C’est l’halloween…

“Est-ce que tu-as peur/ des méchants esprits?”, Matt Maxwell

364 Tage im Jahr schläft das kleine, irische Dorf in dem ich lebe. Nur die letzte Woche eines jeden Oktobers verwandelt das Dorf in einen gänzlich anderen Ort. Alles beginnt damit, dass die Frau des Krämers einen gewaltigen, spitzen Hut aufsetzt, einen Plastikschädel an die Eingangstür hängt und künstliche Spinnenweben über alle und alles verteilt. Glauben sie mir, haben sie einmal gegen künstliche Spinnenweben in ihrem Haar gekämpft, können sie mit einem Oktopus um den letzten Seetangkeks ringen. Der Elektriker des Nachbardorfes seit neuestem mit der Tochter des Hauses liiert- sehr zur Enttäuschung ihrer Mutter, die doch den Tierarzt für das liebe Kind ins Auge gefasst hatte- hat sich dieses Jahr ins Herz seiner zukünftigen Schwiegermutter gespielt. Das Glöckchen über der Tür nämlich, welches sonst beim Eintreten schellt, hat er durch schauerliches Konservengelächter ersetzt. Betritt man also nun den Laden grölt es zunächst durchdringend, bevor die Frau des Krämers mit ihrem gewaltigen Hut auf einen zutritt und während man noch versucht, den Lärm des muhahahaha zu übertönen, kleben einem schon wieder die Hände vor lauter Spinnenweben. Natürlich schilt die Frau des Krämers mich herzlich. „Fräulein Read On“ sagt sie, ihr Haus ist das einzige vor dem kein Kürbis steht und leuchtet. Sie haben gar nicht geschmückt und ihr Hexenhut rutscht vor Empörung weit in ihre Stirn: sie haben sicher noch gar kein Kostüm. Ich huste wie ein alter Hofhund und lächle so mild ich kann und beuge mich ganz langsam vor. „Aber Frau des Krämers hust-keuche ich in ihr Ohr, wissen sie denn nicht, dass nur bei den wahren und wirklichen Hexen, die des Nachts mit dem Nordwind reiten und ihre Füße im Schornstein wärmen, niemals ein Licht brennt?“ „Mit dem Nordwind reiten“, echot die Frau des Krämers und ich nicke mit sehr ernster Miene. „Der Ostwind, Frau des Krämers taugt nicht für Höllenritte.“ Für einen sehr langen Moment sieht die Frau des Krämers mich mit weit aufgerissenen Augen an. „Fräulein Read On“, schnauft sie „mir solchen einen Schrecken einzujagen.“ Ich weiß wirklich nicht, wie der Tierarzt das mit ihnen aushält. Ich lächle milde und krächze: bitte noch ein Brot und ein Kilo Kartoffeln.“ Unter infernalischem Plastikgelächter verlasse ich den Laden.

IMG_0638.JPG

Kürbisverkaufsmobil

Der Tierarzt indes steht vor dem Laden und begutachtet Kürbisse. „Auf gar keinen Fall“, sage ich. „Den kleinen“, dort sagt der Tierarzt. „Nein, sage ich.“ Da ist kein kleiner, das sind alles Trümmer von Kürbissen. Ich will keinen Kürbis. Der Tierarzt schüttelt den Kopf. Doch, der da links-mittig, ist kleiner und sieht nachgerade bemitleidenswert aus. Du hast doch sonst so ein Herz für Außenseiter.“ Ich knurre. Dann huste ich bösartig während der Tierarzt den Kürbis wie ein stolzer Vater seinen Nachwuchs vor der Brust trägt. Triumphierend lacht die Frau des Krämers aus dem Schaufenster, untermalt vom muahahaha des künstlichen Gerippes.„Ruinier mir nicht das Brotmesser“ sage ich noch immer knurrend und falle zurück aufs Sofa. Zwei Stunden später wache ich auf und backe einen schnellen Apfelkuchen. Zwanzig Minuten später nähert sich ein niedergeschlagener Tierarzt. Der Kürbis ist in an drei Seiten eingedrückt und aus der Mitte des Kürbis quillt gelbes Fleisch. Mein Brotmesser ist verbogen. Die Krähen in den Bäumen gackern höhnisch und wenig später liegen nur noch Kürbisschalen auf dem Hof. Wenigstens grinst nun kein debiler Kürbis vor dem Haus, denke ich mir und verkneife mir jedweden Spott. Der Tierarzt quält sich mit Apfelkuchen und ich würge am Ingwertee. Als ich ein Kind war, sagt der Tierarzt, hat meine Mutter zu Halloween jedes Jahr einen „Barmbrack“ gebacken. Das war ein Hefekuchen mit Rosinen und Gewürzen. Der Tierarzt lächelt. Das tut er nicht oft. „Meine Mutter sagte wer den Ring im Kuchen fand, der würde glücklich heiraten, weil derjenige, der die Erbse fand, auf ewig allein bliebe und derjenige, dem der Kuchen ein Stöckchen bescherte, dessen Ehe würde über kurz oder lang geschieden. Nur wer die Münze bekam, dem fiele das Glück selbst in den Schoß.“ Ich frage den Tierarzt lieber nicht, was er auf dem Teller fand und räume lieber ab. „Erzähl mir eine Geschichte, sagt der Tierarzt und schon springt die Katze auf seinen Schoß. Ich huste, nehme noch einen Schluck Ingwertee und erzähle dem Tierarzt von der Hexe, die mit ihren fünf Schwestern einmal in einem Dorf lebte, nicht unähnlich dem unsrigen, unauffällig waren die Frauen, nur im Oktober machten sie sich Hochsteckfrisuren und rieben sich mit Schlangenöl ein. Dann warteten sie bis der Nordwind über die Häuser pfiff und sie mit sich trug in ferne Länder oder gar zum großen Hexenball, wo die fünf Schwestern jeder einmal Walzer mit dem großen Hexenmeister tanzten, bevor der Nordwind sie wieder zurück nach Hause trug. Der Tierarzt lächelt noch immer und gemeinsam sehen wir den Wolken zu, die wild und weiß vor dem Fenster tanzen.

img_0633

Lokales Brauchtum.

Dann gehen wir noch einmal hinunter ans Meer. Der Nachbar zur Rechten, ein an 364 Tagen des Jahres ganz und gar untadeliger Mann, hängt gerade einen Plastikfuß an den Baum. Im Pub steht ein ausgestopftes Eichhörnchen und an fast allen Türen klappern Skelette. Nicht zu vergessen, die debil grinsenden Kürbisgesichter.

img_0639

C’est l’halloween….

Kalt wird es und auch ein bisschen neblig. Zurück daheim mache ich eine Quiche und einen großen Salat. Der Tierarzt und der Priester spielen Schach und wollen immerzu helfen. Ich will lieber den Ingwertee in den Ausguss schütten und ein großes Glas kalten Apfelsaft trinken. Der Tierarzt macht Brennesseltee und der Priester steht am Fenster: „Fräulein Read On“, sagt er „der Wind kommt aus Norden.“ Ich nicke und bevor ich die Vorhänge schließe, ist mir als flatterte ein schwarzer Rock und eine steife, samtene Kostümjacke an meinen Augen vorbei, höher, hinauf zu den Wolken und immer weiter gen Norden.

