Madrid-Zwischen den Welten

„Aber  Read On“, werden Sie nun sagen und aus Ihrer Stimme wird der Vorwurf nicht wegzudenken sein, „sie werden uns doch nicht wirklich weismachen wollen, man könne in Madrid nur im Freibad und noch dazu auf Kunstrasen liegen?““ Was sollen wir denn den Daheimgebliebenen sagen und überhaupt, da hätten wir auch gleich am Müggelsee oder in der Eifel bleiben können.“ Sie haben natürlich Recht. Dennoch der Hitze ist auch mit Klagen nicht beizukommen, sie fletscht nur weiter ihre Zähne und lacht genüsslich angesichts ihres roten Gesichts. Die Spanierinnen übrigens trotzen der Hitze mit einem Fächer. Das dürfen Sie sich nicht als lieblichen Versuch der Ventilationsanregung vorstellen. Die Damen schleudern vielmehr mit der Kraft ihrer ganzen Handgelenke den Fächer in rhythmischen Abständen vor und zurück und das sehr, sehr schnell. Ich bin mir nicht sicher ob in spanischen Volkshochschulen nicht das Schlagen des Fächers in einem 16 -wöchigen Grundkurs angeboten wird. Nähern Sie sich einer Bushaltestelle, so hören sie schon von weitem: das rhythmische Flapp-Flapp der Fächer. Hören Sie das energische Flapp-Flapp nicht mehr kommt der Bus, dann sollten Sie alle Kalamitäten der Hitze vergessen und rennen, denn der Bus kommt in eher erratischen Abständen aber nie dann wenn Sie unter der sengenden Sonne an der Bushaltestelle stehen. Aber schon schweife ich ab. Erst einmal sollten sie frühstücken. Wohnen sie unweit der Plaza Santa Anna sollten Sie zur Brown Bear Bakery in der Calle de Leon gehen. Wohnen sie nicht in der Nähe der Plaza Santa Anna sollten sie dennoch zum Frühstück in die Brown Bear Bakery in der Calle de Leon gehen. Die Croissants sind sehr, sehr buttrig, also genau richtig. Das Pain au cholocat ist der Himmel selbst. Die Schokolade, die ja oft nur mehr ein fester, brockiger Klumpen ist, hat hier einen flüssigen Kern. Der Café con leche hat genau so viel Milch wie ich es mag. Außerdem-trotz des hippen-Namens ist die Pastelería so altmodisch wie gemütlich mit Blümchentischdecken und den zauberhaftesten Bedienungen , die sie sich vorstellen können und die sofort mit ihnen ratschen. Die Brote sind ofenwarm und das Gebäck, oh das Gebäck! Nehmen sie auf jeden Fall eine Tüte als Wegzehrung mit.

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Das beste Pain au Chocolat der Stadt. Ich schwöre.

Es ist immer noch oder schon wieder sehr, sehr heiß, aber immerhin sind sie jetzt nicht mehr hungrig, denn wir müssen ein Stück fahren. Die Metro ist ein überaus zuverlässiges und komfortables Transportmittel und in unserem Falle fahren wir mit der Linie Nummer 5 in Richtung Alameda de Osuna und steigen an der Station Ruben Darío aus. Das Madrid welches sich hier vor einem erstreckt, ist zwar immer noch zum städtischen Kern zugehörig, aber nicht mehr in dem Sinne ´, Touristengebiet wie der Innere Ring zwischen Sol und der Plaza Mayor. Hier finden Sie sich inmitten von langen Wohnstraßen wieder, die durchaus interessant zu nennen sind.

