Zahnreihen

Im Bus auf dem Weg zum Flughafen. Eingeklemmt zwischen riesigen Koffern und in Käfigen hechelnden Hunden, stehe ich mit dem Rücken zur Wand. Vorsicht vor Rentnern mit Rucksäcken, sage ich mir nachdem ich schon mehr als einen in die Magengrube gestoßen bekam. Ich werde doch nicht etwa anfangen aus meinen Fehlern zu lernen? Erst später sehe ich den jungen Mann und seine vier Schwestern. Ich stehe zu weit weg, um zu hören woher sie kommen. Yemen glaube ich, aber ich mag mich irren. Keines der Mädchen ist älter siebzehn Jahre alt und die fünf Geschwister lachen und scherzen miteinander, selbst der Bruder, der selbst fast noch ein Kind, die Verantwortung trägt, wird mitgerissen. Eine der Schwestern muss eine witzige Geschichte erzählen, denn die vier anderen, kringeln sich vor Lachen und erst als ich mich an ihrem Lächelns sattgesehen habe, sehe ich die Zähne. Die Mädchen, die doch so hell lachen, haben klaffende Lücken im Kiefer, ganze Zahnreihen fehlen ihnen, schwarze Löcher tun sich auf, auch beim Bruder, der keinen einzigen Vorderzahn mehr besitzt. Die Zähne der kleinsten der Schwester, stehen schief und krumm, mager und bröcklig, fast möchte man sagen aufgegeben. Das ist der Krieg, der Krieg wo auch immer, das sind ja nicht nur zerberstende Häuser und brennende Straßen, sondern die gekappten Wasserleitungen, der Mangel an Hygieneprodukten, der Hunger, er frisst sich nicht nur in die Rippen hinein, sondern zieht die letzten Reserven aus den Zähnen, die dann nutzlose Stümpfe geworden, als Relikte anderer Zeiten vom Krieg erzählen.

Diese Zähne oder besser diese Lücken kenne ich gut. Die Kinder im indischen Slum haben sie auch. Verfault sind die Zähne, nach den Milchzähnen, fallen bald auch die bleibenden Zähne aus und Glück haben diejenigen, die mit zehn Jahren ein billiges, schweres Gebiss bekommen, eine Prothese, aber eine die nichts mit den Dritten zu tun hat, mit denen in der hiesigen Werbung, gut gelaunte Rentner herzhaft in einen grünen Apfel beißen. Viele Kämpfe führt man ja und ich seit Jahren einen mit der Zahnbürste. Ungezählte Kofferladungen und der hartnäckige Versuch, den Gebrauch der Zahnbürste zu etablieren. Dort wo es keine Zahnbürsten gibt, oder Zahnbürsten für diejenigen, die sie am dringendsten brauchen, unerschwinglich teuer sind. In den ersten Jahren sind mir stets mit stolzem Lächeln, die originalverpackten Zahnbürsten präsentiert worden. Aus diesem Fehler habe ich gelernt und heute immerhin, kommen die Kinder zum Putzen in die Klinik, es gibt Milch und Obst und dann geputzte Zähne. Inzwischen machen manchmal auch die Eltern mit. Aber auch hier ist es ein zäher Kampf gegen die Unterernährung und den allgegenwärtigen Mangel, der schwarze Abgründe hinterlässt.

In Dublin ist es kalt und stürmisch, aber von weitem schon sehe ich die schmale Figur des Tierarztes, so schmal, dass ich glaube der Wind zieht ihn mit. Aber da sieht er mich schon und läuft mir entgegen. Eine halbe Stunde später sitzt er am Küchentisch und ich richte eine Kokos-Möhrensuppe. „Mit Ingwer für Dich?“, frage ich ihn und der Tierarzt nickt. Einmal sagt er, während des Studiums noch, bei einem Praktikum in der Landwirtschaft, habe er einer Kuh einen Zahn gerissen, den habe er lange mit sich herum getragen. Der Tierarzt schüttelt den Kopf. „In den Zeiten des großen Hungers, sagt er und sieht mich an, brach mir einmal ein Zahn heraus, aber ich war nur froh darum und fühlte mich deutlicher leichter.“ Noch später als es sowieso schon ist, putze ich mir die Zähne, aber im Spiegel sehe ich nicht mich, sondern die Zahnlücken der vier Mädchen, klaffend und übergroß, verzerrt und unleugbar, das ist der Krieg, den wir so gern in großen Wörtern beschreiben und vor allem verdrängen, aber hier in den kaputten Mündern der anderen, können wir sehen, was wir alles nicht wissen wollen.

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