Ein großer, schwarzer Rabe

“Guten Morgen Katze“ will ich sagen, denn nur weil die Katze schnurrend auf dem Sofa schläft, ist dies ja noch kein Grund die guten Manieren zu vergessen. Aber als ich den Mund öffne, kann ich nicht sprechen, sondern nur krächzen. Eben da fällt mir der große schwarze Rabe auf ,der seine Klauen schmerzhaft in meine Schultern gräbt. „Hey, schwarzer Rabe“ sage ich, „was willst du denn von mir?“ Der schwarze Rabe aber schweigt, auch durch mein hartnäckiges Niesen lässt er sich nicht beeindrucken, sondern plustert seine Federn auf und hackt mir in das linke Ohrläppchen. Ich krächze und huste auf dem Weg zur Bahn und der Rabe freut sich sichtlich an meinem Übel. Im Zug sehe ich ihn sofort, denn unzweifelhaft ist er der Herr aller schwarzer Raben. Jeden Morgen sitzt er im Zug niest und schnieft, all dies jedoch ohne ein Taschentuch zu benutzen. Wo auch immer man sitzt, er ist nie zu überhören, schnaubt und schnieft er doch so laut und vernehmlich durch seine Nasenlöcher, dass man ihm nicht entkommen kann. In meiner Verzweiflung bot ich ihm einmal ein Taschentuch an. Natürlich lehnte er es voller Empörung ab. „Was ich mir denken würde?“, schnarrte er und schniefte nur noch lauter. Die schwarzen Raben tanzten vor Glück. Ich stolpere hustend und keuchend aus dem Zug.

Ich belle reibeisenheiser in Telefone und während der schwarze Rabe die Zeitung liest, belle ich wie ein zahnwehkranker Löwe umher und verschrecke die Teilnehmer einer Tagung, die eigentlich etwas über die Kreuzzüge lernen wollen und nur auf mich treffen, einen Ritter von armer Gestalt, der schnieft und niest als sei er sieben Wochen im Regen gewandert. Der schwarze Rabe indes lacht aus ganzem Herzen. Dann fange ich an zu frieren und zu zittern, auch das zusätzliche Paar Socken und eine hervorgekramte Decke mögen daran nicht das Geringste zu ändern. Zitternd und keuchend tippe ich lauter Dinge in den Computer, denn der schwarze Rabe, wirft schon Watte in meinen Kopf und langsam beginnt die Welt vor mir und hinter mir zu verschwimmen. Mit der D. und dem W. spreche ich durch eine dichte Wolke weißen Nebels. Ich glaube die beiden zucken nur mit den Achseln. Wer hat je verstanden, was Raben wirklich sagen wollen? Ich jedenfalls habe heute mit großer Sicherheit das große Rabendiplom bestanden.

Irgendwann steht der Tierarzt in der Tür. „Du gehörst ins Bett“, höre ich ihn sagen und dann schiebt er mich in sein Auto. Der Schwarze Rabe ist uns dicht auf den Fersen und ich liege mit einer Kleenex-Box auf der Rückbank. Da die Polizei aber im Moment streikt, mache ich einfach die Augen zu während der schwarze Rabe fröhlich aus dem Fenster sieht. Wie ich aus dem Auto auf das Sofa gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Der schwarze Rabe sieht mich mit seinen stechend-scharfen, schwarzen Augen an. Der Tierarzt reibt Ingwer. Ich will ihm sagen, dass ich Ingwer fast so sehr verabscheue wie Sellerie. Aber es klingt wie ein sehr langgezogenes, endlos dauerndes Krächzen und der Tierarzt schüttelt den Kopf. „Liegenbleiben, hörst du, sagt er und ich wanke zum Sofa zurück. Selbst die Katze schleicht mit trübem Blick um mich herum, aber vielleicht fürchtet sie sich auch nur vor dem großen, schwarzen Raben, der auf der Sofalehne hockt und sein großes, schwarzes Gefieder über mich legt, unter dem ich ganz verschwinde, nur das Krächzen und Husten bleibt übrig von mir.

Woran ich mich erinnern will

Als ich dich zum ersten Mal traf, mochte ich dich nicht. Oder wahrer noch, ich war fest entschlossen dich nicht zu mögen. Es gelang mir ganz hervorragend. Du verabschiedest dich, um zu einer Hochzeit zu fahren und ich fand mich wie selten in einer Abneigung bestätigt. Kurz bevor Du aus der Tür gingst, drehtest Du Dich noch einmal um: ich verdrehte die Augen und -oh ich kann das sehr gut- verdrehte sie langsam und genau, ich schickte sie deinem Rücken hinterher. Du aber lächeltest leise und fingst meine Augen ein. Von da an ging ich Dir aus dem Weg. In Indien warst du anderswo, aber kamst dann doch auch nach Delhi. Du wolltest den Slum sehen. Ich wollte dich nicht sehen. Schon gar nicht führe ich Leute durch den Slum, die einmal große Augen vor der Armut machen wollen. Ich fluchte. Frau Rajasthani strich mir über den Rücken: „Read On sei nicht so streng.“ Wie immer gab ich ihr nach. Ich verdrehte die Augen und sagte Dir zu. Ich war wie stets blutverschmiert und verschwitzt, meine Haare ein Knäuel und auf meinem Rücken schlief ein Kind. Deine Hände waren kühl.

