Die Verteidigung der Prinzessinnen

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Es steht nicht gut um die Sache der Prinzessinnen und wie schlecht es um die Prinzessinnen wirklich steht, habe ich vor drei Wochen selbst erfahren. Da besuchte mich nämlich das Nichtenkind in Berlin. Das traf sich gut, denn ich bin für den Schulranzen zuständig. Ein Schulranzen hat ja heute den Wert eines Kleinwagens, aber man soll nicht geizig sein im Leben und so zogen das Nichtenkind und ich los, um in einem großen und bekannten Kaufhaus einen Ranzen zu erstehen. Das Nichtenkind, das neben mir her hüpfte war angetan mit einem rosa Tutu, pinken Feenflügeln, einem bonbonfarbenen T-Shirt mit sehr viel Glitzer und neonpinken Sandalen, die beim Hüpfen rot blinken. Ich trug ein altrosa Kleid auf dem rosa Flamingos spazieren gehen, denn es war sehr, sehr warm. Das Nichtenkind und ich sprachen über den Minotaurus und dann sangen wir sehr herzhaft: Die Hölle von Helgoland .Das Lied kann ich ihnen vor Raubzügen Einkaufstouren sehr empfehlen. Bevor wir mit der Rolltreppe ins Untergeschoss fahren, zupft mich das Nichtenkind am Ärmel: „Du Read On“ sagt sie „ich darf mir wirklich ganz selbst aussuchen, was für einen Ranzen ich mag?“ „Unbedingt“, sage ich und erinnere mich daran wie das war, damals vor vielen Jahren, als ich das einzige Mädchen ohne Schulranzen, sondern mit einer Jute-statt-Plastiktasche war. „Unbedingt“, sage ich noch einmal und das kleine Mädchen mit den Feenflügeln stürmt durch die Gänge und sucht nach dem aller-aller-rosa-pinkfarbensten Ranzen den es gibt. Es gibt erstaunlich viele und wir probieren sie alle aus. Ich lege Bücher in den Ranzen, verstelle die Träger, und zusammen öffnen wir alle Fächer, die ein Ranzen so hat. Der Ranzen, dem das Nichtenkind am meisten zusagt, ist grellpink und hat sowohl ein Pferd als auch eine Prinzessin, obwohl so das Nichtenkind, er ruhig mehr glitzern könnte. Die Berliner Verkaufsmegäre indes macht ihrem Namen alle Ehre: Auf meine Frage, ob zum Ranzen auch Mäppchen und Trinkflasche zu erhalten seien, antwortet sie mit einem Schulterzucken: „Weiß ick doch och nicht“, sagt sie und sieht mich kopfschüttelnd an.Wenn sie mich fragen: „Ick find ja, dit is rausgeschmissenes Jeld, wa.“ Ich frage sie aber nicht, sondern probiere mit dem Nichtenkind noch zwei Ranzen zum Vergleich an. Aber der knallpinke Prinzessinnenranzen führt klar und ist außerdem erstaunlich leicht. Mit uns probieren ziemlich viele andere Mütter, Tanten und Großmütter Ranzen aus. Eine Mutter, die ein etwas herbes Gesicht hat und eine etwas sehr blökende Stimme stützt die Hände in die Hüften und krawallt uns an: „Sexistische Kackscheiße“ krakeelt sie und ich verstehe erst gar nicht was sie will. Dann verstehe ich was sie meint, denn sie zeigt auf das rosa-glitzernde Nichtenkind mit seinem pinken Ranzen. „Hören Sie mal sage ich, Kackscheiße ist aber sehr unfein.“ Aber die Frau ist nicht zu beirren: „Rosa ist Scheiße“ plärrt sie und nölt: „Pink Stinks! „Verboten gehört das, schreit sie weiter und dann pampt sie mich an: „Sie sehen schon aus wie so ne Prinzessinnenmutti“ und dann macht sie tatsächlich bäääääh. Ihr Bub indes steht mit großen Augen vor einem Ninjago-Ranzen, aber seine Mutter zieht ihn weg und hin zu den neutralen Farben. Da steht die Verkaufsmegäre, die sich jetzt ihrerseits auf einen Vortrag gefasst machen kann, denn die Frau blökt: Sexistische Kackscheiße, ich kauf das nicht. Die Verkaufsmegäre zuckt mit den Schultern. Neben mir steht ein Nichtenkind dessen Unterlippe verdächtig zittert. „Komm