Blutrote Rosen

Wäre ich nicht so müde, ich zöge die Schuhe aus und die Strumpfhosen mit dazu, denke ich als ich die lange Straße hinuntergehe an deren Ende ich wohne. Drei lange Stunden im ICE eingeklemmt zwischen Knien und harten Schultern und schlechtem Atem. Die Schaffnerin mit ihren dummen Witzen und den gesprungen Adern auf der Nase, schrie ihrem Kollegen zu: „Die da sind noch dran, na dann mal fertigmachen zum einseifen und rasieren.“ Ich starre sie an und weiß nicht, ob sie hört, was sie da sagt. Ein fremdes Knie in meinem Rücken und ich blinzele gegen das Licht. Deutsche Bilder vertreiben, nennt man das wohl. Der fremde Kniebesitzer liest Gedichte von Thomas Rosenlöcher und ich lehne meinen Kopf gegen die Scheibe. 10 Zentimeter gegen die Welt. Endlich hält der Zug in Berlin und ich ziehe mein Bein unter einem Koffer hervor und atme aus. Die stille Straße aber liegt schon im Schatten und ich läge so gern im weichen Laub. Dort wo ich wohne stehen , große, alte Kastanien und als ich näherkomme, stehen eine Frau und ihr Sohn unter den Bäumen. Mit beiden Händen schaufeln sie Kastanien in mitgebrachte Plastiktüten. Die Gier in ihren Gesichtern lässt mich schlucken. Was sie wohl mit den vielen Kastanien machen? Heizen sie mit ihnen einen Kachelofen? Bauen Sie 10000 Kastanienmännchen oder mästen sie im Garten ein Schwein, das nur von Kastanien lebt? Als ich fast unmittelbar vor ihnen stehe, zieht die Frau eine Schere aus der Tüte und will das Weinlaub, das über meinem Gartentor rankt, abschneiden. „Lassen Sie das doch bitte sein“, sage ich zu ihr. Sie sieht mich mit scharfen Augen an und erklärt mir, auch „Scheißreiche Leute wie ich hätten die Erde nur geborgt.“ Ich gehe an ihr vorbei und schließe die Haustür auf. „Sie widern mich an“, denke ich aber bleibe stumm. Eine Stunde später gehe ich in den Garten hinunter, die Frau und ihr Sohn befüllen weiter Plastiktüten mit Kastanien und neben dem herausgeschnittenem Weinlaub, liegen auch herausgerissene Ebereschenzweige neben ihr auf einem großen Haufen.

Im Garten liegt F. der ehemalige geschätzte Gefährte in einem Laubhaufen und sieht in den Himmel. „Hey, sage ich.“ Aber der F. antwortet nicht. Aber ich falle einfach neben ihn in das Laub. F. zieht meine Hände zu sich herüber und ich sage: „So schlimm?“ Der F. nickt: „schlimmer, ein roter Rosen Tag.“ Ich schließe die Augen. „Vor drei Wochen sagt er leise, war die Frau schon einmal da: Milzruptur. Karate. Diesmal gebrochene Rippen, geplatzte Augenbrauen und Prellungen im Brustbereich. Im Treppenhaus ausgerutscht.“Der F. hält sich die Hand vor den Mund und seine Hand drückt schmerzhaft gegen meine. „Ihr Mann war schon da, natürlich mit roten Rosen. Langstielig und dunkelrot. 30 oder 40 Stück. Opulent und von einem so tiefen Rot, dass es auch schwarz sein könnte. Immer bringen sie rote Rosen. Blutrot und wunderschön. Immer flüstern sie leise Worte in die Ohren der Frauen, die sie kurz zuvor zerschlagen haben. Immer fragen sie erst nach hohen Vasen und dann gleich nach dem Entlassungsdatum. Immer erwarten sie von Ärzten das Beste und bestehen auf Vorzugsbehandlung. In ihren Händen werden indes die langstieligen roten Rosen schwer.

Dann ist es still. Gelbes Laub fällt auf uns herab. Der F. zieht meine Hand auf seine Brust und sein Herz klopft unter meinen Fingerspitzen schnell und hart. „Weißt Du noch?“, fragt mich der F. und ich weiß es sofort, denn immer wenn der F. traurig war und weinte, sang ich dieses Lied für ihn und heute singe ich es wieder und wieder , solange bis der F. schließlich ganz leise und zart mit einstimmt.Dann geht sein Pieper an und mein Telefon klingelt. Wir schütteln uns Laub und Gras aus den Haaren und bevor der F. zurück in die Klinik fährt schneide ich die wirklich letzten Gartenrosen ab, binde Weinlaub und Lavendel in den Strauß und schiebe dem F. eine Handvoll Kastanien in die Tasche. „Stell die Rosen weg“, sage ich, wenigstens für heute Nacht.“ F. nickt und dann kehren wir zurück in die Welt.Noch immer schaufeln die Frau und ihr Sohn, Kastanien in immer, neue Plastiktüten.

