Ein Haus aus Tönen

Das Klavier ist verstimmt. Der Klavierstimmer ist verschnupft. „Ob er trotzdem kommen soll?“, röchelt er fragend ins Telefon. „Nein, sage ich bleiben Sie liegen.“ Den Klavierdeckel kann ich trotzdem nicht schließen. Ich kann nicht viele Stücke aus dem Kopf spielen, aber Bach ist mir in tief in die Fingerspitzen eingegraben, seitdem ich ein kleines Mädchen war und mein Großvater seine Hände auf meine legte, und zu mir sagte, sieh Du spielst Bach. So viele Jahre später fährt Bach unter meinen Fingerspitzen hervor, ehe ich es recht merke, ziehen die ersten Goldbergvariationen durch das Zimmer schief und verzogen, aber ganz eindeutig G-dur und dieselben, sich stetig variierenden Kanonsätze. Ich sehe meinen Fingern zu und erinnere mich an das andere Klavier. Damals vor ein paar Jahren lebte ich in Peking. Jeden Morgen fuhr ich von meiner Wohnung unweit der Metro Huixinxijie Nankou gelegen mit dem Fahrrad in die Bürotürme, in denen ich arbeitete. Ganze Tage verbrachte ich im 42. Stock in einer geräuschlosen Zwischenwelt, nicht in aber auch nicht außerhalb der Stadt. Es ging um harte Verhandlungen und ich wusch ich mir zwischen endlosen Konferenzen die Hände und sah mich härter werden im Spiegelbild. Der J. trennte und vertrug sich damals jeden zweiten Tag mit seiner koreanischen Freundin und trank entweder aus Kummer oder aus Freude. Jedenfalls fuhr ich mit dem Fahrrad allein unter den erstaunten Blicken der Kollegen zurück nach Huixinxijie Nankou.

