Das Postauto

Als ich ein kleines Mädchen war, damals vor vielen Jahren, da war die Ankunft des gelben Postautos eine Sensation. Meine Großmutter erwartete nämlich regelmäßig ein Paket aus Israel. Darin Datteln und Feigen, Honig aus dem Kibbuz von Onkel A., Kardamomkaffee und natürlich Briefe und Bilder aus Jerusalem. Im Gegenzug versorgte meine Großmutter fast ganz Rehavia, da bin ich mir sicher, mit Lübecker Marzipan und Dresdner Christstollen. Onkel A. indes bezog über meine Großmutter allerlei Saatgut, denn Onkel A. wollte die Wüste zum Blühen bringen. Die Ankunft des Postautos durfte also auf gar keinen Fall verpasst werden. So wurde ich zum Postspion ernannt, erhielt eine Handvoll Kekse und stieg aufs Fensterbrett um meiner Großmutter, die Ankunft desselben zu verkünden. Dann hieß es aushalten, ob das Postauto auch tatsächlich vor dem großmütterlichen Haus anhalten würde oder doch nur bei den Nachbarn klingeln würde. Hielt das Auto aber, nahm meine Großmutter zwei Mark in die Hand und ich hüpfte vor ihr die Treppen hinunter. Der Postbote legte das Paket auf den steinernen Pfeiler und schüttelte den Kopf: „Aber nicht doch Frau Doktor“, sagte er und nahm das Geldstück dann doch nicht ungern. Dann ratschten meine Großmutter und er. Über seine geschwollenen Füße, die geplatzte Matura des Sohnes oder über das heiße Wetter. War es besonders heiß, hieß meine Großmutter mich eine Flasche Sprudel holen und war es besonders kalt, brachte die Zugehfrau ein Glas Tee hinunter. Dann trug meine Großmutter das Paket hinauf, und offerierte mir die erste Dattel.“ Denn das Amt des Postspions“ sagte meine Großmutter, „sei ein besonders Bedeutsames“. Dann schloss sie sich ins Schlafzimmer ein und öffnete die Briefe aus Jerusalem und anderswo.

Heute sitze ich am Schreibtisch und ich kann die Uhr stellen, irgendwann so gegen 11 Uhr klingelt es zum ersten Mal. Es ist das gelbe Postauto, das fast noch genauso aussieht wie damals als ich Postspion war. Aber ich bekomme sehr selten Pakete, denn weder bestelle ich Dinge noch ist Onkel A. oder einer der Anderen am Leben. Dafür bestellen meine Nachbarn, endlose Schuhpakete und Kleidertaschen, Weinkisten, Bücherregale, Rasenmäher, Sonnenschirme, Fahrräder, Kinderwägen, Fernsehapparate und Kinderrutschen. Dies weiß ich nicht, weil ich immer noch Postspion bin, sondern weil niemand sonst die Türen öffnet und besonders zwischen November und Weihnachten sieht meine Diele oft aus wie ein Warenlager. Das Ganze setzte sich am Nachmittag munter fort, da kommen Hermes und UPS und DPD und noch immer ist niemand außer mir daheim. Wahrscheinlich sind die Nachbarn gerade auf der Post bestellten Kramuri, den man dann doch nicht brauchte, wieder zurückzusenden. Kostet ja nichts. Ich laufe also zehnmal treppauf und treppab und schleppe die oft sehr schweren Pakete zu mir hinauf. Oft sehe ich aus dem Fenster wie die Männer, es sind ausschließlich Männer, fast in die Knie gehen vor dem Stapel schwerer Pakete und ich sehe sie oft an den Haustüren klingeln an denen doch niemand öffnet und dann den ganzen Stapel die Straße hinunterzutragen bis zu mir. Die Paketboten haben keine Zeit für einen Plausch mehr und ich weiß nicht ob die Söhne den Abschluss schaffen, die Frauen geduldig zu Hause warten oder die Schwiegermutter von ihrem Mann verlassen wurde. 90 Sekunden hat ein Paketzusteller Zeit, habe ich einmal gelesen, um ein Paket zuzustellen. Wann immer ich per Zufall einmal in die geöffnete Ladeluke sehe, sind die Autos bis zum Bersten gefüllt. Was ich auchweiß ist, dass die Paketboten alle müde aussehen und im Sommer erst sah ich einen Paketboten, dessen Kleidung nass an ihm klebte. Eine Familie hatte sich einen Sessel bestellt.

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DPD bringt Paket No. 15 des heutigen Tages.

