In Berlin

Ein später Sommer liegt über der Stadt. 27 Grad sind es in Berlin als ich lande. Auf dem S-Bahn Gleis streiten sich zwei Flaschensammler. Sie tragen prall gefüllte Plastiktüten mit sich herum und beäugen misstrauisch jeden Reisenden als hätten wir etwas zu verbergen oder als rückten wir aus purer Gemeinheit die Flaschen nicht heraus. Es geht um ältere Rechte. Aber geht es darum nicht immer? Ein Mädchen mit langen weizenblonden Haaren trinkt Wasser aus Fiji in langsamen, abwägenden Schlucken. „Etwas anderes könne man gar nicht trinken“, sagt sie zu ihrer Freundin, die etwas neidisch auf das kostbare Wasser starrt. Außer natürlich Champagner. Die beiden kichern. Die Flaschensammler aber mustern sie nicht weniger geringschätzig als mich, die ich ohne Flasche auf dem Bahnsteig warte. Im Pfandsegment scheint das Fijiwasser keine herausragende Rolle zu spielen. Dann kommt die Bahn. Die Bahn ist voller Menschen, die ihre Fahrräder mit in die Bahn pressen. Die Fahrräder werden von Jahr zu Jahr größer und schwerer, glaube ich. Die Männer und Frauen, die damit nun hinaus ins Grüne fahren, wo ich wohne, vergleichen Preise, Material und fummeln mit ihren Pulsuhren. Mein Wunder über diesen Aufwand für eine Runde um die Berliner Seen, vermag sich kaum zu legen,wenn Sie doch wenigstens über die Berge führen, aber sie befühlen lieber ihre Reifen auf den genau richtigen Druck.

Im Supermarkt streiten eine junge Frau und ihr Freund. Es geht um die Wahl des richtigen Energydrinks und es geht natürlich ums Ganze. „Was hast Du?“, fragt sie wieder und wieder den Mann an ihrer Seite, der unschlüssig abwägt vor dem Regal welche der bunten Dosen, den richtigen Energiegehalt hat- „Pardon“ sage ich, denn ich muss an den beiden vorbei, um Gemüse zu wiegen, da dreht sie sich um und schreit in meine Richtung: „ So sind sie die Männer.“ Aber ich sehe nur die Frau mit ihren struppigen Haaren und dem ausladenden Gebiss und will nicht mehr wissen, nicht von ihr, nicht von ihm und von Energydrinks schon gar nicht. Die Straße aber, in die ich dann endlich einbiege, liegt still in der Mittagssonne, liegt schlafend da und das Laub knackt schon unter meinen Füßen. Die Eichhörnchen klettern die Kiefern hinauf, auf dem Gehweg schläft eine bunte Katze, die Nachbarin winkt und ruft mir etwas zu, was ich nicht verstehe, ich nicke trotzdem und schließe endlich die Wohnungstür auf. Still ist es hier, noch stiller als auf der Straße, bevor ich aber die Wäsche ansetze, die Sachen in den Kühlschrank lege und den Gartenschlüssel vom Bord nehme, lehne ich einen langen Moment im Türrahmen und sehe auf die vertrauten Bücherstapel, den alten Perserteppich, die Pfefferminze am Band in der Küche, die fette Henne auf dem Balkon und frage mich was man eigentlich sieht, wenn man sein Leben aus der Distanz, wenn auch nur aus einer Kurzen betrachtet und ob nicht in dem was wir sind, nicht immer schon die Möglichkeit liegt, dass hier in dieser Wohnung auch jemand ganz anders, ein Schriftsteller zum Beispiel wohnen könnte, der scharfe, schwarze Zigaretten raucht und morgens Gymnastik macht auf dem Balkon oder eine Lehrerin mit welligem Haar und einem kleinen Hündchen und nicht zuletzt auch das Paar aus dem Supermarkt, dass sich hier weiter stritte, über das Ganze oder auch Nichts. Dann aber klingelt das Telefon und als ich rangehe, sagt Schwesterchen: „Ach endlich bist Du da, ich wollte Dir noch sagen…“

3 Gedanken zu “In Berlin

  1. Die Existenz von Fijiwasser war mir bisher unbekannt, aber jetzt muss ich mich doch sehr wundern. Vor allem, wenn man bedenkt, dass es anscheinend mit umweltverschmutzenden Verkehrsmitteln hertransportiert werden muss. Moderne Perversionen.

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