Graue Wirklichkeiten

Ich bin nur einmal in Bautzen gewesen. Vor zwei Jahren mit meinem Freund Yoav aus New York. Yoav ist offensichtlicher Jude als ich es bin. Yoav ist frumm und man sieht es ihm an. Schon seine Großeltern noch zu Bautzen geboren, vor vielen Jahren als es in Deutschland noch Juden gab, waren frumm. 1938 als die wenigen Juden der Stadt Bautzen in einem Schandzug durch die Stadt geführt wurden, mitten durch die Gassen und Straßen zu Hohngeschrei und später zerbarsten dann die Scheiben und standen die Läden der Juden in Flammen. Da verließen sie die Stadt und das Land. In Deutschland, das muss man wissen hat immer schon alles eine Geschichte. Yoav aber besuchte mich und wollte einmal durch die Straßen der Ahnen gehen. Wir fuhren hin und es war ein schöner, warmer Sommertag. Die Stadt hat viele, feste Türme, kleine Straßen und einen Markt. Sieh sagte Yoav, lass uns dort Weintrauben kaufen. Aber auf dem Markt gab es nur Käse in gelben Plastikeimern, die ein Mann mit Mikrofon in der Hand werbend beschrie. 5 Euro ein Kilo Käse. Die Schlangen waren sehr lang. Ein anderer Mann verkaufte Würste. Nicht unser Interessengebiet. Andere Stände verkauften Filzlatschen, Polyester T-Shirts oder nach Plastikdämpfen riechende Turnschuhe. Einen Stand mit Obst fanden wir nicht. Ohne Weintrauben suchten wir das Haus der Großeltern und fanden es schließlich auch. Yoav war gerührt. „Hier hat es begonnen“, sagte er und fotografierte. Das kam nicht gut an, denn eine Frau und ein Mann, beide weder jung noch alt, mit bulligen Gesichtern kamen auf uns zu und plärrten: „Judenschweine verpisst euch.“ Yoav spricht kein Deutsch, aber wer Yiddisch spricht so wie er und ich, versteht was das heißt. Wir gingen lieber, aber nicht ohne, dass wir dem Paar nicht sehr deutlich an die Existenz der Polizei erinnert hätten, die wir riefen, sollten sie noch einmal so ausfällig werden. Dann gingen wir hinaus auf den Jüdischen Friedhof und Yoav und ich beteten, das Shema Israel, wie man es hält auf allen Jüdischen Friedhöfen der Welt. Es war ein sonniger Nachmittag und wir saßen auf dem Marktplatz in der warmen Mittagssonne. „Die Menschen hier haben alle graue Gesichter“ sagte Yoav und ich nickte, denn er hatte Recht. Die Leute auf dem Markt ob jung oder alt, nicht so alt oder doch schon älter, sie sahen weder zufrieden noch froh oder gar strahlend aus. Sondern es war als läge über vielen Gesichtern ein Grauschleier nicht immer und überall gleich wahrnehmbar, aber doch auch nicht zu leugnen. Deswegen kommen mir die Reaktionen auf Bautzen, deren Schlüsselsatz lautet: Bautzen bleibt bunt“ so merkwürdig vor. Denn nichts in dieser Stadt ist bunt, hier ist schon seit langen Jahren, vielleicht schon seit dem Schandzug des 1938er Jahres nichts mehr bunt gewesen. Hier leben Menschen für die, die Welt schwarz und weiß ist. Hie gehörte die SED und der Pionierzug zum Stadtbild, von den Stasigefangenen nebenan wollte man lieber nichts so genau wissen. Die Welt war doch eingeteilt, von oben geordnet in Volksfeinde und ehrliche Arbeiter. Wer je einmal durch unsanierte Straßenviertel von Aschersleben oder Bernburg ging, dem wird sich der Eindruck nicht verhehlen, dass sie DDR ein durch und durch graues Land war. Die roten Fahnen hingen alle grau und krank/ Im Regenhimmel rum, sang Wolf Biermann. Den sollte man aber auch nicht hören. Blätternder Putz und Kohlepartikel, der Staat als eine Schule der Gifte. Die Elbe und all ihre Nebenarme schlammgrau. Kohleberge auf dem grauen Pflaster der Trottoirs. Die Mauer war ja auch nicht mit Mosaikkunst der späten Sowjetunion verziert sondern ein grauer Block.

