Herbstanfang

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Der Herbst begann immer dann, wenn meine Großmutter die schwere Holzleiter vom Boden holte und in den Garten trug. In den Wochen zuvor war meine Großmutter dann und wann schon an die Quittenbäume herangetreten und fuhr mit prüfenden Händen über die glatte und samtene Schale der Früchte. Aber wenn ich sie fragend ansah, schüttelte sie den Kopf: „Geduld mein Kind“, sagte sie und ging mit mir zu den Himbeeren hinüber, die überreif und voll an den Sträuchern hingen. Aber dann eines Tages war es soweit, die Leiter lehnte am Baum und meine Großmutter stieg hinauf und pflückte Quitten. Die Quitten legte sie vorsichtig in große Körbe und mein Großvater trug die schweren Stiegen die Treppe hinauf. Später würde mein Großvater Quitten zerteilen und die harten Kerngehäuse vorsichtig auslösen, meine Großmutter würde Zucker und Zitronensaft abwiegen, Gläser spülen und mit einem riesigen Holzlöffel in einem noch größeren Topf rühren, um erst Quittengelee und dann Quittenkompott zu machen. Mich grausten die Weckgläser in denen die gelblichen Quittenstücke neben Anis und Nelken, Zimtstangen und Kardamom schwammen und stieg ich auf den Tritt in der Speisekammer um hinter dem Rumtopf ein Stück Nussschokolade zu erhaschen, war mir als sähen mich gelbliche Schrumpfköpfe höhnisch an. Fast war mir als flüsterten sie: „Schokoladendieb.“ Aber ich mochte Nussschokolade so furchtbar gern. Waren alle Weckgläser gefüllt, machte meine Großmutter, Quittenbrot, welches genau bis Chanukka in der Speisekammer kühlte, um dann auf einem großen Porzellanteller auf dem Tisch zu stehen. Gemocht habe ich die klebrigen Rauten, die einem schier die Zähne zogen nie. Aber gegessen habe ich sie doch, immer im Wechsel mit einem großen Stück Nussschokolade, denn ich habe meine Großmutter sehr geliebt und blinzelte ihr verschwörerisch zu, wenn alle außer uns beiden, das Quittenbrot verschmähten. Die ersten Quitten aber und meine Großmutter war wählerisch in solchen Fragen, es mussten also nicht nur die ersten, sondern immer die schönsten sein, die wählte sie aus. Lange hielt, sie die Quitten in den Händen, strich mit dem Daumen beinahe zärtlich über das samtige Vlies und legte die Quitten erst dann in eine Porzellanschüssel, die auf der wuchtigen Anrichte stand. Oft habe ich meine Großmutter verstohlen beobachtet, wie sie im späten Sonnenlicht, ihre Wange fast bis an die Quitten schmiegte, sie der doch alle Sentimentalität fremd war, verschwand für eine Minute oder vielleicht nicht einmal das, in dem zarten süßen und doch so herben Duft der Quitten. Dann nahm sie mehrere Quitten in die Hände und legte sie in den Kleiderschrank, bevor sie eine weitere Schüssel mit Quitten auf die Fensterbank des Schlafzimmers stellte, um schließlich zwei Quitten in die Kommode mit Handtaschen und allerlei anderen Lederwaren zu legen. Besuch, der kam konnte mit den harten, pelzigen und fremdartig duftenden Früchten nichts anfangen. Viele fragten meine Großmutter nach dem Namen der seltsamen Früchte und schüttelten den Kopf bot meine Großmutter ihnen Quittengelee oder ein Glas Quittensaft zum Frühstück an. Zu sonderlich und zu exotisch muteten die Früchte wohl an, die weder Birnen noch Äpfel sind, sondern ein ganz eigenes Ganzes.

Viele Jahre später, stand ich mit meiner Großmutter im Garten des Hauses, der einmal ihr Elternhaus war und in dem ihr Vater zur Geburt jeder seiner Töchter einen Obstbaum pflanzte. Für meine Großmutter hatte er einen Quittenbaum aus Österreich seiner alten Heimat kommen lassen, aber nie haben er oder eine seiner Töchter davon geerntet oder im Schatten der Obstbäume geschlafen. Meine Großmutter blieb als einzige der Töchter am Leben. Der Garten war fast zu betoniert, der Quittenbaum längst gefällt, nur ein Kirschbaum stand noch am äußersten Rand des Gartens, sonst war alles wie auch die Juden des kleinen Ortes schon lange verschwunden. In diesem Jahr aber hörte meine Großmutter auf, Quittengelee, Quittenbrot und Quittenkompott zu machen und sie legte auch keine Quitten mehr zwischen ihre Kleider. Aber lag ich in ihren Armen war mir, als duftete sie noch immer süß und herb und ganz besonders eigen, als läge der Duft der Quitten noch immer in ihr, längst Teil von ihr und nicht zu trennen von ihrer Haut.

