Haut und Knochen

Morgens im alten Frotteebademantel und den in Indien geflickten Birkenstocksandalen vom Oberland ins Unterland laufen. Lieber nicht mein Spiegelbild im Laden des Krämers und seiner Frau besehen. Eine der ersten Lektionen: als Außenseiter hat man ungeahnte Freiheiten. Nicht immer sind sie so offensichtlich wie am Sonntag in aller Frühe. Kalt ist das Wasser, weißer Schaum und ein hartes Grau gegen meine Beine. Unter Wasser und dann schlagen die Wellen über meinem Kopf zusammen. Für 30 oder 300 Sekunden vergesse ich wer ich bin. Allein für diese lange Sekunde lohnt es sich schon, das kalte Wasser und das harte Grau. In den Bademantel gewickelt zurück ins Dorf. Die Frau des Krämers lehnt aus dem Fenster: „Read On“ sagt sie, „dass ist doch verrückt was Sie da machen.“ Ich winke ihr zu. „Schöne Blumen haben Sie da Frau des Krämers.“ Die Frau des Krämers schüttelt ihren Kopf.

Zurück bei mir im Oberland verscheuche ich die Katze vom Sofa und krieche unter das wollene Plaid. Noch einmal schließe ich die Augen als ich sie wieder öffne, klopft es an der Tür. Es ist der Tierarzt, der dort im Rahmen lehnt. Groß und mager und so unendlich schmal. „Kann ich reinkommen“, fragt er und nach kurzem Zögern nicke ich. Inzwischen trage ich immerhin eine alte Yogahose und ein noch älteres T-Shirt mit einem aufgedruckten verwaschenem Frosch. „Danke“ murmelt der Tierarzt und lehnt in der Küchentür. „Read On“ sagt er kannst Du Recht haben und trotzdem aufhören wütend auf mich zu sein?“ Erklär es mir doch würde ich gern sagen, aber so atme ich ein und wieder aus und drehe mich zu ihm um. „Ja“ sage ich und nicke dem Tierarzt zu. „Hast Du etwas gegessen?“, frage ich ihn. Der Tierarzt schüttelt den Kopf. „Gestern?“ frage ich wieder und wieder schüttelt der Tierarzt den Kopf. „Rührei?“ sage ich und der Tierarzt nickt. Während ich Tee aufsetze, Toast buttere, die Eier verquirle, Marmelade aus dem Kühlschrank nehme, Tomaten viertele und nach dem Käsemesser krame, erzählt mir der Tierarzt vom Farmer zwei Dörfer weiter, der aufgibt, wie so viele, die mit Landwirtschaft seit Jahrzehnten schon nur noch Verluste machen. 1982 habe er zum letzten Mal schwarze Zahlen geschrieben, sagt der Tierarzt und wir beide schütteln den Kopf. Dann ist das Rührei fertig und der Tierarzt gießt uns beiden Tee ein. Ich wärme mir die kalten Hände an der Tasse auf und sehe den Tierarzt an, der konzentriert mit der Gabel in das Rührei fährt. Der Tierarzt, der so dünn ist als sei er sein eigener Schatten. Die Haut, die dünn über den Knochen liegt und die sich der Schlüsselbeinknochen nur schwer erwehren kann, so hart drücken sie gegen die dünne Membran. Ich weiß noch als wir uns kennenlernten und der Tierarzt noch viel schneller aß als er  es heute tut, bevor er aufstand um im Bad alles zu erbrechen. Mein erster Besuch bei ihm zu Hause. Im Kühlschrank nichts weiter als säuberlich gestapelte Coke Light-Dosen. Später dann als er mir die Notizbücher zeigte. Säuberliche Tabellen, mit Gewichtsabnahmen, der dokumentarische Beweis den Körper und schließlich sich selbst zerbrechen zu können. Die letzte Spalte notierte auf das Gramm genau den Wochensieger: ihn oder seine Frau. Der Wettbewerb um das letzte Gramm. Als er schließlich den Stift nicht mehr halten konnte, um das Wochenergebnis zu vermerken, zog sie aus und hungert nun woanders weiter. Ich röste Toast und schiebe ihm das Marmeladenglas zu, bevor ich zur Gabel greife und das Rührei salze.

