Madrid-Schatten

Madrid. Für vier Tage also noch einmal bei Dir. Consuela, deine Mutter hat sich bemüht die Spuren zu verwischen. Dein Zimmer sagt sie, sieht jetzt ganz anders aus. Sie hat Recht. Aber trotzdem ziehe ich Nacht für Nacht ins Wohnzimmer um. Wir beide Deine Mutter und ich tun so als würden wir es nicht bemerken. Überhaupt gehe ich auf Zehenspitzen umher denn überall an den Wänden und auf dem Fußboden liegen die spitzen Scherben der Erinnerung, in die sich so leicht hineintreten lässt. In deinem Zimmer, das eigentlich längst schon Gästezimmer ist, steht noch immer Dein Schreibtisch, an dem Du schreiben lerntest und in dessen vielen Fächern, vielleicht noch immer meine Briefe liegen. Aber ich glaube Du hast sie längst weggeworfen, im Wegwerfen warst Du immer sehr gut. Stellt man sich auf der Terrasse auf die Zehenspitzen kann man das Kloster der en secluso lebenden Nonnen sehen. Ich war fasziniert und bin es bis heute. Auch ich suche ja der Welt zu entkommen. Als ich Dich liebte, und Deine Hand an meinem Rücken lag, sagtest du: „Wenn du mich verlässt, dann lasse ich mich dort einschließen.“ Ich lachte, denn die Nonnen hätten Dir wohl kaum die Tür geöffnet. Aber die Idee gefiel mir, aber sie gefiel mir nicht so gut wie Deine Hand an meinem Rücken. Vielleicht ahnte ich aber auch damals schon, dass Du mich verlassen würdest. Nur, dass die andere keine Frau, sondern ein Mann sein würde, das habe ich mir nicht vorstellen können, obwohl ich doch so geübt im Verlieren bin. Das ist mir geblieben, auch von Dir. Heute frage ich mich, ob je einer Deiner Sätze für mich bestimmt war, oder ob sie alle nur in das Ohr des Anderen zielten, denn dort wolltest Du ja hin.

Mit Deiner Mutter gehe ich die gleichen Wege, wie einmal mit Dir. Wir gehen in die Markthallen von Anton Martín. Noch immer verkaufen die Händler dort riesige Fische, deren Namen ich in keiner Sprache kenne.

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Fisch in den Markthallen von Anton Martín, Madrid

Aber ich weiß noch wie wir einen dieser Fische kauften, der aussah wie ein Hai. Die Küche sah aus wie ein Schlachtfeld und es roch als sei ein Wal in der Küche verendet. Deine Mutter sah uns und den Fisch und dann lachte sie, dieses wilde, tief aus ihr heraussprudelnde Lachen, das nicht enden wollte, ein Brunnen voll Gelächter und genau so lachtest auch Du damals und ich lachte mit, auch wenn ich nie so habe lachen können wir ihr. Den Fisch haben wir weggeworfen, aber die Küche hat noch lange Wochen bestialisch gestunken. Diesmal aber gehen deine Mutter und ich am Fischhändler vorbei, den Hai in der Küche erwähnen wir mit keinem Wort. Neben den Fischhändlern wird noch immer Schinken verkauft, der überall hängt und liegt. Damals sagte ich Dir, dass ich kein Schwein essen würde und Du sahst mich an und nicktest. Den Händlern aber die ¡hola! Guapa riefen und mir Schinken hinhielten, aber hast du abgeschüttelt, mit großen raumgreifenden Bewegungen hieltest Du sie fern von mir. Es war als würdest Du eine ganze Welt zwischen den Schinken und mich legen. Ich war berührt und über diese Rührung bin ich nie ganz hinweggekommen, denn niemand hat mich je so verteidigt wie Du in den Markthallen in denen Dich alle kannten, seitdem Du laufen konntest. Vor dem Markt erzählte ich Dir den schon so ausgefransten jüdischen Witz: Man sagt die Juden haben drei Kühlschränke: einen für Fleischiges, einen für Milchiges und einen für Schinken.“ Wieder wolltest Du Dich ausschütten vor Lachen und als Du dich gefangen hattest, sahst du mich an: „Aber Du nicht“, sagtest Du und ich schüttelte den Kopf: „Nein sagte ich, ich nicht.“ An diesem Tag hast Du meine Hand nicht mehr losgelassen. Heute habe ich keine Hand frei, denn ich trage die Taschen für Deine Mutter, die Huhn kauft. Beim Fleischer liegen Schweineohren und Schweinestelzen und ich zwinge mich ganz genau hinzusehen, denn da ist schon lange keine Hand mehr in meiner.