Soweit ich es übersehe, haben nur die DHL-Zusteller eine Sackkarre und die anderen stapeln sich die Gewichte eben auf die Arme. Irgendwann so gegen Abend klingelt es dann wieder. Dann kommt die halbe Straße, um Ihre Pakete einzusammeln. Sie alle schwören, dass Sie natürlich zu Hause wären, wie ich damals als Kind lägen Sie auf der Lauer und warteten auf nichts anderes als die Ankunft des gelben Postautos, welches nicht käme. Natürlich seien an allem die Paketboten schuld. Liederliche Burschen seien es, die aus purer Böswilligkeit nicht schellten, missverständliche Nachrichten oder am liebsten gar keine Nachrichten im Briefkasten hinterließen und wer sich einmal für fünf Minuten Kommentare im Internet über Paketboten liest, der wird sich wundern, wie Menschen, die sonst zur Achtsamkeit mahnen, sehr schnell wütenden Megären ähneln, die nun endlich einmal Leistung einfordern. Schließlich ist man doch Amazon Prime Kunde. Dass die Paketzusteller nur 5 Prozent aller Pakete in die Filialen zurückgeben können, spielt dabei natürlich keine Rolle, auch nicht, dass die meisten Paketzusteller, vor allem die nicht für die Deutsche Post ausliefern zu Sklavenlöhnen treppauf, treppab rennen. Erstaunt nehmen die Nachbarn dann zu Kenntnis wie schwer die Pakete sind, die inzwischen bei mir in der Diele lagern. Dann schimpfen sie weiter, denn es scheint als erwarteten sie tatsächlich, dass die neuen Diener, die man heute gern Dienstleister nennt, vor ihren Türen warten, bis die hohen Herren, ihre unendliche Menge an Dingen dann doch entgegen nehmen können. Niemand findet jedoch, dies sei ein Anlass das eigene Konsumverhalten vielleicht einmal zu überdenken. Allein heute habe ich bis 16 Uhr siebzehn Pakete angenommen. Das UPS-Auto war da noch nicht einmal nicht da.

Ob die Bestellwütigen und neuen Primaner den Paketboten zwei Euro oder mehr geben für die Gartenerde, die in den achten Stock muss, weiß ich nicht, denn ich bestelle nichts. Aber schon damals, als ich noch mit Begeisterung auf das Postauto wartete und dann später mit beklommenen Blick in Richtung Schlafzimmertür sah, da wusste ich das meine Großmutter, wenn sie sagte, dass alles seinen Preis hätte, Recht behalten würde.

15 Gedanken zu “Das Postauto

  1. Haben Sie eigentlich diese Fernsehwerbung gesehen, in der ein Pärchen bei entsetzlich schlechtem Wetter beschließt, doch nicht essen zu gehen und sich die Pizza o.ä. liefern zu lassen? Mein erster Gedanke dazu: das bringt doch gar nichts, der Lieferant muss doch auch durch den Regen!

    • Ich dachte eben beim Nachhause kommen an Ihren Kommentar, ein Pizza-Bote fuhr auf seinem Mofa durch den strömenden Regen. Mir ist das so suspekt und die Arbeitsbedingungen sind glaube ich grauenvoll. Nicht zu vergessen, der entsetzliche Müll.

      • Soso, furchtbar?! Und warum unterstützen Sie sowas auch noch dadurch, dass Sie sogar Sendungen, die ja gar nicht für Sie bestimmt sind, annehmen?

      • Moralisch Eindeutig lässt sich wohl nur in den seltensten Fällen ein Leben führen. Wenn Ihnen das gelingt, wissen Sie mehr als ich. Für meinen Teil, finde ich es richtig, die Paketboten nicht im Regen stehen zu lassen.

      • Moralisch? Was hat denn Ihr Gebaren mit Moral zu tun? Sie schildern einen Zustand, den Sie als Missstand bejammern – Sie würden diesen Missstand doch am liebsten beseitigt sehen, stimmt’s? Sie tun aber Ihrerseits alles, damit dieser Missstand erhalten bleibt. Erst wenn diese Beihilfen zum Betrug (die Zusteller tun gegenüber ihren Arbeitgebern so, als wäre alles in Ordnung und kassieren ihren vollen Lohn, beschäftigen jedoch ihrerseits unbezahlte Sklaven) aufhören, wenn auch Leute wie Sie endlich mal klare Kante zeigen, dann würde sich etwas ändern.

      • Es beruhigt mich ja sehr, dass Sie wissen, wie Menschen wie ich sind und wie ich handeln sollte, damit Sie weiter wütend über Leute wie mich sein können, die Sie wussten es ja schon immer nichts taugen, nichts können und sowieso immer nur das Falsche tun.

  2. Zeit für ein Geständnis:

    Ende der siebziger Jahre und Mitte der achtziger des vergangenen Jahrhunderts erschienen in Ostdeutschland zwei Bücher des in Riga beheimateten Schriftstellers Mark Rasumny, beide ganz wundervoll von Jürgen Rennert aus dem Jiddischen übersetzt. „Auch im Herbst blühen die Bäume“ brachte es zusammen mit „Eine Welt voller Wunder“ auf eine Gesamtauflage von über vierzigtausend Exemplaren, die innerhalb weniger Tage verkauft wurden. Ganz gewiß wird Read On’s Großmutter, vielleicht später gar Read On selbst diese Tag-und-Nacht-Bücher gelesen haben.
    Ich habe sie geliebt und liebe sie noch.

