Madrid-Inmitten der Bilder

 

IMG_0025-2Ich habe Caravaggio nie besonders  gemocht. Immer die gleichen sterilen Männer mit ihrem nach rechts geneigtem Kopf, den immer dunklen Locken, dem alabasterfarbenen Körper und den blassen, etwas spitzigen Gesichtern, die mir nie gefielen in all ihrer Leere. Am schlimmsten aber die feuchten Augen die etwas so kuh-äugig- träges haben, dass ich immer schnell weiterging, begegnete ich ihnen im Museum, denn ich neige vor allem bei Kuhäugigkeit zu bösartigen Lachanfällen. Dies käme wohl nicht nur bei kurzsichtigen Oberstudienräten, die den Zustand der Firniss beurteilen wollen,nicht gut an. So zögere ich einen Moment, als die Frau an der Kasse im Thyssen-Bornemisza Museum mich fragt, ob ich auch die Sonderausstellung zu Caravaggio sehen mag. Noch schlimmer aber als durch hämisches Kichern aufzufallen, aber scheint mir zuzugeben, welch Kulturbanause man eigentlich ist und so stimme ich freudig zum Besuch der Caravaggio-Ausstellung zu. Überhaupt denke ich mir, werde ich dafür nicht lange brauchen und wenigstens herzhaft gelacht haben- natürlich verstohlen ins Taschentuch, das versteht sich doch von selbst. Aber schon im ersten Raum muss ich schlucken, jedoch nicht vor Lachen. Denn dort im Dämmerlicht hängt sehr klug ausgeleuchtet: „Jüngling von Eidechse gebissen.“von 1595. Natürlich auch hier der Lockenkopf, sogar mit Blume hinter dem Haar und auch der Körper ist weiter und wieder alabasterfarben und makellos. Von Kuhäugigkeit jedoch ist nichts zu erkennen. Sondern meisterlich fängt Caravaggio hier die Empörung des verhätschelten Sonntagskindes ein, von einer so misslichen Kreatur behelligt worden zu sein. Das ist so großartig in seiner so gänzlich unverschleierten Offenlegung des eitlen Sonnenkindes, das hier auf einmal die Realität am Finger spürt. Lange kann ich mich nicht losreißen von diesem fantastischen Porträt. Aber der zweite Raum nimmt mich noch mehr gefangen, allein seiner kongenialen Hängung wegen. In der Raummitte nämlich hängt die 1595 gemalte: „Heilige Katherine von Alexandriner“.Nicht nur, dass das Sujet so augenfällig ein anderes ist als die jungen Epheben, aber vor allem ist es die Andeutung des Schreckens, der dieses Bild so eindringlich und auch so furchtbar macht. Denn es ist schon da: das Rad mit den eisernen Dornen, auf dem sie hier lehnt, aber das doch ihren Knochen und Haut zermalmen sollte, bevor die g*ttliche Fügung es schließlich zerbersten ließ. Aber so schnell das wusste auch Caravaggio entkommt man dem Bösen nicht und so hält sie das Schwert, das ihr schließlich den Kopf abschlagen sollte selbst in der Hand. Diese Andeutung des Kommenden Schreckens, dass auch durch die Heiligsprechung und das ist doch der Kern des Ganzen nicht gemildert wird mit einem salbungsvollen Versprechen, sondern den Betrachter zwingt sich den Schrecken selbst auszumalen, das ist die beunruhigende Botschaft dieses Bildes. Links neben ihm hängt ein nicht minder beunruhigendes Bild: „Opferung Isaaks“ nämlich. Was im Porträt der „Heiligen Catherine“ nur angedeutet ist, wird hier ausgemalt. Die Gewalt nämlich, die Rembrandt später abmildern wird, ist hier auserzählt. Hier steht der Vater mit dem Messer und niemand hält Isaak die Augen zu, der den Mund zu halblautem Schrei geöffnet, sieht was sich an seiner Kehle vollziehen soll. Der Vater nämlich ist zu allem entschlossen, er zögert nicht, er klagt nicht und weint nicht, er handelt nicht mit G*tt, sondern er ist im Begriff das zu Vollziehen vollzieht was ihm befohlen wurde. Wie wohl nur wenige Bilder erzählt dieses Bild, wie nah das Judentum davor war, sich selbst die Legitimation zu entziehen. Denn G’tt der den Menschen als Opfer fordert zu dem kann niemand mehr im Gebet sprechen. Diesen Moment, das kurz-davor indem die Firniss der Zivilisation schon fast unsichtbar ist, hält Caravaggio für uns die Nachgeborenen fest. Und ist es nicht eine schöne und besonders berührende Koinzidenz, dass der fast geschlachtete Isaak seine Augen zum Himmel hob und Rebekka sah und sie sahn ihn. Hier beginnt die erste Liebesgeschichte der Schrift, die so unwahrscheinlich ist, wie das Bild von Caravaggio selbst. Als ich auf die Uhr sehe, sind zwei Stunden um. Dann gehe ich hinauf und lasse mich trösten. Von Chagall und seinem „Grauen Haus“  und lange stehe ich vor Gabriele Münters Selbstporträt  bevor ich die wunderbare Quappi Quappi von Max Beckmann bewundere, in die mich jedes Mal auf das Neue verliebe.

Das Museum Thyssen-Bornemisza hat das schönste Licht, denn durch die Fensterläden fällt das Licht in so milden Intervallen, dass man glaubt man ginge durch weite, lichte Kolonnaden spazieren während man doch Bilder besieht. Der Prado übrigens ist nur einen Katzensprung entfernt und es stimmt was alle sagen, die Hieronymus Bosch Ausstellung ist so grotesk wie großartig und birgt in sich die gleiche Unruhe über die Welt, die auch Caravaggio, Beckmann und Münter in sich trugen und vielleicht auch Sie und ich.

Was? Caravaggio and the Painters of the North noch bis 18. September 2016

Wo? Museo Thyssen-Bornemisza, Paseo del Prado, 828014 Madrid

Alles andere? Hier: http://www.museothyssen.org

2 Gedanken zu “Madrid-Inmitten der Bilder

  1. Ja, Caravaggio kann man auf zwei Arten sehen. Zum einen Schönheit, Süße und Sinnlichkeit wie von überreifem Obst, zum anderen die (oft schlimme) Geschichte, die er erzählen will oder vielleicht muss.

  2. Zu manchen Bildern wie auch zu Büchern oder Menschen findet man ja manchmal nur über Umwege. Für Caravaggio und mich gilt das zweifellos. Eine sehr beeindruckende und sorgfältig kuratierte Ausstellung.

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