Der Kindergarten war kostenfrei, die Schulspeisung zwar zäher Griesbrei aus Leim aber dafür zu 30 Pfennigen zu haben, die Schule war umsonst und es gab keinen Singekreis und die Ferienspiele gingen sechs Wochen. Vor allem aber wusste man was man sagen durfte und was besser nicht. Dass die Nachbarin etwas schon wieder in Dresden gewesen sei und den Trabant nach nur mehr vier Jahren bekam, das konnte ruhig einmal auf den Tisch, aber das der Opa im Krieg auf den Russen geschossen hat, das behielt man wohl lieber für sich. Obwohl der Opa natürlich Recht hatte. Der hatte den Russen kennen gelernt. Natürlich war man nicht rechts, sondern man war auf Opas Seite. Auf welcher denn sonst? Überhaupt warum sollte die Welt denn bunt sein müssen? Es gab doch staatlich geprüfte Schlagersänger und das waren keine Rowdys wie die westlichen Kollegen, die auf Englisch jaulten, während doch in der DDR auf Deutsch gesungen wurde wie sich das gehört. Die Zeitungen des Staates zog man wohl eher selten zu Rate und man war es doch nicht anders gewohnt, als das dass ganze Leben nichts anderes war, als eine lange Linie der Wahrheitsbiegung,-unterdrückung, und der Überschreibungen, in der die DDR wirklich Weltmarktführer war. Dabei war die DDR auf der anderen Seite doch immer eine Welt der einfachen Wahrheiten. Niemand konnte behaupten, es sei kompliziert im Staat der für alle Lebenslagen eine Antwort und vor allem die richtige Antwort bereit hielt. Einfach und einprägsam. Jugendweihe als Menschwerdung. Frauen auch auf die Traktoren. Ins Erzgebirge ja, nach Dänemark, nein. Der Friede muss bewaffnet sein. Überall Feinde, mit den Klassenfeinden begann es ,aber wo ein Feind ist, sind auch viele imaginäre Gegner nicht weit. Mein grauer Delphin nannte Sarah Kirsch den sterbenden Johannes Bobrowski, der ging in der Poliklinik, in der alles umsonst war an einer Blinddarmentzündung ein.in Kessel Buntes lud zum Mitklatschen ein Das Bunteste was es gab war wahrscheinlich das Leipziger Allerlei. Aber auch das war ja meistens schon alle bevor man selbst an die Reihe kam. Das war unerfreulich, aber wenigstens war die Ordnung gewahrt. Diese Ordnung wurde von einer als unordentlich empfundenen Welt hinweggespült, die ihrerseits kein Ordnungsangebot machte, sondern über die Figuren, die in ihren unförmigen Anoraks nun in den Westen kamen,lachte. Aber man hat zu früh gelacht, denn Menschen, die Feuer nicht austreten, sondern anflammen, die Rettungswagen blockieren und neben Parolen auch Pflastersteine zu werfen wissen, denen vorzulesen, dass Bautzen doch bunt sei und bleibt, das erscheint mir als hochgradig naiv. Jemanden mit Hüpfburg und Straßenfest zu besänftigen, der das Gewaltmonopol des Staates in die eigene Hand nimmt, denn: „dass ist unsere Stadt“ heißt ja nichts anderes, als das diejenigen jetzt sich anmaßen, die Institutionen des Staates durch gewalttätiges Handeln abzulösen. Der Pflasterstein ist ja keineswegs nur Symbol, sondern auch Baumaterial. Die, die sich jetzt hier des Staates selbst entledigen, sie treffen auch wenn sie es nicht wissen-es kamen im Geographieunterricht der DDR und in Opas Geschichten ja nicht alle Länder vor- auf Menschen, die wie sie das staatliche Gewaltmonopol als nicht adäquat erleben, sondern mit denselben Mitteln zu agieren wissen, wie diejenigen die auf der anderen Seite des Marktplatzes stehen. Das ausgerechnet die Nachfolgepartei der SED zum bunten Miteinander aufruft, erzählt etwas davon, dass in Deutschland immer schon alles eine Geschichte hat, auch wenn die so gerne und so schnell wieder vergessen wird, wie es geht. Aber vielleicht wäre es an der Zeit den Grauschleier, so bunt er auch sein mag, einmal einzutauschen gegen eine schmerzhafte und keineswegs angenehme Analyse derjenigen, die klatschend und pfeifend zum Totentanz des Staates als Ordnungsmodell aufrufen.

