Ein großer, schwarzer Rabe

“Guten Morgen Katze“ will ich sagen, denn nur weil die Katze schnurrend auf dem Sofa schläft, ist dies ja noch kein Grund die guten Manieren zu vergessen. Aber als ich den Mund öffne, kann ich nicht sprechen, sondern nur krächzen. Eben da fällt mir der große schwarze Rabe auf ,der seine Klauen schmerzhaft in meine Schultern gräbt. „Hey, schwarzer Rabe“ sage ich, „was willst du denn von mir?“ Der schwarze Rabe aber schweigt, auch durch mein hartnäckiges Niesen lässt er sich nicht beeindrucken, sondern plustert seine Federn auf und hackt mir in das linke Ohrläppchen. Ich krächze und huste auf dem Weg zur Bahn und der Rabe freut sich sichtlich an meinem Übel. Im Zug sehe ich ihn sofort, denn unzweifelhaft ist er der Herr aller schwarzer Raben. Jeden Morgen sitzt er im Zug niest und schnieft, all dies jedoch ohne ein Taschentuch zu benutzen. Wo auch immer man sitzt, er ist nie zu überhören, schnaubt und schnieft er doch so laut und vernehmlich durch seine Nasenlöcher, dass man ihm nicht entkommen kann. In meiner Verzweiflung bot ich ihm einmal ein Taschentuch an. Natürlich lehnte er es voller Empörung ab. „Was ich mir denken würde?“, schnarrte er und schniefte nur noch lauter. Die schwarzen Raben tanzten vor Glück. Ich stolpere hustend und keuchend aus dem Zug.

Ich belle reibeisenheiser in Telefone und während der schwarze Rabe die Zeitung liest, belle ich wie ein zahnwehkranker Löwe umher und verschrecke die Teilnehmer einer Tagung, die eigentlich etwas über die Kreuzzüge lernen wollen und nur auf mich treffen, einen Ritter von armer Gestalt, der schnieft und niest als sei er sieben Wochen im Regen gewandert. Der schwarze Rabe indes lacht aus ganzem Herzen. Dann fange ich an zu frieren und zu zittern, auch das zusätzliche Paar Socken und eine hervorgekramte Decke mögen daran nicht das Geringste zu ändern. Zitternd und keuchend tippe ich lauter Dinge in den Computer, denn der schwarze Rabe, wirft schon Watte in meinen Kopf und langsam beginnt die Welt vor mir und hinter mir zu verschwimmen. Mit der D. und dem W. spreche ich durch eine dichte Wolke weißen Nebels. Ich glaube die beiden zucken nur mit den Achseln. Wer hat je verstanden, was Raben wirklich sagen wollen? Ich jedenfalls habe heute mit großer Sicherheit das große Rabendiplom bestanden.

Irgendwann steht der Tierarzt in der Tür. „Du gehörst ins Bett“, höre ich ihn sagen und dann schiebt er mich in sein Auto. Der Schwarze Rabe ist uns dicht auf den Fersen und ich liege mit einer Kleenex-Box auf der Rückbank. Da die Polizei aber im Moment streikt, mache ich einfach die Augen zu während der schwarze Rabe fröhlich aus dem Fenster sieht. Wie ich aus dem Auto auf das Sofa gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Der schwarze Rabe sieht mich mit seinen stechend-scharfen, schwarzen Augen an. Der Tierarzt reibt Ingwer. Ich will ihm sagen, dass ich Ingwer fast so sehr verabscheue wie Sellerie. Aber es klingt wie ein sehr langgezogenes, endlos dauerndes Krächzen und der Tierarzt schüttelt den Kopf. „Liegenbleiben, hörst du, sagt er und ich wanke zum Sofa zurück. Selbst die Katze schleicht mit trübem Blick um mich herum, aber vielleicht fürchtet sie sich auch nur vor dem großen, schwarzen Raben, der auf der Sofalehne hockt und sein großes, schwarzes Gefieder über mich legt, unter dem ich ganz verschwinde, nur das Krächzen und Husten bleibt übrig von mir.

13 Gedanken zu “Ein großer, schwarzer Rabe

  1. Gute Besserung! Der Tierarzt soll bitte gut auf Sie aufpassen. (Meinen eigenen schwarzen Raben versuche ich mit Ingwer und heißer Milch mit Honig zu bekämpfen, aber er kommt immer wieder. Ich entwickele allerdings langsam eine Vorliebe für Ingwer. Nur heiße Milch mit Honig verabscheue ich nach wie vor.)

  2. Liebe ReadOn, achten Sie gut auf sich, kuscheln Sie sich in die Decke und geben Sie z.B. dem Tierarzt Gelegenheit, etwas Liebe zurückzugeben. Gute Besserung!

  3. Möge der Rabe sein Gefieder bald wieder lüften und von dannen ziehen. Vielleicht reibt der Tierarzt ja den Ingwer nur, um den Raben zu vertreiben. Die mögen nämlich auch keinen Ingwer 🙂

  4. Ich krächze leider auch wie ein Rabe, mein liebster Ehemann hat mich mit tödlichen Männerhusten angesteckt. Ich trinke jetzt jeden Tag Salbeitee (und gurgeln kann man damit auch) ,nasche kandierte Ingwerstückchen und gegen das Kratzen im Hals hilft auch Vanilleeis 😉.

  5. Oy vey, der tödliche Männerschnupfen ist wahrlich nicht leicht zu ertragen. Salutiere mag ich sehr, sehr gern und baue den in rauen Mengen an. Kandierte Ingwerstückchen indes lieber nicht, aber das Vanilleeis klingt nach einem famosen Plan! Gute Besserung auch Ihnen!

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