Zehn Minuten

Die Sonne kommt und mit ihr spätes Sonnenlicht. Honiggelb und strahlend schön, steht die Sonne plötzlich und ganz unerwartet vor mir auf dem Fensterbrett. „Komm“ sagt sie und macht mir schöne Augen. Das funktioniert bei mir ja immer gut. Zwei Minuten also lang und kostbar lege ich mich in die Sonnenstrahlen. Leuchtend gelb fährt mir die Sonne durch die Haare und malt mir auch die Lippen golden. „Prinzessin aus dem Morgenland“ sagt sie mir zum Abschied leise und dann ich sehe ihr schon wieder nach. Schon biegt sie um die nächste Ecke und bestimmt küsst sie längst andere Lippen und verfängt sich bald in anderen Haaren. Zurück bleibt etwas goldener Flitter und zwei Minuten Seligkeit.

1Minute und 51 Sekunden telefoniere ich mit Schwesterchen: „Ich wollte nur deine Stimme hören“ sage ich. „Steht mir lilafarbener Samt?“ fragt Schwesterchen. (Jetzt bloß keine zu lange Pause machen). „Du bist wunderschön.“ Kann das eine falsche Antwort sein? „Nicht das ich aussehe wie eine Pflaume im Speckmantel?“, fährt Schwesterchen fort. „Ach was“ sage ich. „Dachte ich es mir doch’“, sagt Schwesterchen klagend und schwört das Samtkleid in die hinterste Schrankecke zu verbannen. „Ich dich auch“ sage ich und lege auf.

2,5 Minuten lang esse ich einen kleinen gelb-grünen Apfel aus dem Berliner Garten, den ich besonders mag. Reichlich unansehnlich ist der Apfel, mit seiner gefleckten Schale, aber nimmt man es nicht so genau mit der Schönheit, dann liegt im Apfel der ganze Sommer und während man kaut und schluckt, spielt ein lustiger Pan auf der Flöte, singen die Flusselfen von langen Nächten und wird der Boden unter den Füßen warm. Saftig und zart ist der Apfel und kaum habe ich ihn aufgegessen, wünschte ich mir, ich hätte einen zweiten in die Tasche getan, aber leider ist dem nicht so und der Sommer so schnell vorbei wie er kam.

2 Minuten und 20 Sekunden lang höre ich dieses Lied. Es ist eines der wenigen Lieder, welche ich pfeifen kann. Dafür pfeife ich es oft und immer sehr beherzt. Ich konnte vor diesem Lied überhaupt nicht pfeifen, aber glaubte mit diesem Lied auf den Lippen jemanden sehr beeindrucken zu können. Ich übte stundenlang. Was man für Zeit hat, wenn man nur genug verliebt ist! Am Ende der Geschichte sah der Mann für dessen Herz ich pfiff weiter durch mich hindurch, aber seitdem liegt dieses Lied auf meinen Lippen. Danke auch dafür, Wolf Biermann.Ein Hoch auf Sie und Ihre Drahtharfe an allen Tagen aber heute ganz besonders laut.

Eine Schrecksekunde lang glaube ich, mein Schlüssel sei verloren, dabei liegt er neben mir auf dem Tisch.

Ich esse ein Stück Nussschokolade und binde mir-Tollpatsch der ich bin- die Schnürsenkel zu. Länger als eine Minute, sollte dies nicht gedauert haben.

Für immerhin fünfzehn Sekunden denke ich darüber nach wie banal dieser Text doch ist, wie immer aber bin ich zu müde, um daraus wirklich Konsequenzen zu ziehen.

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Dann sind zehn Minuten um und ich muss weiter.

8 Gedanken zu “Zehn Minuten

  1. Eine knappe Minute habe ich gebraucht, um den Text ein zweites Mal durchzusehen und nachzurechnen, ob das mit den 10 Minuten auch stimmt. Eine weitere Minute muss ich kopfschüttelnd über mich lachen, dass ich das wirklich getan habe…

  2. In zehn Minuten kann alles oder gar nichts passieren. Mit der einen oder anderen Pause zum Luft holen, müsste es mit den zehn Minuten geradeso passen. Wunderbar,dass Sie mitzählen.

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