12 Gedanken zu “Graue Wirklichkeiten

  1. Wenn ein substanzieller Teil der Bevölkerung das Gewaltmonopol des Staates nicht mehr respektiert, steht in der Tat das friedliche Zusammenleben auf dem Spiel. Dieser Gedanke macht mir Angst. Aber diese Angst sollte uns nicht den Blick darauf verstellen, dass sich hinter diesen grauen Gesichtern Menschen verbergen, die im Grunde nicht anders sind, als Sie, ich und alle anderen mit uns. Sie haben genau die gleichen universellen Bedürfnisse nach Liebe, Kontakt, Respekt, Verbundenheit, Kontrolle über das eigene Leben usw. wie wir alle. Wenn diese Menschen im öffentlichen Diskurs moralisch abgeurteilt werden („Dunkeldeutschland“, „Pack, das eingesperrt gehört“, „abstossend“) führt das zwar vermutlich dazu, dass Herr Gabriel sich für kurze Zeit besser – weil moralisch auf der richtigen Seite – fühlt, aber gleichzeitig verstärkt sich das Gefühl der Menschen, eben nicht Teil dieser Gesellschaft mit ihren Politikern, ihrer Presse und letztlich auch ihrer Polizei und ihrem Justizsystem zu sein. Insofern bin ich voll und ganz für Analyse, Diskurs und staatliches Gewaltmonopol, aber gegen moralische Werturteile in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung.

    • Ich glaube, man muss aufpassen, dass wir vor lauter verständnisvoller Analyse uns der Möglichkeit nicht berauben, die Sachen beim Namen zu nennen. Wenn wir die basket of deplorables, die es überall auf der Welt gibt, nicht mehr als solche bezeichnen dürfen, geben wir ein wichtiges Mittel aus der Hand, mit dem man gegen diese Strömungen hätte vorgehen können. Am Ende wird der, der die beste Analyse hat, dafür wegen der damit einhergehenden moralischen Werturteile mehr kritisiert, als die, die zur Kritik Anlass gaben. Die werfen einem vor, sie beschimpft zu haben! Umso schlimmer für die Analyse, wenn sie stimmt! Das ist ja gerade das unfaire, dann kann man sie ja gar nicht widerlegen! Getretene Hunde bellen und tun so, als ob sie das moralische Überwasser behalten hätten. Sie sind doch auch nur Menschen mit universellen Bedürfnissen! Nein. So einfach darf man es denen auch nicht machen

      • Alles sehr richtig, ich glaube aber, dass man sich da schnell in Scheingefechte begibt, die an der eigentlichen Problematik vorbeiführen begibt. Der Ausruf Bautzen bleibt bunt, ist doch eine Chimäre und ich glaube es reicht nicht sich die Wirklichkeit anders zu wünschen als sie ist, sondern wenn der Staat die Ordnung nicht mehr herstellen kann, dann scheint es mir angebracht wirklich einmal intensiv über die dort versammelte mentalité nachzudenken und Konzepte zu entwickeln, denn das die Polizei dazu degradiert wird, Begleitschutz zu bieten scheint mir nicht ausreichend und ich finde es erstaunlich, dass man glaubt Nazi zu rufen, löst das Problem- eben nicht, sondern kann doch nur der Beginn sein, sich mit dem Problem, das völlig veränderte Wirklichkeiten existieren, in denen Bürger die Stadt zurückfordern auseinanderzusetzen. Ich sehe da wenig Denkangebote. Ein Fest zur Völkerverständigung glaube ich reicht nicht um das, was da konstruiert wird aufzulösen.

        Natürlich haben Sie Recht, dass es nicht hilft Leuten die lachend Flammen legen als Menschen mit Sorgen in der Nacht zu bezeichnen.

        Ich profitiere und das freut mich wirklich zu sagen, immer sehr über die Kommentare, die immer bedenkenswert sind. Vielen Dank.

      • Nun, es sind jedenfalls keine Hunde. Aber sobald wir sie als solche bezeichnen, erscheint plötzlich als angemessen, wenn sie mit Füssen getreten werden.

