Britannia’s Glory

Neben mir in der Kirche, dritte Bank von links mit gutem Blick auf das Ensemble das seine Instrumente auspackt, setzen sich zwei ältere Damen. Sie riechen nach Patchouli und unverkennbar weht ein Hauch von Brandy zu mir herüber. Sie tragen Tweed und halten ihre Nasen so hoch sie können. Ich bewundere die Geige aus Cremona. 1690. Sie vergleichen Todesdaten und keckern über Scheidungen und geplatzte Hochzeiten. Ihr Akzent hat nichts Irisches, sondern die beiden Damen neben mir auf der Kirchenbank lästern auf Englisch. Ich schließe die Augen, denn für einen kurzen Moment scheint die Sonne durch die bunten Kirchenfenster und taucht alles in goldenes Licht. Dann aber beginnt das Kirchenschiff zu summen und alles ist voller Musik. Haydn zunächst. Haydn, der sich aufmachte, 58 Jahre alt war er da schon, um in London neu anzufangen. Haydn schwingt sich durch das Kirchendach und ich mache die Augen auch dann nicht auf als die beiden Damen mit Bonbondosen klirren und in ihre Taschentücher bellen wie zwei alte Pudel. In der Pause sind keine Verwandten, die es durchzuhecheln gibt mehr übrig. Dafür kommt jetzt die hohe Politik auf den Tisch oder besser die Kirchenbank? Theresa May sieht unmöglich aus, aber Boris Johnson finden Sie sei ein adretter Junge. Dann mosern sie weiter und wühlen in den Handtaschen, ob dort wohl ein kleines Brandyfläschchen aus den Tiefen geborgen werden kann? Ihnen kann es mit dem Brexit nicht schnell genug gehen. Dann seufzen sie tief und betrauern „Old England.“ In „Old England“ glaubt man den älteren Damen trugen die Herren Seitenscheitel, zitierten Byron und hielten die Türen auf. Die Städte waren sauber und voller Familien. Die Kinder plärrten nie und nach ihrem Befinden befragt, knicksten artig. Auf dem Kuchenbasar der Kirchen gab es kein so neumodisches Zeug wie Tiramisu, sondern das gute, alte staubige Shortbread. Fish’n’Chips war in Zeitungspapier gewickelt und das Pfund war seinen Namen wert. Die beiden Damen nicken sich aufmunternd zu. Alles, wirklich alles war besser. Sex hatte man aus Fortpflanzungsgründen und auf keinen Fall aus Spaß an der Sache, das ist doch klar. Im Fernsehen gab es nicht so viele nackte Weiber und im Radio lief nicht diese blöde Musik. Das Wetter war besser und die Röcke länger, beim Bingo gewann man selbst und nicht die Nachbarin aus Pakistan, niemandem musste man Whist erklären, Prinz Charles war mit Diana verheiratet und die Zementfüllungen des Zahnarztes hielten ein Leben lang- und manchmal sogar noch länger. Die beiden alten Damen seufzen verzückt bei der Erinnerung an die glorreichen Zeiten. „Ach hätte man nur „Old England“ wieder, ach sähe man nur ein Stück des „Old England“ wieder“, seufzen sie ganz herzzereissend- vielleicht schwören sie dann ja auch dem Brandy ab? Bevor sie fortfahren können, beuge ich mich vor. „Entschuldigen die Damen“, sage ich, aber ich hörte wie Sie über „Old England“ sprachen.“ Die Damen nicken mir zu. „Sehen Sie dort drüben sage ich dort hängt ein Stück des wahrhaft alten Englands. Und ich zeige hinüber zum Epitaph an der Kirchenwand und lese ihnen vor:

img_0305

 

„SACRED TO THE MEMORY OF TWO GALLANT BROTHERS

THE BELOVED SONS OF THE REVEREND MAC DONELL

CHARLES EUSTACE MAC DONNELL

CAPTAIN AND BREVET MAJOR IN H.M. 29TH REGIMENT

HE SERVED IN THE CAMPAIGNS OF THE SUTLEDGE AND THE PUNJAUB

AND FOUGHT IN THE BATTLES OF FEROZESAH, SOBRAGON, CHILLIANWALLAH AND GOOJERAT,

HIS HEALTH SANK FROM THE EFFECTS OF THE CONTINUED SERVICE UNDER THE SUN OF INDIA AND FROM A SEVERE WOUND RECEIVED IN STORMING THE ENTRENCHED CAMP AT SOBRAON

HE EXPIRED AT CHATHAM, AUGUST 5TH 1853, AGED 29 YEARS OLD.

