Es gibt keine Orangen mehr in Jalalabad

Vor fast genau einem Jahr sitze ich am Schreibtisch in einem engen kleinen Zimmer in der Slum-Klinik in Neu-Delhi. Ich habe Blutflecken und Kinderspucke auf dem T-Shirt und in meinen Haaren stecken drei Bleistifte. Ich schreie wie ein Viehhändler in das Telefon, weil ich einen richtigen Rabatt und kein Almosen für Wasserfilter heraushandeln will. Da kommt die S. zur Tür herein. „Read On“ sagt sie, da will jemand zu ihnen. Ich nicke und endlich knickt mein Gegenüber am Telefon ein. Wenig später steht ein schmaler Mann mit lächelnden Augen vor mir in der Tür. „Der G. empfiehlt mich“ sagt er und ich stehe auf. „Sie sind Read On, nicht wahr?“ sagt er und stellt sich vor. Ich nicke und versuche so zu tun als hätte mein T-Shirt keine blutverkrusteten Ränder. „Stimmt das fragt mich mein Besucher, dass hier Hindus und Muslime behandelt werden?“ Ich schüttle den Kopf. „Kommen Sie mit aufs Dach“ sage ich und als wir oben auf dem flachen Dach stehen, zeige ich ihm wo die muslimischen Familien wohnen und wo die Hindus, ich zeige ihm die Hütten der nepalesischen Flüchtlinge und derjenigen aus Kathmandu und Sri Lanka. „Dort hinten, wo das blaue Wasserfass steht, dort wohnen die Biharis und gleich nebenan Familien aus Bangladesh.“ Mein Besucher lacht. „Sie sind wirklich verrückt“, sagt er und seine Augen funkeln fröhlich. Ich muss auch lachen, denn es ist wirklich verrückt. Dann sitzen wir mit dem Rücken an die Wand gelehnt und sehen hinunter in die engen Straßen des Slums. Die B. bringt Tee und mein Besucher öffnet seine Tasche. Er zieht Weintrauben und Orangen heraus. „Ich bin aus Jalalabad, Afghanistan“ sagt er und meine Augen werden groß. „Jalalabad“, sage ich, „dass ist doch eine Stadt wie im Märchen“. Mein Besucher nickt und legt die Weintrauben und Orangen in die Schale. „Probieren Sie“, sagt er und ich strecke vorsichtig die Hände aus. Hierzulande ist Afghanistan ja eine Welt aus grauem Stein und bewaffneten Horden, unterdrückten Frauen und Opiumfeldern, dabei sind die Obstgärten Jalalabads nicht zu vergleichen mit denen der übrigen Welt. Jeder von uns hat mindestens fünf Kinder auf dem Schoß, die die besten Orangen der Welt essen und wir trinken Tee. Mein Gast erzählt mir von seinem Versuch Stipendien für Kinder in den abgelegenen Dörfern Afghanistans zu organisieren, ich erzähle von den Schwierigkeiten aus immer zu wenig ausreichende Versorgung zu machen, seine Augen leuchten und strahlen und ich ziehe einen Bleistift aus meinen Haaren und schreibe mir seinen Namen und die Adresse auf. „Hören Sie, sagt er bevor er geht, ich habe einen Traum, dabei blinzelt er mir verschwörerisch zu. „Ich träume von einer Eisenbahnverbindung, die von Delhi über Lahore bis nach Kabul führt. Stellen Sie sich das vor sagt er ihre Kinder und meine Kinder setzen sich einfach in den Zug und studieren in Kabul, Lahore und Delhi“. Ich nicke. „Und Sie, sagt er, Sie kommen mich besuchen in Jalalabad und ich zeige ihnen meinen Orangenhain.“ Natürlich bin ich Feuer und Flamme. „Aber bestimmt“ sage ich und der G. wird Augen machen, wenn Sie aus Jalalabad und ich aus Neu-Delhi zu einer Lesung seiner Gedichte in Lahore kommen. Mein Besucher nickt begeistert. „Traumtänzerin“, sagt er beim Abschied und sieht noch einmal vom Dach über die endlosen Hütten des Slums hinweg, darf ich Sie Traumtänzerin nennen?“ „Aber sicher doch“, sage ich, „denn was würde besser passen, an einem unmöglichen Ort wie diesem hier.“ In den folgenden Wochen und Monaten bekomme ich viele Emails, die alle mit „Liebe Traumtänzerin“ beginnen und immer mit der Erinnerung an den Orangenhain in Jalalabad enden. Im Winter treffen wir uns in den USA. Du stellst mich auf einer Konferenz vor: „ Read On und ich“ sagst Du, „wir träumen von einer Eisenbahn, die von Delhi über Lahore bis nach Kabul führt.“ Die Leute lachten. Wir sahen uns an. Es war uns ernst. „Traumtänzerin“, sagtest du zum Abschied, „die Leute hier brauchen keine Träume. Wie arm sie doch sind. Aber wir, Sie in Neu-Delhi und ich in Jalalabad wir können ohne Träume nicht leben.“ Wir planten ein Wiedersehen. Wir wollten endlich einmal zusammen Eisenbahn fahren als Übung sozusagen für die große Fahrt. Die letzten Emails, die wir wechselten waren sorgenvoll: die Lage in Kashmir und die Lage in Afghanistan. Aber am Ende immer der Orangenhain in Jalalabad und die Kinderschar in Neu-Delhi. „Traumtänzerin, antworten sie bald!“

