Woran ich mich erinnern will

Als ich dich zum ersten Mal traf, mochte ich dich nicht. Oder wahrer noch, ich war fest entschlossen dich nicht zu mögen. Es gelang mir ganz hervorragend. Du verabschiedest dich, um zu einer Hochzeit zu fahren und ich fand mich wie selten in einer Abneigung bestätigt. Kurz bevor Du aus der Tür gingst, drehtest Du Dich noch einmal um: ich verdrehte die Augen und -oh ich kann das sehr gut- verdrehte sie langsam und genau, ich schickte sie deinem Rücken hinterher. Du aber lächeltest leise und fingst meine Augen ein. Von da an ging ich Dir aus dem Weg. In Indien warst du anderswo, aber kamst dann doch auch nach Delhi. Du wolltest den Slum sehen. Ich wollte dich nicht sehen. Schon gar nicht führe ich Leute durch den Slum, die einmal große Augen vor der Armut machen wollen. Ich fluchte. Frau Rajasthani strich mir über den Rücken: „Read On sei nicht so streng.“ Wie immer gab ich ihr nach. Ich verdrehte die Augen und sagte Dir zu. Ich war wie stets blutverschmiert und verschwitzt, meine Haare ein Knäuel und auf meinem Rücken schlief ein Kind. Deine Hände waren kühl.

Du brachtest 500 Zahnbürsten und Zahnpastatuben mit. Ich war sprachlos. Das bin ich nicht so gern. Wir saßen auf dem Dach und sahen hinunter auf die endlosen Hütten und Plastikplanen. Ich ratterte herunter was es hier alles nicht gibt. Du sahst mich an und fragtest : „ Wie machen Sie das hier?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Ich gelte als stur und ich breche alle Regeln, vor allem die des guten Geschmacks“, sagte ich. Du lachtest. „Das Gefühl kenne ich“, sagtest du und du sahst mich an:“ es ist doch erstaunlich was ein Mensch alles erreichen kann.“ So hatte ich das noch nie gesehen. Am meisten aber behielt ich dein Lachen im Ohr. Außer den Kindern lacht niemand im Slum. Natürlich wusste ich das, aber vor dir war es mir noch nie so überdeutlich aufgefallen. Am Abend kamst Du mit zu Familie Rajasthani, die seit so vielen Jahren schon meine Familie ist und die so wild und laut, so überschwenglich liebenswürdig und unverfroren neugierig auf dich losging, wie das in den besten Familien der Fall ist. Du schlugst Dich tapfer. Aber ich wollte nicht beeindruckt sein und dann war doch immer noch dein Lachen in meinem Hinterkopf. Ein zweites Mal haben wir uns nicht gesehen. Zurück in Irland ging ich dir aus dem Weg. Ich habe Übung im Ausweichen. Wie hätte ich mit deiner Hartnäckigkeit rechnen können? Ich tat es nicht. Selten hat mich der Satz: „Ich will mit Dir zusammenarbeiten“ so kalt erwischt, wie an jenem Nachmittag in deinem Büro. „Ich bin vier Wochen nicht da“, sagtest du, überleg es dir. Ich nickte. Nach vier Wochen sagte ich zu. Wie hat mir das denn so lange nicht auffallen können, frage ich mich seitdem, wie großartig du bist? Habe ich wirklich übersehen können, wie bestimmt du an das Gute glaubst, wie sehr Du funkelst, du mit deinen Plänen und Ideen, die immer handfest sind und niemals Luftschlösser? Dein Rückgrat macht mich manchmal atemlos. Ich habe noch nie in so angenehmer Gesellschaft, Regeln gedehnt und gebrochen wie mit dir. Ich habe von Dir gelernt wie man offen und doch sehr verschwiegen sein kann. Wie liebenswürdig du bist, wie sorgfältig und wie klar, macht mich jeden Tag aufs Neue staunen. Du hast diese Sätze in dir. „Ich bin im Belfast der 70er Jahre aufgewachsen.“ Dann ist es still. Ich werde es nie vergessen. Wir standen mit anderen zusammen unter gräulichem Himmel irgendwo zwischen Belfast und Bangor und Du machtest einen sehr guten Witz der niemanden verschonte, Protestanten nicht und Katholiken nicht. Wir waren die einzigen, die lachten. Inmitten der betretenen Gesichter der anderen standen wir und lachten. Wir lachten mitten in diesem bleiernen Nordirland, in dem niemand über diese Dinge lacht und ich wunderte mich, ob dies nicht das indische Echo war. Später hattest Du nasse Füße. Ich bot dir ein Paar Schuhe an und du nahmst an. Später längst wieder auf eigenen Füßen, nahmst du mich zu Seite. „Ich mache mir immer Sorgen“, hörte ich mich sagen und vergrub die Hände in den Taschen. „Kalte Füße so fängt es ja meistens an.“ Du sahst mich an. „Einverstanden“ sagtest du und weiter: „Ich will mir auch Sorgen um dich machen dürfen.“ Ich nickte. Vielleicht war das der Moment in dem ich mich in dich verliebte. Dass Du meine Sorgen nicht abschütteln wolltest, dafür danke ich dir. Du bist von scharfsinniger Klugheit und bestechender Ernsthaftigkeit. Noch niemanden habe ich so deutlich wie dich so kritisch über Irland reden hören. Selten ist jemand so konstruktiv gewesen und ich wünschte es gäbe mehr Menschen wie Dich deren Wörter echte Zähne haben. Schön bist du und zauberhaft. Du bist sehr witzig und ich glaube du weißt es nicht. Aber du bist es trotzdem. Überhaupt bist du die erste, ernstzunehmende Konkurrenz in Sachen, Augen verdrehen. Du kannst das auch, sehr, sehr langsam und sehr genau und ich finde es sehr fantastisch, dass wir beide absolut parallel die Augen verdrehen können und niemand bemerkt es. Ich weiß nicht wie lange wir gemeinsam die Augen verdrehen, ob wir uns nicht eines Tages furchtbar verkrachen oder uns einfach aus den Augen verlieren. Aber festhalten will ich, wie viel ich Dir verdanke und was für eine große und überwältigend großartige Frau Du bist. Irgendwann auch noch einmal anders mit Blumen und mit richtigem Tee und nicht diesem gefärbten Wasser, vielleicht sogar auf dem indischen Dach und ganz bestimmt mit deinem Lachen. Es ist das Lachen Josephs dieses Träumers und Realisten, dem du so ähnlich bist. Immer sagen die Menschen, sie würden nicht vergessen, und schon während sie es sagen haben sie die Hälfte vergessen, aber ich will es nicht vergessen, ich will es schwarz auf weiß haben, ich will mich erinnern, was für ein Glück es ist, Dich zu kennen.

2 Gedanken zu “Woran ich mich erinnern will

  1. Deine Texte wie Bassins, in die man die Hand eintaucht und plötzlich spüren kann, was Leben ist. Und man streift eigentlich kaum die Oberfläche, doch sie bewegt sich.

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