    • @Stephan Danke! Ihr Punkt ist natürlich so notwendig wie berechtigt. Mir erscheint die moralische Abqualifizierung auch zu simpel. Ich teile aber Ihre Schlussfolgerung nur zu teilen, denn ich glaube tatsächlich, dass es notwendig wäre über eine mentalité nachzudenken. Das ist es auch was ich mit grau meine, das sind Kollektive, die sich selbst gar nicht in dem Diskurs sieht, sondern an diesem gar nicht mehr teilhaben will und darum die Ordnungsmacht übernimmt. Es ist doch die Herausforderung der Ordnung selbst, die ist ja nie links oder rechts, sondern institutionell als Teil eines demokratischen Staatswesens präsent. Es scheint mir deswegen lohnender nicht Pack zu schreien, sondern zu überlegen, warum die staatliche Ordnungsmacht so unter die Räder gerät wie sie es dort tut. Moralische Überlegenheit glaube ich hat nichts mit dem Problem an sich zu tun. Sprich, es geht um die Frage nach einer mentalité, die durchaus eine sehr deutsche Vorgeschichte hat, die aber im öffentlichen Diskurs kaum aufgegriffen wird. Dass man sich hüten soll zu den einzig Gerechten zu zählen und es sich einfach zu machen, ist verführerisch, aber wie Sie sagen, wenig versprechend.

      • Anders gesagt: wo soll die Affinität zu Rechtsstaatlichkeit und Demokratie auch herkommen nach 56 Jahren Diktatur? Aber gerade deshalb wäre es doch so wichtig, die Leute auf demokratische Weise einzubinden. Selbst wenn – oder vielmehr: gerade wenn uns nicht gefällt, was sie sagen und tun.
        Aber natürlich ist der Staat in der Pflicht einzuschreiten, sobald es zur Anwendung von Gewalt kommt.

  2. Vielleicht treffen ja die beiden Hinweise auf das groteske „Bautzen bleibt bunt“ und auf die „56 Jahre Diktatur“ (Stephan) wirklich den Schnittpunkt der Situation, der Geschichte.

    Einer Stadt mit „Käse in gelben Plastikeimern“, mit Menschen, die in ihrem Leben nie einen wirklichen Gemüsemarkt (mit der Fülle der Gärten und Felder) erleben konnten, wie so vieles andere auch nicht.

    Die – im Schatten von Bautzen II, dem großen Ungeheuer – nie etwas besaßen, als das wenige, das man ihnen beließ in den beiden Diktaturen (und der darauf folgenden Wendezeit). Nichts als dieses wenige und ihren unmittelbaren Lebensraum, ihre Stadt B., so grau, verfallen und was die Luft betraf, so verpestet sie auch immer war.

    Die jetzt das Gefühl haben, auch den teilweise noch verlieren zu müssen, wie den grauen Markt ihrer grauen Stadt, auf dem neuerdings ihren Frauen und Töchtern Sätze und Worte hinterhergerufen werden, für die die Bezeichnung ‚anzüglich‘ nur eine vage und grobe Umschreibung ist.

    • Einer Stadt mit “Käse in gelben Plastikeimern”, mit Menschen, die in ihrem Leben nie einen wirklichen Gemüsemarkt (mit der Fülle der Gärten und Felder) erleben konnten, wie so vieles andere auch nicht.

      Bei Ihnen klingt das so, als hätte in der DDR niemand einen Garten gehabt, dabei soll es dort doch 3,4 Millionen Datschen gegeben haben und „die weltweit höchste Dichte an Gartengrundstücken“. Zugegeben, Bananen und Orangen wuchsen auch dort nicht. Aber doch recht viel anderes Obst und Gemüse.

      Wie alt sind denn die, die da heute rechtsradikale Parolen brüllen, zuschlagen oder zündeln? Kennen die überhaupt noch das graue Bautzen ohne Bananen aus eigenen Erleben?

      Die – im Schatten von Bautzen II, dem großen Ungeheuer – nie etwas besaßen, als das wenige, das man ihnen beließ in den beiden Diktaturen (und der darauf folgenden Wendezeit).

      Ach, so arm waren die Menschen in der DDR nun auch nicht, man denke nur an die Preise für einen Trabant. Neu kostete er 1985 zwischen 8.500 und 9.700 Mark – das musste man sich auch erst einmal leisten können, bei den Monatslöhnen. Konnten aber genügend Leute, die Wartelisten waren endlos lang, deshalb kostete er gebraucht auch mehr als neu.