Du brachtest 500 Zahnbürsten und Zahnpastatuben mit. Ich war sprachlos. Das bin ich nicht so gern. Wir saßen auf dem Dach und sahen hinunter auf die endlosen Hütten und Plastikplanen. Ich ratterte herunter was es hier alles nicht gibt. Du sahst mich an und fragtest : „ Wie machen Sie das hier?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Ich gelte als stur und ich breche alle Regeln, vor allem die des guten Geschmacks“, sagte ich. Du lachtest. „Das Gefühl kenne ich“, sagtest du und du sahst mich an:“ es ist doch erstaunlich was ein Mensch alles erreichen kann.“ So hatte ich das noch nie gesehen. Am meisten aber behielt ich dein Lachen im Ohr. Außer den Kindern lacht niemand im Slum. Natürlich wusste ich das, aber vor dir war es mir noch nie so überdeutlich aufgefallen. Am Abend kamst Du mit zu Familie Rajasthani, die seit so vielen Jahren schon meine Familie ist und die so wild und laut, so überschwenglich liebenswürdig und unverfroren neugierig auf dich losging, wie das in den besten Familien der Fall ist. Du schlugst Dich tapfer. Aber ich wollte nicht beeindruckt sein und dann war doch immer noch dein Lachen in meinem Hinterkopf. Ein zweites Mal haben wir uns nicht gesehen. Zurück in Irland ging ich dir aus dem Weg. Ich habe Übung im Ausweichen. Wie hätte ich mit deiner Hartnäckigkeit rechnen können? Ich tat es nicht. Selten hat mich der Satz: „Ich will mit Dir zusammenarbeiten“ so kalt erwischt, wie an jenem Nachmittag in deinem Büro. „Ich bin vier Wochen nicht da“, sagtest du, überleg es dir. Ich nickte. Nach vier Wochen sagte ich zu. Wie hat mir das denn so lange nicht auffallen können, frage ich mich seitdem, wie großartig du bist? Habe ich wirklich übersehen können, wie bestimmt du an das Gute glaubst, wie sehr Du funkelst, du mit deinen Plänen und Ideen, die immer handfest sind und niemals Luftschlösser? Dein Rückgrat macht mich manchmal atemlos. Ich habe noch nie in so angenehmer Gesellschaft, Regeln gedehnt und gebrochen wie mit dir. Ich habe von Dir gelernt wie man offen und doch sehr verschwiegen sein kann. Wie liebenswürdig du bist, wie sorgfältig und wie klar, macht mich jeden Tag aufs Neue staunen. Du hast diese Sätze in dir. „Ich bin im Belfast der 70er Jahre aufgewachsen.“ Dann ist es still. Ich werde es nie vergessen. Wir standen mit anderen zusammen unter gräulichem Himmel irgendwo zwischen Belfast und Bangor und Du machtest einen sehr guten Witz der niemanden verschonte, Protestanten nicht und Katholiken nicht. Wir waren die einzigen, die lachten. Inmitten der betretenen Gesichter der anderen standen wir und lachten. Wir lachten mitten in diesem bleiernen Nordirland, in dem niemand über diese Dinge lacht und ich wunderte mich, ob dies nicht das indische Echo war. Später hattest Du nasse Füße. Ich bot dir ein Paar Schuhe an und du nahmst an. Später längst wieder auf eigenen Füßen, nahmst du mich zu Seite. „Ich mache mir immer Sorgen“, hörte ich mich sagen und vergrub die Hände in den Taschen. „Kalte Füße so fängt es ja meistens an.“ Du sahst mich an. „Einverstanden“ sagtest du und weiter: „Ich will mir auch Sorgen um dich machen dürfen.“ Ich nickte. Vielleicht war das der Moment in dem ich mich in dich verliebte. Dass Du meine Sorgen nicht abschütteln wolltest, dafür danke ich dir. Du bist von scharfsinniger Klugheit und bestechender Ernsthaftigkeit. Noch niemanden habe ich so deutlich wie dich so kritisch über Irland reden hören. Selten ist jemand so konstruktiv gewesen und ich wünschte es gäbe mehr Menschen wie Dich deren Wörter echte Zähne haben. Schön bist du und zauberhaft. Du bist sehr witzig und ich glaube du weißt es nicht. Aber du bist es trotzdem. Überhaupt bist du die erste, ernstzunehmende Konkurrenz in Sachen, Augen verdrehen. Du kannst das auch, sehr, sehr langsam und sehr genau und ich finde es sehr fantastisch, dass wir beide absolut parallel die Augen verdrehen können und niemand bemerkt es. Ich weiß nicht wie lange wir gemeinsam die Augen verdrehen, ob wir uns nicht eines Tages furchtbar verkrachen oder uns einfach aus den Augen verlieren. Aber festhalten will ich, wie viel ich Dir verdanke und was für eine große und überwältigend großartige Frau Du bist. Irgendwann auch noch einmal anders mit Blumen und mit richtigem Tee und nicht diesem gefärbten Wasser, vielleicht sogar auf dem indischen Dach und ganz bestimmt mit deinem Lachen. Es ist das Lachen Josephs dieses Träumers und Realisten, dem du so ähnlich bist. Immer sagen die Menschen, sie würden nicht vergessen, und schon während sie es sagen haben sie die Hälfte vergessen, aber ich will es nicht vergessen, ich will es schwarz auf weiß haben, ich will mich erinnern, was für ein Glück es ist, Dich zu kennen.

Sie sagt,Er sagt.

    Das “Sie-Sagt-Er-Sagt”
   Das “Wie-Was-Wer-Hat”
   Was sie und was er
   Und wer was nie macht” , Max Herre, “Er Sagt-Sie Sagt”

“Ein aufgeblasener Fasan“, sagt die D. sei er und schleudert ihr Stethoskop auf den Tisch. „Eitel und arrogant, eine menschliche Schnake, fürwahr ein Mensch aber mit dem Gefühlshaushalt einer Amöbe“, fährt die D. fort und hackt mit der Gabel in den Apfelkuchen, als sei er das Schlachtfeld der Bauernkriege. „Sind Amöben nicht weit komplexer als angenommen?“, frage ich zurück und versuche mich an den Aufbau des Pantoffeltierchens ( ist das noch eine Amöbe? ) zu erinnern. Leider fällt mir nichts ein. Das einzige was ich aus dem Biologieunterricht vergangener Tage noch erinnere, ist wie der Biologieprofessor durch die Bankreihen schlich, einem Mädchen an die Schulter fasste und schrie: „Rachida, geh fort ich will Dich beissen“, aber er war nicht als Vampir wiedergeboren, sondern wollte uns die Tollwut praktisch und plastisch erklären. Rachida daran kann kein Zweifel bestehen hatte zudem die apartesten Schultern. Von all dem aber will die vor Wut schäumende, wenn auch nicht vom Fuchs gebissene D. nichts wissen und so faucht sie in meine Richtung gewandt: „ Read On verschone mich mit deinen Spitzfindigkeiten.“ Da sie die Gabel auf mich gerichtet hält, halte ich mich zurück, denn die D. tendiert dazu Drohungen wahr zu machen. „Überhaupt“ schreit die D. „sie habe es schon im Grundstudium gewusst, Chirurgen seien die allerletzten, beziehungsgestört, potentielle Alkoholiker, eitle Maniker und überhaupt einer Nacktschnecke verwandter als noch dem primitivsten Primaten.“ „Ein aufgeblasener Gockel“, sei dieser Mann „und überhaupt ihre Großmutter hätte einen Blinddarm operieren können und eine schönere Näht gelegt als dieser Pantoffelheld.“ Ich muss kichern, denn Pantoffelheld klingt zu schön, vor allem aus dem Mund der fauchenden D. Die bemerkt zum Glück mein verstohlenes Kichern nicht und nickt als ich ihr die Sahne über den Tisch reiche. „Was ist denn passiert?“ frage ich die D. und die D. klopft mit dem Silberlöffel auf den Tisch. „Dieser Wiedehopf“, schnarrt die D. hat sich erdreistet mich vor allen dem Chefarzt, aber noch schlimmer den Schwesternschülerinnen und allen, wirklich allen die auf dem Stationsflur anwesend waren, zu küssen.“ Noch immer hämmert die D. mit dem Silberlöffel, keineswegs rhythmisch unbegabt auf den Tisch. „Küsst er gut?“, frage ich weiter, denn das scheint mir die naheliegendste Frage zu sein?“ Ja. Nein. Auf gar keinen Fall“, sagt die D. und versetzt dem Tisch einen letzten Hieb. „Read On“ faucht sie, nur Du kommst mit solchen dialektischen Spielereien an und dabei ist das nicht der Punkt. „Dieses Kamel, diese hohle Haselnuss küsst mich auf dem Flur vor allen und untergräbt meine Autorität.“ Dies scheint mir eine etwas forsche Annahme, denn die D. hat schon mit vier Jahren den Kindergarten mit eiserner Hand geleitet, aber als Freundin schenke ich Kaffee nach und nicke milde. „Schon als dieser Maulwurf meine Station zum ersten Mal betrat, wusste ich dies würde nur Ärger geben. Ein Sturkopf, ein Esel und dann dieses ewige Lächeln“, der Mund der D. ist unterdessen nur noch ein schmaler Strich, „sein ewiges Regel brechen und dann dieses alberne Motorrad. Wer bitte der noch etwas Verstand im Kopf hat, fährt denn Motorrad?“ Oh, denke ich und erinnere mich mit Wehmut der kleinen, roten Vespa mit der ich jahrelang und sehr, sehr gerne fuhr. Die D. schüttelt ihre schönen kastanienbraunen Locken und flucht: „eine eitle Giraffe, ein elender Grünfink, sei dieser Mann und fügt anklagend hinzu, dass dies alles meine Schuld sei, denn es sei mein Geburtstag gewesen, auf dem meine Erdbeerbowle, sie dazu verleitet habe, diesem Casanova das Du anzutragen.“ Ich verzichte darauf, die D. darauf hinzuweisen, dass die C. die Erdbeerbowle mitgebracht hatte, sondern lege der D. zwei Dattelmakronen auf den Teller und zähle bis zehn. „Sag, bist Du verliebt D?“. höre ich mich sagen und für eine lange Minute sieht die D. mich an. Dann springt sie auf, stößt den Stuhl zur Seite und zischt: „Ich hatte dich wirklich für eine Freundin gehalten.“ Dann schlägt die Tür und die D. ist fort.