Am Mittwoch stehe ich in der Küche und achtele Tomaten. In den Nachrichten heißt es, die Taliban griffen die Amerikanische Universität in Kabul an. Ich schnitt mir tief in den Finger und wieder tropfte Blut auf mein T-Shirt und dann rannte ich zum Computer, aber meine Finger machten nicht mit: Ich schrieb: hvkuhvlifxjvvmvkdmvkxmkd. Das sollte heißen: Bitte melde dich, bitte sag mir, dass Du am Leben bist, bitte schreib mir, dass alles in Ordnung ist. Ich google hektisch den Semesterplan der Amerikanischen Universität Kabul. Ich google Orangensaison Jalalabad. Ich hoffe Du bist in Jalalabad in deinem Orangenhain. Ich warte. Am nächsten Tag ruft mich der G. an. Es knackt in der Leitung. „Es gibt keine Orangen mehr in Jalalabad“ sagt er, dann bricht die Verbindung ab. Ich beiße mir die Knöchel blutig. Später lerne ich, dass du deine Studenten unter dem Schreibtisch zu verstecken versucht hast, als sie kamen.Die Detonation der Bombe hast Du überlebt, aber die folgende zehnstündige Belagerung der Universität nicht mehr.

Naqib, ohne dich sind alle Träume leer.

Edit:  Frau Arboretum hat das Richtige gemacht und sich nicht nur erinnert, sondern auch an das ‚Weiter‘ gedacht. Naqib Ahmad Khpul-walk war Jura -Professor an der Amerikanischen Universität von Kabul. Er war aber auch der Hauptverdiener einer großen Familie. Fünf seiner Schwestern und ein Bruder gehen noch zur Schule und sollten das auch weiterhin tun dürfen- denn Naqib glaubte fest daran, dass Bildung ein anderes, helleres und friedlicheres Afghanistan bauen würde. Ravi Patel hat eine Seite eingerichtet, die Spenden für Naqib’s Familie sammelt und auf der sich viele, weitere und klügere Nachrufe auf diesen wunderbaren und unersetzlichen Menschen finden, der Naqib war. Jeder Beitrag hilft. Naqib war die Sonne selbst.

Wer spenden kann und möchte, kann dies hier tun: Remembering Naqib Khpulwak

 

16 Gedanken zu “Es gibt keine Orangen mehr in Jalalabad

  1. Ich habe nichts Tröstliches zu sagen. Außer, dass es noch Orangenbäume geben wird, wenn unsere Grabsteine schon Staub sein werden, und dass, wer Bäume pflanzt, nicht unbedingt erwartet, dass sie noch zu seinen Lebzeiten Früchte tragen. So ist ein Orangenbaum ein Versprechen, das wir zukünftigen Menschenkindern geben: dass sie einmal die Orangen essen und den Saft trinken werden, wenn wir schon längst weitergezogen sind.Wäre der Gärtner kein Träumer gewesen, und hätte er das Träumen nicht in seinem Garten geübt, wären Sie einander nie begegnet.

    • Es ist zu viel und es sind zu viele brennen. Ich wünschte ich hätte mehr Optimismus übrig, aber es ist sehr schwer den Glauben an den Orangenhain zu bewahren. Manchmal weiß ich nicht weiter. Naqib war die Sonne selbst.

      • Aber wenn wir aufhörten, an die Orangenhaine zu glauben, dann wären seine Träume und seine Arbeit vergeblich gewesen. (Ich weiß, dassist jetzt gar nicht das, was Sie hören wollen, und es wäre auch noch zu früh. Aber in einem Jahr werden Sie wieder daran glauben, da bin ich mir zu 99% sicher.)

      • Im Moment sind mir die Träume wirklich schal. Ich weiß auch gar nicht mehr, wo man sich in dieser Aussichtslosigkeit hinträumen sollte. Ich hoffe Sie behalten Recht.

  2. Ich habe ein Foto von ihm und seinen lächelnden Augen gesehen. Welch wunderbaren Freund haben Sie verloren. Er war ein großer Träumer und ein sehr kluger Kopf. Und er hatte noch so viel vor, nicht nur in Oxford. Wer wird nun junge Afghaninnen und Afghanen Recht, demokratische Werte und Konfliktlösung lehren? Anfang des Jahres schrieb er nach einem Attentat in Jalabad einen kurzen Text und nun haben die Taliban auch ihn ermordet. Was hätte er noch alles bewegen können. Ein unermesslicher Verlust auch für sein Land.

