So ein Sonntag

Früh, aber später als sonst ziehe ich zwei Paar Socken an, steige in die schweren Schuhe, und nehme die schwarze Barbourjacke vom Haken. Das Spiegelbild ist noch unentschieden: Wilddieb oder die kleine Schwester von Lord Fauntleroy? Jedenfalls fiele es nicht weiter auf hingen auch noch zwei Fasane über meinen Schultern. Nach links wende ich mich, denn gleich hinter meinem Haus endet das Dorf und der Trampelpfad führt über Wiesen und ein Waldstück hinweg in den Schlosspark hinein, in dem ich so gerne unter den alten Bäumen spazieren gehe. Der alte Graf jedoch ist vor Jahrzehnten schon nach Australien emigriert. Ich selbst habe ihn nie getroffen, aber die Frau des Krämers, die als junges Mädchen bei ihm auf dem Schloss Arbeit hatte, schwärmt von ihm und in ihrem Geschäft hängt ein Portrait des Schlossherrn, wie andernorts einmal der alte Kaiser Franz Joseph auf seine Untertanen zu blicken pflegte. Man sagte sogar, dass in jedem Bordell zwischen Triest und Brno der Kaiser über die Kokotten wie über ihre Kunden herabzusehen pflegte. Aber schon wieder schweife ich ab und habe darüber schon die Schafherde mit einem kurzen Nicken passiert, die sich nach mir schon längst nicht mehr umdrehen und laufe weiter gegen den wogenden Wind, der noch einmal die Blätter, die sich noch tapfer halten von den Bäumen fegt und darüber wohl lauthals lacht. Im Park frühstücken die Hasen einträchtig mit den Krähen und ich bewundere wie elegant und präzise die Krähen mit ihren Schnäbeln die Walnüsse knacken. Ich laufe vorbei an den gelben Wipfeln und wirble mit den Füßen die roten Blätter auf. Ich bewundere wie immer die glatte Rinde des Eukalyptusbaumes und laufe vorbei am alten und schon längt überwucherten Friedhof hinauf durch dunkelverschattete Waldwege zu meinem Lieblingsbaum unter dem ich schon so viele Stunden lesend verbrachte und so bilde ich mir jedenfalls ein, nickt mir der Baum auffordernd zu. Noch immer sind seine Blätter dicht genug, um mich vor dem Regenschauer zu bewahren, der just in dem ich unter seinem Blätterdach stehe, herunterkommt. Zehn Minuten später aber kommt die Sonne durch und zwei Stunden später bin ich zurück im Dorf, laufe ins Unterland zur Frau des Krämers, die mir zwei ofenwarme Scones einpackt und mich fragt wie es ausschaut oben beim Schloss. Wie immer, wenn ich aus dem Schlosspark zurückkehre, nickt sie und bekräftigt nun doch endlich einmal selbst hinaufzugehen, aber wir wissen beide, dass sie seitdem der Graf dort nicht mehr lebt, nie wieder hinaufging zum Schloss.

Der Priester mein sonntäglicher Gast, hat sich seufzend entschuldigt, seine Mutter sagt er und ich nicke. „Mütter soll man ehren“, sage ich und so seufzt der Priester noch einmal und fährt davon. Der Tierarzt hat sich erst für den Nachmittag angesagt und so kann ich mich auf das alte, grüne Sofa legen. Natürlich schläft die Katze auf der Zeitung und ich bin überhaupt zu müde zum Lesen. Kalt ist mir,die ganze lange Woche schon und so liege ich mumiengleich in zwei bunte Plaids gewickelt und fröstele dennoch weiter. Mir fällt auf einmal Hofrat Behrens ein mit seinen „blauen Backen“, dem unbestrittenen Herrscher dort oben auf dem Zauberberg, aber ich bin zu müde um aufzustehen und nachzusehen, ob sich auch meine Wangen schon bläulich verfärben. Dann schlafe ich ein. Ich träume Wirres: Settembrini und Hans Castorp tanzen eine wilde Polka, Naphta trinkt mit dem Priester einen schweren Wein und ich selbst ärgere mich auf das Fürchterlichste über die jungen Damen, die mit ihrem Pneumothorax so vortrefflich zu pfeifen wissen. Überlebensgroß hängt ein Porträt des alten Kaisers über uns allen Schließlich höre ich Türen klirren und als ich noch überlege, ob nicht vielleicht Clawdia Chauchat selbst ins Zimmer tritt. Dann aber wache ich auf und höre den Tierarzt rufen. Ihm läuft das Wasser aus Haaren und Schuhen, denn unterdessen hat es angefangen zu regnen. „Komm“, sage ich und ziehe den nassen Tierarzt ins Haus hinein. Selbst die Katze, die den Tierarzt doch so liebt, sieht ihn und die Pfütze, die sich um ihn bildet äußerst missbilligend an. „Komm“ sage ich noch einmal und lasse dem Tierarzt ein heißes Bad ein. Angetan mit meinem alten Frotteebademantel und zu kleinen indischen Hosen kommt der Tierarzt schließlich hinunter. Sehr vorsichtig beschnuppert ihn die Katze, prüfend ob er auch wirklich wieder ganz trocken ist, bevor sie auf seinen Schoß hüpft um sofort weiterzuschlafen. Ich bringe dem Tierarzt Apfelkuchen und heißen Tee, bevor auch ich wieder unter die Wolldecken krieche. „Ich bin so müde“, höre ich mich noch sagen und schon schlafe ich wieder ein.

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