Herbstanfang

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Der Herbst begann immer dann, wenn meine Großmutter die schwere Holzleiter vom Boden holte und in den Garten trug. In den Wochen zuvor war meine Großmutter dann und wann schon an die Quittenbäume herangetreten und fuhr mit prüfenden Händen über die glatte und samtene Schale der Früchte. Aber wenn ich sie fragend ansah, schüttelte sie den Kopf: „Geduld mein Kind“, sagte sie und ging mit mir zu den Himbeeren hinüber, die überreif und voll an den Sträuchern hingen. Aber dann eines Tages war es soweit, die Leiter lehnte am Baum und meine Großmutter stieg hinauf und pflückte Quitten. Die Quitten legte sie vorsichtig in große Körbe und mein Großvater trug die schweren Stiegen die Treppe hinauf. Später würde mein Großvater Quitten zerteilen und die harten Kerngehäuse vorsichtig auslösen, meine Großmutter würde Zucker und Zitronensaft abwiegen, Gläser spülen und mit einem riesigen Holzlöffel in einem noch größeren Topf rühren, um erst Quittengelee und dann Quittenkompott zu machen. Mich grausten die Weckgläser in denen die gelblichen Quittenstücke neben Anis und Nelken, Zimtstangen und Kardamom schwammen und stieg ich auf den Tritt in der Speisekammer um hinter dem Rumtopf ein Stück Nussschokolade zu erhaschen, war mir als sähen mich gelbliche Schrumpfköpfe höhnisch an. Fast war mir als flüsterten sie: „Schokoladendieb.“ Aber ich mochte Nussschokolade so furchtbar gern. Waren alle Weckgläser gefüllt, machte meine Großmutter, Quittenbrot, welches genau bis Chanukka in der Speisekammer kühlte, um dann auf einem großen Porzellanteller auf dem Tisch zu stehen. Gemocht habe ich die klebrigen Rauten, die einem schier die Zähne zogen nie. Aber gegessen habe ich sie doch, immer im Wechsel mit einem großen Stück Nussschokolade, denn ich habe meine Großmutter sehr geliebt und blinzelte ihr verschwörerisch zu, wenn alle außer uns beiden, das Quittenbrot verschmähten. Die ersten Quitten aber und meine Großmutter war wählerisch in solchen Fragen, es mussten also nicht nur die ersten, sondern immer die schönsten sein, die wählte sie aus. Lange hielt, sie die Quitten in den Händen, strich mit dem Daumen beinahe zärtlich über das samtige Vlies und legte die Quitten erst dann in eine Porzellanschüssel, die auf der wuchtigen Anrichte stand. Oft habe ich meine Großmutter verstohlen beobachtet, wie sie im späten Sonnenlicht, ihre Wange fast bis an die Quitten schmiegte, sie der doch alle Sentimentalität fremd war, verschwand für eine Minute oder vielleicht nicht einmal das, in dem zarten süßen und doch so herben Duft der Quitten. Dann nahm sie mehrere Quitten in die Hände und legte sie in den Kleiderschrank, bevor sie eine weitere Schüssel mit Quitten auf die Fensterbank des Schlafzimmers stellte, um schließlich zwei Quitten in die Kommode mit Handtaschen und allerlei anderen Lederwaren zu legen. Besuch, der kam konnte mit den harten, pelzigen und fremdartig duftenden Früchten nichts anfangen. Viele fragten meine Großmutter nach dem Namen der seltsamen Früchte und schüttelten den Kopf bot meine Großmutter ihnen Quittengelee oder ein Glas Quittensaft zum Frühstück an. Zu sonderlich und zu exotisch muteten die Früchte wohl an, die weder Birnen noch Äpfel sind, sondern ein ganz eigenes Ganzes.

Viele Jahre später, stand ich mit meiner Großmutter im Garten des Hauses, der einmal ihr Elternhaus war und in dem ihr Vater zur Geburt jeder seiner Töchter einen Obstbaum pflanzte. Für meine Großmutter hatte er einen Quittenbaum aus Österreich seiner alten Heimat kommen lassen, aber nie haben er oder eine seiner Töchter davon geerntet oder im Schatten der Obstbäume geschlafen. Meine Großmutter blieb als einzige der Töchter am Leben. Der Garten war fast zu betoniert, der Quittenbaum längst gefällt, nur ein Kirschbaum stand noch am äußersten Rand des Gartens, sonst war alles wie auch die Juden des kleinen Ortes schon lange verschwunden. In diesem Jahr aber hörte meine Großmutter auf, Quittengelee, Quittenbrot und Quittenkompott zu machen und sie legte auch keine Quitten mehr zwischen ihre Kleider. Aber lag ich in ihren Armen war mir, als duftete sie noch immer süß und herb und ganz besonders eigen, als läge der Duft der Quitten noch immer in ihr, längst Teil von ihr und nicht zu trennen von ihrer Haut.