  3. Einer seiner Freunde aus Stanford hat ihn im Orangenhain in Jalabad besucht und nun einen Spendenaufruf gestartet. Naquib Ahmad Khpulwak war der Hauptverdiener in seiner 16-köpfigen Familie, fünf seiner jüngeren Schwestern und ein jüngerer Bruder gehen noch zur Schule. Es gibt also etwas, das wir alle tun können.

  4. @arboretum: Es ist einfach zu viel. Es ist einfach ein Toter zu viel. Ich kann es nicht glauben, dass es Naqib wirklich getroffen haben soll. Naqib mit den schönen, warmen Augen und dem unendlich großen Herzen. Er, der so hartnäckig von einem anderen Afghanistan träumte und er der so unendlich hart für ein anderes Afghanistan arbeitete. Er war doch ach die Stimme des anderen Afghanistans, dass wir kaum kennen, aber das es eben auch gibt. Das hätte nie geschehen dürfen. Wir haben ihn bekniet, er möge doch das Land verlassen, wenigstens für eine Weile. Aber er wollte nicht, er konnte nicht fortgehen. „Traumtänzerin, ließen Sie ihre Kinder im Stich?“ Mich quält das so sehr, dass wir nicht überzeugender waren und das wir nicht darauf bestanden haben, dass er wenigstens für eine Zeit lang geht. Ich hatte die Zugbillets schon besorgt: Berlin-Paris. Traumtänzerin wir üben für die große Fahrt. Er war der realistische Träumer, den ich kenne. Ich danke Ihnen sehr für das Zusammentragen der Links und der Hilfsangebote, ich hätte das längst machen müssen. Aber ich bin so müde. Ich hoffe es geschieht mit ihrem Einverständnis, dass ich sie unter der Text setze, sonst lösche ich sie wieder.

    • Selbstverständlich, er war doch Ihr Freund.

      Ich glaube, die Überzeugungskraft seiner Freunde hatte keine Chance. Ich las, dass die Amerikanische Universität in Kabul wieder geöffnet hat, weil das in seinem Sinne gewesen wäre. Und dass eine Schule nach ihm benannt werden soll. Hoffentlich ermutigen sein Name und sein Wirken andere junge Menschen, zu lernen und zu träumen in diesem so hoffnungslosen Land.

      • Wissen Sie ,ich frage mich das schon seit geraumer Zeit, was das eigentlich heißt, wenn für jede neugebaute Schule, zehn niedergebrannt werden. Was ist da adäquates Handeln? Wir haben uns doch längst daran gewöhnt, dass in Afghanistan, Pakistan und Yemen, die Menschen erschossen oder zerbombt werden, wie Vieh. Es gibt ja in der westlichen Hemisphäre ein müdes Schulterzucken- ich habe in keiner deutschen Zeitung auch nur einen Namen, der dort Getöteten gelesen. It doesn’t matter und ich weiß eigentlich nicht mehr wovon die Kinder und dies schließt Naqib’s Geschwister ein eigentlich träumen zu sollen. Erst nach der Grundschule in die Luft gesprengt zu werden? Im Moment scheint mir die Lage ganz ausgesprochen hoffnungslos. Ich wünschte, wir zwischen Stanford, Oxford, Delhi und Berlin hätten ihn überzeugen können zu gehen.

  5. Das ist sehr sehr traurig. Sein warmherziges Lachen habe ich gerade erst gesehen.
    Der Tod ist grausam und holt, wen er will, wann er will. Und lässt uns zurück.
    So viele Gräber.
    Liebe Readon, es tut mir sehr Leid, dass Du so einen guten Menschen verloren hast. Solche gibt es nicht oft.

    • Es ist wirklich zum Verzweifeln. Mir fehlen die Worte. Es gibt einfach Tode, die dürfen nicht sein und hier ist jemand gestorben, der so dringend, so drängend gebracht war in diesem Land.

      Danke!

  6. Oh, Liebe Frau Read On, ich bin mir nicht sicher, wann ich das letzte Mal nach dem Lesen eines Textes so bitterlich weinen musste.
    Nicht einmal nach Ihren Text „Dreizehn“, trotz eigener Betroffenheit. Der hat ganz anderes dagegen noch ausgelöst. Deshalb wohl. Das gehört so.

    Ihre Texte gehen unter die Haut und sind damit so wichtig. Sie erinnern an all die Grausamkeit der Welt, vor der ich mich in meinem Wohlstand und meinem mir ruhig eingerichteten Leben so gut verstecken kann. Mit 15 Minuten Tagesschau und dem Lesen von Zeitungsberichten wird eine Tür, ach wo, ein Fenster dorthib geöffnet.
    Aber Ihre Texte, die nehmen mich mit. Danke dafür! Danke für das öffentliche Teilen und Teilhaben lassen!

    Sie beeindrucken mich sehr.

    Grüße aus Offenbach (und Grüße an den liebeskranken Bengel, der ebenfalls hier aus meinem Wohnort stammt).

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