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Denn fragt man sich wo Franco und die langen Jahrzehnte seiner Herrschaft im Stadtbild stattfinden, so bietet die Architektur einen guten Ausgangspunkt. Denn es war Franco, der seit den 1940er Jahren dem Wohnungsbau eine eigene Priorität zuschrieb. Die Ergebnisse dieser und späterer Jahrzehnte, die den Charakter Madrids massiv veränderten, lassen sich hier besehen. Was für New York und Moskau gut erforscht schient, hat in Madrid noch, so weit mir bekannt große Lücken: Die Ästhetisierung, die man gut oder schlecht finden kann, war ein Teil des Marken-namens Franco. Eine Ausstellung im Reina Sofia Museum zeigt im Moment unter dem Titel „Campo cerrado“ eine sehr empfehlenswerte Ausstellung, die sich genau mit dieser Frage nämlich, der Ästhetisierung der Diktatur nach der Zerstörung, die eine innere wie äußere Zerstörung war, befasst. Es sind die Kontraste von Triumphalismus und dem blanken Hunger jener Nachkriegsjahre. Es ist auch das Spanien des Exils. Picasso malte seine Femme en fauteuil gris bekanntlich in Paris während in Spanien Krimis und Komödien, die in Einspielungen zu sehen sind die Moral heben sollten. Gleichzeitig begann der Aufstieg von Künstlern wie Chillida, Tàpies und Antonio Saura, die ja keineswegs Adepten eines Diktators waren. Und immer wieder ist es Stadtplanung, die auch Sakralbauten mit einschließt an denen das neue Regime sich messen lassen will. Am meisten beeindruckt haben mich die Fotografien des in Ungarn geborenen Nicolás Muller, dessen fantastische Serie von Gliederpuppen, die ohne Köpfe, die stehen auf dem Boden eine so erschreckend wie eindringliche Metaphorik dieser Jahre entworfen hat. Hier im Stadtviertel aber ist diese Ästhetik, die ja international für Anerkennung sagte nicht zuletzt war der spanische Pavillon auf der neunten Triennale in Milano ein großer Erfolg.

Das heißt nicht, dass sich in den Straßenzügen durch wir jetzt gehen nicht auch alle anderen Stilepochen wiederfinden ließen. Auffällig indes sind sie nicht. Auffällig ist dafür wie wenig Alltagsinfrastruktur hier vorhanden ist. Es gibt Banken, dann und wann einen Sushi-Laden ( es gibt überall Sushi-Läden in Madrid ) und seltener eine Apotheke. Es fehlen Bäcker, Käsegeschäfte, Buchhandlungen, Blumenläden, Papeterien und Ähnliches. Einen Supermarkt muss man suchen. Der Weg von der Metro-Station indes zu unserem Ziel dem Museo Sorolla ist nicht weit, nicht länger als einen guten Kilometer oder anderthalb. Aber ein wenig Zeit zum Herumlaufen, zum Stehenbleiben und zum Besehen spanischer Lebenswelten sei Ihnen dringend angeraten. Das Museo Sorolla liegt eingebaut zwischen zwei der beschriebenen und das Museum weit überragenden Wohnblocks.