Ich räume den Tisch ab, wasche meine Haare, richte den Bücherstapel der nach Irland zurück soll, harke Laub im Garten und lasse den Igeln einen besonders großen Haufen für den Winterschlaf, ich wasche den Wollpullover, lege ich mich für eine halbe Stunde schlafen, schnuppere an den Rosen, die die C. mir brachte und arbeite ein wenig hier und ein wenig dort.

Dann schellt es an der Tür. Vor mir steht groß und schön der T. „Eine Hyäne, sei diese Frau“, sagt der T. und schleudert sein Stethoskop auf den Tisch. Kalt wie ein Gletscher, kälter noch als die Eiger Nordwand und die Steppe Sibiriens sei diese Frau. „Apfelkuchen?“ frage ich und der T. nickt. Die Eisprinzessin selbst sei noch eine warmherzige Frau gegen diese Kobra. „Sind Schlangen nicht wechselwarm, frage ich den T?“ Denn als ich ein Kind war im Land K., da kamen abends die Schlangen, die tagsüber verborgen lagen und wärmten sich auf dem noch warmen Teer. „Ach Read On“, sagt der T. Du immer“. Ich schiebe die Sahneschüssel zu ihm hin. Der T. nimmt sie gern. Schon als Assistenzarzt habe er sich geschworen, niemals nie bliebe er auf der Inneren: Internisten seien ein einziger Graus. Entscheidungsunwillig, ewig noch über einem Schnupfen als Diagnose brütend, könnte ja auch Malaria sein, penibel, besserwisserisch, mimosenhaft ohne Ende und vom Charme eines einäugigen Tintenfisches. Eine Megäre und den Erinnyen nicht unverwandt, sei diese Person, schimpft der T. weiter und rührt mit dem Löffel in der Sahneschüssel als gelte es die Tiefsee zu erreichen. Selbst seine Tante könnte einen Magen-Darm-Virus einfacher mit Salzstangen kurieren, als die Pinguine von Internisten an erster Stelle, die D. mit ihren hochgezogenen Augenbrauen und einem Herzen aus Stahl. Der T. schüttelt sich wie ein nasser Hund und ich lege ihm ein zweites Stück Kuchen auf den Teller. „Was ist denn passiert?, frage ich so unschuldig wie ich nur kann“ Der T. seufzt. Ich habe die D. geküsst. „Weißt Du“, sagt der T. „ich wollte einmal alles richtig machen und bloß nichts Heimliches anfangen.“ Die D. sei auch niemand denn man im Vorratsraum küsse oder hinter ein Auto ziehe. „Ich nicke. Jedenfalls, sagt der T. wollte er gleich Nägel mit Köpfen machen und habe die D. kurz vor der Visite, wo also wirklich jeder zugegen sei geküsst. Klare Verhältnisse und so. Der T. streicht sich über die Wange. „Diese Frau hat einen harten rechten Haken.“ Ich schlucke mein ‚ich weiß’ lieber herunter und biete auch dem T. Dattelmakronen an. Der T. schüttelt den Kopf, aber nicht über das Gebäck und schnauft: „ eine Krähe ist diese Frau, ein windiger Aal und überhaupt stur wie ein Lama und vom Gemüt einer Bergziege. Überhaupt sagt der T. sei das alles meine Schuld, hätte ich damals doch auf meinem Geburtstag ihn neben die D. gesetzt, wo ich doch wisse, dass er keine Erdbeerbowle vertrage. Ich zähle wieder einmal bis zehn bevor ich den schnaubenden T. frage: „Sag T. bist Du verliebt.“ Der T. sieht mich zornig, sehr zornig an und schnarrt? Verliebt? In diese Person?, stößt seinen Stuhl um, schnappt sich die Jacke, dann schlägt die Tür und der T. ist fort. Etwas sinnend sitze ich am Tisch, dann räume ich ab und und auf.

Am Abend kommt der liebenswürdige S. und über die Liebe reden wir nur beiläufig, fast im Vorübergehen als ginge die Liebe uns nichts an, mögen auch andere toben und schreien, denn die Liebe lacht die einen an, geht an den anderen vorbei und das ändern zu wollen ist müßig und vielleicht ist das so und nicht einmal weiter schlimm.

