Der vergiftete Apfel

img_4453Schwesterchen liest keine Zeitung und überhaupt vermeidet Schwesterchen Nachrichten, wann immer es sich vermeiden lässt. Für Nachrichten gibt es ja mich, die ich zu den Morgennachrichten, Zähne putze und zu den Spätnachrichten, Handstand übe. Noch dazu halte ich an der schon so altmodisch gewordenen Idee fest, eine Tageszeitung zu abonnieren und auch zu lesen. Dafür wusste Schwesterchen schon als es noch keiner ahnte, dass es ‚aus’ sei zwischen Angelina und Brad und riet mir dringend endlich etwas mit meinen Haaren zu machen. Meine Frage, ob sie wohl annähme, dass Brad Pitt sich mit seinem gebrochenen Herzen wohl bei uns in der irischen Provinz vergrübe, nahm Schwesterchen nur mäßig belustigt auf und schnarrte, dass meine Schlauheiten bis jetzt noch nicht zu einem Mann geführt hätten, der mir am Frühstückstisch beispielsweise die Zeitung anreiche. So erfuhr auch Schwesterchen, die bekanntlich in London lebt, auch von mir und nicht aus der Times vom Brexit. Schwesterchen schnaufte am Telefon und befand, dass die Engländer noch nie durch besondere Herzlichkeit oder Offenheit aufgefallen seien. Sie muss es schließlich wissen, denn die Frau, die heute ihre Schwiegermutter ist, gab ihr als Schwesterchen und ihr Sohn ausgingen, nicht einmal die Hand zur Begrüßung. Heute verehrt niemand Schwesterchen so, wie ihre Schwiegermutter, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Damals also schnaufte Schwesterchen noch einmal und erzählte mir von einem karamellfarbenen Paar Stiefel, die ich unbedingt probieren solle. Ich nickte g*ttergeben. Dann sprachen wir über andere Dinge. Den Brexit erwähnte ich nur dann und wann denn Schwesterchen vermeidet Nachrichten, wann immer sie kann. Schwesterchen vermeidet Nachrichten, aber das heißt noch lange nicht, dass sie der Realität keine Beachtung schenkt. Jeden Morgen nämlich nachdem Schwesterchen ihre vier Kinder mit Küssen, Brotdosen und einer Umarmung in Schule und Kindergarten verabschiedet hat, fährt meine Schwester bepackt mit einem Rucksack und zwei gewaltigen Jutebeuteln mit der U-Bahn in eine Schule, die in einem sogenannten Problembezirk liegt. Zusammen mit zwei Freundinnen, bereitet sie dort allen Kindern, vor allem aber jenen die ohne Brotdose in die Schule kommen ein richtiges Frühstück. Die meisten Kinder, die ohne Brotdose kommen sind nicht aus Pakistan, Nigeria, Rumänien oder Polen, es sind besonders oft Kinder von Eltern, die oft besonders stolz darauf sind, Englisch zu sein, vielleicht weil sonst nicht viel Stolz übrig bleibt. Es sind Kinder aus Familien, in denen oft nicht zwischen wichtig ( Essen auf dem Tisch ) und einem neuen Tattoo ( nicht so wichtig ) unterschieden wird. Es sind Familien in denen der Fernseher oft der einzige Gesprächspartner ist, der nicht schreit. Es sind Familien ohne Väter und mit oft überforderten Müttern. Es sind Kinder, die Fäuste früher kennen gelernt haben, als offene Arme und die sich oft erstaunlich gut wegducken können. Es sind Kinder, die gemeinsame Mahlzeiten als etwas ganz und gar Außergewöhnliches wahrnehmen. Es sind Kinder, die morgens oft die einzigen sind die aufstehen, weil den anderen irgendwann der Tag entglitt.