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Die Wohnung in Beijing

Die Wohnung war im 21. Stock eines Hochhauses gelegen. Das Haus war voller Menschen, die man nie sah. Nur anhand der unterschiedlichen Kochgerüche konnte man erahnen, wer in welche Wohnung gehörte. Damals lebte ich allein, der J. kam nie nach Hause, doch in den anderen Wohnungen 6 oder 8 Menschen miteinander auf engstem Raum. Die Wohnung war voller Bücher, aber mein Chinesisch reicht nur für Kinderliteratur aber nicht für chinesische Prosa. Aber im Flur stand auch ein Klavier. Dort muss es schon ziemlich lange gestanden haben, denn eine gewaltige Pflanze thronte auf seinem Deckel. Die Pflanze musste meiner Langeweile weichen. Natürlich hatte ich keine Noten und ich wusste weder, das Zeichen 乐谱 (yuèpǔ ) noch wo ich in Peking hätte Noten kaufen können. So blieb mir nur Bach, dieser Fingerspitzenbewohner und ich klappte den Deckel hoch und meine Finger begannen zu laufen. Ich mag noch nicht einmal zehn Minuten gespielt haben, da hämmerte es an der Tür. Ein hagerer Mann stand vor mir und schrie: 拉倒 Lādǎo: Aufhören! Aber ich, die ich zur Härte gelangt war in jenen Tagen schrie zurück: 为什么  wèishénme?, das heißt warum. Der Mann hager und großer, nicht unähnlich dem irischen Tierarzt nur eben viel, viel älter, starrte mich an und ging. Ich klappte den Deckel zu und warf der Topfpflanze einen finsteren Blick zu. Am nächsten Abend setzte ich mich aus Trotz wieder ans Klavier und ließ die Finger laufen. Zehn Minuten später klopfte es an der Tür. Derselbe Mann stand vor mir und sagte: 巴赫 Bāhè, Bach? Ich nickte und sah den Mann an. Schließlich drehte er sich um. Ich spielte weiter oder besser meine Finger liefen die Tastatur entlang und ich ahnte wohl, dass der Mann vor der Wohnungstür stand und zuhörte. Am dritten Abend, zehn Minuten liefen meine Finger schon, da öffnete ich die Tür und der Mann trat ein, setzte sich auf das Sofa und meine Finger liefen weiter, liefen durch die Kanonschlaufen, waren da zu langsam, stolperten dort, trieben Unfug in der 25. Variation und das alte, verstimmte Klavier ächzte ein wenig, nach so vielen Jahren aus dem Schlaf gerissen. Als ich mich umdrehte war das Gesicht des Mannes voller yǎnlèi, voller Tränen. Von nun an kam er jeden Abend und ich spielte all das was meine Fingerspitzen hergaben. Am Ende der Woche brachte er einen Klavierstimmer mit und endlich klangen die Goldberg Variationen nicht mehr als liefe eine Katze meinen Fingern hinterher. Jedes mal aber weinte der Mann, lautlos und haltlos zugleich. Aber ich fragte nicht warum. „Können Sie etwas von Ravel spielen?“, fragte er mich und ich nickte. „Aber ich brauche die Noten“, sagte ich zu ihm und zwei Tage später stümperte ich mich durch Ravel. An diesem Abend sagte der Mann: „Seit 1966 habe ich keine Musik mehr gehört.“ In jenem Sommer wurden in ganz China die Klaviere zerschlagen, die Violinen zertrümmert, die Cellos verheizt, die Flöten zerknickt und im Straßenrand verkohlten die Noten. Dann zerschlug man die Cellisten, brach den Pianisten die Hände, schlug den Posaunisten den Kiefer ein und schloss die Konservatorien und Akademien im ganzen Land. Dann gab es für viele Jahre nur noch 18 offizielle Opern. „Damals“ sagt der Mann „war ich ein Kind und stand am Fenster und sah zu wie ein Klavier nach dem anderen zerschmettert wurde, zerbarst auf der Straße unter dme Jubel der Rotgardisten.“ Meine ganze Schulzeit habe ich mit 检讨 jiǎntǎo, mit Selbstkritik verbracht und wie so viele Kinder meiner Generation verschwanden auch meine Eltern irgendwann, irgendwohin. Niemand weiß mehr, in welchem Lager sie zu Grunde gerichtet wurden. Dann ist es still im Zimmer. „Spielen Sie noch einmal die Variationen 1-6?“fragte mich der Mann und ich ließ meine Finger laufen. Jeden Abend also saßen wir dort und meine Finger wanderten über die Tasten und langsam war mir als käme der Mann aus der Stille hervor. „Auch nach dem Ende der Kulturrevolution sagte er, habe er kein Radio angeschafft. Den Fernseher lasse er meist stumm laufen, denn seit jenem Sommer mache ihn jedes Geräusch würgen, seit jenen Jahren ertrüge er Musik nur schwer, höre er in den Melodien immer schon das krachende Geräusch der Axt, die in die Klaviere, die Geigen und Cellos hineinfuhr, bevor auch die Menschen einer nach dem anderen, erst die Nachbarn, dann die Eltern und als endlich keiner mehr übrig war, sich selbst denunzierten.“

