Bloß keine Umstände!

Manchmal kommen Gäste zu mir nach Haus. Ich mag das sehr gern. Ich treffe furchtbar gern Menschen und lasse mir etwas erzählen. Ich koche passabel, jedenfalls meistens und ich habe immer genug Zutaten für einen reschen Kuchen im Haus. Ich mag sogar die B., die neue Freundin des G., die mir immer die Tarotkarten legt und mit verfinsternder Miene beklagt, dass Mars allein meinem Liebesglück im Weg stünde. Es gibt nur eine Art von Besuch, die ich nicht ausstehen mag. Das sind diejenigen, die ins Telefon flöten: „Oh Read On, mach Dir bloß keine Umstände.“ Wie ich diesen Satz fürchte. Denn ich laufe natürlich los, kaufe bei Herrn Yilmaz, Feigen und Schafskäse, nehme noch Ziegenkäse und Lamm dazu. Im Garten pflücke ich Pflaumen, Birnen und die schönsten Äpfel. Ich kaufe Kaffee aus Brasilien und öffne die Teeschatzkiste aus Indien. Ich richte eine Kürbissuppe und renne noch einmal ins Reformhaus um Kürbiskernöl aus der Steiermark anzuschaffen. Ich poliere das Silber, bügele die schweren Tischdecken und decke den Tisch ein. In die Mitte des Tisches kommt der Strauß mit den wohl letzten Gartenrosen. Dann noch schnell eine Zitronentorte, denn schon meine Großmutter fand, es könne gar nie genug Kuchen geben. Wie immer hatte meine Großmutter Recht. Irgendwann, denn Gäste, die keine Umstände machen wollen, rufen grundsätzlich nicht an, um ihre Ankunftszeit mitzuteilen, schellt es dann an der Tür. Man küsst sich zweimal links und zweimal rechts. Die Gäste schütteln den Kopf. „Aber Du sollst Dir doch keine Umstände machen.“ Ich verkneife mir zu sagen, dass es mir größere Umstände machen würde, Plastikgabeln und Pappteller aufzutreiben als das KPM-Geschirr aus dem Schrank zu holen, aber ich lächle nur milde und nicke artig. Dann will man den Gästen- ich trinke ja nicht- Rotwein in die Gläser füllen, aber die Gäste schütteln den Kopf. Rotwein vetrügen sie schon seit Jahren nicht mehr. Ich renne in den Keller und bete, dass der F. hoffentlich nicht den letzten Weißwein mit den Kollegen geleert hat. Hinter mir tönt es höhnisch: „Aber bloß keine Umstände.“ Das Kürbiskernöl können die Gäste auf keine Fall vertragen. Diesmal aber stehen Grundsatzfragen im Weg: „Nein aus politischen Gründen würden sie nichts aus der Steiermark verzehren. Der Fall Haider steckte ihnen noch in den Knochen. „Ich versuche nur kurz anzumerken, dass Haider aus Kärnten kam, aber die Umstandslosen wollen davon nichts wissen. Aber nur wenn es keine Umstände macht, würden sie dann doch auf geröstete Kübriskerne ausweichen. Natürlich verbrennt mir die erste Portion in der Pfanne. Der Geruch verkohlter Kürbiskerne übrigens hat etwas von einem mittelgroßen Chemieunfall. Natürlich essen die Gäste kein Lamm aus Mitleid mit den hübschen Tieren. „Aber bloß keine Umstände“ rufen sie in die Küche, in der ich versuche aus Restgemüse ein Curry, das keine völlige Schande ist, zu produzieren. Die Gäste inzwischen unterhalten sich gut- inzwischen sind sie bei der zweiten Flasche Wein angekommen und ich versuche mich krampfhaft zu erinnern, ob noch eine dritte im Kellerregal stand. Pflaumen machen dem Gast indes schlechte Laune, während seine Frau nur Kuchen aus Maismehl verzehrt. „Weizen sei böse“ sagt sie und ich atme tief ein und aus. Immerhin verzehren die Gäste, die keine Umstände machen wollen Käse und Birnen. Nur die Äpfel taugen ihnen nicht. Ich nicke nur weiter, denn sonst käme ich vielleicht in Versuchung einen Apfel quer über den Tisch zu schleudern und es reute mich um die schönen, alten Gläser. „Espresso, G’tt bewahre“, sagen die Gäste, vom indischen Tee nehmen sie nicht mehr als einen Fingerhut. Schlafen können sie nur in den mitgebrachten Alpakadaunensäcken, die wahrscheinlich vom Dalai Lama selbst geweiht worden sind, ich ziehe also die Bettwäsche wieder ab. „Das Ei“ sagen die Gäste, „ginge in Ordnung,allein es müsse wachsweich sein und das Brot bitte gänzlich ohne Rinde.“Vor allen Dingen aber solle ich mir bloß keine Umstände machen. Sie seien doch wahrhaft bescheiden und mit dem kleinsten Krümel, der vom Tische abfiele, wirklich und völlig zufrieden. Das Schlimmste, dass sie sich vorstellen könnten, sei mir Umstände zu bereiten.

