Mit scharfer Klinge

Im Flugzeug nach Berlin verteilt sich eine Gruppe pensionierter Geschichtslehrer um mich herum. Sie kreischen und johlen unablässig, so als wollten sie Rache nehmen an den Klassenfahrten vergangener Jahre in denen sie LucaCharleneSeánEva zu Ruhe, Rücksicht und Respekt ermahnten. Jetzt wollen sie es abschütteln und haben große Pläne, die alle Bier involvieren. Sie alle tragen T-Shirts mit dem Aufdruck „Wir fahren nach Berlin.“ Unter dem Schriftzug prangt ein großes Bierglas. Eine der Damen muss beständig aufstehen, um ihren gewaltigen Handgepäckskoffer zu öffnen und in dessen Inhalt zu wühlen, bevor der Koffer wieder nach oben gewuchtet wird, nur um wenige Minuten später erneut, heruntergerissen und eröffnet zu werden. Die Dame findet nichts dabei mir, während sie sich reckt und streckt auf die Zehen zu steigen, aber schlimmer noch mir beständig ihren Donnerbusen ins Gesicht zu drücken. Ich träume davon, denn wenig ist mir widerwärtiger als das mich Fremde anfassen, mich in eine Ziehharmonika oder gar eine kleine Regenwolke zu verwandeln. Nach dem achten Mal der Kofferinspektion und der Massage meiner Zehen habe ich genug. „Madame“ sage ich, „wären Sie so freundlich“ und ich zeige auf meine Zehen. Sie ist überrascht, dass andere Menschen Gliedmaßen haben und diese offensichtlich nicht einfach so preiszugeben bereit sind. Dann erzählt sie mir, laut und ausdauernd von der Berlinfahrt, dem großen Spaß, dem Abenteuer, der großen Stadt. Ich nicke und versichere der Dame, dass Sie sich in Berlin sicher sehr wohl fühlen werde. Dann zeige ich noch einmal auf meine Zehen und endlich gibt die Dame auf.

In Berlin murmle ich: Milch, Joghurt, Brot, Trauben und Pulmotin vor mich her. Ich kenne mich ja schon länger und kaufe am Ende Bananen, Camembert, Zwieback und Fencheltee, nur um mich dann gründlich zu wundern. Ich telefoniere mit meiner lieben C., die mich zum Lachen bringt mit einer hübschen Verwechslungskomödie und mit der ich mich unbedingt verabreden will. Ich quere die Ampel am Bahnhof Zoo, denn schräg gegenüber ist ein großer Supermarkt, der ganz bestimmt Milch, Joghurt, Brot, Trauben führt und wo wenn nicht an einem Bahnhof, lässt sich einfach eine Apotheke finden? Ich bin Gedanken als ich den Supermarkt verlasse und so laufe ich fast ungebremst in eine Gruppe, die mir zunächst als Hochzeitsprozession erscheint. Denn der Mann an der Spitze, trägt einen hohen Zylinder, wie man ihn an einem gewöhnlichen Mittwoch Morgen eigentlich nicht mehr sieht. Aber dann sehe ich die speckige Weste aus schwarzem Cord, nicht unähnlich, wie sie Schornsteinfeger tragen und überhaupt ist der Mann seltsam verwachsen, wie er da zwergenhaft klein, dabei alt und mit faltigen Zügen und weit vorgeschobenem Bauch, einen merkwürdigen Zug anführt, hinter ihm in seinem Schlepttau laufen nämlich fünf Männer und Frauen. Sie alle haben etwas von Lumpenhochzeit. Die Frau etwas trägt einen einmal wohl weißen, jetzt aber schliergrauen Schleier, ein anderer Mann indes trägt einen vollständig durchlöcherten Frack und ein anderer hat eine Plastikrose im Knopfloch und der Vollständigkeit halber sei auch noch jener erwähnt, der einen singenden Spazierstock in seiner rechten Hand hält. Sie alle gehen langsam, teils tänzelnd und schleppend, eine seltsame Karikatur eines Brautzuges, an der Spitze, der seltsame Stutzer mit seinem Zylinder. Muss man sich frage ich mich, so eine Bettelprozession vorstellen, die über die Landstraßen zog? Aber betteln im eigentlichen Sinne ist es nicht, es liegt etwas Unangenehmes und Verschobenes in dieser Hochzeitsgesellschaft, die keine ist, sondern etwas von einem gräulichen Zirkus hat, der sein Publikum auf das Gekonnteste verhöhnt. Dann geht alles ganz schnell. Ein Mann tritt aus dem Dunkel und der eben noch so schleppend-spazierende Brautvater, der keiner ist, zieht ein Messer und drückt umrundete von seiner Gesellschaft, die Klinge dem Mann im Schatten gegen den Hals. Ich also, die ich noch immer an Ort und Stelle stehe, lasse den Beutel mit Milch, Joghurt, Brot und Trauben fallen und mache das was man wohl man, wenn es auf Messers Schneide steht: ich rufe die Polizei und gehe zurück in den Supermarkt. Die Polizei kommt schnell und der Alte mit seinem Zylinder verzieht das Gesicht zu einem scheußlichen Grinsen und zieht den Zylinder als ging es um nichts weiter als einen gekonnten Zaubertrick. Das Messer schließlich fällt klappernd aus seiner Hand.

Schließlich aber fängt der Tag mich wieder ein und den ganzen Nachmittag rase ich durch die Gegend und am Abend sitze ich an einem Tisch mit lauter reichlich langweiligen Leuten, die mich warum auch immer über die Steuerpolitik Irlands befragen und mit schepperndem Gelächter von großen Geschäften zu berichten wissen, die sie unter mächtigen Regelbrüchen erfolgreich und sie sagen wirklich „eingetütet haben.“ Die einzig andere Frau am Tisch fordert mit etwas weinerlicher oder weinseliger Stimme, dass Europa doch wieder ein Herzensprojekt werden solle, die Männer versuchen sich zu erinnern, ob auch sie ein Herz besitzen und was sich damit wohl verdienen ließe. Auf dem Weg zurück nach Hause stehe ich noch einmal an der Kreuzung, an der am Vormittag der falsche Hochzeitszug vorbeiparadierte begleitet vom plärrenden Spazierstock und dem munteren Alten mit seinem hohen Zylinder. Nicht erinnert mehr an das blanke Messer und ob an einem Pfeiler wirklich ein Fetzen eines verschlissenen Schleiers hängt, vermag ich in der Dunkelheit nicht mit Sicherheit zu erkennen. Ein kalter Wind fährt durch die Straßen und kalt, eisig kalt ist mir als ich endlich die Wohnungstür aufschließe und die Welt wenigstens für die Nacht vor die Tür verbanne.

6 Gedanken zu “Mit scharfer Klinge

  1. Die Frage ist: hat sich die etwas verstaubte Hochzeitsgesellschaft zum Zwecke einer etwas merkwürdigen Hochzeit versammelt oder war das alles nur ein Spiel der Ablenkung? Kleiner Zusammenprall mit der Realität wenn der Brautvater plötzlich das Messer holt. Schön beschrieben.

  2. Randalierende Rentner, eingetütete Geschäfte und Herzen, die zum Verkauf stehen sieht man ja häufiger, aber ein so geisterhafte Hochzeitsgesellschaft? Wo finden Sie nur so etwas?

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