Madrid-Den Schleier nehmen

Weit ist es nicht von der Plaza Santa Ana. Nur wenige hundert Meter, einmal links zweimal rechts, vorbei an der altehrwürdigen Apotheke in der Calle de Leon, die noch immer, noch heute ein großer Löwenkopf ziert, dann kommt man geradewegs in die immer stille Calle Lope de Vega.

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Besonders still ist es am Morgen, zwischen 7 und 9 Uhr wenn die Stadt noch schläft und außer den freundlichen Müllkehrern, die einen so freundlich mit ¡hola! grüßen, wie dies in Berlin niemals der Fall wäre, ist niemand zu sehen. Ansonsten atmet Madrid noch immer tief und ruhig weiter und die stille Straße sieht einen an. Auch tagsüber aber gehen die meisten Madrilenen und die Touristen eiligen Fußes durch die Calle Lope de Vega. Sie sehen das langstreckte Gebäude in dessen Mitte eine Kirche eingeklemmt steht eigentlich nur als Schatten und vor den ovalen aber vergitterten Fenstern bleiben sie niemals stehen. Aber es lohnt sich doch innezuhalten vor diesem Gebäude.

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Gedenkplakette für Cervantes

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Convento de las Trinitarias

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Kirche des Konventes 

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Rückseite des Convento de las Trinitarias 

Nicht nur weil es eines derjenigen ist, die einen Einblick in das Madrid des 17. Jahrhunderts geben und auch nicht allein weil im Vorgängerbau der Kirche Miguel de Cervantes beigesetzt wurde, auch wenn niemand genau weiß, wo das Grab des Dichters sich wohl befinden mag. Aber das Convento de las Trinitarias so heißt das langgestreckte Gebäude ist einer der wenigen noch aktiven Orden in denen die Nonnen, denn es ist ein Frauenkloster en secluso leben. Die Nonnen, heute sind es noch dreizehn von ihnen, verlassen das Haus niemals. Die einzige Ausnahme ist der mediznische Notfall. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube auch die Wahlurnen werden zu ihnen in das Kloster gebracht. Groß ist das Kloster und schon lange sind Teile vermietet, aber das Haus ist noch immer sehr groß und kostspielig zu erhalten. Die Nonnen backen Kekse und binden Bücher um das Wenige was sie brauchen, zu verdienen. Die Einkäufe stellt jemand in die Tür und irgendwann einmal zieht eine halbe Hand, die Tüte hinein. Consuela, die seit 75 Jahren in der Nachbarschaft lebt, wenige hundert Meter weit weg also und die jeden Tag mindestens einmal die Calle de Lope de Vega hinauf oder hinabgeht, auch sie hat die Nonnen noch niemals gesehen. Fremd scheint uns diese Lebensform und sie rührt an lang vergessene Dinge, die Zugewandheit zu Gott scheint uns doch eine ferne Kategorie zu sein, abstrakt und formlos, aber doch nicht dreizehn Frauen eingeschlossen mit Gott und weggeschlossen von der Welt. Morgens aber die Satdt schläft noch, Consuela auch und ich laufe durch die Gassen des Viertels hinunter durch die Calle Lope de Vega und setze mich auf den Bordstein, wo die Sonne milchig und hinter dem Dunst verborgen milchig auf meine Füße scheint. Die Fenster aber mit ihren gittern sind offen und von Ferne obwohl doch so nah, höre ich die Nonnen miteinander reden. Dann ist es ganz still, niemals tritt eine Nonne ans Fenster. Warum auch, die Welt der Straße kann ihnen ja nichts sein und muss es auch nicht. Ihre Welt liegt hinter den Fenstern. Dann beginnt eine Nonne zu singen. Erst leise und dann wird ihre Stimme kräftiger und trifft mich unten auf dem Bordstein auf der Calle Lope de Vega. Ich erinnere mich noch sehr gut als meine Großmutter von der ich doch alle Worte habe, mir erklärte, die ich in irgendeinem Buch darauf gestoßen war, was das hieß, wenn eine Frau ins Kloster ging. Ich habe es nie vergessen. „Sie nahm den Schleier“, sagte meine Großmutter. Sie nahm den Schleier. Diesen physischen Akt der Übernahme nämlich, der Schleier, der ja nur ein Teil eines Habits ist, übernahm die physische Präsenz und schloss wie im Falle der Nonnen im Convento de las Trinitaris die Türen zur äußeren Welt. Oder auch nicht, denn für die Nonnen eröffnete der Schleier die Türen zu einer ganz anderen Welt. Einer Welt die ihre Lebensform repräsentiert. Eine Welt, die übrigens auch für ihre Verschleierung hart angegangen wurde und wird. Hier auf dem Bordstein kommt zum Gesang manchmal ein Schatten, nein kein Abbild, ich bin ja auch kein Schlüssellochsteher und Topfgucker, sondern ich sitze nur auf dem Bordstein, im Grunde in einer anderen Welt. Aber manchmal fliegt dort oben die Andeutung eines zum Kopf geführten Armes, der vielleicht den Schleier richtet empor oder auch nicht. Nimmt man sich Zeit auf dem Bordstein vor dem Kloster, dann kann man eine ganze Weile über die Frage nachdenken, ob es wohl angemessen ist, so zu tun als sei der Schleier eine Mode, die sich von selbst verstünde und ob es wohl genügt Nonnen im Wasser zu zeigen, um den Satz, der mich seit dem meine Großmutter ihn mir sagte: „sie nahm den Schleier“ zu erklären, bewegte unter anderem auch deshalb, weil ich für viele Jahre, das einzige Mädchen ohne Schleier war, in dem alle, ausnahmelos den Schleier trugen, auch wenn ich erst später lernte, dass man für en secluso nicht in der Calle de Lope de Vega zu wohnen braucht, wie die dreizehn Nonnen, die das noch immer tun. Geht man einmal um das tiefe und große Gebäude herum, lernt man auch das diese Lebensform keineswegs nur Ausnahme war, sondern ein so großes Gebäude erforderte, wie es noch immer ist. Auf der anderen Seite des Klosters befindet sich eine Gedenktafel für eine Tochter des Dramatikers Lope de Vega, die hier als Sor Marcela den Schleier nahm.

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Gedenkplakette für Sor Marcela, eine Tochter Lope de Vegas

Convento de las Trinitarias, Calle Lope de Vega 18, 28014, Madrid, Metro: Antón Marin; Die Kirche ist normalerweise für die Öffentlichkeit zugänglich, im Moment jedoch wegen Renovierung geschlossen. 

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Eine andere Straße. Ein anderer Schleier.

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