      Tut mir leid, aber die Erklärung, die Pegida- und AfD-Unterstützer seien alles arme Hascherl und würden deshalb Pegida und AfD unterstützen, zieht nicht. Sie stimmt nämlich nicht. Man weiß längst, dass die Mehrheit von denen sehr wohl Arbeit hat, nicht auf Hartz IV-Niveau lebt und männlich ist.

      Die jetzt das Gefühl haben, auch den teilweise noch verlieren zu müssen, wie den grauen Markt ihrer grauen Stadt,

      2002 war ich mit der besten Freundin mal auf Stippvisite in Bautzen. Grau waren die Stadt und der Marktplatz aber nicht, sonden es wirkte wie in vielen Städten in Ostdeutschland eher alles ein bisschen wie Disneyland, weil viele Gebäude gleichzeitig renoviert worden waren. Grau mögen aber die Gehirne, Gedanken und Herzen etlicher Menschen dort sein.

      Einige Cousins meiner Mutter leben wieder dort, in den 1990ern gingen sie zurück in die Stadt ihrer Geburt. Einer davon saß im Gelben Elend, bis ihn die DDR in den Westen verkaufte. Dort studierte er und wurde Anwalt. In Bautzen begegnete er bei Gericht mitunter wieder seinem ehemaligen Stasi-Vernehmer, der sich nach der Wende als Anwalt selbstständig gemacht hatte. Der Stasi-Typ, der ihn verhörte, war damals Anfang bis Mitte 20, nur wenige Jahre älter als der Cousin. Nach den Verhören schrieb der auch eine charakterliche Beurteilung, die jener Cousin später in seiner Stasi-Akte las. Er und mindestens einer seiner Brüder engagieren sich dort politisch, von daher weiß ich auch, dass das Problem mit den Rechten in Bautzen nicht neu ist. In Bautzen saß die NPD schon 2004 im Stadtrat, da war von Flüchtlngen dort weit und breit nix zu sehen.

      Schon 2014 terrorisierten und attacktierten die Rechten sorbische Jugendliche über Monate. Sie kamen stets in Gruppen und trugen Sturmhauben, siehe mdr-Beitrag. Von den mutmaßlichen Tätern marschierten später auch welche bei der Demo gegen ein Flüchtlingsheim mit. Obwohl die Attacken auf junge Sorben 2015 aufgeklärt wurden – die mutmaßlichen Täter waren übrigens laut FAZ zwischen 18 und 21 Jahre alt, mithin haben sie die DDR selbst gar nicht mehr erlebt -, ließ der Prozessbeginn im Frühjahr 2016 immer noch auf sich warten. „Der Grund: personelle Überlastung der zuständigen Staatsanwaltschaft. Die Anzahl an Staatsschutzverfahren sei aktuell sehr hoch und auch der erhöhte Informationsbedarf des Landtages zu den genannten Verfahren binde den zuständigen Staatsanwalt.“ (Quelle: mdr).

      Lange Rede, kurzer Sinn: Dass in Bautzen wie im übrigen Sachsen die Rechten und Rechtspopulisten so stark sind, ist ein strukturelles, politisches Problem und es besteht schon seit den 1990ern.

      • @ arboretum

        Vielen Dank.

        Ich könnte lange und sehr detailliert auf Ihre Ausführungen antworten und dabei darzulegen versuchen, wie ich einer Reihe davon durchaus zustimme kann, einer ganzen Reihe davon aber nicht, weil Sie gar nicht selten Behauptungen zu entkräften versuchen, die von mir gar nicht aufgestellt worden sind.

        Ich tue dies aber nicht, weil meine Bemerkungen dann wohl noch länger werden müßten als die Ihren, vor allem aber deshalb nicht, weil ich diesen Blog viel zu sehr liebe.

        Nur auf eines möchte ich bitte eingehen dürfen: Sie schreiben: “ […] so arm waren die Menschen in der DDR nun auch nicht“.

        Glauben Sie mir bitte – ich kenne die DDR recht gut.
        (Das ist, aber wem sage ich das, eine ganze Menge Holz.)
        Und so kenne ich beispielsweise die Geschichte eines Klassenkameraden, bei dessen Vater kurz vor der Währungsunion ein Bekannter vor der Türe stand mit zwei Plastiktüten, in denen sich jeweils 500.000 DDR-Mark ‚Schwarzgeld‘ befanden. Letzterer war Fleischer in der Großstadt, die später Read on says Großmutter aufsuchte, um ihre Stasi-Opfer-Akte einzusehen.
        Nicht nur die meisten Fleischer waren in der DDR sehr, sehr reich.