Heute aber, noch einmal und wieder ist Zeit vergangen, hole ich die schwere, hölzerne Leiter aus dem Keller, fuhr mit den Fingern schon etliche Male über die Quitten und hörte sie sagen: „Geduld mein Kind.“ Heute aber stieg ich hinein in die Bäume und pflückte zwei große Körbe voll. Ich kochte Quittengelee und Quittensaft, aß nebenher eine Tafel Nussschokolade und machte zwei Bleche Quittenbrot, das jetzt Zeit zu kühlen bis Chanukka. Erst dann nahm ich die schönsten und beiseite gelegten Quitten in die Hand und fuhr mit den Fingerspitzen über den pelzigen Flaum der Früchte. Eine Schale voll Quitten steht auf dem Wohnzimmertisch, drei Quitten liegen im Kleiderschrank, zwei bei den Lederwaren und ich liege auf dem Sofa neben mir mehr Nussschokolade und vor mir das Bild meiner Großmutter, neben dem die schönste der Quitten liegt. Schließe ich die Augen liege ich noch einmal in ihren Armen und höre sie noch einmal beginnen: „Damals mein Kind, als ich noch ein Kind war, begann der Herbst immer dann wenn mein Vater, die schwere Holzleiter in den Garten trug.“

Ein Haus aus Tönen

Das Klavier ist verstimmt. Der Klavierstimmer ist verschnupft. „Ob er trotzdem kommen soll?“, röchelt er fragend ins Telefon. „Nein, sage ich bleiben Sie liegen.“ Den Klavierdeckel kann ich trotzdem nicht schließen. Ich kann nicht viele Stücke aus dem Kopf spielen, aber Bach ist mir in tief in die Fingerspitzen eingegraben, seitdem ich ein kleines Mädchen war und mein Großvater seine Hände auf meine legte, und zu mir sagte, sieh Du spielst Bach. So viele Jahre später fährt Bach unter meinen Fingerspitzen hervor, ehe ich es recht merke, ziehen die ersten Goldbergvariationen durch das Zimmer schief und verzogen, aber ganz eindeutig G-dur und dieselben, sich stetig variierenden Kanonsätze. Ich sehe meinen Fingern zu und erinnere mich an das andere Klavier. Damals vor ein paar Jahren lebte ich in Peking. Jeden Morgen fuhr ich von meiner Wohnung unweit der Metro Huixinxijie Nankou gelegen mit dem Fahrrad in die Bürotürme, in denen ich arbeitete. Ganze Tage verbrachte ich im 42. Stock in einer geräuschlosen Zwischenwelt, nicht in aber auch nicht außerhalb der Stadt. Es ging um harte Verhandlungen und ich wusch ich mir zwischen endlosen Konferenzen die Hände und sah mich härter werden im Spiegelbild. Der J. trennte und vertrug sich damals jeden zweiten Tag mit seiner koreanischen Freundin und trank entweder aus Kummer oder aus Freude. Jedenfalls fuhr ich mit dem Fahrrad allein unter den erstaunten Blicken der Kollegen zurück nach Huixinxijie Nankou.

