Ein Abschied, kein Wiedersehen

Für gute drei Stunden sah ich nur deinen Mantel. Hellgrau, mit blauen Fäden durchwirkter Stoff, an das Muster kann ich mich nicht mehr erinnern, nur an das Blau in deinem Rücken. Kornblumenblau aber ich mag mich täuschen. Dein Haar reichte bis an den Kragen aber nicht ein einziges Mal fuhrst du dir mit der Hand durch die Haare. Nicht ein einziges Mal aber drehtest du dich um und für gute drei Stunden überlegte ich immer einmal wieder was du wohl für ein Gesicht haben würdest. Hornbrille, Sommersprossen und einen rötlichen Bart? Lange Wimpern, einen scharf geschnittenen Mund und weit in die Stirn fallende Locken? Kieselsteingraue Augen, Schnurrbart und hochgezogene Augenbrauen? Dann endlich schob eine Frau einen Wagen mit Kaffee und Keksen durch den übervollen Zug und ganz plötzlich, völlig unerwartet drehtest du dich um. Ich sollte mich in allem irren. Kein Bart, nicht einmal dunkle Schatten auf den Wangen. Die Haare sandfarben und glatt. Deine Augen nämlich waren blau, aber Kornblumenblau waren sie nicht. Ein verschattetes Blau lag in deinen Augen. Ein Blau wie man es manchmal in Italien oder überhaupt im Süden sieht, wenn die Sonne eigentlich schon ihren Zenit überschritten hat, aber noch immer grell und gleißend über dem Himmel liegt, der sich selbst blendend vor der Sonne schützt. Dies war das Blau deiner Augen. „Gefällt Ihnen was Sie sehen?“ fragtest du mich. Ich hatte wohl sehr offensichtlich deine Augen in Beschlag genommen. „Wollen Sie mir gefallen?“ fragte ich dich. „Unbedingt“ sagtest du. Ich lachte. Du bliebst ganz ernst. „Gefalle ich Ihnen?“, fragtest du mich wieder, als ich mein Lachen wieder einfing und mir in meine Manteltasche schob. ( Dunkelrot, mit weiten Taschen.) Ich zuckte verlegen mit den Achseln. „Was würde das ändern?“ Du klangst sehr sicher: „Alles.“ Wieder musste ich lachen und wieder dauerte es bis das Lachen wieder im Mantel verschwand. „Niemals“ sagte ich dann zögernd, gegen deine Überzeugung“ ändert sich alles durch bloßes Gefallen.“ „Sie haben es in der Hand“ sagtest du.“ „Zeigen sie mir Ihre Hände“ bat ich dich. Du hieltest mir die Hände hin. Schmalgliedrige Finger, sorgfältig geschnittene Fingernägel, am Daumen der rechten Hand eine sichelförmige Narbe und bläulich schimmernde Adern liefen über deine Handrücken hinweg. „Arzt?“ fragte ich dich und strich dir einmal und wie ich hoffte beiläufig über die Fingerspitzen. Nun aber kam das Lachen zu dir und ich stahl dir ein bisschen davon und schob es mir in die Manteltasche. Für später. „Privatdetektivin?“, gabst du zurück. „Nicht einmal aus der Hand lesen kann ich“, sagte ich und gab dir deine Hände zurück. „Schade“ sagtest Du und ich weiß bis heute nicht, ob du meinen Beruf oder deine Hände meintest. „Wie heißen Sie“, wolltest Du wissen. „Man nennt mich das Fräulein Read On“ erwiderte ich und Sie, wie heißen Sie?“ „Man nennt mich „Herr Doktor“ sagtest Du und wir mussten lachen und das Gelächter wechselte die Manteltaschen und flog zwischen uns hin- und her. Zwischen uns drängten sich Reisetaschen, Zehenspitzen, ein hechelnder Spaniel, ein schwitzender Schaffner und wieder die Frau mit dem klirrenden Wagen. „Ich weiß noch immer nicht, ob ich Ihnen gefalle“, sagtest du und ich schüttelte den Kopf: „Alles zerreißen die Wörter“ sagte ich und ich sah auf deine Hände und dann wieder in deine blauen Augen, die weder kornblumenblau noch blau wie der Enzian sind. „Nein sage ich, Sie haben nichts Gefälliges an sich, aber bestimmt ist in ihren Augen schon mehr als einer ertrunken.“ Du bliebst ganz stumm und ich hielt den Atem an bevor du dich zu mir herüberlehntest „Eh die Träume rosten und brechen/ laß die Geliebten darauf hinunterfahren/ Die Großen und die Kleinen/ in den Grauen Mänteln / schaut her / die helle Bahn, das Eis.“ Dann hielt der Zug. Im Vorübergehen fast schon eilig, legtest du deine Lippen auf meine Schläfe. Der blaue Schatten auf deinen Wangen war das letzte was ich von dir sah. Später ich stand noch immer im Zug, suchte ich in meinem Mantel nach deinem Lachen. Ich fand einen dünnen Band in der Tasche. Gedichte von Ilse Aichinger hattest du mir untergeschoben und eine Nummer nicht unter dem Eis, wohl aber unter dem Gedicht „Winterfrüh“ gelassen. Eine Woche später und wieder auf einem Bahnhof stehend, rief ich dich an. Eine Frauenstimme ging an den Apparat. „Liebling“ hörte ich sie rufen, ein Fräulein Read On will dich sprechen.“ Da hatte ich schon lange aufgelegt und in dem Gedichtband mit dem blauen Lesezeichen blätterte ich nur dann und wann einmal flüchtig, nur ihm schnell wieder zur Seite zu legen. Aber heute, als ich vom Tod Ilse Aichingers las, sah ich sie vor mir deine dunklen, blauen Augen, nicht meerblau, nicht kornblumenblau, kein aquamarinblau, sondern ein seltener Schatten, vielleicht sogar ein wenig Rost von alten Träumen mag darunter gewesen sein und ich erinnere mich an einen Satz Ilse Aichingers, der mir zu dir doch nicht aus dem Kopf gehen mag:“ Es wär ja leichter, wenn alles mit dem Abschied begänne und mit einem Wiedersehen aufhörte“, denn so gerne hätte ich dich noch einmal angesehen, und mit diesem Abschied einen Anfang oder wenigstens den Beginn eines dunkelblauen, grau-durchwirkten Wiedersehens, vielleicht an einem eisigen Tag an hellem Sand gemacht.

„Winterfrüh“ aus Ilse Aichinger s Gedichtband, Verschenkter Rat und ein Nachruf auf die Dichterin der stillen Töne.

4 Gedanken zu “Ein Abschied, kein Wiedersehen

  1. Pingback: Lesestoff • Ausgabe #12/2016 - Neon|Wilderness

  2. Das war, glaub ich, einer der ersten Texte, die ich hier gelesen habe, nachdem eine Facebook-Freundin mich auf Ihren Blog aufmerksam gemacht hatte. Und ja, weil ich ein manchmal nicht gründlicher und manchmal auch verwirrter Leser bin, habe ich zunächst gedacht, das sei Ihre Geschichte. Was sie ja auch ohne weiteres sein könnte, zumal da ich Sie ja nicht kenne.
    Inzwischen hab ich’s kapiert, aber danke dafür.

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