Während die Kinder also schreiben oder rechnen, schnitzt Schwesterchen, Apfelkronen, bastelt Bananenboote, richtet Mandarinenspalten als Schmetterlinge an, belegt Brote mit lustigen Gesichtern und füllt Müsli und Chocopops in Schüsseln. Schwesterchen weiß welche Kinder ihre Äpfel am Liebsten in Erdnußbutter tauchen und welche Kinder keine Milch mögen, sie weiß ganz genau, wer das Brot wie kross getoastet haben mag und wer ein Gurkenmännchen dem Bananenboot vorzieht. Schwesterchen kennt alle Kinder beim Namen und weiß wer prima Fußball spielt, wer toll Rechnen kann und wer die schönsten Bilder der Sonne malt. Schwesterchen lebt seit fast zwanzig Jahren in London und seit 18 Jahren bereitet sie jeden Morgen das Frühstück für die Kinder. Jedes Jahr zu Weihnachten bekommt Schwesterchen, Stapel von Karten ehemaliger Frühstückskinder, die längst erwachsen sind, aber die noch nicht vergessen haben, wie das ist, wenn man willkommen ist, so wie man ist. Es geht natürlich eigentlich nicht um Toastbrot und Müsli, auch nicht um Mandarinenschmetterlinge oder Apfelkronen, sondern Teil der Frühstücksrunde ist, dass Schwesterchen, wie auch die beiden Freundinnen jedem Kind eine oder auch mehrere, so viele Umarmungen wie ein Kind eben braucht, anbietet. Die Umarmungen meiner Schwester sind nämlich ganz besonders. Schwesterchen zieht jeden, vor allem aber diejenige, die es ganz besonders brauchen fest in ihre Arme. Die Kinder, die als frech und aufmüpfig gelten, die Kinder, die den Unterricht stören, die Kinder, die überall blaue Flecken haben, die Kinder, die selten sprechen und die Kinder, die man überall hört, vor allem aber auch die Kinder vor denen sich alle grausen, weil niemand ihnen die Haare wäscht oder mit ihnen die Fingernägel schrubbt, meine Schwester aber hält sie nur noch fester. Schwesterchen sagt ihnen allen, während sie in ihren Armen liegen, genau das was sie auch ihren Kindern und mir, wann immer sie uns umarmt sagt: „Du bist schön, du bist klug, du bist wunderbar, genau so wie du bist.“ Schwesterchens Umarmungen dauern immer genau so lange, wie jeder einzelne braucht, um diese Sätze zu verstehen. Die Umarmungen meiner Schwester sind die dickste Mauer gegen die Kränkungen der Welt, die man sich nur vorstellen kann. Schwesterchens Umarmungen sind Wellenbrecher und wo andere Umarmungen erdrücken, ist in den Armen meiner Schwester immer Platz zum Wachsen. Für manche Kinder müssen die Umarmungen für einen ganzen langen Tag reichen und viele Kinder laufen aus dem Frühstückszimmer noch einmal zurück in ihre Arme.

Selbst als Schwesterchens Kinder noch ganz klein waren, gab sie den Frühstückstisch nicht auf. Das jeweilige Kind band sie sich um die Hüfte und belud den Kinderwagen eben mit Lebensmitteln. Seit fast 19 Jahren also ist meine Schwester Frühstücksfee. Gestern aber kam meine Schwester wie jeden Tag beladen mit Jutebeuteln und Rucksack in die Schule. Nach dem Frühstück bat die Direktorin sie und die zwei Freundinnen zum Gespräch. “Eltern hätten sich beschwert”, sagte die Direktorin. “Die Eltern wollten nicht, dass ihre Kinder, Gemüse oder Obst bekämen, das aus der EU komme.” Die Eltern seien überhaupt gegen die EU-Diktatur, die nicht nur Gurken norme und die Bananenkrümmung messe, sondern die grundsätzlich  Obst und Gemüse als wertvollen Bestandteil jeder Ernährung propagiere, dabei entspräche dies nicht der Tradition eines englischen Frühstücks.” Schwerer aber noch wiege, das Schwesterchen als auch die beiden Frühstücksfeefreundinnen keine Hiesigen im richtigen Sinne seien und von den Eltern als „fremd“ wahrgenommen würden. Dies müsse die Schulleitung natürlich ernst nehmen. Sie möchten also bitte verstehen, dass das morgendliche Frühstück wohl nun nicht weiter stattfinden könne. Die Zeiten seien ohnehin nicht danach. Es sei schließlich auch ihre Verantwortung als Rektorin, darauf achtzugeben, dass an ihrer Schule keine vergifteten Äpfel in Umlauf wären.

Edit, 15.10. 2016. Many readers have asked me for an English version of the text. While I have no time anyway I just made one…It is not the best and certainly no literary translation but at least an attempt to make the story available in English, too.

