Zeitdiebe

img_0437Jeden Morgen klingelt exakt um 5 Uhr 02 ( fragen Sie nicht ) der Wecker. Ich gähne dreimal und schwinge mich aus dem Bett. Ich gurgle mit einem scheußlich blauen Mundwasser, auf das Schwesterchen schwört, werfe mir vier Handvoll Wasser ins Gesicht, gebe allerhand Wässerchen und Cremes dazu, von denen Schwesterchen schwört, sie würden mir zu Mann, Glück und goldenen Dukaten verhelfen, auch wenn mir immer das gleiche Gesicht eine Nase dreht. Ich nehme Kleid oder Rock vom Bügel und versuche mir kein Loch in die Strumpfhose zu bohren oder noch schlimmer mich wieder ins Bett fallen zu lassen. Dann fülle ich Futter in den Napf der selig schlafenden Katze, werfe zwei Mandarinen, eine Banane, Buch und die Wasserflasche in meine Tasche, warte, das der Kaffee sich für vier Minuten am Boden setzt, bevor ich ihn in den Kaffeebecher fülle und den Hausschlüssel vom Bord nehme. Dann ist es genau 5.30 Uhr und ich trete auf die noch tief schlafende Straße. Aber genau dann beginnt das Problem, spätestens nämlich, wenn ich vom Oberland ins Unterland gelangt bin und der Frau des Krämers, die gerade die Backstube kehrt, winke, bewegt sich der Zeiger der Kirchturmruhr unverhältnismäßig weit nach vorn und ich beginne zu rennen. Die Zeit derweil lacht mich aus, denn ich bin einen derjenigen Frauen, die wie in einer schlechten französischen Komödie den Bahnsteig immer erst dann erreichen, wenn der Bahnhofsvorstand zum dritten Mal in die Trillerpfeife bläst und so erreiche ich nie gemäßigten Schrittes das Gleis, sondern hechte in allerletzter Minute in den Wagon hinein und pfeife als sei ich nicht das Fräulein Read on, sondern die Kameliendame selbst. Dies setzt sich dann tagsüber fort, wärmen sich andere die Hand an der Kaffeetasse springe ich wie ein Hase auf der Flucht in das Besprechungszimmer, ich rase zu Verabredungen und lasse Treppenstufen aus, um wenigstens 20 Sekunden aufzuholen, das Theater erreiche ich grundsätzlich immer erst dann, wenn der Vorhang sich gerade eben hebt, hätte ich kein Konzerthaus Abonnement mit festem Platz, ich hätte noch keine Symphonie vollständig gehört und ich gehe auch deswegen so selten ins Kino, weil ich natürlich zu den Leuten gehöre, die sich unter lautem Zischen durch das Dunkel schleichen und dabei beinahe einen Liter Colabecher oder eine Riesentüte Popcorn herunterreißen. Es gibt Freunde, die mir eine völlig andere, frühere Zeit in die Einladungskarte schreiben, damit die Suppe nicht kalt wird, bis ich endlich an der Haustür schelle. Dabei renne ich immer oder rase oder strample wie eine Irre auf dem Fahrrad um der Zeit ein Schnippchen zu schlagen, ich springe und hüpfe, ich wirble und haste und natürlich geht meine Uhr schon immer vor, damit ich mich ja nicht in Sicherheit wähne. Trotzdem ähnle ich fast immer einem zerrupften Huhn, dass sich derwischgleich zwischen Türen schiebt und seufzend auf den Sessel sinkt: „uff gerade noch einmal geschafft“. Die einzige Erklärung, die ich für dieses Mysterium habe: wie anderen Menschen, Handtasche, Pudel oder der Ehemann abhanden kommen, muss mir jemand einmal in einem unbeobachteten Augenblick eine halbe Stunde entrissen haben. Der oder diejenige also, die über meine dreißig Minuten verfügen halten ein gemütliches Mittagsschläfchen, trinken einen Espresso mit dem schönen Kollegen aus dem 2. Stock oder kaufen Pralinen. Anstatt zu rennen, geht der Zeitdieb gemessenen Schrittes, pfeift ein kleines Liedchen und riecht am letzten blühenden Rosenstock und freut sich seines Lebens, während ich schon wieder weiterrase. Handtaschen, Pudel und sogar Ehemänner lassen sich nicht immer, so doch manchmal wiederfinden, nur wie entreißt man einem Zeitdieb oder einer Zeitgaunerin dreißig Minuten?

16 Gedanken zu “Zeitdiebe

  1. »Gibs auf, gibs auf«, sagte der Zeitdieb und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.

  2. sie haben eine vortreffliche ursachenanalyse vorgenommen und ich teile die hypothese, dass ein zeitdieb sich in ihr leben geschlichen hat. kurz habe ich überlegt, ob evtl. die krümmung des raumes dazu führen könnte, dass ihre relative zeit eine besondere raumkrümmung aufweist.
    nun denke ich über lösungen nach und schmunzle über die freunde, die die einladungen vor datieren. vielleicht sollte jemand heimlich ihre uhren neu stellen????

    • Ach, wenn man nur die Diebe einmal bei frischer Tat ertappte, dann wäre viel geholfen. Die Freunde sind so reizend, wie nur die Leser und Leserinnen hier. Sie haben Recht, vielleicht sollte ich die Uhren einmal neu stellen.