Shostakovich im Seminar

Lisaweta Issajewa, so jedenfalls hieß sie, als ich sie kennen lernte, wenn andere Menschen sie auch anders nannten, lebte im Oberstock des Hauses, in dem auch Alexej Tuchinski mit seiner Mutter lebte. Dort in Jerusalem lebte auch ich, für eine Weile jedenfalls. Im Erdgeschoss wohnte der Anarchist und Geigenbauer, den alle, nicht nur die Bewohner des Hauses, sondern alle die ihn kannten nur Onkel Buma riefen. Lisaweta Issajewa ging so weit ihn Bumale zu nennen. Gemocht hat er diesen Namen nie, aber wie er eigentlich hieß, hat er uns nie verraten. Im zwanzigsten Jahrhundert sind ja ganz andere Dinge abhanden gekommen, als bloß ein Name. Mich riefen damals schon alle das Fräulein Read On, wohl weil meine Nase immer in einem Buch steckte und wohl auch weil sich in meiner Wohnung überall die Bücher stapelten. Selbst auf dem Klavier lagen Bücher. Das brachte mir von Lisaweta Issajewa einen scharfen Verweis ein. Tss, tsss, zischte sie keckernd und schüttelte den Kopf. Damals besuchte mich die alte Dame jeden Nachmittag. Denn in der Wohnung in der sich außer Bücherstapeln, einem etwas staubigen Gummibaum und dem Klavier nicht viel von Bedeutung befand, unternahm ich den letzten und erfolglosen Versuch doch Pianistin zu werden. Gewusst habe ich es von Anfang an, dass dies nichts mehr werden würde und auch wenn ich mir die Apparaturen, in die Robert Schumann seinen kleinen Finger spannte, sehr genau besehen hatte, wusste ich es würde nichts helfen, gegen die einmal zu heftig zerbrochene linke Hand, die das Versäumte nie wieder aufholen konnte. Noch einmal aber betrog ich mich selbst, besseren Wissens und spielte, ach quälte mich durch die Klavierliteratur. Das ganze Haus kam zusammen und hörte mir zu. Alexej Tuchinski brachte seinen Korbstuhl mit und schloss die Augen bei Chopin. Seine Mutter hörte die Musik durch die geöffneten Balkontüren, Onkel Buma stand im Türrahmen, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Die beiden ältlichen Fräuleins aus Litauen saßen mit durchgestrecktem Rücken auf zwei Hockern und sahen mit scharfen Augen auf meine Hände. In der Mitte des Raumes aber saß, nein, thronte Lisaweta Issajewa, die geschwollenen Füße hielt sie einen Zuber mit kalten Wasser getaucht. Sie fand das tat ihren Füßen wohl. Lisaweta Issajewa hatte ein dünnes Bein, nicht dicker als ein Kinderarm, weiß wie Schnee und doch übersät mit dunklen Löchern, wie sie auch meine Großmutter auf den Beinen trug. Hungerlöcher, die sich als schwarze Stellen tief in Haut und Knochen eingegraben hatten. Meine Hände kannten als ich ein Kind war keine Gnade und immer wieder fuhr ich an den Beinen meiner Großmutter entlang. Sie hielt still. Das dünne Bein von Lisaweta Issajewa aber habe ich niemals anders berührt als mit einem Handtuch, denn wenn die Klavierstunde beendet war, trocknete ich ihr die Beine, half ihr in die Pantoffeln und Onkel Buma geleitete sie zurück in ihre Wohnung. Ihr anderes Bein indes war auf seine dreifache Größe angeschwollen, von blauen und schwarzen Äderchen überzogen, und wassergefüllte Ödeme zogen sich von den Knöcheln bis zu den Oberschenkeln hinauf. Lisaweta Issajewa seufzte dann und wann und als ich sie zum ersten Mal traf, zeigte sie auf ihre Beine. „Ein Bein holten sich die Deutschen, das andere die Russen, Fräulein Read On.“ Wer wie Lisaweta Issajewa in Charkow zu Beginn des 20. Jahrhunderts geboren wurde, der musste zu sehen, mit dem Leben davonzukommen. Sie entkam, nur ihre Beine konnten nicht mithalten mit dem Schrecken, dem einen nicht und dem anderen erst Recht nicht.

Ich indes holperte noch einmal als käme es noch immer darauf an durch Beethoven’s Klaviersonaten, verfluchte die lahme Linke über Schubert’s teuflisch vertrackte Impromptus und humpelte durch Bachs Klavierschule, die man gemeinhin das Wohltemperierte Klavier nennt und verzweifelte schier am Klavierauszug des 2. Klavierkonzerts von Camille Saint-Saëns. Die Zuhörer aber hielten aus . Stumm und oft mit geschlossenen Augen saßen oder standen sie um das Klavier herum gruppiert. Unbeeindruckt von meinem Gestümper, fielen sie mitten hinein in die Musik. Eines Tages aber der Sommer war schon weit fortgeschritten, schlug ich ein neues Notenblatt auf. Shostakovich, denn schon mein Großvater, der bevor alles anders wurde, Pianist gewesen war, schloss die Augen über dem Klavier, als könne man die Schönheit und den Grandeur des russischen Komponisten nur mit Demut überhaupt ertragen. Ich biss die Zähne zusammen und wollte die vermaledeite Linke so gern überzeugen mich doch nicht im Stich zu lassen, aber sie tat es doch. Aber als ich mehr bemüht als gekonnt die Noten anschlug, die wie mein Großvater sagte bei Shostakovich stets zunächst einmal in die Tiefe führen. Damit meinte er nicht die Tonleiter, sondern sofort hinein in das Unmittelbare der Musik selbst. Niemals ob man Shostakovich nun hört oder spielt kann man sich ausruhen in seinen Noten. Damals aber im stillen Zimmer, wandte sich Onkel Buma ab, noch bevor ich mit dem ersten Satz zu Ende war. „Verräter“ zischte er und verließ türenschlagend die Wohnung. Wenig später folgte ihm Alexej Tuchinski, der doch für seine ruhige und besonnene Art bekannt war und der jedes noch so schwierige Argument in fünfzehn Sprachen zu elaborieren wusste. An jenem Nachmittag aber als die schleppende linke Hand und ich durch die Noten wanderten und Shostakovich vom Keller über das Parterre bis hinauf zu den Tauben im Dachgeschoss stieg, da stritten sich Onkel Buma und Alexej, dass man es noch im Laden am Ecke hören konnte. Stritten sich über Shostakovich der für Stalin komponierte. „Diese verdammte Fünfte!“, schrie Onkel Buma. Alexej Tuchinski schrie zurück. “Ob er ,Buma, nicht fände, dass die drei Schwestern des Komponisten, die im Gulag zu Grunde gingen, noch immer nicht genug seien?” Sie stritten dann weiter und lange über die Frage, ob die russischen Juden, die Schiller liebten oder die deutschen Juden, die Goethe liebten dümmer gewesen sein, zankten sich über die Frage der sozialistischen Internationale, und immer schlossen sich dem großen Streitgespräch an, selbst die so sonst so stummen Schwestern aus Litauen und alle möglichen und unmöglichen Nachbarn bekämpften das eine Argument so vehement wie die anderen es verteidigten. Noch einmal zog das blutige Grauen des 20. Jahrhunderts unten in der Straße vorbei. Noch einmal, tat man so als seinen die apokalyptischen Reiter dadurch abzuwenden gewesen, hätte Tschechow nur mehr die Sache der kleinen Leute zu seiner gemacht und Shostakovich die fünfte Symphonie niemals geschrieben. Oben im Zimmer spielte noch immer ich und neben mir saß Lisaweta Issajewa und weinte.