“The poisoned apple”

My sister does not read a newspaper and she never listens to the radio. She has no TV either. Whenever she can my sister does her best to avoid news at all. For the news she has me. I brush my teeth to the morning news at 5 AM and I practice handstand to the midnight news. Old school as I am I do keep a newspaper and read it, too. My sister though knew when everybody else still believed in “Brangelina” that Angelina and Brad had split up. My sister said: “Read on, you should really do something with your messy hair now.” My question if she would really think that a heartbroken Brad Pitt would seek refuge in the small Irish village of mine did not make her laugh at all. “Your little clever remarks”, she said hissing angrily at me, “haven’t produced a man, who passes over the news to you, haven’t they?” While my sister, who lives in London by the way, is so good at avoiding news it was me who told her about Brexit and not the London Times. On the phone she sighed angrily. “The English” she said, “have never been to warm and welcoming as think they are.” She must know because the woman that would become her mother-in-law did not even greet her when she was dating her son. Today nobody loves my sister more than her mother-in-law. But that’s a story for another day. Back then however when I told her that a majority had voted for leaving the European Union, my sister sighed again and before she heavily advertised a pair of caramel-coloured boots I should try on. I nodded meekly. Then we spoke about other things. I brought up the Brexit here and then and my sister sighed. Saying that my sister does not care much about the news, however does not say, she avoids reality. Nothing could be more wrong.

Every morning after hugging and kissing her four children who go to kindergarten or school, my sister shoulders a big and heavy knapsack and two extremely heavy bags then she gets on the Tube and makes her way to a school in a neighbourhood most people would call a disadvantaged and poor one. My sister makes the trip to the school on every weekday. Together with two friends she prepares a breakfast for all children but especially for those children who do not get breakfast at home or bring a lunchbox with them. Most children who have no lunchbox or come hungry to school are not from Pakistan, Nigeria Romania or Poland. Most children come from families, being very proud of their English heritage because there isn’t so much else to be proud of. The children live in families where the distinction between what’s important ( food on the table ) and what can wait ( a new tattoo ) does not take place. The children grew up in a world, where the TV is the only one not shouting. Many children are from families, where the fathers are long missing and the mothers distressed and distraught. They are children knowing the force of fists better than open and warm arms and who know too well, how to back off. Most children don’t know anything about having a family meal together. Most children are the only one in their families who are getting up in the morning because the adults have lost track somehow on their way.

While the children are learning to write or doing maths my sister and her two friends are preparing breakfast. My sister makes crowns from apples and is a master of making banana boats. She arranges mandarins in the shape of a butterfly and makes toast with funny faces. Further there is muesli and of course Chocopops. My sister knows all her children well. She knows which children love to dip their apples in peanut butter, and those despising milk as well as she can tell who needs his toast nearly burnt to coal. She knows who asks for a banana boat and who prefers a little man made of cucumber. My sister knows all the children by name. She knows who is the next football star and who is great at maths. She knows who paints the most beautiful pictures of the sun. Since nearly twenty years my sister lives in London now and for nearly eighteen years now, she makes breakfast for the children on every single day. Every year around Christmas time my sister is getting piles of cards, from all her former breakfast club children who are long grown ups now, but still they do remember that they were welcome, exactly as they are. The breakfast is of course not about brekafast, even if mandarin butterflies and banana boats make a nice treat. Part of every breakfast is that my sister and her friends are offering a big hug to all children who need one or more. My sister’s hugs are special. My sister especially draws those children in her arms, who are known as naughty and troublemakers. My sisters hugs those children who come with blue bruises, and those who nearly never speak and those you can always hear, even from afar. My sister embraces the children coming with greasy hair and pitch-black fingernails because nobody looks after them properly. As she says to her children or to me whenever she hugs us, she tells the children in her arms: “ You are beautiful, you are smart and you are perfect as you are.” My sister’s hugs are as long as you need them to be and they last as long as every child needs to grasp the sentence she whispers in their ears. My sister’s hugs are the strongest walls you can imagine against the injustice of the world. They are able to keep you safe and warm even against the strongest storm you can imagine. While some hugs pin you down, you can grown in my sister’s arms. For many children it is the only hug they get during a long day and many of them are running back to her to get another one before they return to class.

Even when my sister’s own children were very small, my sister did not give up her breakfast club.My sister carried her children on her hip and put all the food into the stroller. For nearly nineteen years my sister has been a breakfast fairy as we call her. Yesterday my sister came as she ever does with her knapsack and her heavy bags and prepared breakfast. But when the children had returned to class, the head of school called my sister and her two friends into her office. “Parents are complaining”, she said. “The parents did not want their children having fruit imported from the EU for breakfast. The parents anyway were opposed to the tyranny of the European Union not only standardizing the shape of cucumbers and regulating the curvature of bananas but advertising fruit and vegetables as part of a healthy nutrition; this being not part of the authentic tradition of a genuine English breakfast.” However the headmaster went on, even more problematic is the fact that they, my sister and her two friends, are no “locals” in the proper sense of the meaning but strangers. She as the headmaster had to take these complaints seriously. “You clearly” understand she said, “that the breakfast club could not go on any longer. Times have changed. She now had to make very sure there were no poisoned apples in her school.”

