Die Wucht der Worte

Heute aber einfach so fielen deine Wörter über mich her. Einfach so, ich saß nur in einem ziemlich kargen Raum und wollte gerade beginnen zu sprechen, da fielen mir Deine  Worte in den Mund. Aber man kann in einem Raum voller Menschen nicht einfach Worte in den Raum speien. Sondern man muss sie herunterschlucken oder besser noch herunterwürgen. Denn auch eine halbe Flasche Wasser auf Deine Worte gegossen, die einfach so im Raum stehen, hilft  nicht. Für einen Moment als mir Deine Worte schon auf der Zungenspitze lagen, vergaß ich, dass Du mir die Worte doch weggenommen hast auf ewig. Ich drehte mich um zur Tür, obwohl ich doch genau in der Mitte des Raumes saß, ob du nicht doch im Türrahmen stündest und anfingst zu sprechen. Deine Worte waren mir die schönsten, sie waren warm und weich wie auch du, dass dachte ich jedenfalls. In meinem Mund wirbeln deine Worte umher, so wild und so hart, dass meine Hände zittern als ich vorsichtig zu sprechen beginne. Misstrauisch geworden gegen mich selbst und ich spreche viel langsamer als sonst, nur um zu vermeiden, dass mir Deine Worte dazwischenfahren, denn davon erholte ich mich nicht. Für einen Moment fahre ich mir durch das Haar, aber auch in meinen Haaren verfangen sich lauter Sätze von Dir. Wie bekommt man nur die Wörter aus Mund und Haaren und all die Wörter, die tiefer noch in der Haut liegen. So einen Schrank, solch eine Schublade gibt es nicht, in die ich alle Deine Wörter legte, abgelegt so wie Du mich. Heute aber sind die Schubladen, ist der Schrank noch löchriger und seine Scharniere noch rostiger als sonst. Manchmal staune ich darüber, dass es die Wörter ohne Dich noch immer gibt. Noch immer sage auch ich: Sonne und Uhr, Baum und Grashalm, Geschichte und Erinnerung oder ist das dasselbe, noch immer sage auch ich einfach so oder ganz und gar, aber manchmal fällt mir auf oder wieder ein wie viele Wörter mir mit Dir verloren gegangen sind. Nimm dich in Acht, sage ich mir, Du sagst Dinge und dann rede ich weiter in diesem Raum, in dem doch nichts aber gar nichts an Dich erinnert, und der doch plötzlich voll mit deinen Worten ist. Manchmal erinnere ich mich, ich erinnere mich nicht, nicht im Sinne von vor zwei Jahren, sondern an eine Zeit vor mir und vor Dir, da kamen Menschen mit einer Nachricht im Mund von weit her gelaufen, einem anderen König oder von einem anderen Hof, über lange Meilen schwiegen sie ernst und ich frage mich oft, ob die Nachrichten, die sie überbrachten sie wohl jemals wieder verließen, oder ob sie nicht auch, so wie Deine Worte in meinem Mund zu toben begannen und die Überbringer noch Jahre später, um ihre Zunge bangten, denn ein Wort allein kann alles verraten. Im Raum also vor lauter Menschen, die mir zuhören, obwohl ich mich umgeben von Deinen Worten kaum verstehen kann, denke ich daran, dass ich Deinen Wörtern so viele Türen geöffnet habe. Ich habe nicht gewusst, dass es so viele Türen zu öffnen gebe und wir an der Schwelle, Schulter an Schulter standen da und sprachen. Wir schwiegen in denselben Worten und wir sprachen in den gleichen Worten, in deine Worte habe ich mich eingehüllt wie in einen Mantel und niemals wieder habe ich so nach Worten gesucht wie für dich. Aber längst schon ist der Mantel zerrissen und nach und nach wie einem Haus in dem langsam die Lichter erlöschen, ist alles ganz still und ein Mantel aus Stille und Dunkelheit, der wärmt nicht, sondern liegt nur schwer auf der immer dünner werdenden Haut. Aber hier im Raum, in dem ich mir doch den Mund nicht zuhalten kann, toben Deine Worte in mir herum, so als sei das Zucken Deiner Lippen nicht weiter als ein paar Zentimeter von meinem Ohr entfernt. Dabei kommt nicht einmal ein einziger Buchstabe von Dir zu mir. Für den Rest Tages spreche ich Französisch, aber immer zwei, drei Augenblicke schneller als ich es gern wäre, sind da Deine Worte, die schwer auf meinen Lidern liegen. Später noch, viel später ausgetrocknet bin ich da schon, laufe ich zurück nach Haus, aber auch Beethoven, der so laut es geht in meinen Ohren liegt und der- ich habe es probiert- lauter ist als der Krieg, hilft nicht gegen die Übermacht deiner Worte, die mich nicht loslassen, eine schwere Hand sind deine Worte, ich hole tief Luft, schließe die Augen und „Schschsch“ sage ich als könnte ich sie beruhigen, diese Wörter die immer noch da sind, wo Du nicht bist. Manchmal, wenn ich allein zu Haus bin, dann rufe ich manchmal deinen Namen, als sei dieses kurze Wort meiner Sehnsucht, ein Zauberwort, als gelänge mir, die ich nicht einmal die Wörter in meinem Mund zur Räson rufen kann, ein Wunder.

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