Anderntags Onkel Buma und Alexej Tuchinski schwiegen sich hartnäckig an, räumte ich die Noten zusammen, zerriss den Zettel zur Anmeldung für die Aufnahmeprüfung, entsorgte den Gummibaum und ließ die lahme Linke endlich in Ruh’. Bald schon zog ich fort und nur aus der Ferne höre ich manchmal etwas von Alexej Tuchinski, der noch immer dort wohnt, wo einmal spielte. Seltener noch spiele ich Klavier und in den letzten Jahren habe ich weniger und weniger Musik gehört und fast niemals Shostakovich. So viele Jahre später aber stehe ich in Dublin in einem engen Seminarraum und vor mir sitzen Studenten, denen ich nichts von Lisaweta Issajewa oder Onkel Buma oder gar Alexej Tuchinski erzähle, wenn auch der Terror im Russland der 1930er Jahre auf dem Lehrplan steht und ich mich doch sonst aus guten Gründen von 20. Jahrhundert fernzuhalten suche. So aber schreibe ich den Namen Dimitri Shostakovich an die Tafel und die Studenten schreiben den Namen, der ihnen nichts sagt ab. Shostakovich sage ich, schrieb die schönsten Klavierkonzerte, das weiß ich weil ich einmal Pianistin werden wollte und es nicht dafür reichte. Das gefällt den Studenten, sie mögen Niederlagen, besonders meine. Dann erzähle ich ihnen von der 5. Symphonie, die der Komponist mit der Kinderbrille und dem jungenhaften Blick, zwischen April und Juli 1937 schrieb und nicht wusste ob er am Ende für die Musik nicht mit dem Leben bezahlt. Zweimal spiele ich die letzten drei Minuten des 4. Satzes , dieses ungeheure Ende dieser unerhörten Symphonie. Für einen langen und kurzen Moment laufen also Lisaweta Issejawa, Onkel Buma, Alexej Tuchinski und all die anderen, die Lebenden und die Toten durch das Seminar und legen ihre Hände auf die Schultern der Studenten, die aufschreiben sollen, was sie dort hören und die in der kommenden Stunde, wie damals auf der Straße und im Haus versuchen das 20. Jahrhundert in Wort zu fassen und mit der lahmen Linken fasse ich zusammen was sie sagen und spiele ganz zum Schluss noch einmal die letzten Minuten und sehe, dass die Studenten verstehen, was es heißt spielt, komponiert und schreibt man um Leben und Tod.

So ein Sonntag

Früh, aber später als sonst ziehe ich zwei Paar Socken an, steige in die schweren Schuhe, und nehme die schwarze Barbourjacke vom Haken. Das Spiegelbild ist noch unentschieden: Wilddieb oder die kleine Schwester von Lord Fauntleroy? Jedenfalls fiele es nicht weiter auf hingen auch noch zwei Fasane über meinen Schultern. Nach links wende ich mich, denn gleich hinter meinem Haus endet das Dorf und der Trampelpfad führt über Wiesen und ein Waldstück hinweg in den Schlosspark hinein, in dem ich so gerne unter den alten Bäumen spazieren gehe. Der alte Graf jedoch ist vor Jahrzehnten schon nach Australien emigriert. Ich selbst habe ihn nie getroffen, aber die Frau des Krämers, die als junges Mädchen bei ihm auf dem Schloss Arbeit hatte, schwärmt von ihm und in ihrem Geschäft hängt ein Portrait des Schlossherrn, wie andernorts einmal der alte Kaiser Franz Joseph auf seine Untertanen zu blicken pflegte. Man sagte sogar, dass in jedem Bordell zwischen Triest und Brno der Kaiser über die Kokotten wie über ihre Kunden herabzusehen pflegte. Aber schon wieder schweife ich ab und habe darüber schon die Schafherde mit einem kurzen Nicken passiert, die sich nach mir schon längst nicht mehr umdrehen und laufe weiter gegen den wogenden Wind, der noch einmal die Blätter, die sich noch tapfer halten von den Bäumen fegt und darüber wohl lauthals lacht. Im Park frühstücken die Hasen einträchtig mit den Krähen und ich bewundere wie elegant und präzise die Krähen mit ihren Schnäbeln die Walnüsse knacken. Ich laufe vorbei an den gelben Wipfeln und wirble mit den Füßen die roten Blätter auf. Ich bewundere wie immer die glatte Rinde des Eukalyptusbaumes und laufe vorbei am alten und schon längt überwucherten Friedhof hinauf durch dunkelverschattete Waldwege zu meinem Lieblingsbaum unter dem ich schon so viele Stunden lesend verbrachte und so bilde ich mir jedenfalls ein, nickt mir der Baum auffordernd zu. Noch immer sind seine Blätter dicht genug, um mich vor dem Regenschauer zu bewahren, der just in dem ich unter seinem Blätterdach stehe, herunterkommt. Zehn Minuten später aber kommt die Sonne durch und zwei Stunden später bin ich zurück im Dorf, laufe ins Unterland zur Frau des Krämers, die mir zwei ofenwarme Scones einpackt und mich fragt wie es ausschaut oben beim Schloss. Wie immer, wenn ich aus dem Schlosspark zurückkehre, nickt sie und bekräftigt nun doch endlich einmal selbst hinaufzugehen, aber wir wissen beide, dass sie seitdem der Graf dort nicht mehr lebt, nie wieder hinaufging zum Schloss.

Der Priester mein sonntäglicher Gast, hat sich seufzend entschuldigt, seine Mutter sagt er und ich nicke. „Mütter soll man ehren“, sage ich und so seufzt der Priester noch einmal und fährt davon. Der Tierarzt hat sich erst für den Nachmittag angesagt und so kann ich mich auf das alte, grüne Sofa legen. Natürlich schläft die Katze auf der Zeitung und ich bin überhaupt zu müde zum Lesen. Kalt ist mir,die ganze lange Woche schon und so liege ich mumiengleich in zwei bunte Plaids gewickelt und fröstele dennoch weiter. Mir fällt auf einmal Hofrat Behrens ein mit seinen „blauen Backen“, dem unbestrittenen Herrscher dort oben auf dem Zauberberg, aber ich bin zu müde um aufzustehen und nachzusehen, ob sich auch meine Wangen schon bläulich verfärben. Dann schlafe ich ein. Ich träume Wirres: Settembrini und Hans Castorp tanzen eine wilde Polka, Naphta trinkt mit dem Priester einen schweren Wein und ich selbst ärgere mich auf das Fürchterlichste über die jungen Damen, die mit ihrem Pneumothorax so vortrefflich zu pfeifen wissen. Überlebensgroß hängt ein Porträt des alten Kaisers über uns allen Schließlich höre ich Türen klirren und als ich noch überlege, ob nicht vielleicht Clawdia Chauchat selbst ins Zimmer tritt. Dann aber wache ich auf und höre den Tierarzt rufen. Ihm läuft das Wasser aus Haaren und Schuhen, denn unterdessen hat es angefangen zu regnen. „Komm“, sage ich und ziehe den nassen Tierarzt ins Haus hinein. Selbst die Katze, die den Tierarzt doch so liebt, sieht ihn und die Pfütze, die sich um ihn bildet äußerst missbilligend an. „Komm“ sage ich noch einmal und lasse dem Tierarzt ein heißes Bad ein. Angetan mit meinem alten Frotteebademantel und zu kleinen indischen Hosen kommt der Tierarzt schließlich hinunter. Sehr vorsichtig beschnuppert ihn die Katze, prüfend ob er auch wirklich wieder ganz trocken ist, bevor sie auf seinen Schoß hüpft um sofort weiterzuschlafen. Ich bringe dem Tierarzt Apfelkuchen und heißen Tee, bevor auch ich wieder unter die Wolldecken krieche. „Ich bin so müde“, höre ich mich noch sagen und schon schlafe ich wieder ein.