158 thoughts on “Der vergiftete Apfel

  1. Man möchte schreien und trotzdem bleibt einem nichts anderes ürig als zu seufzen. Ganz ganz tief. Weil die Worte fehlen. Ich muss an “Die Kinder des Monsieur Mathieu” denken und hoffe einfach nur, dass es genug Kinder in dieser Schule gibt, deren Welt deine Schwester schon längst verändert hat.

    • Das Wort Stoßseufzer bekommt hier wirklich noch einmal eine neue und andere Bedeutung. Ich hoffe das auch. Ich hoffe das wirklich, dass die Jahre einen Unterschied gemacht haben.

      • Noch eine Ergänzung: Es ist natürlich ein eklatantes Versagen der Schulleiterin und der Gremien in der dortigen Schule. Sie MÜSSEN einen Interessenausgleich schaffen. Über so viele Jahre Helfende derart in die Magengrube zu treten – das ist unabhängig von »leave« oder »remain« einfach nur dumm.

        Wenn das UK aus der EU austritt, wird es sowieso kein EU-Fördergeld mehr geben, aber trotzdem kann doch das Frühstück weiter lokal gefördert werden. Woher das Obst dann wirklich kommt, ist noch mal eine völlig andere Frage. Auch bei uns in DE gibt es Bewegungen für regionale Produkte und sie haben nicht selten einen protektionistischen Beigeschmack. Protektionismus: schon wieder ein neuer Aspekt 😉

  2. Mir fehlen die Worte, und die fehlen mir selten. Hier wäre eine Umarmung angebracht, für Dich wegen dieses Textes und für Schwesterchen, weil sie die verdient und evtl. braucht.
    Vor manchen Dingen steht man fassungslos und auch vor Feigheit und wenig Rückgrat dummen Menschen die Stirn zu bieten.
    Danke für deinen Post der mir zeigt, nicht nur in Deutschland greift Dummheit wie die moderne Pest um sich

  3. Ich halte zwar nichts mehr von wurmlos gespritzten Kühlhausäpfeln, aber als dummes Stadtkind liebte ich knallgrüne Granny Smiths. Schwesterchen sollte ihre Kartenschreiber mal anfragen, was sie den speckbohnenwurstigen “Eltern” und der mitläuferischen Direktorin vortragen wollen.

  4. Das ist ein sehr schöner Beitrag, der einen absolut unschönen neuen Abgrund auftut, der in unserer Welt eigentlich mal so überhaupt nichts zu suchen hat. Vllt kann dein Schwesterchen ja ihre erwachsenen Kartenschreiber mal über den neuen Ist-Stand einweihen, dann vllt lässt sich Frau Rektorin dazu herab, ihre Alumni als neue Frühstücksfeen zu billigen. Die Frage ob mit oder ohne Obst kann man auch später noch klären, aber stattfinden sollte das Frühstück ganz dringend weiterhin…

    • Ich finde das auch, aber leider ist die Welt sehr gern bereit die Schwächsten zum Spielball ihrer Interessen zu machen und dann wird es fast unmöglich, die Türen offen zuhalten, die es so dringend braucht.

  5. Ich hätte noch einen Faktencheck beizutragen. Es stimmt zwar alles, was ich über das EU-Programm geschrieben habe. Aber: Großbritannien zahlt als Nettozahler der EU für das Programm, ohne selbst teilzunehmen.

    Wie kommen die Gegner des Frühstücks also auf die Idee, dass das Obst »von der EU« käme? Das Geld fürs Frühstück kann schon mal nicht aus diesem Programm kommen. Vielleicht kann Deine Schwester damit argumentieren?

    Quelle: http://ec.europa.eu/agriculture/sfs/documents/2014-2015-presentation.pdf

    • @Stefanolix – vermutlich aus den Tageszeitungen, z.B. hat die Daily Mail mal über das “EU” Programm geschrieben, dass jetzt nur Milch und Obst, nicht mehr Käse oder Joghurt gegeben werden sollten. Diese Artikel haben einen Einfluß auf manche Eltern.

      • Gut – da geht es aber um /Ernährungsempfehlungen/. Darüber kann man immer reden. Niemand lässt sich gern bevormunden – man sollte die Regeln gemeinsam erarbeiten. Das wäre aber kein plausibler Grund, die ehrenamtliche Frühstücksarbeit ganz abzulehnen.