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Die Wohnung in Beijing

Die Wohnung war im 21. Stock eines Hochhauses gelegen. Das Haus war voller Menschen, die man nie sah. Nur anhand der unterschiedlichen Kochgerüche konnte man erahnen, wer in welche Wohnung gehörte. Damals lebte ich allein, der J. kam nie nach Hause, doch in den anderen Wohnungen 6 oder 8 Menschen miteinander auf engstem Raum. Die Wohnung war voller Bücher, aber mein Chinesisch reicht nur für Kinderliteratur aber nicht für chinesische Prosa. Aber im Flur stand auch ein Klavier. Dort muss es schon ziemlich lange gestanden haben, denn eine gewaltige Pflanze thronte auf seinem Deckel. Die Pflanze musste meiner Langeweile weichen. Natürlich hatte ich keine Noten und ich wusste weder, das Zeichen 乐谱 (yuèpǔ ) noch wo ich in Peking hätte Noten kaufen können. So blieb mir nur Bach, dieser Fingerspitzenbewohner und ich klappte den Deckel hoch und meine Finger begannen zu laufen. Ich mag noch nicht einmal zehn Minuten gespielt haben, da hämmerte es an der Tür. Ein hagerer Mann stand vor mir und schrie: 拉倒 Lādǎo: Aufhören! Aber ich, die ich zur Härte gelangt war in jenen Tagen schrie zurück: 为什么  wèishénme?, das heißt warum. Der Mann hager und großer, nicht unähnlich dem irischen Tierarzt nur eben viel, viel älter, starrte mich an und ging. Ich klappte den Deckel zu und warf der Topfpflanze einen finsteren Blick zu. Am nächsten Abend setzte ich mich aus Trotz wieder ans Klavier und ließ die Finger laufen. Zehn Minuten später klopfte es an der Tür. Derselbe Mann stand vor mir und sagte: 巴赫 Bāhè, Bach? Ich nickte und sah den Mann an. Schließlich drehte er sich um. Ich spielte weiter oder besser meine Finger liefen die Tastatur entlang und ich ahnte wohl, dass der Mann vor der Wohnungstür stand und zuhörte. Am dritten Abend, zehn Minuten liefen meine Finger schon, da öffnete ich die Tür und der Mann trat ein, setzte sich auf das Sofa und meine Finger liefen weiter, liefen durch die Kanonschlaufen, waren da zu langsam, stolperten dort, trieben Unfug in der 25. Variation und das alte, verstimmte Klavier ächzte ein wenig, nach so vielen Jahren aus dem Schlaf gerissen. Als ich mich umdrehte war das Gesicht des Mannes voller yǎnlèi, voller Tränen. Von nun an kam er jeden Abend und ich spielte all das was meine Fingerspitzen hergaben. Am Ende der Woche brachte er einen Klavierstimmer mit und endlich klangen die Goldberg Variationen nicht mehr als liefe eine Katze meinen Fingern hinterher. Jedes mal aber weinte der Mann, lautlos und haltlos zugleich. Aber ich fragte nicht warum. „Können Sie etwas von Ravel spielen?“, fragte er mich und ich nickte. „Aber ich brauche die Noten“, sagte ich zu ihm und zwei Tage später stümperte ich mich durch Ravel. An diesem Abend sagte der Mann: „Seit 1966 habe ich keine Musik mehr gehört.“ In jenem Sommer wurden in ganz China die Klaviere zerschlagen, die Violinen zertrümmert, die Cellos verheizt, die Flöten zerknickt und im Straßenrand verkohlten die Noten. Dann zerschlug man die Cellisten, brach den Pianisten die Hände, schlug den Posaunisten den Kiefer ein und schloss die Konservatorien und Akademien im ganzen Land. Dann gab es für viele Jahre nur noch 18 offizielle Opern. „Damals“ sagt der Mann „war ich ein Kind und stand am Fenster und sah zu wie ein Klavier nach dem anderen zerschmettert wurde, zerbarst auf der Straße unter dme Jubel der Rotgardisten.“ Meine ganze Schulzeit habe ich mit 检讨 jiǎntǎo, mit Selbstkritik verbracht und wie so viele Kinder meiner Generation verschwanden auch meine Eltern irgendwann, irgendwohin. Niemand weiß mehr, in welchem Lager sie zu Grunde gerichtet wurden. Dann ist es still im Zimmer. „Spielen Sie noch einmal die Variationen 1-6?“fragte mich der Mann und ich ließ meine Finger laufen. Jeden Abend also saßen wir dort und meine Finger wanderten über die Tasten und langsam war mir als käme der Mann aus der Stille hervor. „Auch nach dem Ende der Kulturrevolution sagte er, habe er kein Radio angeschafft. Den Fernseher lasse er meist stumm laufen, denn seit jenem Sommer mache ihn jedes Geräusch würgen, seit jenen Jahren ertrüge er Musik nur schwer, höre er in den Melodien immer schon das krachende Geräusch der Axt, die in die Klaviere, die Geigen und Cellos hineinfuhr, bevor auch die Menschen einer nach dem anderen, erst die Nachbarn, dann die Eltern und als endlich keiner mehr übrig war, sich selbst denunzierten.“

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Ein leeres Haus

丁丁zhēngzhēng bezeichnet im chinesischen den Klang der hackenden Axt. Viele Wochen, die Monate wurden, spielte ich damals Klavier, wieder und wieder spielte ich Bach, der schon so lange unter meinen Fingerspitzen wohnt, spielte aber eigentlich ein Lied weiter, das vor vielen Jahren vielleicht von einer Pianistin begonnen worden war, die es hatte nie zu Ende spielen dürfen. Spielte für meinen Großvater, der einmal hatte Pianist werden wollen, aber das 20. Jahrhundert ließ ihn nicht, aber trotzdem legte er seine Hände auf meine, ich die ich einmal Pianistin werden wollte und es doch nicht bin, und legte mir Bach unter die Fingerspitzen, auf das ich es nie vergäße. Kurz bevor ich zurückfuhr, gingen der Mann und ich, gemeinsam zum Tian’an men Platz, auch wir schoben uns durch die dichte Menge und standen still vor dem Porträt des verquollenen Maos, der ein seltsamer Fremdkörper in diesem doch von ihm verformten Ort bleibt. Man sieht über den riesenhaften, gespenstischen Platz, der tosende Verkehr und die schreienden Touristenführer. Die Bilder aber jenes Studenten vor dem Panzer, dem entkommt man nicht, unausweichlich und flirrend schiebt es sich vor die Netzhaut. Der Staat, der auf die Studenten, die glaubten endlich hielten sie die Freiheit in den Händen schossen. Egon Krenz fand damals die chinesische Lösung sehr attraktiv. Aber die Apologeten der DDR wollen davon lieber nichts mehr hören. Lange ginge wir dann durch die fast vollständig leere Verbotene Stadt, diesen geräumten und zerstörten Palast, der trotzdem er voller Reisegruppen war, seltsam schweigend vor uns lag. Zurück in der Wohnung spielte ich noch einmal die Goldbergvariationen ungenau und hier ein wenig zu langsam und dort fast ein bisschen zu schnell, eben so wie meine Finger laufen. Dann stellten wir die Pflanze zurück auf den Deckel.

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Ich eine Andere.