Der vergiftete Apfel

img_4453Schwesterchen liest keine Zeitung und überhaupt vermeidet Schwesterchen Nachrichten, wann immer es sich vermeiden lässt. Für Nachrichten gibt es ja mich, die ich zu den Morgennachrichten, Zähne putze und zu den Spätnachrichten, Handstand übe. Noch dazu halte ich an der schon so altmodisch gewordenen Idee fest, eine Tageszeitung zu abonnieren und auch zu lesen. Dafür wusste Schwesterchen schon als es noch keiner ahnte, dass es ‚aus’ sei zwischen Angelina und Brad und riet mir dringend endlich etwas mit meinen Haaren zu machen. Meine Frage, ob sie wohl annähme, dass Brad Pitt sich mit seinem gebrochenen Herzen wohl bei uns in der irischen Provinz vergrübe, nahm Schwesterchen nur mäßig belustigt auf und schnarrte, dass meine Schlauheiten bis jetzt noch nicht zu einem Mann geführt hätten, der mir am Frühstückstisch beispielsweise die Zeitung anreiche. So erfuhr auch Schwesterchen, die bekanntlich in London lebt, auch von mir und nicht aus der Times vom Brexit. Schwesterchen schnaufte am Telefon und befand, dass die Engländer noch nie durch besondere Herzlichkeit oder Offenheit aufgefallen seien. Sie muss es schließlich wissen, denn die Frau, die heute ihre Schwiegermutter ist, gab ihr als Schwesterchen und ihr Sohn ausgingen, nicht einmal die Hand zur Begrüßung. Heute verehrt niemand Schwesterchen so, wie ihre Schwiegermutter, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Damals also schnaufte Schwesterchen noch einmal und erzählte mir von einem karamellfarbenen Paar Stiefel, die ich unbedingt probieren solle. Ich nickte g*ttergeben. Dann sprachen wir über andere Dinge. Den Brexit erwähnte ich nur dann und wann denn Schwesterchen vermeidet Nachrichten, wann immer sie kann. Schwesterchen vermeidet Nachrichten, aber das heißt noch lange nicht, dass sie der Realität keine Beachtung schenkt. Jeden Morgen nämlich nachdem Schwesterchen ihre vier Kinder mit Küssen, Brotdosen und einer Umarmung in Schule und Kindergarten verabschiedet hat, fährt meine Schwester bepackt mit einem Rucksack und zwei gewaltigen Jutebeuteln mit der U-Bahn in eine Schule, die in einem sogenannten Problembezirk liegt. Zusammen mit zwei Freundinnen, bereitet sie dort allen Kindern, vor allem aber jenen die ohne Brotdose in die Schule kommen ein richtiges Frühstück. Die meisten Kinder, die ohne Brotdose kommen sind nicht aus Pakistan, Nigeria, Rumänien oder Polen, es sind besonders oft Kinder von Eltern, die oft besonders stolz darauf sind, Englisch zu sein, vielleicht weil sonst nicht viel Stolz übrig bleibt. Es sind Kinder aus Familien, in denen oft nicht zwischen wichtig ( Essen auf dem Tisch ) und einem neuen Tattoo ( nicht so wichtig ) unterschieden wird. Es sind Familien in denen der Fernseher oft der einzige Gesprächspartner ist, der nicht schreit. Es sind Familien ohne Väter und mit oft überforderten Müttern. Es sind Kinder, die Fäuste früher kennen gelernt haben, als offene Arme und die sich oft erstaunlich gut wegducken können. Es sind Kinder, die gemeinsame Mahlzeiten als etwas ganz und gar Außergewöhnliches wahrnehmen. Es sind Kinder, die morgens oft die einzigen sind die aufstehen, weil den anderen irgendwann der Tag entglitt.

Während die Kinder also schreiben oder rechnen, schnitzt Schwesterchen, Apfelkronen, bastelt Bananenboote, richtet Mandarinenspalten als Schmetterlinge an, belegt Brote mit lustigen Gesichtern und füllt Müsli und Chocopops in Schüsseln. Schwesterchen weiß welche Kinder ihre Äpfel am Liebsten in Erdnußbutter tauchen und welche Kinder keine Milch mögen, sie weiß ganz genau, wer das Brot wie kross getoastet haben mag und wer ein Gurkenmännchen dem Bananenboot vorzieht. Schwesterchen kennt alle Kinder beim Namen und weiß wer prima Fußball spielt, wer toll Rechnen kann und wer die schönsten Bilder der Sonne malt. Schwesterchen lebt seit fast zwanzig Jahren in London und seit 18 Jahren bereitet sie jeden Morgen das Frühstück für die Kinder. Jedes Jahr zu Weihnachten bekommt Schwesterchen, Stapel von Karten ehemaliger Frühstückskinder, die längst erwachsen sind, aber die noch nicht vergessen haben, wie das ist, wenn man willkommen ist, so wie man ist. Es geht natürlich eigentlich nicht um Toastbrot und Müsli, auch nicht um Mandarinenschmetterlinge oder Apfelkronen, sondern Teil der Frühstücksrunde ist, dass Schwesterchen, wie auch die beiden Freundinnen jedem Kind eine oder auch mehrere, so viele Umarmungen wie ein Kind eben braucht, anbietet. Die Umarmungen meiner Schwester sind nämlich ganz besonders. Schwesterchen zieht jeden, vor allem aber diejenige, die es ganz besonders brauchen fest in ihre Arme. Die Kinder, die als frech und aufmüpfig gelten, die Kinder, die den Unterricht stören, die Kinder, die überall blaue Flecken haben, die Kinder, die selten sprechen und die Kinder, die man überall hört, vor allem aber auch die Kinder vor denen sich alle grausen, weil niemand ihnen die Haare wäscht oder mit ihnen die Fingernägel schrubbt, meine Schwester aber hält sie nur noch fester. Schwesterchen sagt ihnen allen, während sie in ihren Armen liegen, genau das was sie auch ihren Kindern und mir, wann immer sie uns umarmt sagt: „Du bist schön, du bist klug, du bist wunderbar, genau so wie du bist.“ Schwesterchens Umarmungen dauern immer genau so lange, wie jeder einzelne braucht, um diese Sätze zu verstehen. Die Umarmungen meiner Schwester sind die dickste Mauer gegen die Kränkungen der Welt, die man sich nur vorstellen kann. Schwesterchens Umarmungen sind Wellenbrecher und wo andere Umarmungen erdrücken, ist in den Armen meiner Schwester immer Platz zum Wachsen. Für manche Kinder müssen die Umarmungen für einen ganzen langen Tag reichen und viele Kinder laufen aus dem Frühstückszimmer noch einmal zurück in ihre Arme.