      • Danke ihnen beiden für die vielen Fakten und erweiterten zusammenhänge, in die das Thema gehört. Allein, ich glaube, dass die vergifteten Äpfel eben auch metaphorisch gemeint sind und etwas mit dem momentanen Debattenklima in England zu tun haben. Dass man drei Frauen, die sich um Kinder bemühen, die auch im Parteiprogramm der Konservativen eher eine untergeordnete Rolle, nun zu Giftmischerinnen erklärt hat etwas sehr Fatales und es zeigt die Richtung an: denn welcher Brexit auch immer kommt, bezahlen werden ihn diejenigen, die zwar als Parolen gut taugen, die aber sonst längst und langes schon abgehängt sind.

      • Das war ganz am Anfang allen Nachdenkens über Ihren Artikel auch mein erster Gedanke. Ich würde es aber nicht mit »konservativ« gegen »progressiv« oder »rechts« gegen »links« erklären. Die viele Jahre lang bewährte Frühstücksversorgung ist eigentlich im besten Sinne konservativ, weil sie nämlich etwas Wertvolles bewahrt. Es gibt andererseits in den Bionade-Milieus viele Leute, die sich für progressiv halten und denen der einzelne ärmere Mensch mit seinen Problemen verdammt egal ist. Das eigentliche Problem sehe ich darin, dass hier eine fatale Instrumentalisierung stattfindet.

      • Die Daily Mail wird in Großbritannien inzwischen auch ‘Daily Hail’ genannt, weil sie systematisch gegen die EU hetzt wie es Goebbels kaum besser gekonnt hätte.

      • Ich wollte nicht die Daily Mail verteidigen oder als gute Zeitschrift zitieren, ich dachte, das ist klar, ich bin Engländerin. Aber in dieser Hinsicht – dass es um ein EU-Programm geht – hatte es wohl recht, es ging mir nur darum, etwas mehr Hintergrund zu geben, denn der Blog erzählt nichts über den Hintergrund. Ich heiße aber nicht Mar, sondern Margaret.

  6. Eine schöne Geschichte, das ist wahr. Relevant wäre sie aber erst dann, wenn sie auch wahr wäre. Doch daran habe ich erhebliche Zweifel. Denn: (1) Die Autorin, deren Namen ich hier nicht herausgefunden habe, suggeriert, sie käme aus der “irischen Provinz”. Und dann fällt es ihr viel leichter, die Geschichte auf Deutsch als auf Englisch zu schreiben? – Sehr merkwürdig. (2) Es ist keineswegs sicher, dass es diese Schule gibt. Sie ist irgendwo in London. Pardon, aber London ist auf Grund seiner Größe dermaßen ungenau als Ortsangabe, dass die Schule genauso gut irgendwo in England oder sonstwo sein kann. Was hält die Autorin davon ab, den Schulnamen zu nennen? Oder wenigstens den Stadtteil von London, in dem die Geschichte spielt? (3) Die Story hat das Zeug dazu, in eine bedeutende Zeitung zu gelangen – das würde die investierte Zeit sogar honorieren. Warum ist sie aber nicht veröffentlicht in einer Zeitung (mit Qualitätsprüfung), sondern in einer Art öffentlich zugänglichem privaten Notizheft? Fazit: Die Zustimmung in den Kommentaren ist deswegen hoch, weil Vorurteile und Meinungen bestätigt werden – in solchen Fällen fragen die Bestätigten selten nach prüfbaren Fakten.

    • Oha, @Franz Kien, da müssen Sie aber intensiv nicht-recherchiert haben für einen derart fundierten Kommentar. Insbesondere das Argument, der Artikel sei in Irland auf deutsch verfasst worden und könne schon deshalb keine wahre Begebenheit schildern, finde ich sehr bestechend im heutigen Europa.

    • Auch wenn Sie sich jetzt vielleicht besonders schlau vorkommen, liegen Sie mit Ihren Schlussfolgerungen völlig daneben, Herr Kien. Die Autorin lebt tatsächlich in der irischen Provinz und spricht mehrere Sprachen, Deutsch ist eine davon. Es ist die Sprache ihrer Großmutter. Dass sie die Schule nicht nennt, könnte auch damit zu tun haben, die Anonymität der Schwester und damit auch ihre eigene zu wahren, schon einmal daran gedacht? Und nur weil Sie den Namen der Autorin nicht herausfinden konnten, bedeutet das nicht, dass andere aus der Leserschaft ihn auch nicht kennen.

    • Danke für die Einwände an meinen Zweifeln. Denn ein Diskurs belebt die Meinungsbildung.