    Jürgen Rennert schloß sein für das zweite Büchlein am I. Advent 1984, dem 8. Kislew 5745, verfaßte Nachwort mit den beiden Sätzen: „Aufmerksamkeit ist das natürliche Gebet der Seele.“ Und heute weiß jeder, der nur um ein weniges an sein ihm Machbares glaubt: solch ein Gebet vermag unendlich viel.““

    Ich habe seit meiner Erstbegnung mit den Büchern von Mark Rasumny vor gut dreieinhalb Jahrzehnten recht viele Texte gelesen, – sehr, sehr viele.

    Niemand hat mich in all der Zeit so sehr an ihn erinnert wie Read On.

    • Vielen Dank. Das ist eine großartige Literaturempfehlung. Ich bin ganz sprachlos. Meine Großmutter indes las keine jiddische Literatur, denn sie die preußischste unter den Deutschen Juden wollte auch nicht von Ferne an Ghetto-Luft erinnert werden. Mein Großvater indes der Jiddisch las und sprach, schätzte Jürgen Renner sehr, diese Liebe hat er mir vererbt, aber den Autor kenne ich gar nicht und will mir sehr gern das Buch besorgen. Vielen, vielen Dank. Ich freue mich sehr und ich bin ganz sprachlos, ich freue mich sehr, dass Sie hier mitlesen mögen.

  3. Postspion ist ein schöner Beruf. Postaufbewahrer auch. Ich habe ein sehr liebevolles Verhältnis zu den Postbringern.
    Vor vielen vielen Jahren habe ich die Semesterferien mit Briefeaustragen verbracht.
    Ich hatte zwei recht hohe Berge vor mir und so viel Post, dass in einem Haus unterwegs zwischengelagert wurde. Mein schweres Wägelchen habe ich gezogen zwischen Hecken und auf holprigen Pfaden. Manchmal kamen die Beschwerden vor mir in der Post an. Ich hatte einen Brief gefaltet, der nicht zu falten war. Doch der Briefschlitz war schmal und es regnete. Ich habe die Arbeit sehr gerne gehabt, so wie ich alles mag, was zulässt, dass ich es in meinem eigene Rythmus tue.
    So sehe ich heute immer noch mit großer Nachsicht auf das austragende Gewerbe.
    Und grüße und bedanke mich. Und ich gehe ihnen entgegen, wenn ich sie sehe. So dass sie ein paar Meter sparen.

    • Was für eine schöne Geschichte! Wunderbar und überhaupt ich verstehe nicht warum Briefträger und Paketboten so hartnäckig beschimpft. Denn bei Wind und Wetter einen Wagen über Stock und Stein zu ziehen, erfordert doch vor allem auch große Beharrlichkeit. Wirklich, ich bin ganz besonders berührt. Entgegen gehen, halte ich überhaupt für eine gute Sache im Leben. Abgewandt wird sich ja oft genug.

  4. Auch ich war mal bei der Post in der Zustellung tätig. Ich habe Telegramme, Eilbriefe und Bargeld zugestellt. Manche Empfänger haben die Annahme der Sendungen verweigert, andere nahmen sie durch die einen Spalt geöffnete Tür an. Einige baten einen in die Wohnung, gaben Trinkgeld, wollten ein
    Schwätzchen halten, offerierten Speisen und/oder Getränke.
    Es war egal, ob ich wegen Schnee oder weil ich mit den Empfängern eines Telegramms aus der Türkei Tee getrunken habe, Überstunden machte. Ich bekam sie in jedem Fall bezahlt oder angerechnet. Denn ich war nicht Scheinselbständiger in Selbstausbeutung, sondern eine studentische Hilfskraft bei der Deutschen Bundespost. Deren Tarifvertrag mir einiges gewährte, was heute kaum noch vorstellbar ist: Regelarbeitszeit, Kündigungsschutz, unzählige teilweise steuerfreie Zuschläge und Zulagen, das sog. „Weihnachts- und Urlaubsgeld“, Bildungsurlaub u.a. Außerdem bekam ich noch Trinkgeld.

    Wie viele frühere Trinkgeldempfänger gebe ich selbst Trinkgeld. Die heutigen Paketzusteller sind das oft gar nicht mehr gewohnt und sie haben wirklich offenbar überhaupt keine Zeit mehr. Deshalb musste ich einigen schon hinterherlaufen, um ihnen was in die Hand zu drücken.

    Sie haben sehr schön beschrieben, was ein Auslandspaket früher für einen Stellenwert hatte. Heute kann auch irgendetwas im Inland Bestelltes aus dem Ausland kommen. Das erkennt man nur, wenn man sich die Mühe macht, den zwischen vielen Barcodes kaum auffindbaren Absender zu suchen. Es gibt bestimmt Firmen, die weltweit Gartenerde oder Dresdner Christstollen (der in China hergestellt wurde) versenden. Die Pakete kommen von einem Logistik-Center in Bulgarien, werden beim Nachbarn abgegeben und können kostenfrei zurückgesandt werden.

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