Ich fuhr bald darauf zurück in ein anderes Leben. Jedes Jahr aber schicke ich eine Platte mit Bach nach Peking und jedes Jahr erhalte ich einen Brief mit chinesischer Geschichte. Als ich aber heute auf meine Finger sehe, fällt mir auf, dass ich auf dem verzogenen Klavier schon bei der 30. Variation angelangt bin. Ich bin mir ganz sicher, dass viele tausend Kilometer entfernt jemand in einer Wohnung in Peking hört, dass meine Finger bei der 14. weit davon entfernt sind über die Tasten zu fliegen und wie immer bin ich etwas zu langsam wo ich schneller sein sollte und zu langsam, wo es um fliegende Wechsel geht. Ganz sicher aber finden die Töne immer und überall selbst in der größten Finsternis und aus der größten Stille zurück ans Licht, zurück unter die Fingerspitzen und fahren uns noch immer wieder und wieder unter die Haut. Damals vor dem Mao-Portrait fiel es mir wieder ein dieses Gedicht jenes Dichters, den in Deutschland alle nur noch ironisch zitieren: Vor dem leeren Baugrund/ mit geschlossenen Augen warten/ bis das alte Haus / wieder dasteht und offen ist / Das Wiedererwachen der Toten/ ist dann ganz einfach.  建房 jiànfáng, ein Haus bauen.Ein Haus aus verbotenen Tönen.

Natürlich spielt keiner wie er.

Die Wucht der Worte

Heute aber einfach so fielen deine Wörter über mich her. Einfach so, ich saß nur in einem ziemlich kargen Raum und wollte gerade beginnen zu sprechen, da fielen mir Deine  Worte in den Mund. Aber man kann in einem Raum voller Menschen nicht einfach Worte in den Raum speien. Sondern man muss sie herunterschlucken oder besser noch herunterwürgen. Denn auch eine halbe Flasche Wasser auf Deine Worte gegossen, die einfach so im Raum stehen, hilft  nicht. Für einen Moment als mir Deine Worte schon auf der Zungenspitze lagen, vergaß ich, dass Du mir die Worte doch weggenommen hast auf ewig. Ich drehte mich um zur Tür, obwohl ich doch genau in der Mitte des Raumes saß, ob du nicht doch im Türrahmen stündest und anfingst zu sprechen. Deine Worte waren mir die schönsten, sie waren warm und weich wie auch du, dass dachte ich jedenfalls. In meinem Mund wirbeln deine Worte umher, so wild und so hart, dass meine Hände zittern als ich vorsichtig zu sprechen beginne. Misstrauisch geworden gegen mich selbst und ich spreche viel langsamer als sonst, nur um zu vermeiden, dass mir Deine Worte dazwischenfahren, denn davon erholte ich mich nicht. Für einen Moment fahre ich mir durch das Haar, aber auch in meinen Haaren verfangen sich lauter Sätze von Dir. Wie bekommt man nur die Wörter aus Mund und Haaren und all die Wörter, die tiefer noch in der Haut liegen. So einen Schrank, solch eine Schublade gibt es nicht, in die ich alle Deine Wörter legte, abgelegt so wie Du mich. Heute aber sind die Schubladen, ist der Schrank noch löchriger und seine Scharniere noch rostiger als sonst. Manchmal staune ich darüber, dass es die Wörter ohne Dich noch immer gibt. Noch immer sage auch ich: Sonne und Uhr, Baum und Grashalm, Geschichte und Erinnerung oder ist das dasselbe, noch immer sage auch ich einfach so oder ganz und gar, aber manchmal fällt mir auf oder wieder ein wie viele Wörter mir mit Dir verloren gegangen sind. Nimm dich in Acht, sage ich mir, Du sagst Dinge und dann rede ich weiter in diesem Raum, in dem doch nichts aber gar nichts an Dich erinnert, und der doch plötzlich voll mit deinen Worten ist. Manchmal erinnere ich mich, ich erinnere mich nicht, nicht im Sinne von vor zwei Jahren, sondern an eine Zeit vor mir und vor Dir, da kamen Menschen mit einer Nachricht im Mund von weit her gelaufen, einem anderen König oder von einem anderen Hof, über lange Meilen schwiegen sie ernst und ich frage mich oft, ob die Nachrichten, die sie überbrachten sie wohl jemals wieder verließen, oder ob sie nicht auch, so wie Deine Worte in meinem Mund zu toben begannen und die Überbringer noch Jahre später, um ihre Zunge bangten, denn ein Wort allein kann alles verraten. Im Raum also vor lauter Menschen, die mir zuhören, obwohl ich mich umgeben von Deinen Worten kaum verstehen kann, denke ich daran, dass ich Deinen Wörtern so viele Türen geöffnet habe. Ich habe nicht gewusst, dass es so viele Türen zu öffnen gebe und wir an der Schwelle, Schulter an Schulter standen da und sprachen. Wir schwiegen in denselben Worten und wir sprachen in den gleichen Worten, in deine Worte habe ich mich eingehüllt wie in einen Mantel und niemals wieder habe ich so nach Worten gesucht wie für dich. Aber längst schon ist der Mantel zerrissen und nach und nach wie einem Haus in dem langsam die Lichter erlöschen, ist alles ganz still und ein Mantel aus Stille und Dunkelheit, der wärmt nicht, sondern liegt nur schwer auf der immer dünner werdenden Haut. Aber hier im Raum, in dem ich mir doch den Mund nicht zuhalten kann, toben Deine Worte in mir herum, so als sei das Zucken Deiner Lippen nicht weiter als ein paar Zentimeter von meinem Ohr entfernt. Dabei kommt nicht einmal ein einziger Buchstabe von Dir zu mir. Für den Rest Tages spreche ich Französisch, aber immer zwei, drei Augenblicke schneller als ich es gern wäre, sind da Deine Worte, die schwer auf meinen Lidern liegen. Später noch, viel später ausgetrocknet bin ich da schon, laufe ich zurück nach Haus, aber auch Beethoven, der so laut es geht in meinen Ohren liegt und der- ich habe es probiert- lauter ist als der Krieg, hilft nicht gegen die Übermacht deiner Worte, die mich nicht loslassen, eine schwere Hand sind deine Worte, ich hole tief Luft, schließe die Augen und „Schschsch“ sage ich als könnte ich sie beruhigen, diese Wörter die immer noch da sind, wo Du nicht bist. Manchmal, wenn ich allein zu Haus bin, dann rufe ich manchmal deinen Namen, als sei dieses kurze Wort meiner Sehnsucht, ein Zauberwort, als gelänge mir, die ich nicht einmal die Wörter in meinem Mund zur Räson rufen kann, ein Wunder.