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Museum ist eigentlich nicht der richtige Begriff für das was Sie hinter dem Tor erwartet. Denn die Villa des spanischen Impressionisten Joaquín Sorolla  ( 1863- 1923 ) ist ein so heller, vibrierender wie lichtdurchfluteter Ort, dass man ihm mit dem Begriff Museum eine fast unnötige Schwere verleiht. Überhaupt man betritt das Haus durch einen Garten in dem es aus Brunnen gurgelt, Vögel in den vielen tropischen Bäumen singen und vor allem überall Bänke und Stühle und Tische stehen. Und dann dieses Haus: es ist Atelier und Wohnung. Gelbe Sofas stehen neben Farbtöpfen und allein die Tiffany Lampe von 1923 zu bewundern, die im Salon hängt, lohnt den Weg hierher. Sorolla war nicht nur Maler, sondern auch Sammler aber kein engstirniger Briefmarkensammler, sondern ein Mann mit einem Auge für das Besondere. So finden sich im Haus verschiedenste Schrankkonstruktionen, die alle einem sehr komplizierten Schließmechanismus folgen und in ihrer ganz Fremdartigkeit perfekt in dieses so helle und lichte, an Ideen so übervolle Haus passen. Die Bilder, die Sorolla malte sind zu unrecht so unbekannt. Denn der Maler Sorolla war ein Mann mit einem liebenden Blick. Dass ein Mann seine Ehefrau so malen, so porträtieren kann wie Sorolla seine Frau Clotilde malt, das hält man schwer für vorstellbar. Aber die Gestalt, die er seiner Frau gibt, ob bekleidet oder als Akt ist von so hinreißender Zartheit und so eleganter Körperlichkeit, das man sich fragt ob man selbst wohl einmal so angesehen worden sein wird wie diese Frau von ihrem Mann. Sorolla malt auch seine Kinder mit dem gleichen starken wie zarten Blick.Bezaubernd auch die Frau im Bad, die ganz versunken in sich selbst vor weißem Marmor sitzt. Aber auch Sorollas Landschaftsbilder, seine Momentaufnahmen anders kann man es nicht nennen, von Kindern am Strand von Valencia oder einer Abendgesellschaft in ihnen allen wohnt der Zauber dieses Blickes, der seine Sujets niemals bloßstellt sondern sie vorsichtig auf der Leinwand zu fassen versucht. Besonders schön, denn die Schönheiten finden in diesem Haus kein Ende, die alten Keramikteller und Vasen im Keller des Hauses. Hat man genug der Bilder und Dinge empfiehlt es sich sehr, sich im Garten des Hauses ein schattiges Plätzchen zu suchen. Das ist nicht nur erlaubt, sondern ist sehr willkommen und sie erinnern sich des Supermarkts von vorhin, gleich schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite? Kaufen sie ein Baguette und ein Stück Käse, Kuchen oder Obst oder was immer sie mögen. Denn im Garten des Malers können sie mit anderen Besuchern aber auch Nachbarn, die in den Garten kommen, sitzen und essen, schweigen und lesen, den Kopf in den Nacken legen und die Vögel versuchen zu zählen, sie können für eine Weile die Augen schließen, langsam eine Zigarette rauchen, die Zeitung nachlesen und die Zeit wie die Welt für eine Weile ganz völlig vergessen. Der Trumpf ist in jedem Fall auf ihrer Seite: die Zuhause werden Augen machen. Ein unbekannte Künstler? Wohnhaus und Atelier und ein Garten mit Kacheln im maurischen Stil und Kunstgegenständen aus dem ganzen Land. Es muss doch wirklich etwas dran sein am Sommer in Madrid.

 

In Kürze:

Brown Bear Bakery, Calle de Leon 10, Madrid, 28014, Madrid, geöffnet täglich: 8:30- 21.00 Uhr

Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia, „Campo Cerrado. Art and Power in Post-war Spain. 1939- 1953, noch bis zum 26. September 2016, Calle de Santa Isabel, 52, 28012 Madrid, Metro: Átocha, Öffnungszeiten: Montag bis Samstag: 10- 19.00 Uhr, Dienstag geschlossen, Sonntage und Feiertage siehe: http://www.museoreinasofia.es/en. Sonderausstellung: 4 Euro, gesamtes Museum: 8: Euro, für Ermäßigungen: siehe Website.

Museo Sorolla, Paseo del General Martínez Campos, 37, 28010 Madrid,  Metro Ruben Darío, geöffnet: Montag- Samstag,  9:30-20:00 Uhr,Sonn- und Feiertage: 10- 15.oo Uhr,  Eintritt: 3 Euro 
Wie immer gilt: alles selbst erlebt, selbst gegessen, selbst erlaufen, selbst geknipst und selbst gesehen, selbst bezahlt und selbst geschrieben ist es auch.

 

2 Gedanken zu “Madrid-Zwischen den Welten

  1. Das freut mich aber sehr, dass Sorolla endlich so gewürdigt wird, wie es schon lange hätte der Fall sein sollen.

    Über die Liebe weiß man fast nichts, wer weiß vielleicht kommen noch einmal andere Augen und sehen Sie an.

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