Heute aber, noch einmal und wieder ist Zeit vergangen, hole ich die schwere, hölzerne Leiter aus dem Keller, fuhr mit den Fingern schon etliche Male über die Quitten und hörte sie sagen: „Geduld mein Kind.“ Heute aber stieg ich hinein in die Bäume und pflückte zwei große Körbe voll. Ich kochte Quittengelee und Quittensaft, aß nebenher eine Tafel Nussschokolade und machte zwei Bleche Quittenbrot, das jetzt Zeit zu kühlen bis Chanukka. Erst dann nahm ich die schönsten und beiseite gelegten Quitten in die Hand und fuhr mit den Fingerspitzen über den pelzigen Flaum der Früchte. Eine Schale voll Quitten steht auf dem Wohnzimmertisch, drei Quitten liegen im Kleiderschrank, zwei bei den Lederwaren und ich liege auf dem Sofa neben mir mehr Nussschokolade und vor mir das Bild meiner Großmutter, neben dem die schönste der Quitten liegt. Schließe ich die Augen liege ich noch einmal in ihren Armen und höre sie noch einmal beginnen: „Damals mein Kind, als ich noch ein Kind war, begann der Herbst immer dann wenn mein Vater, die schwere Holzleiter in den Garten trug.“

21 Gedanken zu “Herbstanfang

  1. Wunderschöner Text.
    Ich kenne Quitten auch erst seit ein paar Jahren, habe mich aber sofort, gleich deiner Großmutter, in ihren Duft verliebt; auch ich könnte sie überall hinlegen. Quittengelee bekommt man sogar ganz leidlich verkauft, die Mutter meiner Lebensgefährtin macht das. Für mich ist das nicht so wirklich etwas, aber ich koche gerne Saft aus ihnen.

    • Dankeschön! Der Duft der Quitten ist wirklich so intensiv wie wunderschön, da darf man sich getrost verlieben. Wunderbar, dass es so viele Quittenfreunde gibt. Ich mag den Saft wenn er richtig kalt ist, sehr, sehr gern. Das Gelee am liebsten zum Käse….

  2. ich werde die kleinen Quitten in unserem Garten von nun an mit anderen Augen betrachten und an Ihre mir unbekannte Großmutter denken.
    Soooooo…. ein wunderschöner Text….. mal wieder…. Merci

  3. Meine Quitten brauchen noch ein paar Tage. Quittenbrot mache ich auch, und Gelee. manchmal Marmelade, die außer mir keiner mag.
    Ich mag den Geruch sehr und das Sperrige dieser Frucht.
    Dass Sie auch so eine Beziehung haben zu diesen gelben Haarigen freut mich außerordenlich.

    • Der Geruch ist wunderbar. Nun auch Quittenfreundinnen zu sein, gefällt mir natürlich sehr. Ich habe übrigens gar kein Marmeladenrezept….Die gelben Haarigen sind wirklich wunderbar!

      • Meine sind Apfelquitten. Ich koche die geschälten bis sie weich sind, drücke sie mangels Flotte-Lotte durch die Spätzlespresse, und koche das Mus dann mit Zucker ein. Die Marmelade hat eine griesige Beschaffenheit und passt zu Käse und in Saucen.
        Manchmal wickle ich die Quitten auch in Alufolie, schiebe sie in den Ofen für eine Stunde und esse das Ergebnis mit braunem Zucker und Jogurt.
        Morgen hole ich sie rein, sie sind vom Wind heute alle runtergefallen. Er regnete aber, also morgen.

      • Vielen Dank. Die Ofenquitten werde ich ganz bestimmt ausprobieren. Da klingt wunderbar. Ich mag das Gelee eigentlich auch am liebsten zu Käse und hoffe sehr der Regen hat die Quitten nicht zerschlagen.

  4. Meine Mutter macht Quittenbrot, das gibt es dann neben Bethmännchen und anderen Plätzchen zu Weihnachten. Dass man Quitten zwischen die Wäsche oder die Kleidung legt, habe ich schon gehört, aber noch nie ausprobiert. Bei mir liegen Lavendelsäckchen in den Schränken, wie bei meiner Großmutter, die zeitlebens nach Lavendel duftete.

    • Ach wie wunderbar, so viele Quittenfreunde und Quittenfreundinnen hier zu wissen. Mögen Sie das Quittenbrot? Ich finde Quitten in den Kleiderschränken wunderbar. Der Duft hat etwas so zartes und trägt doch den ganzen Sommer in sich. Lavendelsäckchen sind auch etwas sehr Feines, ich vertrage Lavendel leider in der Wohnung nicht….

  5. „Aber ich mochte Nussschokolade so furchtbar gern.“

    „Mochte“ ?!
    Na, dachte ich, als ich das las, Read on wird wohl, wenn mich nicht alles täuscht, auch heute noch ganz gern …

    Und siehe da, wenige Sätze später hieß es, daß sie „heute“, gerade eben also „[…] nebenher eine Tafel Nussschokolade […] aß“.

