Dichterlesung

Früher, vor allem in den ersten Berliner Jahren bin ich sehr oft und völlig ahnungslos in meistens ziemlich schummerige Kneipenzimmer gegangen und irgendjemand stand irgendwann auf, wenn es meist schon sehr spät war und las Gedichte vor. Meistens eigene, manchmal wenn die Leute zu auffällig gähnten die von anderen und wollte es gar nicht werden, spielte jemand Gitarre. Ich verstand nur die Hälfte von allem und ich glaube das war schon mehr als genug. Geschlafen habe ich kaum in jenen Jahren und so viele Gedichte wie damals habe ich nie wieder gehört oder gelesen in den Jahren und Nächten, die dann kamen. Die Dichter waren glaube ich meistens gescheiterte Germanistikstudenten, die hier im Dämmerlicht noch einmal versuchten, wenigstens für eine Nacht, uns und sich zu überzeugen, dass das Leben aufregend sei, voller Verheißung und das die Liebe schon auf uns wartete, wenn nicht heute Nacht so doch morgen früh. Einmal sogar, war ich kurz davor einen der Dichter zu küssen. Schließlich waren es doch verklärte Nächte und der Dichter roch angenehm nach Moos und Karamell, selbst sein stutzerhafter Schnurrbart erschien mir eher liebenswürdig denn eitel und so neigte der Dichter seinen Kopf zu meinen Lippen. Aber dann wollte der Dichter seinem Namen alle Ehre machen und flüsterte: Atmete die Nacht so laut / dass ich schlief und doch nicht schlief ganz nah an meinen Lippen. Ich aber wurde gewahr, dass der Dichter Rotweinflecken auf den gelben Zähnen hatte und drehte den Kopf weg. „Entschuldige, sagte ich und drehte mich weg. Der Dichter aber sah mich fassungslos an und was er mir dann hinterherrief hatte nichts Poetisches an sich und war auch kein Rudolf Borchardt Zitat. Dann hörte ich auf zu Dichterlesungen zu gehen.

