ihre Arbeit auf. Zwar gibt es eine Philosophie der Beschleunigung und allerhand Ratgeber wie man Zeit einteilt oder Zeitverschwendung in Grenzen hält aber niemand ordert mehr einen ganz in Gold gefassten Schwan, der in erratischen Abständen mit den Flügeln schlägt oder einen goldenen Fisch aufpickt. Allenfalls gilt eine als solche Apparatur als Kuriosität vergangener Tage. Christoph Ransmayr aber erfindet die Zeit noch einmal neu und auch wenn James Cox selbst niemals am Hofe Qianlongs des wohl berühmtesten der chinesischen Kaiser gewesen ist, so hätte er es sehr gut sein können. Die Reise aber lang und gefährlich führt den Reisenden und seine Handwerker zunächst einmal aus der ihren bekannten Zeit hinaus und hinein in das chinesische Kaisertum. Hier wird dem Fall einer Schneeflocke eine ebenso große Bedeutung beigemessen wie bewaffneten Unruhen in fernen Provinzen. Denn wo der Kaiser ist vergeht Zeit und vergeht doch nicht. Die Zeit über die die Kaiser herrscht hat nichts Profanes an sich, sondern macht sich selbst zur Messlatte, die das Leben der Untertanen ganz jenseits von messbaren Einheiten bestimmt. Cox selbst lebt in der Trauer um seine Tochter und die verstummte Frau und so vergeht Zeit in den unendlichen Gängen der Verbotenen Stadt und in der eigenes für die Reisenden eingerichteten Werkstatt bevor der Kaiser James Cox, der im Buch Alistair heißt zu sich ruft, eine Uhr will er haben, welche die Zeit von Kindern misst. Alistair Cox wird sie bauen und die Uhr wird keine Zeiger haben und auch kein Stundglas sein, sondern versuchen die Kindheit als Zeitraum ganz eigener Größe festzuhalten. Der Kaiser aber setzt der Zeit auch ein Ende und die zweite Uhr, die er fordert, soll die Zeit, die einem zum Tode verurteilten noch zum Leben bleibt messen und Cox wird auch die Zeit bis zum Schafott für den Kaiser messen, der auch der Herr der Zehntausend Jahre ist. Cox und seine Gefährten werden durch Schnee und Eis zu jener Mauer reiten, die für das chinesische Kaisertum schließlich auch vermisst wo die Zivilisation endet und die Barbarei beginnt. Wieder vergeht Zeit, denn nicht der Kalender, sondern der Kaiser bestimmt wann Sommer ist und schließlich reist der Hof von Peking aus in die Berge. Einer der Engländer kommt zu Fall und für einen Tag und eine Nacht lang steht die Zeit still. Im Sommerpalast aber scheint es, dass der Kaiser selbst der unendlichen Zeit der Dynastie zu entkommen sucht und liebt und spricht und schreibt wie es sonst nie geschehen darf. Die Meister aus England aber beginnen die Arbeit an der dritten Uhr, die laut des Willens des Kaisers niemals stillstehen soll und so selbst die Unendlichkeit, diese niemals messbare Größe miteinberechnen soll in ihren Lauf. Es ist die gefährlichste Uhr denn ihre Ewigkeit misst das Unaussprechliche: das Ende des Kaisers. Mit Staunen und Wunder lässt sich diese große Buch lesen, dass noch einmal so nah es nur geht in das 18. Jahrhundert zurückführt und uns an die Schwelle treten lässt in der die Zeit voller Geheimnis war und keineswegs nur ein tickender Zeiger oder ein klingelnder Wecker. Was misst die Zeit eigentlich und woran werden wir uns wohl messen lassen müssen, besehen wir die eigene Lebensuhr? Qianlong schließlich der einzige der seine Regentschaft freiwillig beendete war ein leidenschaftlicher Uhrensammler und vielleicht war es eine der Uhren James Cox’ die in ihm die Erkenntnis hatte wachsen lassen, dass niemand keine Uhr und auch kein unsterblicher Kaiser, die Zeit zu beherrschen mag. Christoph Ransmyr aber hat einen Roman geschrieben der weit über die Zeit hinausgeht und die Zeit wieder in etwas erstaunlich Geheimnisvolles und niemals Profanes verwandeln zu mag. Die kleine Schweizer Manufaktur übrigens will die Uhr gern reparieren. Es sei nur eine Frage der Zeit.

Christoph Ransmayr, Cox oder der Lauf der Zeit, Fischer Verlag 2016, 22 Euro

6 Gedanken zu “Der Lauf der Zeit

  1. „Die kleine Schweizer Manufaktur übrigens will die Uhr gern reparieren. Es sei nur eine Frage der Zeit.“
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    Von Zeit zu Zeit habe ich ein ähnliches Problem, – übrigens auch mit einer Schweizer Taschenuhr.
    Dabei mußte ich feststellen, daß es nicht nur eine Frage der Zeit ist, bis sie wieder läuft …
    Ich habe mir aber angewöhnt, gewisse Kosten als Spenden zu betrachten.
    Das hilft tatsächlich.

    • Die Preise bewahren einen sehr zuverlässig vor zu niedrigem Blutdruck und ich stimme Ihnen aus ganzem Herzen zu: es ist eine Spende an ein wahrlich majestätisches Handwerk. Wenn schon auf das Schweizer Bankgeheimnis kein Verlass mehr ist, so doch wenigstens auf die Schweizer Uhrmacher.

  2. Vielen Dank für den Literaturtipp. Kommt gleich auf meinen Einkaufszettel!

    Hoffentlich klappt es mit der Schweizer Uhr. Ein Jammer, dass diese Handwerkskünste am Aussterben sind. Zumindest bei Uhren scheint es aber eine Rückbesinnung zu geben – in den Schaufenstern der Juweliere stehen immer mehr Automatik- und Handaufzuguhren.

    • Ich gebe zu, ich schätze Christoph Ransmayr sehr und dieses Buch ist wirklich eine Preziose um mal bei den Uhren zu bleiben. Ich hoffe sehr, dass die Uhr wieder zu reparieren geht, nicht nur weil ich so sentimental bin, sondern weil die großväterliche Uhr sehr zierlich ist. Oft sind Uhren insbesondere für Herren ja grausliche, das Handgelenk beschwerende Trümmer. Interessant, dass Ausziehuhren wieder in Mode kommen. Ich muss darauf einmal achten. Um das Handwerk ist es ein Jammer.

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