Später liegen wir auf dem Sofa und sehen den Schiffen zu, die langsam vorbeifahren. Containerschiffe und Ausflugsdampfer, Segelyachten und Motorboote, Windsurfer und Fischerboote. Dvorak liegt auf dem Plattenspieler und über die Cypresses  schläft der Tierarzt ein. Noch immer ist Essen so anstrengend wie ein Marathonlauf.

Als er wieder aufwacht ,spielen der Priester und ich Schach. Der Tierarzt holt sich Apfelkuchen aus der Küche und murmelt „der ist gut“ aber ich weiß, dass es nicht zufällig so klingt wie „bist du mir wieder gut.“ Ich nicke, dann drückt der Sturm die Fenster zu und ich setze noch einmal Teewasser auf.

11 Gedanken zu “Haut und Knochen

    • Da geht es mir wie Ihnen, liebe Frau meertau.
      Diese selsbtverständliche Leichtigkeit der Sprache bei den allerschwersten Themen.
      Mir gefällt auch das Denken, das Empfinden, der Mensch, der sich dahinter verbirgt. Der,warme, der anteilnehmende, der kluge Blick.

      Kurz: ich lese Ihr Blog immer wieder mit großem Gewinn und Genuss, Frau Read on.

  1. Da müssen Sie nun also bis nach Irland ziehen, um den Hungerkünstler zu treffen… Finden Sie nicht, dass Sie es mit Ihrer Kafka-Verehrung etwas zu weit treiben?!

    (Vielen Dank für den atemberaubend schönen Text!)

    • Meine Kafka-Verehrung kennt keine Grenzen und Kafka versuchte ja auch beständig zu entkommen- warum nicht auch nach Irland. wovon der Hungerkünstler eigentlich erzählt ist bei Kafka wie immer eine spannende und schwierige Frage. Bei mir und bei vielen, die in diesem Blog vorkommen, geht es vor allem immer wieder um den Versuch nicht aufzugeben, jedenfalls nichts völlig und ganz.

      Vielen Dank-Ich bin Komplimente gar nicht gewöhnt, aber ich freue mich sehr und bin dementsprechend verlegen.

  2. Hat mich getroffen – warum? Muss ich noch überlegen.
    Die Sprache, die Geschichte.
    Ich hoffe, das iist zum größten Teil erfunden.
    (übrigens: Einer meiner Lieblingsblogs. Ich mag Rangllisten nicht.)

    • Ich mag Ranglisten auch nicht. Mir erscheint ihr Sinn auch sehr fraglich. Dies hier ist ein sehr kleines und privates Blog. Die Geschichten sind immer so wahr, für wie man sie hält. Betroffen sein, finde ich immer wichtig. Die Gleichgültigkeit scheint mir ein ewiges Übel. Man muss aufpassen auf sich und wenn man kann auch auf andere.

    • Der Tierarzt kämpft wirklich- aber nicht nur er, sondern auch wir und da ist im Grunde ein ganzes Dorf beteiligt, man muss aufpassen, dass dieser Kampf einen nicht mit sich verschlingt. Essstörungen bei Männern sind glaube ich noch immer ein unterschätztes Phänomen.

  3. So eine arme Socke.
    Essstörungen machen nicht nur den Kranken kränker sondern auch die anderen Menschen drumrum zu Beteiligten und Opfern. Alles Cokranke.
    Psychologisch eine sehr interessante Geschichte. Wir haben an der Schule solche Kinder und sind von Psychiatern und Erziehern informiert worden, wie man damit umgeht.
    Rührei ist jedenfalls eine gute Idee. Und Schiffe gucken mit Musik nach vorangegangenem Essen auch.

    • Ui an der Schule stelle ich mir das auch sehr schwer vor. Junge Mädchen können ja die Inquisition alt aussehen lassen mit ihren beinharten Bewertungen. Hier scheint mir ein springender Punkt zu sein: Ablenkung bis der Drang sich zu übergeben, nachlässt. Schiffe zählen hilft, glaube ich in fast allen Lebenslagen…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s