Vorgestern aber ging ich doch. Alles war anders und dies ist ja auch Dublin und nicht Berlin. Der Raum war hell erleuchtet, die Stühle unbequem vielleicht um daran zu erinnern, dass Gedichte es ernst meinen und auf keinen Fall Bequemlichkeit und Müßiggang erzeugen. Mit mir saßen etwa 25 ältliche Damen im Raum. Keine von ihnen war unter 60 Jahren und sie alle trugen fast identische, pastellfarbene Strickwesten. Bald stellte ich fest, sie alle waren Mitglieder des örtlichen Literaturzirkels und dem Dichter in Verehrung zugetan. Sie selbst gaben die Damen mir zu verstehen würden auch dichten, aber bevor sie mir Kostproben ihres Könnens zuteil werden lassen konnten, betrat der Dichter die Bühne. Auch er ähnelte in keiner Weise den Epheben der Berliner Tage, sondern ein wohlgesetzter, älterer Herr in scheußlich braunen Cordhosen und einem zerbeulten Cordjackett setzte sich und schenkte sich großzügig ein Glas Wein ein. Der Moderator des Abends und Vorsitzender des Literaturzirkels führte langatmig ein, bis der Dichter dann selbst zu einem langen Dialog über seine wunderbaren Jahre im Schülertheater ansetzte und natürlich beredtes Zeugnis von sich als Musterschüler ablegte. Die alten Damen seufzten andächtig, denn wer weiß vielleicht haben sie selbst einmal in einer Aufführung unter dem Pappbalkon gestanden und geseufzt: „Oh Romeo“ oder immerhin eine Nebenrolle als Amme erhalten. Mich indes befällt tiefes Misstrauen haben Menschen nie etwas Erhebenderes erlebt, als ihr Dasein als Musterschüler. Um nicht einzuschlafen, sage ich mir Schillers Glocke vor und als ich endlich bei Freude dieser Stadt bedeute/Friede sei ihr erst Geläute!, hatte auch der Dichter endlich Abitur und nach tränenreichem Abschied ein Studium in Galway aufgenommen. Der Moderator kündigt mit salbungsvoller Stimme nun die erste Lesung an und der Dichter bleckt die Zähne, blättert in einem Band, um dann mit schleppender Stimme ein Gedicht zu verlesen, dass von einem Loch im Dach handelt durch das der Regen tropft. Das zweite Gedicht beschrieb einen Fernsehabend, bei dem seine Frau und er den Blick nicht von der flimmernden Mattscheibe wenden können. Ich muss mir auf die Lippen beißen, um nicht zu kichern und die alten Damen schreiben mit. Das dritte Gedicht habe ich sofort vergessen, ich glaube es ging um Steuerzahler und ein Hündchen. Dann begann ein langer und länger werdender Monolog über das Dichterleben in Galway. In der Pause bin ich gegangen, denn der Dichter drohte weitere Lesungen aus dem Spätwerk an. Das letzte Gedicht, dass er schrieb, wurde er vor zwanzig Jahren veröffentlicht. Die Damen seufzten selig und ich entfloh. Im Zug zurück zu mir ins Dorf, dachte ich noch einmal an jenen anderen Dichter, den ich vor vielen Jahren, als Berlin nur ein Ort auf der Landkarte war, einmal liebte. Ob ich ihn liebte oder seine Gedichte weiß ich nicht mehr, nur das es ein Glück war aus Sinken und Gefahr, dass wusste ich doch, denn der Dichter war verheiratet und hatte vier schöne Töchter. Einmal habe ich ihn geküsst, obwohl ich glaube, dass es vielmehr ein gemeinsames Atmen war, damals im Land A. in dem dies schon reichte, um alles und nicht nur die Ehefrau zu verlieren. Einmal knöpfte er sein Hemd auf und legte meine Hand auf sein klopfendes Herz. Aber das Gedicht, dass zum Herzschlag gehörte, das gehört allein mir. Danach habe ich ihn nie wiedergesehen und als er anrief legte ich wieder auf. Manchmal erscheint ein Gedicht von ihm in den Zeitungen des Landes A. Sie gleichen den Gedichten des irischen Poeten fast auf das Haar, so langweilig, so blutarm, so ohne Herzschlag sind sie und was dem einen das Hündchen sind, ist dem anderen der imperialistische Feind. Aber im Zugfenster ist da noch einmal die Hand und die Zeilen im Takt des Herzschlags. Sag indes er deine Träume kühlte /Sag, Du wußtest, daß ich rief/ Sag, Du weißt noch, wie ich Dich fühlte! Aber seitdem habe ich nie wieder ein Gedicht geschrieben und alle Gedichte, die ich schrieb, gibt es nicht mehr.

Zurück im Dorf liegt der Tierarzt auf dem Sofa. „Grauenhaft“ sage ich und schüttle den Kopf. „Würdest Du mich küssen, fragt der Tierarzt und sieht mich an, schriebe ich Dir ein Gedicht?“ „Nein, sage ich, wohl eher nicht.“ Schlimm und lächerlich und auch ein wenig zu traurig, ist es ausgegangen mit mir, den Gedichten und den Dichtern dazu. Der Tierarzt nickt und erzählt mir von einem seltenen Fall von Klauenfäule und ich ignoriere mein schlagendes Herz so gut ich kann.

Rudolf Borchardt, „Im Erwachen“, Lieder aus den drei Tagen, 1901 / 1912.

5 Gedanken zu “Dichterlesung

  1. Ab und an überlege ich mir, mit welchem Dichter ich durchbrennen würde.
    Berthold Brecht soll etwas miefig gerochen haben. Vielleicht mit Hōlderlin, der mir dann schōne Worte schenkte? Oder mit Schiller, dessen roten Haare ich verwuschelte? Oder vielleicht doch Heine wegen der Lebenslust? Aber wenn sie gelbe Zähne gehabt hätten, wäre alles aus gewesen. Da bin ich ganz Ihrer Meinung, das geht nicht.

    • Ich glaube Brecht wäre zum Durchbrennen sehr geeignet, er konnte ich glaube sehr gut Auto fahren und der praktische Teil, glaube ich wird häufig unterschätzt….Mit Heine in Paris, ich glaube das wäre wunderbar. Ich hingegen wäre sehr gern einmal mit Paul Clan im Gebirge gewandert oder hätte mit Hugo von Hofmansthal Tee getrunken.

      • Paul Celan hatte ich vergessen. Ohja…..
        Und das mit dem Praktischen hatte ich nicht bedacht. Ein Dichter kann ja schnell zum Betreuungsfall werden.

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