Süße, sage ich wir gehen bezahlen. Ich bezahle den Ranzen und kaufe für jeden von uns einen sehr großen pinken Lolli. Aus Protest sozusagen. Vor dem Kaufhaus steht eine Gruppe von Aktivisten, die „Keine Sexistische Kackscheiße mehr“ skandieren und Zettel verteilen, die zum Boykott von geschlechtergetrennten Spielzeug aufrufen. Als wir an ihnen vorbei laufen, kreischen sie wieder gegen „Prinzessinnen bäääääää“ „Komm „sage ich Süße und schiebe meine Nichte weiter, „wir fahren zu Faldon“ auf ein Eis. Die rosafarbenen Flügel hängen sehr weit unten und das Nichtenkind schiebt ihre Hand in meine und will trotz der Hitze auf meinem Schoß sitzen. „Warum mögen die keine Prinzessinnen, fragt das Nichtenkind ganz leise in mein Ohr?“ „Hör mal sage ich, die meisten Menschen wissen nichts über Prinzessinnen. Sie haben längst vergessen, dass nur Prinzessinnen die Erbse unter den Matratzenstapeln fühlen können. Die wenigsten Menschen können so tief fühlen und so tief mitleiden wie es die wahren Prinzessinnen vermögen. Prinzessinnen, aber fahre ich fort schlafen nicht leicht, weil sie die Ungerechtigkeiten der Welt nicht vergessen können. Ihr Königreich können nur diejenigen finden, die in der langen, ewig alten Ahnenreihe der Prinzessinnen stehen. Ihnen verwandt übrigens sind die Feen und Wassernymphen wie auch die Meerjungfrauen und die Geister, die in den Wiesen wohnen. Mit all ihnen teilen Prinzessinnen die Gabe, Dinge zu verändern, die andere weder sehen noch bewegen können. Prinzessinnen haben es auch deshalb oft schwer, dass andere die fern ihrer Königreiche leben über diese Fähigkeiten nicht verfügen, ja oft nicht einmal wissen, dass es ihnen an etwas gebricht. Dass andere nicht mit Blumen sprechen und keine Schatztruhen öffnen, noch ihr Herz für einen Frosch öffnen können oder gar unerbittlich das Böse gegen das Gute verteidigen, das wissen Prinzessinnen nicht und sind deshalb sehr oft allein. Dafür treffen sie Einhörner im Wald, haben die Telefonnummer überaus begabter Zwerge und können sich in allergrößter Not sogar auf ihr Haar verlassen. Prinzessinnen wissen wie man wieder aufsteht, selbst nach 100 langen Jahren verlieren sie nicht den Mut, niemand wusste Armeen so zu führen wie persischen Prinzessinnen, deren Tapferkeit und Standhaftigkeit noch heute selbst die hartgesottensten Soldaten zu Tränen rührt. Die Prinzessinnen behüten die großen Träume, kennen die verschlungensten Wege und haben die Schlüssel zu den am strengsten bewachten Türen. Sie wissen aber auch: Der Feind schläft nie. Prinzessinnen können die kleinsten Risse in Spiegeln wie in Seelen erkennen und sie sind fast immer gezeichnet von grausamen und verlorenen Schlachten. Immer schon sind sie auf den höchsten Zinnen der Burg, wenn die Offiziere wie Prinzen noch schlafen und immer sind die Prinzessinnen, ganz ohne Uhr, ihrer Zeit voraus. Niemand bewahrt die großen Traditionen so wie die wahren Prinzessinnen und es sind die Prinzessinnen die sich erinnern wenn alle anderen schon alles vergessen haben. Prinzessinnen haben immer ein Kleid zur Hand und sie wissen ganz genau wann man die Gummistiefel aus und die pinken Glitzersandalen anzieht. Das Wichtigste aber sage ich und ziehe den Kopf des Nichtenkindes noch ein Stück weiter zu mir heran, ist das Prinzessinnen niemals ganz und fertig sind, Prinzessinnen wachsen immer weiter ein ganzes Leben lang. Deswegen liegt ihrer großen Stärke immer auch eine große Zerbrechlichkeit inne.“ Aber das alles wissen die Leute, die gegen Prinzessinnen wettern nicht oder sie haben es lange schon vergessen.