21 Gedanken zu “Bloß keine Umstände!

    • Es ist kompliziert. Es sind auch keine Nicht-Freunde….Ihr Vorschlag gefällt mir, ich frage mich ja immer ob diese Leute bei sich zu Haus auch seinen Aufwand von sich fordern, wie von anderen….

  1. Leute, die wollen, dass man ihnen die Rinde vom Brot abschneidet, sind mir grundsätzlich suspekt. Bei den Roma soll es ein Sprichwort geben, das da heißt: Eine gute Schwiegertochter isst ungesalzenes Essen und sagt, es sei gesalzen. Ich würde sagen, das sollten sich gute Gäste auch zu Herzen nehmen. (Wobei ich natürlich religiöse und medizinische Vorschriften respektiere und auch einem Vegetarier keinen Schinken vorsetzen würde.) Andererseits frage ich auch vorher, ob die Gäste irgendetwas nicht vertragen oder ihnen irgendetwas grundsätzlich nicht schmeckt. Heutzutage ist das ja nicht so einfach, und deshalb steht bei mir neuerdings auch ein veganes Kochbuch. Ich habe es aber noch nicht gebraucht.

    • Das Sprichwort ist wunderbar. Ich werde es schamlos benutzen! Ich habe gar nicht gegen Aufwand und respektiere alle möglichen Gebräuche, von mir aus sogar den Verein „Feinde der Brotrinde“, aber dies alles unter dem Mäntelchen der Bescheidenheit, finde ich ziemlich stark. Ich bin ja ein sehr fauler Mensch und bewundere Menschen sehr, die stundenlang nach dem Kochbuch kochen und da Großartiges zaubern. während ich schon wieder nur Tafelspitz kann oder eine Sachertorte nach dem ewig gleichen Rezept.

  2. Wie schrecklich. Würde mich auch als Ersatzgast zur Verfügung stellen!

    Ich versuche dran zu denken, bei Gästen vorher zu fragen, ob sie vielleicht Vegetarier seien. Finde aber auch, dass ein guter Gast vorher sagen sollte, wenn er irgendwas nicht verträgt.

    • Sie sind ebenso herzlich willkommen! Ich sehe schon eine Blogger-Kuchenschlacht, das wäre doch etwas! Essenswünsche bemühe ich mich auch zu beachten, nur sie ankündigen muss man schon selbst.