Selbst als Schwesterchens Kinder noch ganz klein waren, gab sie den Frühstückstisch nicht auf. Das jeweilige Kind band sie sich um die Hüfte und belud den Kinderwagen eben mit Lebensmitteln. Seit fast 19 Jahren also ist meine Schwester Frühstücksfee. Gestern aber kam meine Schwester wie jeden Tag beladen mit Jutebeuteln und Rucksack in die Schule. Nach dem Frühstück bat die Direktorin sie und die zwei Freundinnen zum Gespräch. “Eltern hätten sich beschwert”, sagte die Direktorin. “Die Eltern wollten nicht, dass ihre Kinder, Gemüse oder Obst bekämen, das aus der EU komme.” Die Eltern seien überhaupt gegen die EU-Diktatur, die nicht nur Gurken norme und die Bananenkrümmung messe, sondern die grundsätzlich  Obst und Gemüse als wertvollen Bestandteil jeder Ernährung propagiere, dabei entspräche dies nicht der Tradition eines englischen Frühstücks.” Schwerer aber noch wiege, das Schwesterchen als auch die beiden Frühstücksfeefreundinnen keine Hiesigen im richtigen Sinne seien und von den Eltern als „fremd“ wahrgenommen würden. Dies müsse die Schulleitung natürlich ernst nehmen. Sie möchten also bitte verstehen, dass das morgendliche Frühstück wohl nun nicht weiter stattfinden könne. Die Zeiten seien ohnehin nicht danach. Es sei schließlich auch ihre Verantwortung als Rektorin, darauf achtzugeben, dass an ihrer Schule keine vergifteten Äpfel in Umlauf wären.

Edit, 15.10. 2016. Many readers have asked me for an English version of the text. While I have no time anyway I just made one…It is not the best and certainly no literary translation but at least an attempt to make the story available in English, too.

“The poisoned apple”

My sister does not read a newspaper and she never listens to the radio. She has no TV either. Whenever she can my sister does her best to avoid news at all. For the news she has me. I brush my teeth to the morning news at 5 AM and I practice handstand to the midnight news. Old school as I am I do keep a newspaper and read it, too. My sister though knew when everybody else still believed in “Brangelina” that Angelina and Brad had split up. My sister said: “Read on, you should really do something with your messy hair now.” My question if she would really think that a heartbroken Brad Pitt would seek refuge in the small Irish village of mine did not make her laugh at all. “Your little clever remarks”, she said hissing angrily at me, “haven’t produced a man, who passes over the news to you, haven’t they?” While my sister, who lives in London by the way, is so good at avoiding news it was me who told her about Brexit and not the London Times. On the phone she sighed angrily. “The English” she said, “have never been to warm and welcoming as think they are.” She must know because the woman that would become her mother-in-law did not even greet her when she was dating her son. Today nobody loves my sister more than her mother-in-law. But that’s a story for another day. Back then however when I told her that a majority had voted for leaving the European Union, my sister sighed again and before she heavily advertised a pair of caramel-coloured boots I should try on. I nodded meekly. Then we spoke about other things. I brought up the Brexit here and then and my sister sighed. Saying that my sister does not care much about the news, however does not say, she avoids reality. Nothing could be more wrong.

Every morning after hugging and kissing her four children who go to kindergarten or school, my sister shoulders a big and heavy knapsack and two extremely heavy bags then she gets on the Tube and makes her way to a school in a neighbourhood most people would call a disadvantaged and poor one. My sister makes the trip to the school on every weekday. Together with two friends she prepares a breakfast for all children but especially for those children who do not get breakfast at home or bring a lunchbox with them. Most children who have no lunchbox or come hungry to school are not from Pakistan, Nigeria Romania or Poland. Most children come from families, being very proud of their English heritage because there isn’t so much else to be proud of. The children live in families where the distinction between what’s important ( food on the table ) and what can wait ( a new tattoo ) does not take place. The children grew up in a world, where the TV is the only one not shouting. Many children are from families, where the fathers are long missing and the mothers distressed and distraught. They are children knowing the force of fists better than open and warm arms and who know too well, how to back off. Most children don’t know anything about having a family meal together. Most children are the only one in their families who are getting up in the morning because the adults have lost track somehow on their way.

While the children are learning to write or doing maths my sister and her two friends are preparing breakfast. My sister makes crowns from apples and is a master of making banana boats. She arranges mandarins in the shape of a butterfly and makes toast with funny faces. Further there is muesli and of course Chocopops. My sister knows all her children well. She knows which children love to dip their apples in peanut butter, and those despising milk as well as she can tell who needs his toast nearly burnt to coal. She knows who asks for a banana boat and who prefers a little man made of cucumber. My sister knows all the children by name. She knows who is the next football star and who is great at maths. She knows who paints the most beautiful pictures of the sun. Since nearly twenty years my sister lives in London now and for nearly eighteen years now, she makes breakfast for the children on every single day. Every year around Christmas time my sister is getting piles of cards, from all her former breakfast club children who are long grown ups now, but still they do remember that they were welcome, exactly as they are. The breakfast is of course not about brekafast, even if mandarin butterflies and banana boats make a nice treat. Part of every breakfast is that my sister and her friends are offering a big hug to all children who need one or more. My sister’s hugs are special. My sister especially draws those children in her arms, who are known as naughty and troublemakers. My sisters hugs those children who come with blue bruises, and those who nearly never speak and those you can always hear, even from afar. My sister embraces the children coming with greasy hair and pitch-black fingernails because nobody looks after them properly. As she says to her children or to me whenever she hugs us, she tells the children in her arms: “ You are beautiful, you are smart and you are perfect as you are.” My sister’s hugs are as long as you need them to be and they last as long as every child needs to grasp the sentence she whispers in their ears. My sister’s hugs are the strongest walls you can imagine against the injustice of the world. They are able to keep you safe and warm even against the strongest storm you can imagine. While some hugs pin you down, you can grown in my sister’s arms. For many children it is the only hug they get during a long day and many of them are running back to her to get another one before they return to class.

Even when my sister’s own children were very small, my sister did not give up her breakfast club.My sister carried her children on her hip and put all the food into the stroller. For nearly nineteen years my sister has been a breakfast fairy as we call her. Yesterday my sister came as she ever does with her knapsack and her heavy bags and prepared breakfast. But when the children had returned to class, the head of school called my sister and her two friends into her office. “Parents are complaining”, she said. “The parents did not want their children having fruit imported from the EU for breakfast. The parents anyway were opposed to the tyranny of the European Union not only standardizing the shape of cucumbers and regulating the curvature of bananas but advertising fruit and vegetables as part of a healthy nutrition; this being not part of the authentic tradition of a genuine English breakfast.” However the headmaster went on, even more problematic is the fact that they, my sister and her two friends, are no “locals” in the proper sense of the meaning but strangers. She as the headmaster had to take these complaints seriously. “You clearly” understand she said, “that the breakfast club could not go on any longer. Times have changed. She now had to make very sure there were no poisoned apples in her school.”