        Viel mehr aber waren arm, nach heutigen Verhältnissen wirklich arm.
        Nicht nur die Mindestrentner.
        (Die nicht von Kaffee sprachen, sondern von Bohnenkaffee …)
        Sie konnten aber davon leben, wie man so schön sagt, denn die Wohnungsmieten waren unvorstellbar gering und die Grundnahrungsmittel äußerst preiswert.

        Und da dazwischen gab es noch eine ganze Menge, da haben Sie vollkommen recht, die fuhren einen PKW der Marke Trabant und waren weder sehr reich noch sehr arm.

        Viele von denen hatten (und haben) tatsächlich einen kleinen Schrebergarten und konnten dennoch bis heute „nie einen wirklichen Gemüsemarkt (mit der Fülle der Gärten und Felder) erleben“.

        Und so hingen und hängen die Weintrauben in diesen – heutzutage bunt angemalten und dennoch grauen – Städten bis heute mitunter nach wie vor sehr hoch …

  3. Ich bin mir nicht sicher, ob das was in Bautzen und ja nicht nur dort passiert als eindeutiges Aktion-Reaktion-Schema einzugliedern ist. Ich sehe natürlich Ihren Punkt des diffusen „Wegnehmens“, aber diese Straßenschlachten dort scheinen mir nur vordergründig mit dem Asylthema zusammenzuhängen. Frank Schirrmacher hat sinngemäß im Taumel des Sommers 2006 gesagt, dass für diesen Partypatriotismus irgendwann ein Preis fällig werde. Dies scheint mir hier der Fall zu sein. Das was ich hier als graue Mentalität beschreibe hat glaube ich etwas damit zu tun. Es gibt übrigens auch keinen Rechtsanspruch auf Gerechtigkeit über all diese Themen aber finde ich, müsste einmal jenseits der Wunschvorstellungen, dass es doch bitte so zu sein hätte, wie es nicht ist, gesprochen werden.

    Die Sanktionierung unerwünschten Verhaltens obliegt bekanntlich ja dem Staat und in Bautzen gibt es offenbar eine nicht ganz kleine Gruppe verschiedener Couleur, die staatliche Sanktionierung in Satisfaktionsfähigkeit ummünzt.Sprich, dass jemand mich Judenschwein heißt ,muss ich nicht schön finden, aber es berechtigt mich nicht dazu, nun meinerseits mit der Faust auszuholen.
    Da scheint mir doch wirklich Diskussionsbedarf zu bestehen, denn mich interessiert tatsächlich wie sich diese Leute, Deutschland aber auch den Staat an sich eigentlich vorstellen? Faustrecht für alle?

    • Die Frage, wie die Bautzener Schläger sich ein funktionierendes Staatswesen vorstellen, wenn sie sich gleichzeitig zur Lynchjustiz ermächtigt fühlen, ist berechtigt, geht aber doch an der Sache vorbei. Rechtsstaatlichkeit und staatliches Gewaltmonopol sind ohne Zweifel große zivilisatorische Errungenschaften, aber der Firnis der Zivilisation ist extrem dünn – wem erzähle ich das… Was die Gesellschaft zusammenhält sind kulturelle und sprachliche Identität und die Identifikation mit einer gemeinsamen Tradition und Geschichte. Demokratie und Menschenrechte gehören für Westdeutschland eventuell dazu – sofern man den „Verfassungspatriotismus“ nicht für eine ähnliche Chimäre hält wie „Bautzen bleibt bunt“. Aber für Ostdeutschland?

  4. Ich finde es unfassbar, das heute in Deutschland so eine Beschimpfung stattfindet. Ein respektvoller Umgang sollte jeder Mensch mit jedem anderen pflegen – denn wir sind alle Menschen…egal wie reich oder arm, das Leben an sich ist schon schwer genug, aber andere dafür zu beschimpfen, zeigt mir nur, wie wenig die Menschen mit dem eigenen Leben zufrieden sind. Deren Leben wird aber nicht besser, in dem sie andere angreifen und beschimpfen. Warum die das nicht selbst einsehen, ist mir ein Rätsel.

    Ich schäme mich als Deutsche dafür…unser Grundgesetz lehrt uns zurecht was anderes.

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