Angesichts der Zerstörung

Die ganze Woche kracht es und zieht zwischen meinen Rippen. Immer und immer wieder lese ich diesen Satz: 17 jüdische Gräber  sind in Belfast am vergangenen Wochenende zerstört wurden. Acht Jugendliche so liest man weiter, sind mit Hammer und Meißel auf die Grabsteine losgegangen, um sie auseinanderzuhacken, auseinanderzuschlagen und die Namen auszuradieren. Es knistert in meinen Rippen. Ich stelle mir das vor. Was sind das für Jugendliche? Fahren sie zusammen in den Baumarkt um Werkzeug zu kaufen und haben sie dann an Oma’s Gartenzwergen ausprobiert, welcher Hammer der Schlagkräftigste ist? Kippt man bevor man die Werkzeuge in einen Rucksack wirft noch ein paar Bier oder hört man Hitlerlieder? Fragt man Mama, Papa, Onkel, Tante und den Skinheadbruder um Rat? Oder gibt es inzwischen schon Youtube-tutorials gesponsert von den nimmermüden Antisemiten hier und dort? Es gibt auch in Belfast keine jüdische Gemeinde mehr. In den 1980er Jahren sind die meisten der in Nordirland lebenden Juden nach Israel, die USA oder mainland Britain emigriert. Natürlich hat man nicht versucht sie aufzuhalten. Darin sind sich die ewig verstrittenen Protestanten und Katholiken einig.Die Zeitung indes vermeidet sorgfältig das Wort Antisemitismus auszuschreiben.Es lohnt ja die Mühe nicht, dort wo es keine Juden mehr gibt. Hate crime klingt doch auch schlimm und noch dazu so schön allgemein.

Es kracht in meinen Rippen und ich stelle mir vor, wie die Jugendlichen johlend und lachend auf dem Friedhof stehen und den Hammer schwingen so lange und wieder und wieder bis die Steine n dem Druck und den Schlägen nicht mehr standhalten und zerbrechen. Ob sie das filmen? Ob sie wohl mit stolzgeschwellter Brust sich gegenseitig anfeuernd, denn es braucht ja Kraft und Ausdauer für ihr Tun? Zerstörung ist anstrengend und zehrt an den Kräften. Es zieht zwischen meinen Rippen. Natürlich hat kein Passant etwas gesehen, wundert sich kein Elternteil darüber, dass acht Kinder mit Hammer und Meißel nach Hause kommen. In Europa ist die Zerstörung von siebzehn jüdischen Gräbern natürlich keine Nachricht, man kennt sich aus in Europa und man ist gründlich gewesen in Europa, so gründlich wie selten sonst. Nicht einmal eine Stunde entfernt von dem kleinen irischen Dorf in dem ich wohne, liegt Belfast und meine Rippen pressen sich schmerzhaft gegen meine Hand. Wie jeden Sonntag kommt der Priester um ein Uhr zu Tisch. Heute gibt es Zitronenhuhn. „Ein Rezept aus der Levante“, sage ich und der Priester sieht mich an. „Read On“ sagt er, ich habe doch auch davon gelesen. Dass er nicht über Steuervorteile amerikanischer Konzerne redet, ist uns beiden klar. Ich lege mir die Hand auf die Rippen. Dann reden wir über andere Dinge. Über Brahms Drittes Klavierkonzert. Über John le Carré und englische Kindheiten. Über meine lange Nächte. Über die Sache der Kirche. Wären da nicht meine stechenden Rippen, wäre es ein Sonntag wie jeder andere Sonntag auch. „Read On“ sagt der Priester, „ich bin darüber doch genau so traurig, wütend und entsetzt wie Sie.“ Lange sehe ich ihn an. Schmale Hände. Ein schmales Gesicht. Müde Augen. „Nein“ sage ich und es zieht zwischen meinen Rippen, nein sage ich, dass Sie sind nicht.“ Das ist ja Teil des Problems. Zum ersten Mal hole ich das Schachbrett nicht aus der Kommode hervor und der Priester steht auf. „Read On“ sagt er und dann sagt er nichts weiter. Ich sage ihm nicht, dass es zwischen meinen Rippen kracht über der Vorstellung, dass nicht einmal auf einer kleinen, verregneten Insel im nördlichen Atlantik, die jüdischen Toten in Ruhe gelassen werden, sondern auch hier schlägt man die kaum wahrnehmbaren Reste jüdischen Lebens einfach kaputt. Ich denke an meine Großmutter, die mit bitterem Lächeln sagte: 1938 schrie man in Europa: „Juden geht nach Palästina.“ 1948 schrie man: „Juden raus aus Palästina“ und heute nimmt man einfach Hammer und Meißel und schlägt, die Gräber derjenigen, die sich sicher glaubten in Stücke. Noch immer steht der Priester vor mir und will etwas sagen bevor er auf seine Hände sieht. Wäre er nicht Priester und wäre ich nicht ich, wäre ich nicht die mit den krachenden Rippen, er nähme mich jetzt bei den Händen. So gehen wir nur auseinander und zum ersten Mal in den zwei Jahren brechen die Worte ein. Dann drehe ich mich und sitze lange auf dem alten, grünen Sofa. Es kracht und zieht, es reißt und knackt in meinen Rippen und will nicht enden.

4 Gedanken zu “Angesichts der Zerstörung

  1. Ich las am Samstag voriger Woche im Guardian von diesem Frevel und habe mich gewundert, dass es die deutschen Medien nicht aufgegriffen haben. Waren es nicht genug Gräber, müssen es erst Hunderte sein? Andererseits machten die Grabschändungen in Trier am 10. August 2016 auch keine bundesweiten Schlagzeilen.

    Der Guardian berichtete, dass diese acht jugendlichen Täter nicht allein waren, sondern eine größere Gruppe sie zum Friedhof begleitet hatte, „um sie zu unterstützen“. Soll wohl heißen, die anderen haben sie dabei angefeurt und gejohlt. Es war wohl auch kein Zufall, dass sie es an einem Freitagabend taten.

    Dass von einemHate Crime die Rede ist, mag daran liegen, dass es sich dabei um einen eigenen Straftatbestand handelt, und ich vermute, die Strafen dafür fallen auch höher aus als für reinen Vandalismus, der als Sachbeschädigung gilt. Warum der Autor Henry MacDonald aber in diesem Zusammenhang den Begriff Antisemtismus partout vermeidet, kann ich nicht nachvollziehen.

    • Ich weiß es auch nicht. Vielleicht ist es immer nur die Erfahrung der Anderen. Ich habe nicht den Eindruck, dass Grabschändungen auf jüdischen Friedhöfen mehr als ein Achselzucken erzeugen. Ein Zufall sind solche Dinge sicher nie, sondern ein überlegtes Gewaltritual. das Ganze fand ja auch nicht am Waldrand statt, sondern mitten in der Stadt. Es geht ja immer und für alles Claqueure. Das ist intressant, diese hartnäckige Verweigerung Antisemitismus auszusprechen. Die Irish Times und alle anderen Berichte vermeiden es ebenso hartnäckig. Ob es wohl weniger wahr wird, wenn man so tut als gäbe es latenten Antisemitismus nicht?

      Es deprimiert mich über alle Maßen.

  2. An der Falls Road? Dort wo die Kinder immer noch in Hass aufwachsen? Wo auf der katholischen Seite die Palästineserflaggen und auf der evangelischen Seite die Flaggen Israels wehen? Als Stellvertreter für die Flaggen, die sie nicht mehr nutzen sollen?
    Wie schrecklich, dass der Hass sich an Gräbern längst verstorbener Menschen austoben muss.

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