Bloß keine Umstände!

Manchmal kommen Gäste zu mir nach Haus. Ich mag das sehr gern. Ich treffe furchtbar gern Menschen und lasse mir etwas erzählen. Ich koche passabel, jedenfalls meistens und ich habe immer genug Zutaten für einen reschen Kuchen im Haus. Ich mag sogar die B., die neue Freundin des G., die mir immer die Tarotkarten legt und mit verfinsternder Miene beklagt, dass Mars allein meinem Liebesglück im Weg stünde. Es gibt nur eine Art von Besuch, die ich nicht ausstehen mag. Das sind diejenigen, die ins Telefon flöten: „Oh Read On, mach Dir bloß keine Umstände.“ Wie ich diesen Satz fürchte. Denn ich laufe natürlich los, kaufe bei Herrn Yilmaz, Feigen und Schafskäse, nehme noch Ziegenkäse und Lamm dazu. Im Garten pflücke ich Pflaumen, Birnen und die schönsten Äpfel. Ich kaufe Kaffee aus Brasilien und öffne die Teeschatzkiste aus Indien. Ich richte eine Kürbissuppe und renne noch einmal ins Reformhaus um Kürbiskernöl aus der Steiermark anzuschaffen. Ich poliere das Silber, bügele die schweren Tischdecken und decke den Tisch ein. In die Mitte des Tisches kommt der Strauß mit den wohl letzten Gartenrosen. Dann noch schnell eine Zitronentorte, denn schon meine Großmutter fand, es könne gar nie genug Kuchen geben. Wie immer hatte meine Großmutter Recht. Irgendwann, denn Gäste, die keine Umstände machen wollen, rufen grundsätzlich nicht an, um ihre Ankunftszeit mitzuteilen, schellt es dann an der Tür. Man küsst sich zweimal links und zweimal rechts. Die Gäste schütteln den Kopf. „Aber Du sollst Dir doch keine Umstände machen.“ Ich verkneife mir zu sagen, dass es mir größere Umstände machen würde, Plastikgabeln und Pappteller aufzutreiben als das KPM-Geschirr aus dem Schrank zu holen, aber ich lächle nur milde und nicke artig. Dann will man den Gästen- ich trinke ja nicht- Rotwein in die Gläser füllen, aber die Gäste schütteln den Kopf. Rotwein vetrügen sie schon seit Jahren nicht mehr. Ich renne in den Keller und bete, dass der F. hoffentlich nicht den letzten Weißwein mit den Kollegen geleert hat. Hinter mir tönt es höhnisch: „Aber bloß keine Umstände.“ Das Kürbiskernöl können die Gäste auf keine Fall vertragen. Diesmal aber stehen Grundsatzfragen im Weg: „Nein aus politischen Gründen würden sie nichts aus der Steiermark verzehren. Der Fall Haider steckte ihnen noch in den Knochen. „Ich versuche nur kurz anzumerken, dass Haider aus Kärnten kam, aber die Umstandslosen wollen davon nichts wissen. Aber nur wenn es keine Umstände macht, würden sie dann doch auf geröstete Kübriskerne ausweichen. Natürlich verbrennt mir die erste Portion in der Pfanne. Der Geruch verkohlter Kürbiskerne übrigens hat etwas von einem mittelgroßen Chemieunfall. Natürlich essen die Gäste kein Lamm aus Mitleid mit den hübschen Tieren. „Aber bloß keine Umstände“ rufen sie in die Küche, in der ich versuche aus Restgemüse ein Curry, das keine völlige Schande ist, zu produzieren. Die Gäste inzwischen unterhalten sich gut- inzwischen sind sie bei der zweiten Flasche Wein angekommen und ich versuche mich krampfhaft zu erinnern, ob noch eine dritte im Kellerregal stand. Pflaumen machen dem Gast indes schlechte Laune, während seine Frau nur Kuchen aus Maismehl verzehrt. „Weizen sei böse“ sagt sie und ich atme tief ein und aus. Immerhin verzehren die Gäste, die keine Umstände machen wollen Käse und Birnen. Nur die Äpfel taugen ihnen nicht. Ich nicke nur weiter, denn sonst käme ich vielleicht in Versuchung einen Apfel quer über den Tisch zu schleudern und es reute mich um die schönen, alten Gläser. „Espresso, G’tt bewahre“, sagen die Gäste, vom indischen Tee nehmen sie nicht mehr als einen Fingerhut. Schlafen können sie nur in den mitgebrachten Alpakadaunensäcken, die wahrscheinlich vom Dalai Lama selbst geweiht worden sind, ich ziehe also die Bettwäsche wieder ab. „Das Ei“ sagen die Gäste, „ginge in Ordnung,allein es müsse wachsweich sein und das Brot bitte gänzlich ohne Rinde.“Vor allen Dingen aber solle ich mir bloß keine Umstände machen. Sie seien doch wahrhaft bescheiden und mit dem kleinsten Krümel, der vom Tische abfiele, wirklich und völlig zufrieden. Das Schlimmste, dass sie sich vorstellen könnten, sei mir Umstände zu bereiten.

