In Gold getaucht

                                                         Lindy in Liebe und Freundschaft zugeneigt.

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Früh wache ich auf, noch viel früher als sonst, noch nicht einmal das Wasser wird warm, das mir über die Arme läuft und so schüttle ich die Tropfen schnell von mir ab. Auf Zehnspitzen über das alte Parkett, um dich nicht zu wecken, denn so ist es schon immer mit dir gewesen: eigentlich kannst Du kaum etwas hören, aber natürlich hörst Du das Gras wachsen und niemand hat bessere Ohren als Du, geht es darum jemanden mit zerschlagenen Knien wieder aufzurichten. Aber heute sollst Du noch schlafen. Schnell also durch die Bibliothek und hinüber in das Wohnzimmer gelaufen-jetzt nur nicht über den Tigerkopf mit den gelblichen Augen stolpern-aber auch der Tiger träumt noch von den Weiten Rajasthans. Schon ziehe ich mir die Socken weit über die Hosen und schlüpfe in ein Paar Gummistiefel bevor ich das Haus durch die weiten Terrassentüren verlasse und mitten im Garten, der eigentlich ein Park ist, stehe. Noch legt die Nacht mir die Arme über die Schulter, aber lange kann es nicht mehr dauern, bis der Morgen auch bis hierher reicht. Ich gehe herunter zum See, passiere das Pinearium, diese Leidenschaft des 19. Jahrhunderts, als man aus der ganzen Welt, Samen mitbrachte und wo einmal kleine Bäume waren, stehen heute meterhohe Giganten. Am Horizont wird der Himmel blau und ich stehe staunend am Ufer.img_0398

Die Äste streichen mir durch die Haare und sie tun es so zart, als wärst du es selber. Schon immer war dir eine Zartheit inne, die man nur mit den Fingerspitzen berühren darf, damit sie nicht zerfällt. Ein Vogel sitzt auf der Regentonne und auch ich bin ja einer Deiner gefallenen Vögel, die du mit deinen warmen Händen zu Dir gezogen hast, so freundlich wie bestimmt. Du, die Du Bäume umarmst und wie alles, selbst mich, mit liebenden Augen betrachtest. Dann stehe ich vor dem Bootshaus und hinter den Bäumen geht die Sonne auf und wirft goldenen Strahlen bis zu meinen Füßen herüber. Ein wenig weiter noch und der Nebel steigt langsam über den See hinweg. Die Schwäne schaukeln langsam im Sommerlicht und ich lehne mich für einen Moment an den großen Eichenbaum und schließe die Augen. Als ich sie wieder öffne, rennt eine Gruppe junger Fasane vor mir durch das noch sommerhohe Gras. Vielleicht ruft Mutter Fasan schon zum zweiten Mal zum Frühstück und zetert von zähen Regenwürmern und kalten Engerlingen. Mich lassen sie jedenfalls links liegen und so springe ich ganz ungestört durch die Pfützen der letzten Nacht. Stelle ich mich auf die Zehenspitzen dann kann ich einen rotwangigen Apfel erhaschen und schon ist der Himmel blau und Dein Haus liegt mir zu Füßen.

img_0384Noch aber träumst Du hoffentlich gut und ich laufe weiter, einmal um den ganzen See herum und springe über den Zaun, der den Garten vom alten Tennisplatz trennt. Ich weiß noch als ich zum ersten Mal bei Dir war und wir mit alten Holzschlägern aus den 20er Jahren vorsichtig Ball um Ball über das Netz schlugen, so lange bis wir vor Lachen derartiges Seitenstechen bekamen, dass wir uns einfach fallen liessen und über uns war die Welt dunkelblau. Heute aber husche ich zurück ins Haus, setze Tee auf und als ich den Hefezopf aus dem Ofen hole, stehst Du in der Tür und schüttelst den Kopf: „So früh!“ Aber es ist gerade richtig für warmen Hefezopf und fingerdicke Marmelade dazu. Dann liegen wir auf den breiten Sesseln, meine Füße auf dem Kopf des armen Tigers und deine Arme fahren wild gestikulierend in die Luft: wir sprechen über Kühe und indisches Leben, die Sonne kitzelt uns an den Zehen, wir erzählen uns traurige Liebesgeschichten und hinter uns auf dem Kamin stehen wir beide im silbernen Rahmen und lachen und an, genau wie jetzt gerade auf dem Fauteuil. Später schlafe ich ein und natürlich breitest Du eine Decke über mich aus und auch noch als ich erwachse sitzt du neben mir und hältst mit deinem strahlenden Lächeln, der Sonne den Spiegel vor.

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Clandeboye Estate, Bangor, County Down, Northern Ireland 

2 Gedanken zu “In Gold getaucht

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