      Meine Zweifel sind aber nicht widerlegt:
      (1) “Insbesondere das Argument, der Artikel sei in Irland auf deutsch verfasst worden und könne schon deshalb keine wahre Begebenheit schildern, …” stellt eine mir fälschlicherweise unterstellte Schlussfolgerung dar. Ich habe nur gesagt, dass “irische Herkunft” und “deutsche Vorzugssprache” bei mir Zweifel an der “irischen Herkunft” der Autorin hervorruft. Der Verweis auf die deutsche Großmutter entkräftet meine Zweifel auch nicht besonders, denn warum sollte wegen eines von vier Großelternteilen der Text auf Deutsch besser gelingen als auf Englisch?

      (2) “Dass sie die Schule nicht nennt, könnte auch damit zu tun haben, die Anonymität der Schwester und damit auch ihre eigene zu wahren, schon einmal daran gedacht?” Durchaus, ist aber nicht stichhaltig. Erstens sollten bei Missständen, die einem relevant sind, Ross und Reiter (hier die Schule oder zumindest der Londoner Stadtteil) genannt werden, wenn man sie abstellen möchte. Zweitens verstehen es Journalisten Missstände anzuprangern, ohne die Anonymität ihrer Informanten preiszugeben. Und drittens widersprechen Sie sich selbst, wenn Sie hier die Wahrung der Anonymität hervorheben, aber im folgenden Satz nahelegen, dass der Name der Autorin – und somit auch der der Schwester – ja doch herausfindbar sei: “Und nur weil Sie den Namen der Autorin nicht herausfinden konnten, bedeutet das nicht, dass andere aus der Leserschaft ihn auch nicht kennen.”

      Wie gesagt, die Geschichte ist gut, und ich stelle sie nicht in Abrede, sondern melde Zweifel an. Ich persönlich halte es so: Nicht alles, was meine eigene Meinung bestätigt, halte ich auch für wahr. Das ist Teil der Medienkompetenz: Die Informationen, die uns erreichen, kritisch zu prüfen. Und im Internet, wo jede Person jeder Couleur seine “Wahrheiten” verbreitet, ist das erforderlich. Also: Nicht alles, was meine eigene Meinung bestätigt, ist wahr. Und nicht alles, was meiner eigenen Meinung widerspricht, ist falsch.

      • Mr Kien, did you read my previous comments? I have lived here 20 years, and I am telling you in fluent English with a perfect London accent und auch auf Deutsch, dass diese Geschichte keine Erfindung ist. Solche Sachen passieren hier heutzutage immer öfter. Sie unterschätzen die Englische Mentalität. Die Deutschen sind großartig, was Kleinbürgerlichkeit angeht; die Engländer sind darin Weltmeister.

      • Herr Kien, wenn Sie sich mal in diesem Blog zurückblättern – was ich Ihnen nur empfehlen kann, alle Texte sind lesenswert -, werden Sie viele Postings auf English finden. Tatsächlich trugen manche Postings früher die Überschrift “As an exception in German: …”, weil die Autorin gewöhnlich auf Englisch bloggte.

        Und wieso muss Ihrer Meinung nach die Autorin irischer Herkunft sein, um in Irland zu leben und zu arbeiten und wahre Begebenheiten aus London schildern zu können? Manche Familien sind kosmopolitisch, da lebt eine Schwester seit rund 20 Jahren in London, die andere arbeitet in Irland und verbringt Zeit in Berlin und Indien, und die Großmutter stammte aus Deutschland. Offensichtlich haben Sie das von mir oben verlinkte Posting nicht gelesen, schade.

        Die Schwester möchte vielleicht zum gegenwärtigen Zeitpunkt damit nicht an die Presse gehen. Wie Sie in einem Kommentar der Autorin weiter oben nachlesen können, formiert sich gerade Widerstand. Vielleicht will die Schwester es auch lieber den befürwortenden Eltern überlassen, ob und wann sie sich damit an die Medien wenden. Wenn die Schule genannt wird – die für diese Frühstücksaktion bereits mehrere Auszeichnungen erhielt – lassen sich im Übrigen die Namen der drei Frauen wahrscheinlich gar nicht geheimhalten.

        Ich kenne den Namen der Autorin, weil ich in Kontakt mit ihr stehe, so wie einige andere Leserinnen und Leser hier auch.

  7. Sehr geehrter Herr Kien,

    ich lehne mich jetzt mal ganz weit aus dem metaphorischen Fenster und nehme ganz ohne belegende Fakten, lediglich auf der Grundlage Ihres Kommentars an, dass Sie (1) Deutscher sind und (2) als solcher aktuell auch in Deutschland, vor allem nicht in Großbritannien leben.