Sehr ernsthaft sieht das Nichtenkind mich an, dann richtet sie ihre Feenflügel und wir steigen aus. Signore Faldon ruft: „Oh Signorina Read On sie haben heute die Principessa mitgebracht. Ich nicke und dann kommt die ganze Familie Faldon und bewundert die Feenflügel, das Tutu, die blinkenden Schuhe und natürlich den knallpinken Schulranzen. Zwei syrische Buben die mit Steinen am Straßenrand kicken, lade ich mit ein auf ein Eis und wir alle essen Eis natürlich mit Unmengen Glitzerstreusel obendrauf. Noch ein wenig später bringt meine Nichte ihnen Himmel und Hölle bei und die drei Kinder hüpfen in der Nachmittagshitze auf einem Bein über die Kreidezeichnungen.Die Buben lachen über die Grimassen, die meine Nichte zieht und tun es ihr gleich. „Wenn Du keine Prinzessin bist, Nichtenkind“, denke ich mir, dann weiß ich auch nicht weiter und sehe den Kindern beim Toben zu.

Es steht viel auf dem Spiel wird die Sache der Prinzessinnen nicht verteidigt. Darauf einen pinken Lolli.

28 Gedanken zu “Die Verteidigung der Prinzessinnen

    • Dieses Lied kann man vortrefflich grölen, echter Prinzessinnengesang also. Es ist glaube ich aus dem protestantischen Schleswig-Holsteinischen Kirchenliederbuch von 1924….

      • Ja, die Lutheraner…im reformierten Gesangbuch gibt es das nicht, da ist Paul Gerhardt das höchste der Gefühle: „Sünd‘ und Hölle mag sich grämen, Tod und Teufel mag sich schämen…“ (auch wenn Gerhardt ja Lutheraner war).

  1. Schwer zu ertragen, die aufdringliche Selbstgerechtigkeit dieser Demonstranten. Was zählen schon die Gefühle, Wünsche und Träume eines Kindes, wenn es doch um die große und gerechte Sache geht?! Mit den Feenflügeln ist den Demonstranten wohl auch die Leichtigkeit abhanden gekommen, das Leben so nehmen zu können, wie es kommt. Und wenn es wirklich nur das wäre: Ich würde ohne zu zögern auf eigene Kosten jeden einzelnen mit einem Paar ausstatten. Natürlich in Pink.

    • Es ist leider genau wie sie sagen. Mir sind Menschen ja zutiefst unheimlich, die sich gegen Prinzessinnen verschwören. Leider sind sie oft sehr, sehr laut und zertrampeln Feenflügel mit ihren Grobheiten. Ihren Vorschlag für einen Fonds zur Ausgabe von linken Fernflügen finde ich grandios und beteiligte mich natürlich sofort und ohne zu zögern.

  2. Eine kleine Ergänzung sei bitte erlaubt:

    „Prinzessinnen haben immer ein Kleid zur Hand“.

    Und wenn es „sehr, sehr warm“ ist, tragen sie „ein altrosa Kleid auf dem rosa Flamingos spazieren gehen“ …

    • So ist es. Nicht umsonst sagt man ja, dass als die Märchen noch jung waren in jeder Prinzessin auch ein Bär steckte. Man muss schon sehen wollen und nicht nur krakeelen.

  3. Wenn Sie die Situation der Prinzessinnen besorgt, dann wird Sie die Situation der Prinzen deprimieren. Dort sieht es sehr düster aus.

  4. Lieben Dank für diesen schönen und nachdenklichen Text. Mein etwas älteres Enkelkind ist auch so eine Prinzessin. Ich glaube, sie wird Ihren Text verstehen..wen sie ihn liest. 🙂

  5. Herrlich deprimierend. Solche Berliner muss es wohl auch geben. Sie ärgern sich über Prinzessinnen, wir ärgern uns über sie. Besser als wenn die AfD wählen, auch wenn das bei denen auch nicht ausgeschlossen sein dürfte

    • Es ist schon sehr obskur sich über Prinzessinnen zu erregen. Prinzessinnenverächtern glaube ich, ist alles zuzutrauen. Aber ich glaube die wählen eher den radikalen Tierschutzverein oder etwas ähnlich Obskures. Berlin macht es einem nicht immer leicht.

  6. Hmm, wir stehen jetzt auch vorm Ranzenkauf und ich hoffe sehr, dass er nicht allzu rosa-fee-ig wird, einfach damit er auch in der vierten Klasse noch gerne getragen wird. Und die Aufteilung der Kinderwelt in rosa und blau finde ich auch doof: Meine Töchter lieben zum Beispiel Feuerwehr und Baufahrzeuge, aber die entsprechenden Produkte sind so offensichtlich auf Jungen ausgerichtet, keine Chance. Und was ist mit den Buben, die gerne Schmetterlinge oder Pferde hätten? Die Sache der Prinzen hat derzeit wirklich kaum Fürsprecher …
    Aber ich würde NIEMALS einer offensichtlich echten Prinzessin 👑 den wunderbarsten Schulranzen der Welt als pinke Kackscheiße madig machen wollen. Zum Glück hat die Nichte die poetischste Tante der Welt, die alles wieder ins rechte Licht rückte. Ist sie immer noch verzückt?

  7. meine prinzessin hasste pink und rosa aus allertiefstem herzen – der sohn trug gelegentlich rosapinkorange, aber sie trug prinzessinengleich einen tigerfellranzen, auf dem ältere schüler gelegentlich das haupt betten durften und von prinzessinenhuld umwabert wurden, kicher…..

    • Der Tigerfellranzen! Nur eine wahre und echte Prinzessin kann solch einen Ranzen in wahre Insignien ummünzen. Chapeau und ich wünsche ihr von Herzen ein halbes Königreich.

  8. Pingback: Nicht mehr ganz so neu in meinen Lieblinks: Read on my dear, read on. | u1amo01

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