  3. Ha, solche Probleme hättest du mit mir nicht! Es ist doch total schön, wenn jemand anders für einen kocht. Und wenn’s um Kuchen geht, bin ich grundsätzlich auf Großmutter’s Seite – versteht sich ja von selbst 🙂

  4. Sehr geehrte Read On, ich kann Ihre (immerhin mit einem ironischen Lächeln vorgetragene) Verärgerung durchaus verstehen – mein erster Gedanke beim Lesen des Textes war: „Wer solche Freunde hat, braucht wahrlich keine Feinde mehr!“

    Aber ich versuche mich trotzdem mal in ein wenig Empathie: „Mach Dir bitte keine Umstände“ würde ich im Allgemeinen übersetzen als: „Ich habe wahnsinnige Angst davor, dass Du etwas für mich tust, denn ich fürchte mich davor, dadurch bei Dir in einer Schuld zu stehen.“ Und in dem konkreten Fall würde ich hinzufügen: „… und ich weiß, dass ich furchtbar kompliziert bin und bitte daher im Voraus um Entschuldigung für den Aufwand, den ich Dir damit verursache.“

    • Oh, meinen Feinden setze ich keinen Kuchen vor, vielleicht ein stilles Wasser und abgeschnittene Brotrinden, aber mehr auf keinen Fall.

      Ich stelle Sie mir als einen sehr geduldigen Menschen vor, ich bin ja leider ungerecht, launisch, immer ironisch, noch schlimmer selbst in den frühen Morgenstunden sarkastisch und selbst meine Großmutter schüttelte den Kopf über mich. Meine Kuchen sind recht gut und ich finde, manchmal muss auch für sich einstehen und wenigstens sagen: Ich hasse Spinat und will am liebsten nur Rührei mit grünen Gurken dazu.

      • Geduld, so heißt es, sei eine Tugend. Das allein sollte einen schon misstrauisch machen. Stattdessen wäre ich lieber öfter mal gemein. So jedenfalls war mein Vorsatz für dieses Jahr. Aber wie das mit guten Vorsätzen so ist – man hält sie nie lange durch… Vielleicht sollte ich’s nächstes Jahr mal mit ungerecht probieren. Und wenn auch das nicht funktionieren sollte – bleiben mir ja immer noch Ihre schönen Geschichten.

      • Ach nein, nicht jeder Tugendhafte ist gleich Robespierre. Die Gemeinheit glaube ich kommt schon ganz von selbst. Meine Geschichten sind glaube ich alle zu wenig heiter, um schon zu sein, aber schön, dass Sie hier sein mögen, trotz alledem.

  5. prima…. nach dem Lesen dieses vortrefflichen Ereignisses, das ich nur zu gut kenne, habe ich vor allem: Huuuunger!
    Bitte dürfte ich kurz vorbei schauen und die Reste vom Feste….?
    Aber im Ernst…. ich habe diese Gäste auch zuweilen und hinterher frage ich mich, warum ich mir eigentlich solche Umstände gemacht habe.
    Aktuelle bin ich gerade fest im Training, denn wir haben hier oben am Meer eigentlich fast das ganze Jahr Besuch (muss ich ändern demnächst)….. und ich trainiere….
    Gast: Was gibts heute?
    Ich: keine Ahnung. Willst Du Kochen????
    oder: Sonne?
    Gast: mach dir bitte keine Umstände….
    Ich: oh Danke, das ist lieb. Dort oben ist die Bettwäsche, wärst Du so nett und beziehst bitte Eure Betten?
    etc etc
    to be continued 🙂

    • Aber immer doch. Hier ist noch nie jemand hungrig vom Tisch aufgestanden! Verrückt, manche Menschen sind wirklich sehr begabt in all ihrer Umstandslosigkeit und ewigen Bescheidenheit. Die meisten habe ich gelernt, sehen dabei sehr wohl und erholt aus….

  6. Könnte nicht das nächste Mal der Beige-Beauftragte für die kochen?

    Das würde doch wirklich keine Umstände machen. Und Sie vielleicht auch vor künftigen Besuchen dieser Gäste bewahren.

    • Leider ist der Beige-Beauftragte nie dort wo man ihn braucht! Sicherlich aber wäre sein wirken heilsam und gut. Umstände bräuchte ich mir dann wirklich keine mehr machen.

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