    So, basierend auf dieser Annahme, kann man Ihnen die Skepsis nachsehen, ob solch eine unglaubliche, unfassbare Geschichte denn tatsächlich wahr sein kann, widerspricht sie doch so jedem Vernunftdenken. Allerdings muss ich Ihnen in verschiedenen Punkten deutlich widersprechen, und zwar wie folgt:

    1) Auch ich lebe in einer nicht-deutschen Provinz (in meinem Fall in England) und bewege mich zwischen beiden Sprachen. Beide haben ihre bessere Eignung je nach gewünschtem Einsatz; mitunter bietet sich die deutsche Sprache besser zum Fabulieren an als die englische, welche wiederum andere Vorzüge hat. Die anmaßende Vermutung, dass die Tatsache, dass Ms Read On in Irland lebt und sich trotzdem lieber der deutschen Sprache bedient (aus welchen Gründen auch immer), ein Indiz darauf ist, dass sie sich alles aus den Fingern gesogen hat, ist demnach unhaltbar. Gott sei Dank leben wir immer noch in einer Welt, in der man sich mehr oder minder frei bewegen kann und das trifft auch auf den Gebrauch von Sprachen zu.

    2) Natürlich ist es nicht sicher, dass es diese Schule, Schwesterlein oder auch die Äpfel tatsächlich gibt. Nach der Kampagne um das Referendum muss man sich fragen, ob es überhaupt irgend etwas, was online, in den Medien oder in schreierischen Schmierblättern verbreitet wird, gibt. Was man daraus lernen konnte, war, zaghaft die Geschichten zu glauben, die zu dem passen und in dem Kontext glaubhaft sind, den man selbst mit eigenen Augen sehen kann und selbst täglich miterlebt. Ich muss auch sagen, dass mir London als Ortangabe da schon reicht (ist immerhin doch deutlich auf einen vergleichbar kleineren Bereich eingegrenzt als “irgendwo in England”). Auf verdrehte Weise haben Sie aber leider Recht – diese Schule kann tatsächlich irgendwo in England sein, da dies die unfassbare und traurige Realität widerspiegelt, die im ganzen Land herrscht.

    3) Warum ist die Story nicht in irgendeiner Zeitung veröffentlicht? Macht das die Geschichte wirklich unglaubwürdig? Ernsthaft? Wenn also im Wald ein Baum umfällt dann passiert es nicht, weil keiner darüber berichtet? Wie gesagt, es werden hier keine Meinungen und Hetzparaden geschürt, es wird nur ein weiteres Puzzlestück geliefert, ein sehr persönliches obendrein, das sich nahtlos in das Bild einfügt, das sich hier in England in diesen Tagen präsentiert. Der polnische Laden, der letzte Woche nach einem Brandanschlag in der Nachbarstadt ausgebrannt ist, der hat es in die Zeitung geschafft. Meine deutschen Freunde, denen von einem ehemaligen (englischen) Kollegen “angeraten” wurde, sich doch wieder zu verp***en, und dass England nun wieder den Engländern gehöre, die erscheinen in keiner Zeitung. Wie zahllose andere kleine und große Beispiele.

    Und abschließend noch zum Thema Zeitungen – wenn ich leicht verzweifelt mit Familie und Freunden in Deutschland über den Zustand in England spreche, höre ich meist nur “Ja hier hört man ja fast gar nichts mehr davon.” Und das sind Menschen, die sich um mich sorgen und Augen und Ohren offen halten, was denn da für neue Nachrichten von der Insel rüberkommen.

    Ich gebe mich keiner Illusion hin, dass ich Sie – sodenn Sie dies überhaupt lesen – von Ihrer Meinung auch nur ein winziges Bisschen abbringen kann (sehen Sie, schon wieder eine grobe Vermutung, basierend auf ein paar Zeilen, die ich von Ihnen gelesen habe, und schon mache ich mir ein Bild von Ihnen…). Aber ich hoffe, dass ich Ms Read On etwas bestärken konnte, dass das, was sie da geschrieben hat, genau richtig ist. Vor allem, weil es ihre eigene Geschichte ist. Auf ihrem eigenen Blog. Punktum.

    • @Stephanie, Ihre ausführliche Antwort habe ich gelesen. Und Ihre persönlichen Eindrücke aus England werden Teil des Puzzles von meinem Bild über das derzeitige England werden.

      Ich sammele erst viele Puzzleteile, wenn ich mir von einer Sache ein Bild machen möchte – zu jeder Sache möchte und muss ich mir aber auch kein Bild machen. Ende dieser Woche kommt eine befreundete deutsch-asiatische Familie aus England zurück, die dort ihre deutsch-englischen Verwandten besucht. Mal hören, was die zu berichten haben. Und selbst, wenn sie andere oder gar keine nennenswerten Eindrücke haben (ein weiteres Puzzleteil), heißt das für mich nicht, dass ich Ihre Eindrücke als falsch bewerten würde.