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Das Schwein in all seinen Teilen. Markthallen Anton Martín, Madrid

Auf dem Markt fragen alle nach Dir. Aber ich höre nicht hin. Ich frage nicht nach Dir. Denn ich wasche mir noch immer die Hände in eurem Badezimmer, in dem ich mir damals die Haare wusch, denn wenn Schlimmes droht trägt man ja nie ein Etuikleid, sondern nur ein Handtuch. „Ich will Dich nicht“ hast Du geschrien, versteh das doch.“ Das war mir neu, aber so neu dann doch nicht. Nur von Dir traf es mich unerwartet. Dann zog ich mich an, die schwarze Strickjacke habe ich noch heute, denn mir ist immer kalt. Bevor ich die Wohnungstür hinter mir zuzog, sah ich Dich zum letzten Mal. Du saßt weinend auf dem Küchenstuhl und beklagtest, dass wir Dich en secluso zwängen. Bis heute gebricht es mir an Verständnis. Der Mann, der Dich befreien sollte, wartete schon im Treppenhaus. Für eine Viertelsekunde sahen wir uns an. Ich glaube er war überrascht, denn die Zwingschraube, die Du sicher aus mir gemacht hast, steckte ja nicht in der schwarzen Strickjacke und auch nicht in meiner Haut, die gab es ja nur bei dir. Damals bin ich noch bis nach Barcelona gekommen. Da saß ich auf dem Bahnhof und wartete auf den Zug nach Montpellier. Ich wartete die ganze Nacht. Neben mir stapelten sich schwarze Müllsäcke, in die ich mein Telefon warf. Ich brauchte wirklich keine spanische Nummer mehr. Die Müllsäcke und ich wir unterschieden uns kaum.

Nach einem Jahr stand Deine Mutter vor meiner Tür. Seitdem kommt sie jedes Jahr. Aber die Briefe von Dir fasse ich nicht an. Deine Mutter hat mich damals bei den Händen genommen und auch in den vier Tagen streckte sie immer wieder die Hände nach mir aus, als wollte sie für deine Hände sprechen. Einmal hat sie mich gefragt, ob ich mir nicht vorstellen kann mit Dir zu sprechen. „Nein“ habe ich zu ihr gesagt, nein, ich kann es dir nicht leichter machen. Das kann ich nicht. In Madrid zieht deine Mutter mich in ihre Arme. „Komm zurück sagt sie“ und ich muss weinen, denn Du und der, der nach Dir kam haben das nie zu sagen vermocht, wie lange ich auch warte und warte und warte und warte. Im Flugzeug wickle ich mich fest in die schwarze Strickjacke ein. Mir ist immer kalt.

9 Gedanken zu “Madrid-Schatten

  1. Als ich neulich die zwei Halbsätze von der Frau, die beinahe Ihre Schwiegermutter geworden wäre, und jenes Hochzeitsbild las, dachte ich mir schon, dass darin eine tragische Geschichte steckt, aber ich wollte nicht fragen.

    Der Vorwurf, Sie und Consuela zwängen ihn en secluso war gemein und ungerecht. Das hat ganz allein er getan, weil ihm viel zu lange der Mut fehlte, zu sich zu stehen. Und wenn ich es richtig verstanden habe, war er auch zu feige, um sich jemals bei Ihnen zu entschuldigen. Nicht nur für seine Worte.

    • Ich bin oft gefragt wurden, ob ich nichts gemerkt hätte. So etwas merkt man doch. Ich aber bemerkte seine Hand an meinem Rücken und sah mir mit ihm Wohnungen an. Hart gespielt, das kann man schon sagen, hart gespielt hat er und derjenige der nach ihm kam, hat den Rest dann auf das Ganze zerschlagen. Man muss für die Liebe begabt sein.

      • Nein, so etwas bemerkt man nicht. Ich kenne viele, die es nicht bemerkt haben. Ich selbst war einmal strahlend glücklich, bemerkte aber, dass meine Freundinnen Blicke tauschten, und begriff erst viele Wochen später, dass jemand mich schon damals in aller Öffentlichkeit verlassen hatte, nur mir hatte keiner etwas gesagt, nicht er selbst und auch nicht die Freundinnen. Später kam er zurück, aber das Misstrauen ist geblieben.

      • Das ist ja auch sehr bitter. Ich ringe sehr mit dieser Wahrnehmungsfrage und nein, hinweg kommt man über solche Vertrauensbrüche wohl nie. Mir tut das wirklich sehr weh zu hören. Sie sind so ein wunderbarer Mensch, das hätte nicht passieren dürfen.

  2. Ach diese vergangenen Lieben, die unsere Seele verbrannt haben.
    Damals waren wir noch ohne Arg, und glaubten an kein Ende.
    Was übrig bleibt, wird ein Kranz von Immortellen sein den wir an einem Baum, einem Stein lehnen, vielleicht.

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