„Sehen Sie sage ich, dort liegen die Kinder des alten Englands begraben. Als halbe Kinder noch zogen sie nach Indien und wurden schneller von den Illusionen beraubt als von den Läusen und Parasiten befallen. Die Schlacht von Chillianwallah meine Damen, sage ich, die im heutigen Pakistan stattfand, zählte selbst unter den kolonialen Schlachten zu den Blutigsten ihrer Art. 1848, da versuchten die Europäer sich in Demokratie, da fielen 1000 britische Buben in den staubigen Sand und über 4000 Sikh verloren ihr Leben. Nur sie vergisst man noch schneller, weil sie keine Epitaphe in Kirchen erhalten, sondern die Geschichte über sie hinwegwischte, wie mit einem alten Tafellappen. Die Liste der Toten lässt sich lange und weiter fortsetzen, bis in die letzten Winkel der Welt, in die die Arme „Old Englands“ reichten. Da liegen sie die einen wie die anderen mit dem Brief vom Liebchen vielleicht noch in der Hosentasche und einer oft nur noch verschwommenen Vorstellung von dem was England eigentlich war. Wer weiß schon was aus ihnen geworden wäre? Trinker und Schläger oder Zirkusbesitzer? Liebende Väter oder doch nur traumatisierte Männer? Hochschullehrer oder Obstbauern? Begabte Tänzer oder mittelmäßige Cellisten? Vielleicht wären sie sehr froh darum zu wissen, dass ihre Kinder einfach in Stockholm studieren oder in Italien einen Laden für Schurwolle eröffnen können, als in der Armee Zuflucht und Karrierechancen suchen zu müssen. „Old England“ sage ich zu den Damen, die mich entgeistert anstarren, hat ihnen nie die Chance gegeben es herauszufinden. Die beiden alten Damen sehen mich noch immer völlig perplex an. Selbst ich würde ihnen jetzt fast einen Drink offerieren, aber ich gehe lieber ins Bad mir die Hände waschen. Als ich in die Kirche zurückkomme, ist die dritte Bank vorn links verwaist. Die beiden alten Damen haben sich in die hintere Ecke des Kirchenschiffs verzogen. Fern von mir und fern des Epitaphs sitzen sie nun. Ich verschweige ihnen höflich, dass auf der Rückseite der Kirchenbank lauter Gedenkplaketten für die in vielen weiteren Schlachten zwischen Rangoon, Lahore und Mombasa umgekommenen Kinder des glorreichen „Old England“ angebracht sind. Ich bin ja nicht gemein.

6 Gedanken zu “Britannia’s Glory

  1. ach ich schätze es so sehr, wenn man höflich, in ruhigem Ton, wirklich böse kontern kann.
    Ich übe das ja schon viele Jahrzehnte, gegen meinen Jähzorn anzugehen, denn der macht einfach hässlich und lässt einen blöd da stehen. Das wollte ich eigentlich alles gar nicht schreiben, sondern nur….. wie gut mir Ihr eingefangener Moment gefällt.
    (Mögen die beiden alten Damen sich in Brandy ersaufen, denn das neue old england werden sie eh nicht ertragen)

      • Ich wünschte ich könnte einfach mal ruhig sein. Ich kann das nicht gut und rede immer schneller und ich glaube auch wirrer. Mein bisher schlimmstes Erlebnis in diesem Zusammenhang: Ich bin einem Laden in Berlin mal einen Mann angegangen, der seine Frau an den Haaren riss, weil sie nicht wollte, dass er Bier kauft und als ich dazwischen ging, schlug er mich gleich mit nieder…..

    • Ich fürchte die alten Damen haben schon lange an nichts mehr Freude, sondern gefallen sich nur noch in Hässlichkeiten. Ich finde ja es ist ein Phänomen- und vielleicht ein unterschätztes?- wie ältere Damen trinken. Hier ein Eierlikör, da ein Brandy, da ein Gläschen zum Einschlafen…

      Ich kann nur nie aufhören zu quatschen…

  2. Mir gefällt es, wenn Sie den Mund nicht halten können.
    Mann muss schon fragen, welches früher die Leute meinen.
    Das mit den Krankenhãusern ohne Antbiotika und ohne Chemotherapie, aber mit Schwindsucht, das mit den Geschãften ohne Ware, oder das, in dem man nur bei Nacht Radio hören konnte und nicht lesen durfte, was man wollte.
    Die Damen wünschen sich ihre Jugend zurück, und eigentlich auch ihre Naivität.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s