In Gold getaucht

                                                         Lindy in Liebe und Freundschaft zugeneigt.

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Früh wache ich auf, noch viel früher als sonst, noch nicht einmal das Wasser wird warm, das mir über die Arme läuft und so schüttle ich die Tropfen schnell von mir ab. Auf Zehnspitzen über das alte Parkett, um dich nicht zu wecken, denn so ist es schon immer mit dir gewesen: eigentlich kannst Du kaum etwas hören, aber natürlich hörst Du das Gras wachsen und niemand hat bessere Ohren als Du, geht es darum jemanden mit zerschlagenen Knien wieder aufzurichten. Aber heute sollst Du noch schlafen. Schnell also durch die Bibliothek und hinüber in das Wohnzimmer gelaufen-jetzt nur nicht über den Tigerkopf mit den gelblichen Augen stolpern-aber auch der Tiger träumt noch von den Weiten Rajasthans. Schon ziehe ich mir die Socken weit über die Hosen und schlüpfe in ein Paar Gummistiefel bevor ich das Haus durch die weiten Terrassentüren verlasse und mitten im Garten, der eigentlich ein Park ist, stehe. Noch legt die Nacht mir die Arme über die Schulter, aber lange kann es nicht mehr dauern, bis der Morgen auch bis hierher reicht. Ich gehe herunter zum See, passiere das Pinearium, diese Leidenschaft des 19. Jahrhunderts, als man aus der ganzen Welt, Samen mitbrachte und wo einmal kleine Bäume waren, stehen heute meterhohe Giganten. Am Horizont wird der Himmel blau und ich stehe staunend am Ufer.img_0398

Die Äste streichen mir durch die Haare und sie tun es so zart, als wärst du es selber. Schon immer war dir eine Zartheit inne, die man nur mit den Fingerspitzen berühren darf, damit sie nicht zerfällt. Ein Vogel sitzt auf der Regentonne und auch ich bin ja einer Deiner gefallenen Vögel, die du mit deinen warmen Händen zu Dir gezogen hast, so freundlich wie bestimmt. Du, die Du Bäume umarmst und wie alles, selbst mich, mit liebenden Augen betrachtest. Dann stehe ich vor dem Bootshaus und hinter den Bäumen geht die Sonne auf und wirft goldenen Strahlen bis zu meinen Füßen herüber. Ein wenig weiter noch und der Nebel steigt langsam über den See hinweg. Die Schwäne schaukeln langsam im Sommerlicht und ich lehne mich für einen Moment an den großen Eichenbaum und schließe die Augen. Als ich sie wieder öffne, rennt eine Gruppe junger Fasane vor mir durch das noch sommerhohe Gras. Vielleicht ruft Mutter Fasan schon zum zweiten Mal zum Frühstück und zetert von zähen Regenwürmern und kalten Engerlingen. Mich lassen sie jedenfalls links liegen und so springe ich ganz ungestört durch die Pfützen der letzten Nacht. Stelle ich mich auf die Zehenspitzen dann kann ich einen rotwangigen Apfel erhaschen und schon ist der Himmel blau und Dein Haus liegt mir zu Füßen.

img_0384Noch aber träumst Du hoffentlich gut und ich laufe weiter, einmal um den ganzen See herum und springe über den Zaun, der den Garten vom alten Tennisplatz trennt. Ich weiß noch als ich zum ersten Mal bei Dir war und wir mit alten Holzschlägern aus den 20er Jahren vorsichtig Ball um Ball über das Netz schlugen, so lange bis wir vor Lachen derartiges Seitenstechen bekamen, dass wir uns einfach fallen liessen und über uns war die Welt dunkelblau. Heute aber husche ich zurück ins Haus, setze Tee auf und als ich den Hefezopf aus dem Ofen hole, stehst Du in der Tür und schüttelst den Kopf: „So früh!“ Aber es ist gerade richtig für warmen Hefezopf und fingerdicke Marmelade dazu. Dann liegen wir auf den breiten Sesseln, meine Füße auf dem Kopf des armen Tigers und deine Arme fahren wild gestikulierend in die Luft: wir sprechen über Kühe und indisches Leben, die Sonne kitzelt uns an den Zehen, wir erzählen uns traurige Liebesgeschichten und hinter uns auf dem Kamin stehen wir beide im silbernen Rahmen und lachen und an, genau wie jetzt gerade auf dem Fauteuil. Später schlafe ich ein und natürlich breitest Du eine Decke über mich aus und auch noch als ich erwachse sitzt du neben mir und hältst mit deinem strahlenden Lächeln, der Sonne den Spiegel vor.