      “Was man daraus lernen konnte, war, zaghaft die Geschichten zu glauben, die zu dem passen und in dem Kontext glaubhaft sind, den man selbst mit eigenen Augen sehen kann und selbst täglich miterlebt. ” Ist es ratsam, die Geschichten zu glauben, die zu dem passen und in dem Kontext glaubhaft sind, den man selbst mit eigenen Augen sehen kann und selbst täglich miterlebt? Ich jedenfalls habe diese Erlebnisse nicht einmal, so dass mir die Voraussetzung für diesen zaghaften Glauben fehlt.

      Was würden Sie den Pegidisten sagen, die erfundene Geschichten über kriminelle Flüchtlinge usw. lesen und glauben? Es passt ja so schön in deren Bild. Nur weil es wahr sein könnte, sollte es zaghaft geglaubt werden? Oder gibt es ein prüfbares Universalkriterium dafür, was grundsätzlich wahr und was grundsätzlich falsch ist? Dann sagen Sie es bitte der ganzen Welt, denn über das was wahr und das was falsch sein soll, darüber entzweit sich gerade die halbe Welt!

      Gestern und heute habe ich meine Zweifel angemeldet und begründet. Dabei geht es mir nicht um Entzweiung, Streit oder Besserwisserei. Es geht mir darum, wie wir mit nicht-erlebten und teilweise nicht erlebbaren Berichten aus der Welt umgehen, die uns “in unseren eigenen vier Wänden” erreichen.

      • Sehr geehrter Herr Kien, Read On hat die Frage nach dem Wahrheitsgehalt Ihrer Geschichten an anderer Stelle einmal so beantwortet: Die Geschichten sind so wahr, wie Sie als Leser sie dafür halten. Für Sie in Bezug auf diese Geschichte also nicht sehr bzw. überhaupt nicht. Und mehr ist dazu eigentlich auch nicht zu sagen.

  8. Pingback: Fünf Freitagslieblinge am 21. Oktober | Clara OnLine

  9. Pingback: In Sorge | M i MA

  10. Hallo … das ist so eine schöne Sache, was Deine Schwester seit vielen Jahren macht. So wertvoll.

    Und so trauriger das Ende.

    Ich glaube mir fehlen dazu die passendenWorte.

    Eine tolle Schwester …

    • Ich finde auch, dass meine Schwester für viele Jahre den Kindern Halt und Geborgenheit vermittelt hat und das dies so zu Ende gehen muss, ist sehr bitter. Meine Schwester ist wirklich eine große Frau. Vielen Dank!

  11. Pingback: Das Leben eben, Pt. II | Kaiserinnenreich

  12. Ich bin GEGEN Verallgemeinerungen. Ich bin ungewollt alleinerziehend mit 3 kleinen Kindern (7, 5 und 5 Jahre) alt. Scheidungsbedingt finanziell sehr schlecht gestellt – und TROTZDEM: Ich sorge für regelmäßige, gesunde Mahlzeiten und ein liebevolles Zuhause!

  13. Hallo,
    mir ist es egal, ob die Geschichte wahr ist oder nicht. Ich finde sie herzzerreissend, und auch wenn sie nicht wahr ist ist sie doch wahr. Denn ihre Botschaft ist wahr.
    Die Botschaft lautet: Der Glaube, recht zu haben (hier: an den BREXIT Mist) besiegt Mitgefühl. Glaubenssätze (Dogmen) benebeln den klaren Verstand (auch bei gebildetem Schulpersonal).
    Heraus kommt wie so oft eine Entscheidung, die keinesfalls sinnvoll oder nützlich ist.

    Einige Menschen in den UK glauben wohl, dass ihr Wunsch nach BREXIT aus ihrem Herzen kommt.

    Dass aber “in der Politik nichts zufällig geschieht” und wir uns in einem Krieg “Reich gegen Arm” (Warren Buffet) befinden, sollte dem kleinen Mann zu denken geben. Reich lacht sich in die Tasche, wenn Arm und Arm sich noch gegenseitig fertigmachen, siehe “Teile und Herrsche!”

    Mein Herzenswunsch ist, dass die unlaublich nützliche und so selbstlos geschenkte Liebe von schwesterchen als viel wichtiger betrachtet wird, als alle durch Manipulation der Medien erzeugten Haßgefüle. Mein Herz teilt mir das mit, ich brauche es nur zu fragen. Es weiss was richtig ist. Da brauche ich kein Fernsehen und keine Zeitung dafür.

    Friede Euch allen!

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s