  3. Ich bin aufgewachsen in einer Familie von Menschen, die nicht in der Lage war, pünktlich zu kommen. Zur Kompensation bin ich mindestens 15 min vor dem vereinbarten Termin zur Stelle, schleiche dann die verbleibende Zeit bei Schneesturm um die Häuser und erscheine somit aus ganz entgegengesetzten Gründen derangiert zu jedwedem Rendezvous. Wir würden uns trefflich ergänzen, fürchte ich.

  4. Bei den einen wird Zeit geklaut, bei den anderen draufgelegt. Ich bin immer zu früh. Mit den angesammelten Wartezeiten könnte ich locker eine Weltreise machen und mir für viele Länder viel Zeit lassen.

    • Wie machen Sie das alle nur? Eine Weltreise kann ich nur empfehlen. Natürlich nicht ganz aus Eigennutz, denn Sie würden in Ihrem formidablen Blog davon berichten und wir kämen einfach alle mit….Ach, ich beneide und bewundere Menschen sehr, die sich Zeit lassen können!

  5. „Die einzige Erklärung, die ich für dieses Mysterium habe: wie anderen Menschen, Handtasche, Pudel oder der Ehemann abhanden kommen, muss mir jemand einmal in einem unbeobachteten Augenblick eine halbe Stunde entrissen haben.“

    Es gibt noch eine andere Möglichkeit, an die mich das Lesen erinnerte.

    Da hat jemand (schon jetzt) keine Lust, zur Großen Abschlußveranstaltung des Lebens pünktlich zu Erscheinen – und das ist schön so – viva la vie …

    Alles andere läßt sich finden, mit der Zeit.

    • Ach, das ist eine besonders schöne Erklärung, die sie da haben. Eine so hübsche Idee, dem Tod einst ein Schnippchen zu schlagen, der steht dann mit seiner Sense ungeduldig und mürrisch im Regen und dreht sich schließlich um, weil ich nur noch ganz schnell bei der Post vorbeigehen musste! Le Chaim!

  6. Es gibt solche Merkwürdigkeiten im Leben. Grundsätzlich bin ich immer zu früh, hetze zu jedem Termin und habe dann meistens eine Viertel Stunde, um über den Sinn des Wartens nachzudenken. Allerdings ist es nun in meinem langen Leben so, dass mir unterdessen an die 20-25 Jahre fehlen, von denen ich wirklich nicht weiß, was damit und evtl. währenddessen passiert ist. Sie sind einfach weg. Da hilft alles rechnen nicht, ich komme nicht dahinter, wohin diese Jahre entschwunden sind. Es ist und bleibt ein Rätsel, mit dem ich aber wohl nicht allein bin. Die Zeitdiebe sind überall und niemand hat sie je gesehen.

    Herrn Fischers Gedanke kann ich für mich nicht teilen, die große Abschlussveranstaltung naht bei mir mit Riesenschritten und ich werde wie immer pünktlich sein 😉

    An dieser Stelle meinen herzlichen Dank für Ihre schönen, immer berührenden Texte.

    • Ein wenig Zeit zum Philosophieren ist finde ich etwas besonders Feines! Überhaupt scheint mir das ein guter Plan über das Warte nachzudenken. Ich stelle mir oft vor, ich säße einmal im Wartesaal und ließe die Gedanken schweifen, natürlich verliebte ich mich sofort in einen traurigen Mann mit einem Buch von Camus auf den Knien und verpasste vor lauter Begeisterung meinen Anschlusszug….

      Recht haben Sie, die Jahre laufen einem davon und man wird sie wohl nur schwer wiederfinden. Die Zeitdiebe hat wohl noch nicht einmal ein gewiefter Meisterdetektiv festhalten können- Aber wie Herr Fischer glaube ich, dass wir es ihnen ein bisschen schwerer machen können und dürfen. Bei Ihnen glaube ich,gibt es noch viel zu Erleben und viel zu Leben und darum soll vom Ende noch nicht die Rede sein.

      Ich freue mich sehr, dass Sie hier mitlesen mögen. Vielen Dank!

  7. Da hilft nur eine Stundenblume. Und Ihr Zeitdieb raucht nur Zigarre. Achten Sie unbedingt auf Schildkröten, eine davon heißt Kassiopeia. Sie werden Sie erkennen.

    Rosarium und ich sind auch schon lange dazu übergegangen, unserer älteren Schwester Amaryllis eine um 30 Minuten frühere Uhrzeit zu nennen, wenn sie unbedingt pünktlich sein soll. Der Witz ist, ab und an ist sie dann wirklich pünktlich und eigentlich eine halbe Stunde zu früh.

    • Ha! Ich kenne etliche Zigarrenraucher. Von Schildkröten mit bemalten Panzern habe ich kürzlich erst geträumt. Wer weiß, vielleicht wollen die grauen Herren ja noch einmal mit mir ihr Glück versuchen?

      Sie sind wie meine liebenswürdigen Freunde aus Schaden klug geworden und es ist mir auch sehr, sehr peinlich als ich herausfand, glühte ich wie eine Tomate. Wenn Amaryllis,aber wirklich pünktlich ist klären Sie sie dann auf?

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