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Ein leeres Haus

丁丁zhēngzhēng bezeichnet im chinesischen den Klang der hackenden Axt. Viele Wochen, die Monate wurden, spielte ich damals Klavier, wieder und wieder spielte ich Bach, der schon so lange unter meinen Fingerspitzen wohnt, spielte aber eigentlich ein Lied weiter, das vor vielen Jahren vielleicht von einer Pianistin begonnen worden war, die es hatte nie zu Ende spielen dürfen. Spielte für meinen Großvater, der einmal hatte Pianist werden wollen, aber das 20. Jahrhundert ließ ihn nicht, aber trotzdem legte er seine Hände auf meine, ich die ich einmal Pianistin werden wollte und es doch nicht bin, und legte mir Bach unter die Fingerspitzen, auf das ich es nie vergäße. Kurz bevor ich zurückfuhr, gingen der Mann und ich, gemeinsam zum Tian’an men Platz, auch wir schoben uns durch die dichte Menge und standen still vor dem Porträt des verquollenen Maos, der ein seltsamer Fremdkörper in diesem doch von ihm verformten Ort bleibt. Man sieht über den riesenhaften, gespenstischen Platz, der tosende Verkehr und die schreienden Touristenführer. Die Bilder aber jenes Studenten vor dem Panzer, dem entkommt man nicht, unausweichlich und flirrend schiebt es sich vor die Netzhaut. Der Staat, der auf die Studenten, die glaubten endlich hielten sie die Freiheit in den Händen schossen. Egon Krenz fand damals die chinesische Lösung sehr attraktiv. Aber die Apologeten der DDR wollen davon lieber nichts mehr hören. Lange ginge wir dann durch die fast vollständig leere Verbotene Stadt, diesen geräumten und zerstörten Palast, der trotzdem er voller Reisegruppen war, seltsam schweigend vor uns lag. Zurück in der Wohnung spielte ich noch einmal die Goldbergvariationen ungenau und hier ein wenig zu langsam und dort fast ein bisschen zu schnell, eben so wie meine Finger laufen. Dann stellten wir die Pflanze zurück auf den Deckel.

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Ich eine Andere.

Ich fuhr bald darauf zurück in ein anderes Leben. Jedes Jahr aber schicke ich eine Platte mit Bach nach Peking und jedes Jahr erhalte ich einen Brief mit chinesischer Geschichte. Als ich aber heute auf meine Finger sehe, fällt mir auf, dass ich auf dem verzogenen Klavier schon bei der 30. Variation angelangt bin. Ich bin mir ganz sicher, dass viele tausend Kilometer entfernt jemand in einer Wohnung in Peking hört, dass meine Finger bei der 14. weit davon entfernt sind über die Tasten zu fliegen und wie immer bin ich etwas zu langsam wo ich schneller sein sollte und zu langsam, wo es um fliegende Wechsel geht. Ganz sicher aber finden die Töne immer und überall selbst in der größten Finsternis und aus der größten Stille zurück ans Licht, zurück unter die Fingerspitzen und fahren uns noch immer wieder und wieder unter die Haut. Damals vor dem Mao-Portrait fiel es mir wieder ein dieses Gedicht jenes Dichters, den in Deutschland alle nur noch ironisch zitieren: Vor dem leeren Baugrund/ mit geschlossenen Augen warten/ bis das alte Haus / wieder dasteht und offen ist / Das Wiedererwachen der Toten/ ist dann ganz einfach.  建房 jiànfáng, ein Haus bauen.Ein Haus aus verbotenen Tönen.

Natürlich spielt keiner wie er.

8 Gedanken zu “Ein Haus aus Tönen

    • Danke. Der Link ist geändert. Man sollte nebenher wirklich nicht telefonieren….

      Ja ein eigenartiger Zufall und ich habe in der Wohnung erst nach einiger Zeit mitbekommen, dass sich dort ein Klavier unter der Pflanze verbarg.

  1. Danke für den schönen Text!

    Ich bin mir übrigens sicher, dass Mao – in welcher Hölle er auch schmoren mag – sich dort bis in alle Ewigkeit Zenph re-performances anhören muss!

  2. Man kann sich das gar nicht vorstellen. Menschen die Musikinstrumente zerstören. Von gebrochenen Knochen ganz zu schweigen.

    Barbarisch.

    Bei der Gelegenheit: ich lese hier erst seit kurzem mit. Erstaunlich, dass alle Einträge so beeindruckend sind. Mein Kompliment.

    • Es waren wirklich barbarische Zeiten. Entsetzlich und nicht zu fassen, wie die Zerstörung vor nichts und niemanden Halt machte, grauenvolle und wohl noch immer nachhallende Jahre.

      Ich freue mich sehr, dass Sie hier mitlesen mögen. Ich werde ganz rot, denn leider finde ich meine Schreiberei sehr mäßig, ich habe immer zu wenig Zeit, selten die richtigen Worte und meine Kommata sind ein Schrecken für sich….

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