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    Und als ich ans Ende der Geschichte angelangt war, die so schön ist und dennoch ins Herz sticht, dachte ich, manchmal kann der Baum, der Quitten trägt, der Baum sein, von dem es heißt, er stehe im Zentrum der Welt, mit Wurzeln, die tief in die Erde reichen und einer Krone, die den Himmel trägt.

    Der Lebensbaum.

    Ins hier und heute übersetzt.

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    Vielen Dank dafür.

    • Sie haben mich ertappt. Ich mag Nussschokolade noch immer sehr, sehr gern. Am liebsten die von Hachez und sehr, sehr gut ist auch die Gepa: Vollmilch-Mandel. Leider hege ich auch zu ordinären Snickers-Riegeln eine innige Liebe. Nussschokolade ist jedenfalls noch einmal ein eigenes Thema….

      Mir gefällt ihr Baumbildnis sehr. Die Quitte war meiner Großmutter sicher ein Lebensbaum, auch wenn vielleicht am Ende der Preis zu hoch war, aber Ihr Bild ist so schön, dass ich sehr wünschte es wäre wahr. Vielen Dank!

  6. Quitenbrot! Mache ich auch seit einigen Jahren wieder. Ich habe entdeckt, dass man ganz am Ende der Kochzeit einige Gramm einer immer noch unerlaubten Subtanz beimischen kann, die löst sich dann sehr gleichmäßig auf. Wenn man dann kleine Rauten schneidet und diese in dunkle Schokolade eintaucht, hat man eine Praline, die ganz langsam im Mund schmilzt und den ganzen Nachmittag Ruhe, Entspannung und gute Laune bereitet. Der Kontrast zwischen der Adstringenz der Quitte, die bittere Süße der Schokolade und die herben unerlaubten Pflanzenextrakte ist himmlisch. Dazu ein Glas Perlwein oder zwei…

    • Oy! Ich bin sehr beeindruckt von Ihren Quittenpralinen. Das klingt illegal hin oder her ja schon fast nach Medizin. Ich mag Quittenbrot eher nicht so gern, aber vielleicht sollte ich den Gedanken mit der Kuvertüre einmal aufnehmen. Besten Dank!

      • Das urerlaubte kann man gerne weglassen 😉 Ich schneide meine Rauten sehr klein, die Kuvertüre mag ich sehr dunkel und um das ganze zu verfeinern, mache ich manchmal, so lange die Schokolade noch nicht hart geworden ist, pro Praline einen Pinienkern oder ein Stückchen kandierten Ingwer drauf. Wenn Sie Nussschokolade mögen, könnten Sie es damit versuchen. Wenn es schmeckt ist es die Kalorien wert

  7. Pingback: Woanders – Mit Nummer 66, WLAN, Bombentrichtern und anderem |

  8. Oh, Quitten! Im Garten meiner Kindheit gab es einen Quittenbaum, und da ein Imker ganz in der Nähe seine Bienenvölker stehen hatte, trug er jedes Jahr reichlich. Meine Mutter kochte Quittengelee, Kompott, Mus und machte auch Quittenbrot.

    In den vergangenen Jahren bekam sie ab und an mal ein oder zwei Eimer Quitten geschenkt, sie machte Gelee – kein gekaufter Quittengelee schmeckt annähernd so gut – und Quittenbrot. Die Idee mit der Kuvertüre klingt großartig, warum sind wir nie selbst darauf gekommen?

    • Wunderbar! Ich habe übrigens noch nie irgendwo Quittengelee zum Verkauf angeboten gesehen.
      Quittenmus verwenden Sie dies wie Apfelmus als Beilage zu Palatschinken? Das habe ich noch nie versucht….Die Kuvertüre klingt großartig und soll bald probiert werden. Ich verschenke die Quitten waschkorbweise, aber es finden sich nur schwer so viele Quittenfreunde wie es sie hier wunderbarerweise gibt.

  9. Vielleicht, weil Du Dich nicht auf dieser Seite herumtreibst: http://www.chefkoch.de/rezepte/2008681325602204/Quitten-Konfekt.html Wie auf dieser Seite hier auch sind die Kommentare dort zum Teil erhellend und nützlich. Ich würde das Rezept stark vereinfachen, Äpfel, Honig, Gewürze, Zitrone und Orange weglassen, die Temperatur beim trocknen erhöhen (80°C, wenn Dein Ofen eine so genaue Einstellung erlaubt) und auf jeden Fall dekorieren. Das Quittengelee hast Du automatisch dazu, es entsteht von alleine: win-win, wie es heute heisst. Eine guten!

    • Danke! Chefkoch ist ja auch ein Universum für sich. Ich stimme Ihnen zu, die Kommentare hier begeistern mich immer und ich freue mich immer sehr über jeden Einzelnen. Es ist schon witzig, die Texte von denen ich glaube, sie würden kommentiert, bleiben stets unbesprochen. Ich hätte nie gedacht, dass der Freundeskreis Quitte hier so zahlreich wie ideenreich vertreten ist. Win-win kann man da nur sagen und natürlich denke ich weiter über Ihre verbotene Substanz nach!

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