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Clandeboye Estate, Bangor, County Down, Northern Ireland 

Zahnreihen

Im Bus auf dem Weg zum Flughafen. Eingeklemmt zwischen riesigen Koffern und in Käfigen hechelnden Hunden, stehe ich mit dem Rücken zur Wand. Vorsicht vor Rentnern mit Rucksäcken, sage ich mir nachdem ich schon mehr als einen in die Magengrube gestoßen bekam. Ich werde doch nicht etwa anfangen aus meinen Fehlern zu lernen? Erst später sehe ich den jungen Mann und seine vier Schwestern. Ich stehe zu weit weg, um zu hören woher sie kommen. Yemen glaube ich, aber ich mag mich irren. Keines der Mädchen ist älter siebzehn Jahre alt und die fünf Geschwister lachen und scherzen miteinander, selbst der Bruder, der selbst fast noch ein Kind, die Verantwortung trägt, wird mitgerissen. Eine der Schwestern muss eine witzige Geschichte erzählen, denn die vier anderen, kringeln sich vor Lachen und erst als ich mich an ihrem Lächelns sattgesehen habe, sehe ich die Zähne. Die Mädchen, die doch so hell lachen, haben klaffende Lücken im Kiefer, ganze Zahnreihen fehlen ihnen, schwarze Löcher tun sich auf, auch beim Bruder, der keinen einzigen Vorderzahn mehr besitzt. Die Zähne der kleinsten der Schwester, stehen schief und krumm, mager und bröcklig, fast möchte man sagen aufgegeben. Das ist der Krieg, der Krieg wo auch immer, das sind ja nicht nur zerberstende Häuser und brennende Straßen, sondern die gekappten Wasserleitungen, der Mangel an Hygieneprodukten, der Hunger, er frisst sich nicht nur in die Rippen hinein, sondern zieht die letzten Reserven aus den Zähnen, die dann nutzlose Stümpfe geworden, als Relikte anderer Zeiten vom Krieg erzählen.

Diese Zähne oder besser diese Lücken kenne ich gut. Die Kinder im indischen Slum haben sie auch. Verfault sind die Zähne, nach den Milchzähnen, fallen bald auch die bleibenden Zähne aus und Glück haben diejenigen, die mit zehn Jahren ein billiges, schweres Gebiss bekommen, eine Prothese, aber eine die nichts mit den Dritten zu tun hat, mit denen in der hiesigen Werbung, gut gelaunte Rentner herzhaft in einen grünen Apfel beißen. Viele Kämpfe führt man ja und ich seit Jahren einen mit der Zahnbürste. Ungezählte Kofferladungen und der hartnäckige Versuch, den Gebrauch der Zahnbürste zu etablieren. Dort wo es keine Zahnbürsten gibt, oder Zahnbürsten für diejenigen, die sie am dringendsten brauchen, unerschwinglich teuer sind. In den ersten Jahren sind mir stets mit stolzem Lächeln, die originalverpackten Zahnbürsten präsentiert worden. Aus diesem Fehler habe ich gelernt und heute immerhin, kommen die Kinder zum Putzen in die Klinik, es gibt Milch und Obst und dann geputzte Zähne. Inzwischen machen manchmal auch die Eltern mit. Aber auch hier ist es ein zäher Kampf gegen die Unterernährung und den allgegenwärtigen Mangel, der schwarze Abgründe hinterlässt.

In Dublin ist es kalt und stürmisch, aber von weitem schon sehe ich die schmale Figur des Tierarztes, so schmal, dass ich glaube der Wind zieht ihn mit. Aber da sieht er mich schon und läuft mir entgegen. Eine halbe Stunde später sitzt er am Küchentisch und ich richte eine Kokos-Möhrensuppe. „Mit Ingwer für Dich?“, frage ich ihn und der Tierarzt nickt. Einmal sagt er, während des Studiums noch, bei einem Praktikum in der Landwirtschaft, habe er einer Kuh einen Zahn gerissen, den habe er lange mit sich herum getragen. Der Tierarzt schüttelt den Kopf. „In den Zeiten des großen Hungers, sagt er und sieht mich an, brach mir einmal ein Zahn heraus, aber ich war nur froh darum und fühlte mich deutlicher leichter.“ Noch später als es sowieso schon ist, putze ich mir die Zähne, aber im Spiegel sehe ich nicht mich, sondern die Zahnlücken der vier Mädchen, klaffend und übergroß, verzerrt und unleugbar, das ist der Krieg, den wir so gern in großen Wörtern beschreiben und vor allem verdrängen, aber hier in den kaputten Mündern der anderen, können wir sehen, was wir alles nicht wissen wollen.